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Leidenschaft für Landwirtschaft

Regionalmarkt Hohenlohe zieht Kunden aus aller Welt an

Der Regionalmarkt Hohenlohe an der A6 in Wolpertshausen ist ein Projekt der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH). Seit 2007 zieht die von ihrem Gründer und Vorstandsvorsitzenden Rudolf Bühler entwickelte Kombination aus regionaler Markthalle und Restaurant, Biergarten, Grünem Klassenzimmer und E-Tankstelle Besucher aus aller Welt an.

Beim Betreten des Marktes gelangt man in die bäuerliche Welt von Hohenlohe: Die Wände sind bemalt mit heimischen Schweinen, Kühen, Wiesen und Wäldern, die Verkäufer tragen rot-weiß-grüne Trachten, in den Regalen stehen 4.000 Produkte regionaler Hersteller. Das Kernsortiment – Fleisch- und Wurstprodukte – stammt von der BESH, der mittlerweile 1.450 Landwirte angehören. Seit drei Jahren ist Rudolf Bühlers Frau Cristina Marktleiterin.

Cristina Bühler (Marktleiterin des Regionalmarkts Hohenlohe)

Die gebürtige Rumänin sieht sich an erster Stelle immer als Bäuerin, ist sie doch selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen. Daher habe sie auch ihre „Leidenschaft für die Landwirtschaft“.  So kümmert sie sich neben ihrer Arbeit im Regionalmarkt auch um ihren eigenen Hof in Rumänien, den sie zurzeit auf Demeter umstellt. In Zukunft will sie dort auf 60 Hektar ökologische Landwirtschaft betreiben und Soja, Kräuter, Obst und Gemüse anbauen. „Ich möchte dort zeigen, wie eine ökologische Landwirtschaft erfolgreich betrieben werden kann“, so Cristina Bühler.

Mit dem Regionalmarkt wolle sie in erster Linie bäuerliche Produkte bestmöglich vermarkten. Die Höhe des Umsatzes, der im letzten Jahr 7,5 Millionen Euro betrug, sei weniger relevant. Viel wichtiger sei ihr, dass regelmäßig Landwirte aus der Region zu ihr kommen und ihre Produkte zur Listung vorstellen. Eines davon ist zum Beispiel Gsälz, eine regionale Konfitüre aus der Kräuterwerkstatt Roth am See. Um zu sehen, woher die Ware stammt, besuchen Cristina Bühler und ihre Mitarbeiter die Produzenten. „Bei Bedarf unterstützen wir sie auch bei der Gestaltung der Etiketten und achten darauf, dass die Produkte eine EAN-Nummer erhalten.“

Großes Lieferantennetz

Das Warenwirtschafts- und Kassensystem wurde von Edeka übernommen, die seit Beginn Partner des Regionalmarkts ist und ihn als Zusatzlieferant versorgt. Die Zahl der Lieferanten für die insgesamt 12.000 Artikel ist umfangreich. Den Großteil der Bio-Produkte erhält der Markt von Pack’s an, Ecoplus sowie Gesund und Leben. Vieles wird direkt beim Hersteller bestellt, zum Beispiel die Produkte von BioGourmet und Lebensbaum.

„Über unsere Preise, Produktplatzierungen und Sortimente entscheiden wir selbst. Das Angebot ändert sich ständig, denn wir wollen immer die besten Erzeugnisse anbieten und das sind nur die, von denen wir und unsere Mitarbeiter überzeugt sind“, sagt sie. Die Preisgestaltung werde nicht an Warengruppen festgemacht, sondern an jedem einzelnen Produkt. Cristina Bühler will eine Balance zwischen Erzeuger, Regionalmarkt und Verbraucher aufrechterhalten.

In den Regionalmarkt gelangt man durch die vielseitige Obst- und Gemüseabteilung. Hier können die Kunden bei Bio etwa zwischen Fenchel, Auberginen, Champignons, Radicchio, Peperoni, Avocados, Kiwis, Ananas, Aprikosen, Wirsing und verschiedenen Salaten wählen. Täglich liefern die naheliegenden Sozialtherapeutischen Gemeinschaften Weckelweiler frisches Demeter-Gemüse an.

