Start / Ausgaben / BioPress 48 - August 2006 / Bio-Zukunft liegt im LEH

Bio-Zukunft liegt im LEH

Alte Vertriebsschienen für Naturkost verlieren deutlich Marktanteile

Die Umsatzzahlen des Bio-Lebensmittelmarktes untergliedert nach Vertriebsschienen in Deutschland im Jahr 2005 liegen vor. Gewinner ist der Lebensmitteleinzelhandel, vor dem Naturkosthandel und den Sonstigen (Drogeriemärkte und Lieferdienste). Verlierer sind die Direktvermarkter und die Reformhäuser. Der Gesamtmarkt ist nach den Erhebungen von Prof. Ulrich Hamm von der Universität Kassel um elf Prozent von 3,5 auf 3,9 Milliarden Euro gewachsen. Das ist etwas weniger als nach den vorläufigen Zahlen zu Jahresbeginns. Damals war die Branche etwas zu optimistisch von vier Milliarden Bio-Umsatz aus gegangen.

Der LEH ist inzwischen der Primus in der Bio-Vermarktung mit einem Umsatz von 1,6 Milliarden Euro. Das entspricht einem satten Wachstum von 25 Prozent im Jahr 2004/2005. Experten hatten vorsichtig 18 Prozent geschätzt. Aber die Aktivitäten des Discounts, dessen Umsätze beim LEH mitgezählt werden, kamen überraschend hinzu. Allein der Zuwachs des LEH in absoluten Zahlen von 320 Millionen Euro ist größer als der gesamte Bio-Umsatz in den Reformhäusern. Mit 41 Prozent Anteil ist der traditionelle Lebensmitteleinzelhandel klarer Marktführer trotz kleiner Basissortimente und Verkaufsanstrengungen, die im gesamten gesehen und, speziell bei der Rewe, noch als minimal gelten müssen.

Das Wachstum im LEH dauert schon acht Jahre an. Bereits Ende der 90-er legte der klassische Handel kräftig zu. In den drei Jahren von 1997 bis 2000 um insgesamt 66 Prozent. In der BSE-Krise 2001 um fast 40 Prozent innerhalb eines Jahres. 2002 war es mit zehn Prozent auch noch zweistellig. 2003 kennzeichnete mit 3,8 Prozent das schwächste Jahr. Die Luft schien raus zu sein. Aber 2004 ging es mit 17 Prozent für viele überraschend wieder weiter bergauf.

Wer die Entwicklung auf der Anuga im Herbst 2003 genau beobachtete und zu interpretieren wusste, konnte sich schon auf den Aufwärtstrend einstellen. Bei den rundum sichtbaren Bioaktivitäten auf der Anuga 2005 und der deutlich starken Präsenz des Handel auf der diesjährigen BioFach dürfte 2006 erneut ein starkes Wachstumsjahr werden, zumal sich die Discounter immer stärker engagieren und auch der klassische Bio-Käufer Aldi-Kunde ist. Schon deshalb sagen Fachleute wieder ein hohes zweistelliges Wachstum für das Bio-Sortiment im LEH voraus. Auch das große Interesse des Handels an einer Veranstaltung wie das 2. Kölner Bio Handels-Forum im September lässt ein ähnliches Wachstum wie 2005 erwarten. Bis zum Jahr 2010 dürfte sich der Marktanteil des LEH bei 50 bis 60 Prozent eingependelt haben. Der Umsatz dieser Vertriebsschiene wird dann voraussichtlich so groß sein, wie momentan der gesamte Bio-Markt.

Der Naturkostfachhandel erreicht 2005 trotz eines wesentlich höheren Niveaus in Präsentation, Beratung und Sortiment mit 990 Millionen Euro Umsatz weit weniger Wachstum und scheiterte knapp an der Milliarden-Umsatzhürde. Mit 90 Millionen mehr Umsatz (900 Millionen 2004) schreibt er zehn Prozent reales Wachstum. Der Marktanteil schrumpfte dennoch leicht von 26 auf 25 Prozent. 1997 lag der NFH mit einem Marktanteil von 31 Prozent noch vor dem LEH mit 28 Prozent. Im 21. Jahrhundert gibt es eine neue Vormachtstellung bei den Vertriebskanälen. Im Jahr 2000 beherrschte der LEH schon ein Drittel des Marktes und der NFH unterschritt die 30 Prozent Marktanteil.

