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Ist der Bio-Gedanke kontaminiert?

Jedes Stück Land, das gewonnen wurde für den ökologischen pestizidfreien Anbau, ist ein Gewinn für die Menschheit. Und zwar schon allein deshalb, weil weniger Pestizide ausgebracht werden. Jedes Produkt, naturnah verarbeitet ohne Zusatzstoffe, ist ein Beitrag für eine gesunde Ernährung.

Wo stehen wir heute?

Wenn wir heute mit Herstellern sprechen, dann sagen diese: „Unsere Kunden und der Handel verlangen von mir den Analysewert von 0,01 mg/kg bei einer Kontamination einzuhalten, sei es als Grenzwert oder als sogenannter Orientierungswert.“ Dabei ist klar, dass die Ware, die darüber liegt, als Bio-Ware so nicht mehr absetzbar ist, allen Bemühungen in der Öko-Landwirtschaft und der -Verarbeitung zum Trotz. Da die Ware bei diesen Spurenbefunden jedoch in den allermeisten Fällen den formalen Bio-Status nicht verliert, weil Bio-Landwirte und -Verarbeiter sich an die Regeln der Bio-Verordnung gehalten haben, entsteht ein massiver wirtschaftlicher Schaden für die Bio-Landwirte und -Hersteller, zum Beispiel durch Abwertung zum Futtermittel, konventionelle Vermarktung oder gar Vernichtung der Ware. Keine Versicherung springt ein, keine Haftung kann vom Verursacher eingefordert werden.

Der Handel setzt diese Vorschriften, weil die Lebensmittelüberwachungsbehörden in einer ganzen Reihe von Bundesländern eben diese 0,01 mg/kg als Auslösewert betrachten – als Auslösewert für eine nähere Überprüfung, ob die Bio-Qualität eingehalten wurde oder nicht. Dies ist in der Regel mit einer Warensperrung verbunden.  

Wo kommen wir her?

Bio – heute als Begriff einer Zertifizierung nach der VO (EG) Nr. 834/2007 und seinen Durchführungsvorschriften definiert – hatte seinen Ursprung in der Anthroposophie und anderen gesellschaftlichen Bewegungen.
Das Ziel war die Ganzheitlichkeit und Beseeltheit von Natur, Mensch und Kosmos in Einklang zu bringen und eine nachhaltige Bewirtschaftung des Bodens zu fördern. Die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel im Kreislauf der Natur, mit den Elementen unter der Einbeziehung des modernen, wirtschaftlich handelnden Menschen ist die Grundlage der biologisch orientierten Lebensmittelwirtschaft. Die offen geführte Auseinandersetzung, z.B. zwischen der Neuform und dem Demeter-Verband in den 70er Jahren, die auch ein Bestandteil des Generationenkonflikts der 68er war, gründete und stärkte die Bio-Bewegung nachhaltig. Dieser Streit schuf den Nährboden für die heutige Vielfalt der Bio-Verbände mit einer leidenschaftlichen Verbandsarbeit.

Wir sind heute wieder an dem Punkt, an dem die Analytik des Stofflichen im Vordergrund steht und die Frustration über nicht mehr nachvollziehbare Analysenwerte den Wunsch nach einem Ausweg aus dieser Sackgasse keimen lässt. Ganzheitlich denken hatte einmal etwas mit nachhaltigem Wirtschaften und Einklang mit der Natur zu tun, aber nichts mit Analysenwerten, die der normale Mensch nicht mehr nachvollziehen kann.  

Wie konnte es geschehen?

Der Prozessansatz der Bio-Branche ist zentrales Element des Bio-Qualitätsverständnisses. Das, was in der richtigen und gesetzeskonformen Wei- se erzeugt und verarbeitet wurde, verdient ein ,Bio-Lebensmittel‘ genannt zu werden. Das Vorhandensein von Kontaminanten von nicht für die Biowirtschaft zugelassenen Stoffen ist sozusagen eine Art Kollateralereignis. Mit der sogenannten Agrarwende Anfang des neuen Jahrtausends  war Bio plötzlich für alles verantwortlich. Bio war für die Verbraucher die Lösung für kein BSE, keine Allergene, keine Pestizide, keine Gentechnik, kein Nano, keine Massentierhaltung, keine Ausbeutung u.s.w. Bio wurde sozusagen über Nacht zu einer Art universeller Lösungsstrategie für alle nur erdenklichen Probleme der Lebensmittelwirtschaft – unsere Gegner rieben sich die Hände. Und die Branche hat nicht laut aufgeschrien, um zu sagen: „Halt so geht das nicht, wir können nicht für alle Eigenschaften garantieren und schon gar nicht am Endprodukt!“

