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Antworten des französischen Naturkostfachhandels auf Covid-19

Beschaffung und Verkauf neu gedacht

Covid-19 hat auch in der französischen Biobranche zu weitreichenden Änderungen nicht nur im Konsumverhalten geführt. Um die Reaktionen des Naturkostfachhandels einzuschätzen, führten Ecozept und ihr Partner Biolinéaires bereits Ende April 2020 eine Online-Befragung im französischen Naturkostfachhandel durch.

Zentrale Ergebnisse: die Herausforderungen wurden kreativ gemeistert und haben neue Arbeitsweisen in Beschaffung und Verkauf hervorgebracht, die aller Voraussicht nach sogar Verbesserungen im Alltagsgeschäft nach der Krise bringen werden.

Nahezu ein Drittel der rund 3.000 Bio- Händler in Frankreich haben an der Befragung teilgenommen. Dazu zählten landesweite und regionale Filialisten, Einkaufsgemeinschaften und inhabergeführte Naturkostfachgeschäfte.

Deutschland und Frankreich zeigen ähnliche Änderungen des
Konsumverhaltens

Beim Vergleich der Ergebnisse aus Frankreich mit der Situation in Deutschland fallen deutliche Parallelen bei den Konsumenten-Reaktionen und den Auswirkungen auf den Markt auf. Bei rückläufiger Kundenzahl stieg die Nachfrage nach biologisch erzeugten Produkten und somit der Umsatz in den Naturkostfachgeschäften deutlich, und zwar stärker als in anderen Vertriebswegen des Lebensmitteleinzelhandels. Es gab weniger Kunden, aber mit volleren Einkaufskörben. Darüber hinaus verzeichnete ein Viertel der in Frankreich befragten Händler auch Neukundschaft während der Krise.

Die starke Nachfrage hat auch in Frankreich die Beschaffung und die Lieferantenbeziehungen auf eine harte Probe gestellt. Außerdem waren plötzlich innovative Lösungen im Abverkauf gefragt, um dem Social Distancing gerecht zu werden.

Lieferausfälle und Logistikschwierigkeiten

Die rapide steigende Nachfrage nach Bio-Produkten führte nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich zu Herausforderungen. Bestimmte Produkte insbesondere im Trockensortiment oder Hygieneartikel waren nicht mehr verfügbar. Lieferungen kamen unregelmäßig oder fielen ganz aus. Um mit dieser neuen und bis dahin unbekannten Situation umzugehen, setzten die Naturkostfachgeschäfte in Frankreich auf unterschiedliche Strategien. Der Großteil (83 Prozent der Befragten) baute während der Covid-19-Krise Beziehungen zu neuen Lieferanten auf und bevorzugte hierbei meist neue Verarbeitungsbetriebe (65 Prozent aller Befragten) oder lokale (56 Prozent) und regionale Anbieter (12 Prozent).

Betrachtet man im Detail, welcher Ladentyp bei der Umstrukturierung der Lieferketten mit welchen Zulieferbetrieben Kontakt aufgenommen hat, fällt auf, dass landesweite Filialisten vor allem auf neue Verarbeitungsbetriebe setzten. Inhabergeführte Geschäfte haben neben neuen lokalen und regionalen Lieferanten auch neue Kontakte zu regionalen Erzeugerbetrieben gesucht. Bio-Großhandelsbetriebe scheinen hingegen kaum Antworten auf die neuen Herausforderungen gefunden zu haben. Aller Voraussicht nach werden die neu geschaffenen Kooperationen insbesondere mit den regionalen Lieferanten die bereits zuvor erkennbaren Trends von regionaler / lokaler Beschaffung und Verkürzung der Lieferketten weiter forcieren.