Die Sonstigen mit den Drogeriemärkten als tragende Säule wuchsen mit 290 Millionen Euro 2005 (Vorjahr 250 Millionen Euro) ebenfalls zweistellig, wodurch der Marktanteil um einen Prozentpunkt auf acht Prozent gesteigert werden konnte. Neue Marktteilnehmer wie die Drogeriekette Müller aus Ulm und Sortimentsausweitungen lassen weiter zweistellige Wachstumsraten erwarten.

Anderswo schrumpft der Bio-Umsatz

Größter Verlierer sind die Reformhäuser, die nicht nur Marktanteile abgeben und von acht auf sechs Punkte schrumpften, sondern auch einen Umsatz-Rückgang von 270 Millionen auf 240 Millionen Euro hinnehmen mussten. Noch zu Beginn des Jahrhunderts hatten die Reformhäuser einen zweistelligen Anteil. Bis 2002 wuchsen die Bio-Umsätze. Drei Jahre blieben sie stabil, was bereits einen Marktanteilsverlust nach sich zog, und jetzt waren sie erstmals rückläufig: Eine gefährliche Entwicklung in Richtung Bedeutungslosigkeit droht.

Zweiter Verlierer sind die Direktvermarkter. Deren Umsatz sank real von 560 Millionen auf 540 Millionen Euro. Marktanteile wurden ebenfalls abgegeben. Mit 14 Prozent (16 Prozent 2004 bzw. 19 im Jahr 1997) liegt die Vertriebs-Schiene dennoch souverän auf dem dritten Platz vor den Sonstigen.

Die Umsätze des Handwerks (Bäcker und Metzger) blieben gleich, die Marktanteile sanken um einen Punkt auf sechs Prozent. Wenn die Bäckereien im Vorkassenbereich der Supermärkte Bio entdecken, können die Umsätze des Handwerks jedoch ganz schnell überproportional wachsen.

Bei den Marktanteilen sind die neuen Kanäle im Kommen, während die traditionellen Vertriebsschienen für Bio verlieren. Die Bio-Zukunft hat den Mainstream erreicht und scheint im Supermarkt zu liegen.

Anton Großkinsky,

Erich Margrander

 

Kommentar

Trotz aller Unkenrufe, der LEH kann es angeblich nicht, weisen die Zeichen auf eine andere Wirklichkeit. Viel Polemik ist zur Zeit im Spiel. So wird zum Beispiel von der Yellow-Presse und auch von Öko-Aktivisten ein Verfall der Bio-Glaubwürdigkeit gepredigt. Sie stützen sich dabei auf Aussagen des Bauernführers Sonnleitner, der einen drohenden Preisverfall deshalb beschwört, weil Bio bei den Discountern Einzug hält. Dabei schielt er nur auf seinen Machterhalt innerhalb der Bauernschaft, die Bio noch kräftig belächelt!

Er unterstellt, dass die „Massenware" Bio ausschließlich im Ausland billig zu haben sei und schürt damit das Feuer der Ökos, die lange Wege bei der Beschaffung ihrer Biolebensmittel nicht akzeptieren und deshalb Bio für Alle auch bei Aldi entschlossen bekämpfen wollen!

Dabei bezahlt Aldi höhere Preise und überweist die Zahlungen für seine Biozwiebeln und -Kartoffeln pünktlich! Und die Bio-Cash-Cow Banane importiert auch der Fachhandel aus Ecuador! Ebenso kommen zirka 30 bis 50 Prozent des gesamten Bio-Fachhandels-Angebots aus dem Ausland!

Die offizielle Politik des Deutschen Bauernverbandes verbreitet Untergangsstimmung wieder besseren Wissens. So vermittelt der DBV-Ökobeauftragte von Bassewitz aktuell im Interview mit der Deutschen Bauern Korrespondenz (dbk) den Eindruck, als wären die Discounter Schuld daran, dass der erfreuliche Bio-Marktzuwachs ausschließlich über Importe bewältigt werden muss.