Und heute haben wir diese Verträge, die die Einhaltung von Grenzwerten oder die Rücknahme der Ware bei bestimmten Einstufungen, zum Beispiel durch Öko-Test oder Stiftung Warentest verlangen. Gerade bei Letzteren unterliegt man der Auswahl derer Testsysteme, die in der Regel unabhängig vom Bio Prozessansatz etabliert sind.

Bio ist nicht billig und Bio ist endlich! Der Versuch der ,Bio – Laborwert-Definition‘ treibt die eigentliche Begrifflichkeit in eine Abstrusität.

Solange wir noch keinen Ersatzplaneten haben von dem wir unsere Bio Rohstoffe beziehen oder feldgroße Käseglocken einsetzen, solange werden wir auch Rückstände der konventionellen Landwirtschaft in unseren Bio- Rohstoffen finden. Anstatt die Anbauer, die Bauern in ihrem Wirken zu unterstützen, treibt die Definition über ,Pestizid-Peaks‘ die Bauern in die Enge. Es ist absurd, dass wir lieber biologisch erzeugte Lebensmittel mit ,Peaks‘ vernichten oder konventionell verramschen und damit die Existenz von Bauern zerstören als diese in ihren Bemühungen zu unterstützen.

Zurecht hat die leidenschaftlich geführte Debatte um die Grenzwerte in der neuen Bio-Verordnung gezeigt, dass diese Situation das Zeug dazu hat, ,bio‘ vollkommen zu verändern.

Ganz unabhängig von der Verordnung ist es auch jetzt schon so, dass in dem Business to Business Geschäft in Bezug auf Qualitäten fast nur noch über Kontaminanten verhandelt wird. Das ist für die Prozessqualitätsdiskussion eine Katastrophe. Es ist eine Katastrophe, weil der Fokus verschoben wird: Weg vom Prozess hin zu Endprodukteigenschaften. Eigenschaften, die messbar und bewertbar am fertigen Erzeugnis sind. Der Werdeprozess, dessen Einhaltung und die Intension und Sorgfalt der Tätigen im Prozess spielt zunehmend eine untergeordnete Rolle – also all das, was die Öko-Lebensmittelwirtschaft auszeichnet und so anders und damit erfolgreich macht.

Und natürlich ist es ganz eindeutig so, dass das Bio-Konzept als Prozesskonzept zunehmend auf Menschen und Systeme trifft, die auf das konventionelle Qualitätskonzept basierende Endprodukteigenschaften verinnerlicht haben. Diese können mit den gefühlt ,weichen‘ und damit unsicheren Öko-Prozesseigenschaften nichts anfangen und sehen ihre Versprechen gegenüber ihren Kunden und ihrer Position zu den Behörden gefährdet, wenn es sich nicht um ,harte‘, direkt prüfbare Fakten handelt. Hier kollidiert der Produktansatz mit dem Prozessansatz.  

Wie kommen wir da raus?

Ich schlage vor, dass alle Unternehmen in der Bio-Warenkette, einschließlich Handelsunternehmen, die Verträge und Spezifikationen für ihre Lieferanten daraufhin überprüfen, ob diese Elemente Prozessqualitätsunterminierungen beinhalten und diese Passagen dann zu streichen.

Es gibt neben der Wahrung des Bio-Prozessansatzes einen guten Grund dafür: Wenn das Biokonzept ausgehöhlt wird, kann es auch nicht mehr zur Marktdifferenzierung genutzt werden. Als solches hat es jedoch für alle Akteure des Lebensmittelmarktes wertvolle Dienste geleistet. Um diese Differenzierung zu halten, lohnt es sich, Vereinbarungen zu überprüfen. Und natürlich lohnt es sich, im Hinblick auf die Überlebensfähigkeit des Planeten und der Gesundheit kommender Generationen.

Es ist Zeit, sich zu positionieren und NEIN zu sagen. Lassen Sie uns Bio und dessen Werte neu und schlagfertig definieren und dahinterstehen – um zu leben und leben zu lassen.

Alexander Beck


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