Lieferservice und Pick-up-Optionen

Nicht nur in der Beschaffung, sondern auch beim Verkauf gibt es interessante Entwicklungen. Der französische Naturkostfachhandel hat in den letzten Monaten viele Möglichkeiten ausgeschöpft, um seinen Kunden unter Einhaltung der strengen Hygienevorschriften Zugang zu Bioprodukten zu verschaffen. Neben den ‚klassischen‘ Lieferdiensten, welche auch in Deutschland durch Covid-19 einen starken Aufwind erhielten, ergriffen unsere französischen Nachbarn zusätzliche Maßnahmen, bei denen zwei Ziele im Fokus standen: entweder die Aufenthaltsdauer der Kunden im Geschäft zu reduzieren oder das Betreten des Ladens mit innovativen Lösungen erst gar nicht notwendig zu machen.

Für das erste Ziel wurden zusätzlich click & collect-Services angeboten (13 Prozent der befragten Geschäfte). Diese bestehen aus dem Angebot, sich einen Warenkorb online zusammenstellen und zu bezahlen, um die Waren dann im Geschäft abzuholen. Eine andere Möglichkeit waren bereits vorgefertigte Themenkörbe (zum Beispiel für Getränke oder Hygieneprodukte), welche dann gebündelt verkauft wurden. Weiterhin richteten zehn Prozent der befragten Geschäfte einen Drive-In für die Abholung mit dem Auto ein, acht Prozent denselben Service für Fußgänger: Lebensmittel werden online oder telefonisch bestellt und dann ins Auto geladen oder herausgereicht.

Covid-19 als Beschleuniger für Bio & Lokal

Covid-19 hat den Naturkostfachmarkt, so wie den restlichen Lebensmittelmarkt, in Frankreich wie in Deutschland vor große Herausforderungen gestellt. Gleichzeitig wurden so neue innovative Lösungsmöglichkeiten gefunden, wie eine rapide steigende Nachfrage gedeckt werden kann. Die höheren Bonwerte bei geringerer Kundenfrequenz und die gestiegene Nachfrage insgesamt zeigen das enorme Entwicklungspotential für Bioprodukte in Frankreich.

Gleichzeitig bestätigte die Krise einen Trend, der bereits seit Jahren in Frankreich zu beobachten ist und mit dem Slogan ‚Bio und lokal ist die beste Wahl‘ umschrieben werden kann. In Frankreich setzten Händler hierbei zusehends auf kurze Lieferwege durch direkten Bezug von regionalen Bio-Erzeugerbetrieben oder Bio-Erzeugergemeinschaften.

Es ist davon auszugehen, dass ein Teil der Kunden, die gute Erfahrungen mit den neuen Einkaufsformen wie click & collect gemacht haben, auch weiterhin diese Möglichkeiten nutzen werden oder sie sogar ausbauen. Daher sind Anpassungen der Logistik und Lieferantenbeziehungen sowie die Weiterentwickelung eines diversifizierten Verkaufsangebots wichtige Hebel, sich an verändertes Konsumverhalten anzupassen. Eine zentrale Bedeutung wird dabei die Kundenkommunikation einnehmen. Denn es geht nun darum, diese Wettbewerbsvorteile auch authentisch zu vermitteln.

Unser Resümee: Wer sich bereits vor der Krise, oder rasch während der Krise, eine solide regionale Zulieferung aufgebaut hat, ist relativ gut durch die Covid-19 Turbulenzen gekommen und ist auch gut aufgestellt für die Zukunft.

Michael Böhm, Dr. Burghard Schaer

 

Ecozept
Ecozept ist ein auf Biomärkte spezialisiertes Forschungs- und Beratungsunternehmen mit Sitz in Freising bei München sowie Montpellier (Südfrankreich). 
Verwendete Quellen: 
AMI Analyse des GfK-Haushaltspanels, BioVista 
Ecozept/Biolinéaires http://www.biolineaires.com, Befragung April 2020
Weitere Informationen:
Dr. Burkhard Schaer
Tel. : +33(0)467584227
schaer@ecozept.com
www.ecozept.de

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