Start / Ausgaben / bioPress 125 - Okt 2025 / Die Verveine-Flüsterin

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Die Verveine-Flüsterin

Gabriele Stoll bringt Bio-Zitronenverbene nach Deutschland

Die Verveine-Flüsterin © Quelle: Gabriele Stoll
Ganz der Verveine verschrieben hat sich die promovierte Agrarbiologin Gabriele Stoll. Im Trocknungshaus in Nairobi liegt die Ernte aus dem
neuesten Anbauprojekt in Kenia.

Zitronig erfrischend, ätherisch-verführerisch und zugleich harmonisch-entspannend: So beschreiben Kunden die Verveine oder Zitronenverbene von Gabriele Stoll. Die Gründerin des Bio-Unternehmens Gourveine ist schon seit 20 Jahren im Zeichen des besonderen Heilkrauts unterwegs und hat dabei die optimalen Anbau- und Erntebedingungen erforscht. Das neueste Projekt ist der Anbau durch Frauengruppen in Kenia. 

Bereits 2003 hat die promovierte Agrarbiologin Gabriele Stoll begonnen, in Hohberg bei Offenburg (Ortenau, Südbaden) einen Kräuter- und Skulpturen-Schaugarten mit Gewürz- und Heilkräutern aus aller Welt aufzubauen. Auf 2.000 Quadratmetern wuchsen dort bald 300 verschiedene Pflanzen. 

In ihrem Schaugarten ist die Unternehmerin das erste Mal mit der ‚Verveine‘, bekannt auch als Zitronenverbene, in Berührung bekommen. Mit ihrem aufweckenden, zitronigen Duft stach die meterhohe Pflanze aus Südamerika aus der Kräutervielfalt heraus und hat auch bei den Besuchern regelmäßig am meisten Eindruck hinterlassen, berichtet Stoll. Bald fing sie an, die Blätter zu trocknen und bei Führungen Tee zu verkaufen. Mit der Zeit wurde das Volumen größer und Stoll bot den Verveine-Tee auf dem Wochenmarkt in Offenburg an.

2005 reiste sie nach Argentinien, einem der Ursprungsländer der Verveine – ein Jahr später wurde das Unternehmen ‚Gourveine‘ offiziell gegründet: für den Anbau, die Verarbeitung und den Vertrieb von Bio-Verveine-Tee in der höchstmöglichen Qualität. Die ersten Anbaupartner saßen in der Türkei, später gab es Kooperationen in Marokko und Paraguay, „aber wir mussten zu viele Abstriche bei der Qualität machen“, erzählt Stoll. 

Um die besten Methoden auf andere Anbaugebiete übertragen zu können, betrieb sie Feldforschung. Mit 500 Pflanzen auf dem Grundstück neben dem Schaugarten wurden Versuche unternommen: zum optimalen Anbau, zur Pflanzengesundheit, Ernte und Trocknung. Seien frische Verveine-Blätter die „Königsklasse“, ist es Stolls Anspruch, die getrocknete Variante so nah wie möglich an das frische Original zu bringen. „Diese Annäherung ist der zentrale Maßstab für unser Qualitätskonzept.“

Heilkraut mit Mehrwert fürs Hirn

Mit wissenschaftlichem Namen heißt die in den Anden heimische Verveine ‚Aloysia triphylla‘. In Deutschland wird sie gerne mit der europäischen ‚Verbena officinalis‘, dem Eisenkraut, verwechselt, das sich von ihr allerdings grundsätzlich unterscheidet. Während Eisenkraut keinen charakteristischen Geruch hat und bitter schmeckt, duftet Zitronenverbene zitronig und schmeckt fruchtig-frisch. Auf den Blättern befinden sich kleine Punkte, sogenannte Öldrüsen, die für den besonderen Duft verantwortlich sind.

„Den höchsten Anteil an duftenden Komponenten enthält ganzblättriger Verveine-Tee, gepresster besitzt nur noch halb so viele und in Teebeuteln sind die Duftkomponenten oft kaum mehr wahrnehmbar“, erklärt Stoll – einer der Gründe, weshalb Gourveine seinen Tee ganzblättrig anbietet. 

Die Wirkung des Heilkrauts wird von den Kunden des Unternehmens in den höchsten Tönen beschrieben. „Schon beim Genuss der ersten Tasse fühlte ich mich wie auf einem hohen Berg, wo die Seele frei ist, der Geist klar und der Körper entspannt – einfach ein Wohlgefühl des Daseins“, heißt es zum Beispiel in einem der gesammelten Zitate. 

Wissenschaftlich betrachtet steckt die Forschung zur Zitronenverbene noch in den Kinderschuhen. Zugeschrieben werden ihr Eigenschaften wie antioxidativ, antibakteriell, fiebersenkend, schmerzlindernd und muskelentspannend, wofür die enthaltenen ätherischen Öle und Flavonoide verantwortlich sein sollen. Außerdem gilt sie als verdauungsfördernd und findet als Schlafmittel Verwendung. „Die Verveine ist wie ein Schweizer Taschenmesser der Gesundheitsvorsorge“, stellt Stoll fest.

Das Unternehmen Finzelberg, das auf die Herstellung von Pflanzenextrakten für Arznei- und Nahrungsergänzungsmittel spezialisiert ist, hat 2019 ein Patent für die Verwendung von Zitronenverbene-Extrakt zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit angemeldet. Nach den Untersuchungen lässt sich über die regelmäßige Einnahme von Zitronenverbene eine Steigerung der Gedächtnisleistung sowie auch ein positiver Effekt bei ADHS-Patienten erzielen. 

