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Editorial

Editorial Ausgabe 97/Oktober 2018, 4. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser,

Bauern kämpfen für ihre Rechte. Sie wollen ihre Produkte nicht mehr nur zum billigsten Preis abgeben. Heute finden sie eine Alternative im ökologischen Anbau. Verbraucher von heute orientieren sich an gesunden Lebensmitteln. Und sie schauen auf ökologische und faire Kriterien. Außerdem achten sie auf die Tiergesundheit. Kaufleute antworten immer mit den entsprechenden Angeboten. Sind sie deshalb Schuld an der Methode immer billiger immer besser?

Den Bauern wurde der Einsatz der Agrochemie gelehrt und sie glauben gemacht, nur so sei die Welt vor Armut und dem Hungertod zu retten. Die grüne Revolution! In manchen Weltgegenden versuchen globale Player gerade erst dieses System einzuführen.

In den modernen Zivilgesellschaften sind die Menschen aufgewacht und sie erkennen, dass Natur nur schwer zu übertölpeln geht. Die Konzentration der Macht über die Lebensmittelproduktion dient ihnen nicht. Die Arbeit wird maschinengeführt und kapitalabhängig, und das scheint einfacher.

Die Agrochemie puscht die Pflanzen ins Schnellwachstum und aus Lebensmitteln werden Nahrungsmittel, die der Gesundheit der Menschen nicht dienen. Doping ist im Sport verboten! Gedopte Nahrungsmittel werden durch massive Werbung zu Massenprodukten, an denen gut verdient wird.

Die Biobranche hat diesen Zyklus durchbrochen und ist dabei, die Marktmechanismen zu verändern. In der Lebensmittelproduktion haben sie ökologischen Landbau, tierfreundliche Aufzucht, Verarbeitung nur mit natürlichen Zusatzstoffen, ethische Grundsätze mit fairen Bedingungen und regionale Produktion in den Mittelpunkt gestellt und Bioprodukte hoffähig gemacht.

Mit dem Erfolg haben sie die Strategen der herkömmlichen Nahrungsmittelhersteller aufgeschreckt. Sie werben jetzt für Produkte ohne Zusatzstoffe und beweisen, das geht doch! Sie propagieren mit der Herkunft aus der Region. Regionalität findet sogar mehr Zustimmung als Bio! Auch das kann die konventionelle Nahrungsmittelindustrie besser als die Biobranche. Sie setzen einfach mehr Werbemittel ein und vertuschen all die anderen wichtigen Eigenschaften eines Lebensmittels. Tierwohl, ja, auch das nehmen sie in Angriff. Tierwohlige Bilder lassen sich auch produzieren. Der Metzger um die Ecke wirbt mit dem Schlachttier, das vom Nachbarort kommt! Also kann es kein gentechnisch verändertes Futter fressen und mit Antibiotika für das Schnellwachstum vollgestopft sein?
Die Region frisst und verdaut alles!

Was kann die herkömmliche Nahrungsmittelproduktion denn nicht? Wo unterscheidet sich Bio vom konventionellen Angebot? Sie können NICHT ohne Agrochemie!
In einem Naturkostfachgeschäft versammeln sich seit 30 Jahren die Biokäufer. Sie sind es, die den Boden für die Ökobauern erst möglich gemacht haben. Seit sich zur Jahrtausendwende der Biomarkt vom Angebots- in einen Nachfragemarkt gewandelt hat, konnten die Bauern umstellen auf die aufwändigere Produktion.

Die kleine Community ist aus dem Bioladen in den Mainstream hinaus gewachsen. Bio ist heute allerorten zu haben. Das ist gut so. Und das ist heute wohl unbestritten. Nur verhält sich ein großer Teil des Biomarktes noch nach den alten Regeln: Wir sind etwas besonderes, anderes. Nur der Bioladen kann mit Bio umgehen. Die Suppe haben ihnen die Biosupermärkte versalzen. Und die Kreativität der globalen Player!

Es ist jetzt an der Zeit, dass die Biobranche das Spiel in ihre Hände nimmt und Bio dorthin trägt, wo die Menschen einkaufen. Auch die Bauern sollten neben ihren Rechten auch die Rechte der Verbraucher beachten und sich mit ihnen zusammen tun. Gemeinsam kommen sie weiter. Kaufleute, die Platz für Bio in ihren Regalen schaffen, müssen ernst genommen und unterstützt werden.

Wieso gibt es nur Aldi und Konzerne? Sind da nicht flächendeckend Lebensmittelkaufleute mit Millionen von Kunden, die sich auf die Angebote verlassen müssen, wenn sie nach der Arbeit schnell einkaufen und wenig Zeit für das Studium der Produktversprechen haben?

Gibt es praktikable Wege vom Bauern direkt zum Verbraucher? Müssen die alle auf den Hof fahren und sich mit dem eingeschränkten Angebot eindecken, mit dem die Hausfrau heute nicht mehr so viel anzufangen weiß? Es wäre angebracht, sich mit Kaufleuten zusammen zu tun. Kleinere Kreisläufe vom Bauern zum Bio-Lebensmittelhersteller und über die Kaufleute direkt zum Verbraucher. Da könnte Regionalität, mit Chemiefreiheit und ja auch Sozialethik mit Fairness und Gemeinwohl gelebt werden.

Erich Margrander
Herausgeber



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