Start / Ausgaben / bioPress 98 - Januar 2019 / Neue IFOAM Geschäftsführerin

Interview

Neue IFOAM Geschäftsführerin

Interview mit Louise Luttikholt

Vom 13. - 16. Februar 2019 trifft sich die internationale Bio-Branche zum 30. Mal auf ihrer Weltleitmesse, der Biofach, in Nürnberg. Internationaler Schirmherr der gesamten Biofach-Familie, der Biofach, mit insgesamt sieben Veranstaltungen rund um den Globus, ist IFOAM – Organics International. Seit Sommer 2018 hat der internationale Dachverband der Bio-Bewegung eine neue Geschäftsführung, Louise Luttikholt. Die NürnbergMesse sprach mit ihr über das, was sie beim Thema Bio bewegt, und welche Ziele für den Ökolandbau und die Branche sie in ihrem neuen Amt im Fokus hat.

Biofach-Messe: Frau Luttikholt, Sie sind auf einem kleinen landwirtschaftlichen Betrieb in den Niederlanden aufgewachsen. Mögen Sie uns kurz teilhaben lassen an ihrem bisherigen Weg in der Bio-Branche?
Louise Luttikholt: Meinen Einstieg in die Bio-Branche hatte ich bevor mir deren Existenz bewusst war. Ich habe Biologie und Philosophie studiert und mein Thema war (und ist noch immer), wie wir Menschen uns als Teil der Natur verstehen und zu ihr verhalten. Die theoretische naturphilosophische Auseinandersetzung konnte ich mit meinen Erfahrungen in der Landwirtschaft – sozusagen als Bauernmädchen – spiegeln. Sehr schnell habe ich verstanden, dass die konventionelle Landwirtschaft sich auf einer im Wortsinn dead end road, also in der Sackgasse, befindet, da sie ihre eigene Grundlage und damit ihre Nachhaltigkeit unterminiert. Das war nicht unbedingt eine schöne Botschaft, die ich mit nach Hause brachte, da meine Eltern ja konventionelle Landwirtschaft praktizierten. Meine logische Schlussfolgerung, eine persönliche und berufliche Umstellung auf Bio, habe ich dann gezogen.

Biofach-Messe: Sie verfügen über umfassende Erfahrung in der Bio-Landwirtschaft, im Bereich Fairtrade und der internationalen Entwicklungs-zusammenarbeit. Unter anderem waren Sie für Fairtrade International und die schweizerische Entwicklungsorganisation Helvetas tätig. Was sind die Themen, die Sie am stärksten bewegen?
Louise Luttikholt: Wir unterhalten uns in der Bio-Branche gerne über agronomische und lebensmitteltechnische Methoden. Bei aller Veränderung aber, die notwendig ist und die wir bewirken wollen, sollten wir nicht vergessen, dass es um Menschen geht. Menschen mit Geschichten, Prägungen, Wünschen und Erwartungen. Und wenn wir versuchen, Methoden zu ändern, verändern wir damit Menschen. Gesundheit könnte zum Beispiel ein guter Einstieg für den einen oder anderen sein; wir wünschen uns ja alle ein Leben in Gesundheit. In der Entwicklungszusammenarbeit habe ich mich darum mit der so genannten nutrition sensitive agriculture befasst. Durch einen diversifizierten Anbau und in Kombination mit Koch- und Diätberatungen versucht diese Methode, den Ernährungszustand der lokalen Bevölkerung zu verbessern. Dass hiermit eigentlich Ökolandbau praktiziert wird, ist für die betroffenen Frauen und Kinder weniger wichtig. Das Ergebnis zählt! Und das gleiche können wir auch in Ländern in Europa wahrnehmen: wo wirklicher Genuss im Vordergrund steht, kommen Bio-Produkte auf Herd und Tisch.

Biofach-Messe: Welche Ziele rücken in Ihrer neuen Tätigkeit besonders in den Fokus?
Louise Luttikholt: Die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO sind die übergeordneten Ziele, an denen IFOAM – Organics International sich orientiert. Sie stellen den Ökolandbau in ein neues Licht und fragen: welche Beiträge kann dieser für den Erhalt der Erde liefern? Und wie können wir diese Beiträge vergrößern? Ökolandbau ist kein Selbstzweck. Das heißt aber nicht, dass er keine wichtige Rolle spielt – im Gegenteil! Ökolandbau sollte eine Inspirationsquelle und Motor für mehr Nachhaltigkeit in der gesamten Landwirtschaft sein. Und: Bio-Landwirtschaft hat die Aufgabe, sich immer weiter zu verbessern. So könnte der landwirtschaftliche Sektor insgesamt es vielleicht schaffen, nicht länger als Problem angesehen zu werden, sondern als Teil der Lösung!

Biofach-Messe: Zur Biofach 2019 diskutiert die Bio-Branche in Nürnberg das Konzept Gesundheit in Verbindung mit Bio. Und zwar Gesundheit im Sinne von gesunden Systemen. IFOAM spricht auch von positive health –
Inwieweit ist Bio ein gesundes System und trägt damit zur Gesundheit als ganzheitlichem Konzept bei?
Louise Luttikholt: Der englische Begriff positive health, also ein positiver Gesundheitsbegriff, beinhaltet viel mehr als nur die Abwesenheit von Krankheiten. Dieser ganzheitliche Ansatz lässt sich gut mit dem systemischen Betrachten eines Ökoagroproduktionssystems vergleichen. Es geht im weitesten Sinne um unser Wohlbefinden, ob ich in einer gesunden Umgebung lebe, also ohne Pestizid-Rückstände, und ob gesundes Trinkwasser zur Verfügung steht, ob ich mich zugehörig fühle, partizipiere und meine Tätigkeiten als sinnhaft erlebe. Und das Gute ist: Bio kann diese Dimensionen bedienen, zum Beispiel in Projekten der solidarischen Landwirtschaft, oder auch durch ein positives Zugehörigkeitserlebnis in einem Bio-Unternehmen. Dass Bio-Produkte auch weniger Pestizidrückstände und manchmal bessere Inhaltstoffe aufweisen, ist natürlich noch ein extra Bonus!

Biofach-Messe: Zum Schluss noch zur Messe selbst – Was macht für Sie dieser Branchentreff aus und worauf freuen Sie sich zur nächsten Ausgabe im Februar 2019 besonders?
Louise Luttikholt: Anlässlich der Biofach kommt der Ökosektor nach Hause. Die professionelle und gleichzeitig doch lockere Atmosphäre holt das Gute in der Branche hervor und ich freue mich jetzt schon auf die Vielzahl an Neuheiten, zum Beispiel am Neuheitenstand! Die Informationen beim Kongress helfen mir auf den neuesten Stand der Dinge, und nach dem intensiven formellen und informellen Austausch an den Messetagen bin ich wieder auf dem Laufenden und voll aufgetankt!

Biofach-Messe: Frau Luttikholt, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!


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