Die Anwendungsmöglichkeiten von Zitronenverbene gehen über Tee weit hinaus. In einem Buch über ‚La Verveine‘ hat Stoll zahlreiche Rezepte mit der Gewürzpflanze von verschiedenen Köchen zusammengefasst: von Spargelmousse mit Verveine-Geißfuß-Vinaigrette über Gurkensuppe à la Verveine bis zu Orangen-Verveine-Gelee mit karamellisierten Äpfeln.

Marktpotenzial Deutschland

In Europa wird das Kraut wegen fehlender Frosttoleranz vor allem im Süden, in Frankreich und Spanien angebaut. Weltweit ist Zitronenverbene allerdings weit verbreitet. „Die Engländer haben Verveine zu einem Kosmopoliten gemacht“, vermutet Stoll. Aus viktorianischen Gärten habe sich die Pflanze in fast jedem Land, in dem die Briten eine Kolonie hatten, verbreitet – auch in Kenia, wo Stoll ihr neuestes Anbauprojekt hat.

Was den Konsum angeht, sieht die Gourveine-Gründerin hierzulande viel Marktpotenzial. „In Europa war der Rhein lange Zeit wie eine Verveine-Grenze“, sagt Stoll. In Italien, der Schweiz, Frankreich, Luxemburg und Belgien sei die Zitronenverbene so geläufig wie bei uns die Pfefferminze. In Deutschland spielte sie dagegen lange eher eine Rolle als Beimischerin. Erst in den letzten Jahren habe sie zunehmend an Bekanntheit gewonnen. „Viele Verbraucher hier sind offen für eine echte Innovation im Teebereich“, meint die Unternehmerin. Die positiven Effekte und Alleinstellungsmerkmale von hochwertiger Verveine hat sie im Marketing für verschiedene Zielgruppen und Anlässe hervorgehoben: für Sportler oder Familien, die Sommerzeit oder Weihnachten. 

50 Prozent vermarktet Gourveine aktuell online über den eigenen Shop, 50 Prozent in Teefachgeschäften. Daneben verkauft Stoll ihren Tee bereits an drei Edekaner und ist offen für weitere Kunden im selbstständigen Einzelhandel. 

Neuland Kenia

Mit einem eigenen Anbau eine sichere Belieferungssituation zu schaffen, sei eine Herausforderung, an der die Verveine-Expertin nun bereits seit vielen Jahren arbeitet. Immer wieder war die Verfügbarkeit limitiert oder die Qualität nicht wie gewünscht. Zwischendurch wurde das Engagement außerdem von der Corona-Pandemie unterbrochen. Auf der ersten Biofach nach Covid kam die Unternehmerin mit Kenianern ins Gespräch und es wurde der Grundstein für das jetzige Projekt gelegt.

Das Ziel: Die Qualität, wie sie im Teegarten Ortenau entwickelt wurde, nach Kenia transferieren, wo es ideale Bedingungen für den Verveine-Anbau gibt. „In der Gegend bei Nairobi herrscht das ganze Jahr über Wachstumswetter – wie Frühsommer“, schwärmt Stoll. Auch mit zu heißen Temperaturen gebe es kein Problem, die Regel seien unter 30 Grad. 

Aus der Ortenau nach Nairobi

Aus ihrer Zeit als Agrarwissenschaftlerin, tätig in der Entwicklungszusammenarbeit, hatte Stoll bereits Kontakte zu Organisationen in Kenia, die sich für die Förderung des Ökolandbaus einsetzen. Darüber bekam sie Zugang zu einer bäuerlichen Unternehmerin, mit der zusammen sie den Pilotanbau bei Nairobi umsetzte. Ihre Farm ist schon mehrere Jahre nach kenianischen Vorgaben Bio-zertifiziert und hat jetzt auch den EU-Bio-Standard erreicht. „Sie ist sehr gut gemanagt“, stellt die Gourveine-Gründerin fest.

Im April 2024 hat ein Schweizer Unternehmen für Gourveine offiziell eine Mutterpflanze aus der Ortenau nach Kenia importiert, wo Gourveine eine Kooperation mit einem professionellen Pflanzenvermehrer initiiert hat. Mit 5.000 Pflanzen fiel im September 2024 der Startschuss für den Anbau und im Februar 2025 konnte die erste Ernte eingefahren werden. „Sie war bereits qualitativ hochwertig, hatte aber noch einen gewissen Anteil an kleineren Blättern“, berichtet Stoll, die bei der Ernte selbst vor Ort war und so ihre Erfahrung in die Optimierung der Arbeitsschritte einbringen konnte. 

Inzwischen ist bereits ein weiteres Anbauprojekt mit einer Gruppe von Kleinbäuerinnen geplant, das im Oktober an den Start gehen soll, auf einer Fläche von 0,6 Hektar. Mit der Markterweiterung können weitere Frauengruppen aufgebaut werden. „Solche Expansionsmöglichkeiten hätten wir in der Ortenau nicht gehabt“, erklärt Stoll. 

Die zweite Ernte beim Anbau in Nairobi identifiziert sie schon als „voll Ortenau-Qualität“. „Die Bauern sind begeistert – die Pflanzen wachsen wie ein Perpetuum Mobile“, freut sie sich. Die Lieferung der Ware in Deutschland wird nach aktuellem Stand im Januar 2025 erwartet – rechtzeitig zur Biofach. Gourveine ist bereit für Anfragen aus dem SEH.

Lena Renner

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