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Wir machen Mittel zum Leben!

Wir machen Mittel zum Leben! © NürnbergMesse_Hans-Martin Issler
Den größten Spaß auf der Biofach hat Dr. Alexander Beck, geschäftsführender Vorstand der AöL, bei der Verleihung der Forschungs-Preise Bio-Lebensmittelwirtschaft

Seit über 15 Jahren vertritt die Branchenorganisation Assoziation ökologischer Lebensmittelhersteller (AöL) die Interessen der deutschen Bioverarbeitung - und prägte in dieser Zeit wesentlich das Verständnis für die Bioqualität in der Verarbeitungspraxis.

„Biologische Lebensmittel sollen geschmackvoll, gesund, umweltfreundlich und fair produziert sein“, fasst Dr. Alexander Beck als langjähriger geschäftsführender Vorstand das Qualitätsverständnis der AöL zusammen. bioPress traf Alexander Beck auf der Biofach 2018 und befragte ihn zum Zustand und dem Entwicklungspotential der Bioverarbeitung angesichts einer immer stärkeren Verbreitung von Biosortimenten in allen Vertriebskanälen und dem Druck, „alles auch in Bio“ anzubieten. Das Interview führte Peter Jossi.

bioPress: Die Bio-Bewegung ist in ihren Anfängen mit einem hohen Qualitätsanspruch bezüglich Vollwertigkeit und Natürlichkeit der Lebensmittel angetreten. Wie sieht dies heute aus und was sind die Zukunftsperspektiven?

Beck: Vor wenigen Monaten besuchte ich ein ‚altes‘ Unternehmen der Reformwarenbranche. Ich war erstaunt zu sehen, mit welch klarem inneren Kompass dort mit der Produktentwicklung umgegangen wird. Diese Prägung aus dem ‚Naturalismus‘ im Sinne von ‚lasst die Nahrung so natürlich wie möglich‘ ist eine echte Orientierungsgröße.

In der Biobranche insgesamt ist diese Orientierung in den letzten Jahren teilweise abhanden gekommen. Die Anforderungen verlangen Biorohstoffe und schränken die zulässigen Zusatzstoffe stark ein, ansonsten sind viele Angebote fast wie die konventionellen Vergleichsprodukte. Das ist nicht wenig! Die Ansprüche der organisierten Biobewegung gemäss den Leitlinien der IFOAM (Weltdachorganisation der Biobewegung) wie schonende Verarbeitung, Gesundheit oder Gerechtigkeit bleiben jedoch oft auf der Strecke.

bioPress: Welche Biolebensmittel-Verarbeitung ist erwünscht und welche technologischen Entwicklungen sind dafür förderlich?

Beck: Ich gehe da gerne mit einer These rein: Erwünscht ist eine Verarbeitung, welche die Nahrhaftigkeit der Lebensmittel erhält oder sogar fördert und auf umweltfreundlichen Produktions-, Verarbeitungs- und Distributionsmethoden beruht. Das ist der Maßstab, den es immer wieder neu zu diskutieren und zu erringen gilt.

bioPress: Neue wissenschaftliche und technologische Kenntnisse helfen dabei, Verarbeitungsprozesse besser zu verstehen - welche Chancen, welche Risiken entstehen daraus für die Bioverarbeitung?

Beck: Die Weiterentwicklung der Bioverarbeitung bekommen wir nur hin, wenn klare und griffige Eckpunkte definiert sind und deren Realisierung sich mit Daten belegen lässt. Das muss wissenschaftlich, technisch und systematisch erarbeitet werden. Gelingt dies, gibt es eine Chance für eine gewisse Neuausrichtung. Wenn nicht wird das Thema Bioverarbeitung keine echte Weiterentwicklung erfahren.

Dabei muss es gelingen, einen ganzheitlichen Qualitätsanspruch zu halten. Mit einem auf die stoffliche Betrachtung und auf Risikovermeidung reduzierten Qualitätsbegriff gehen wir unter. Wenn wir die schöne konventionelle Warenwelt einfach in Bio reproduzieren, können wir keine neue Akzente setzen.

bioPress: Oft wird auf polemisierende Weise zwischen handwerklicher und industrieller Verarbeitung unterschieden - gibt es nicht auch schlechte gewerbliche und auf der anderen Seite hoch stehende industrielle Verarbeitung?

Beck: Natürlich gibt es Industriebetriebe, die super Qualitäten produzieren und Handwerker, die es nicht können - und umgekehrt. Gut und schlecht ist keine Funktion der Grösse. Unterschiedliche Strukturen bringen jedoch unterschiedliche Chancen und Risiken in Hinblick auf die Qualität mit sich. So nah und individuell, wie die Produktion in einem Handwerksbetrieb, ist dies in der Industrie einfach nicht machbar. Die Frage ist, ob die gewerblichen Betriebe dieses Potential ausschöpfen.

Die Biobranche war immer verknüpft mit politischen Ideen und geprägt vom Slogan small is beautifull. Gemessen an vielen Pionier-Ideen, scheint mir die Branche an ihren Maßstäben gescheitert zu sein. Es ist jedoch auch die Dynamik des Marktes, welche Rationalität und Effizienz einfordert. Eine seit jeher erwünschte Herausforderung ist heute zu- dem umsetzbar geworden: Die ökologischen Methodik möglichst schnell allen Menschen der Erde zur Verfügung zu stellen. Wenn wir 100 Prozent Bio wollen, braucht es dazu auch die großen Akteure. Gelingt diese Ausweitung, entsteht außerdem Freiraum für neue qualitative Differenzierungen und Vertiefungen.

bioPress: Die EU-Bioverordnung (Basis für die CH-Bioverordnung) definiert über die wichtigsten Bio-Grundsätze hinaus relativ wenige Vorgaben im Bereich Verarbeitung. Welche neuen Akzente setzt die angekündigte neue Version der EU-Bioverordnung?

Beck: Die neue EU-Bioverordnung setzt einen wichtigen Akzent. Sie bestimmt einen deutlich restriktiveren Umgang mit konventionellen Aromen und führt eine genauere Bestimmung für ökologische Aromen ein. Weitere Details sind beispielsweise die Einführung genauerer Regeln für die Reiningungs- und Desinfektionsmittel sowie Klärungen der Vorgaben für Babynahrung.

Geplant ist zudem eine Erweiterung des Geltungsbereiches und eine Stärkung der unternehmerischen Verantwortung, wenn es zu Abweichungen (non compliance) kommt. Aus meiner Sicht eine etwas unglückliche Art von Maschinenstürmerei ist der Ausschluss von Nanomaterial, denn es ist gar nicht klar definiert, was man darunter in der Praxis genau zu verstehen hat und was nicht.

Peter Jossi

 

15 Jahre AöL - Bio liegt uns am Herzen

Vor 30 Jahren wurden sie noch zu Spinnern erklärt, heute haben Hersteller ihre Bio-Lebensmittel fest im Markt etabliert. Doch wie war das damals genau? Und wie wird Bio in Zukunft sein? Diese Fragen beschäftigten unsere Mitglieder zu ihrem 15-jährigen Jubiläum, das im Herbst 2017 in Fulda gefeiert wurde. Der zum Jubiläum im Herbst 2017 erstellte Kurzfilm zeigt eine Übersicht zum Verband, seinen Mitgliedern und den AöL-Aktivtäten.
http://www.aoel.org/



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