Es stimmt. Der Biomarkt ist gewachsen, zwar nicht um 15 Prozent, wie von Bassewitz glaubt, aber immerhin um 11 Prozent. Das sind 400 Millionen Euro. Gleich viel Zuwachs, jeweils 400 Millionen Euro, hatten wir schon von 2001 auf 2002 und von 2003 auf 2004. Ein guter Beobachter hätte also damit rechnen und Weichen stellen können.

Statt dessen hatten die Landwirtschaftsminister der Länder nichts anderes im Sinn, als die Erfolgsstory durch Kürzung der Bio-Landwirtschaftssubventionen zu bremsen! Schließlich war es der Erfolg der Grünen Renate Künast, die erstmals seit Gründung der Bundesrepublik Verbraucherinteressen in den Mittelpunkt ihres Handels stellte und dem Handel Rückendeckung gab mithilfe nachhaltiger Faktoren für die Biovermarktung.

Schon Mitte der Neunziger Jahre, also noch zu Kohls Regierungszeiten, war die Zustimmung der Verbraucher für Biolebensmittel auf nahezu 90 Prozent gestiegen, ohne Reaktion der Politik. Der Handel fand, allein gelassen, keine Wege diese Bedürfnisse zu befriedigen. Nur der Fachhandel konnte das auch nicht bewältigen. Schließlich sind 90 Prozent Zustimmung schon lange keine Nische mehr.

Wenn der hohe Zufluss von ausländischen Biolebensmitteln überhaupt zu beklagen ist, dann aufgrund eigener Fehler des DBV! Sie hatten schon Ende der Neunziger Jahre einen Ökobeauftragten installiert, der seither auf die ignorante CDU-Politik hätte aufmerksam machen müssen. Stattdessen wurde das niedrige EU-Bio-Niveau gegenüber den hohen deutschen Verbandskriterien beklagt, so wie aktuell die Aktivitäten der Discounter.

Dass deutsche Bauern dem hohen Konkurrenzdruck ausgeliefert sind, mag zwar stimmen. Aber mit falschen Fährten ist dem nicht beizukommen. So sieht es auch Thomas Dosch, Präsident von Bioland, dem größten deutschen Ökolandbau-Verband. Er sieht die Gründe für die stagnierende Bioproduktion in Deutschland eher in der verfehlten deutschen Agrarpolitik.

Sollte der Einstieg der Discounter in die Biovermarktung etwas bewirkt haben, dann ist es das Aufwachen des LEHs. Die flachen Biosortimente, die keinen Verbraucher richtig befriedigen können, werden zurzeit zügig auf brauchbare Bio-Vollsortimente ausgebaut. Schließlich kann der Vollsortimenter mehr bieten als ein Discounter. Und wer dann neben Bio-Brot auch -Käse und -Wurst, -Fleisch und -Fisch, ein breites -Joghurt-Sortiment, eine Auswahl an -Heißgetränken, -Wein und -Bier in die Regale stellt, der wird ernst und als Bio-Einkaufsquelle wahrgenommen.

Die Regale werden voller und es gilt im Biosortiment des LEH neuerdings das Motto: Vielfalt statt Einfalt! Sollte die deutsche Bauernschaft diesen Trend verschlafen haben, darf nicht das Ausland als Sündenbock herhalten müssen. Vielleicht schaffen wir unsere Ordnung in den eigenen Reihen und suchen die Fehler einmal nicht bei den anderen?

Und wenn die Ökos die weiten Wege beklagen, dann sollten sie zuallererst einmal ihre Urlaubsgewohnheiten überdenken, den Flieger links liegen lassen und dafür mit dem Rucksack auf dem Rücken einfach in die deutschen Lande hinausziehen und die Sonne und gutes Essen hierzulande genießen. Es würde auch helfen, wenn jeder Grünenwähler wenigstens einmal die Woche einen Bioeinkauf macht. Darauf vertrauend würden die deutschen Bauern auf ökologischen Landbau umstellen können!

Erich Margrander

Herausgeber bioPress


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