Das Fleisch- und Wurstsortiment besteht aus rund 800 Produkten der BESH, unter anderem vom Schwäbisch-Hällischen Eichelmastschwein, Schwäbisch-Hällischen Landschwein, Hohenloher Rind und Lamm. Das Angebot reicht von Thekenware bis zur klassischen Dosenwurst, die es auch in Demeter-Qualität gibt.

Auch die nicht Bio-zertifizierten Fleisch- und Wurstprodukte der BESH zeichneten sich durch eine hohe Qualität aus, erklärt Cristina Bühler. Der einzige Unterschied zu Bio-Produkten liege im Futter der Tiere, das konventionell, jedoch gentechnikfrei sei, aber kein Ökosiegel trage.

Die Gewürz- und Kräuterinsel verströmt einen aromatischen Duft. Hier stehen verschiedene Pfeffersorten, Kardamom, Muskat, Nelken, Vanille, Chili und Zimt aus Indien, Montenegro und Sansibar sowie Paprikapulver aus Serbien. Das von Roland Bühler gegründete Unternehmen Ecoland Herbs & Spices arbeitet weltweit mit Erzeugergemeinschaften dieser Länder zusammen und unterstützt bäuerliche Familienbetriebe sowie Kleinbauernkooperativen beim Anbau von Kräutern und Gewürzen in Bio-Qualität. Die Erzeuger erhalten einen Zuschlag von 50 Prozent auf den üblichen Marktpreis.

Bühlers bauen auch selbst Gewürze an: Neben der nahegelegenen Schweineweide wächst auf sechs Hektar Koriander, verschiedene Küchen-, Heil- und Gewürzkräuter gedeihen im Garten des Regionalmarktes mit dem Grünen Klassenzimmer, das in Kooperation mit Kindergärten und Schulen aus der Umgebung pädagogische Bewusstseinsbildung leistet. Auf den Hohenloher Feldern der BESH-Bauern wachsen außerdem ökologischer Kümmel und verschiedene Senfarten. Sowohl ihre Echt Hällischen Senfsorten als auch ihre Fleisch- und Wurstprodukte werden mit eigenen Gewürzen verfeinert.

„Der direkte Kontakt mit Lebensmitteln ist sehr wichtig, um die Produkte besser kennenzulernen. Deshalb können die Kunden die Rohstoffe auch anfassen“, sagt Cristina Bühler und greift in die Schale mit Senfkörnern. Ähnlich verhält es sich mit dem Getreide: Unter den Behältern mit Weizen, Dinkel und Roggen steht eine Holzmühle zum Mahlen bereit.

Olivenöle liefern griechische und italienische Bauern. „Ich bin stolz auf unsere Kontakte mit Landwirten aus anderen Ländern“, sagt sie. „Der Regionalmarkt soll sich als bäuerliches Zentrum weiterentwickeln und unsere ländliche Kultur weitertragen.“

In der Käsetheke werden alle Spezialitäten aus der Dorfkäserei Geifertshofen angeboten, darunter elf Sorten Bio-Heumilchkäse von Hohenloher Bauern. Neben ihnen sind weitere Produkte aus der Region platziert.

An der Wand hinter dem Getreideblock liegen Bio-Eier, unter anderem vom Uhlbachhof, der seine Produktion gerade auf Demeter umstellt. Rudolf Bühler: „Wir unterstützen die Umsteller in unserer Region vom ersten Tag je nach Situation. Hier zahlen wir den vollen Bio-Preis von Anfang an.

Außerdem erhält der Hof zwei Jahre lang je 35.000 Euro von der Alnatura-Stiftung als Beihilfe. Zusätzlich sorgt die BESH mit 100.000 Euro für eine Kredit-Zwischenfinanzierung.“ Um die Umstellung auf Bio-Betriebe zu kompensieren, brauche es Maßnahmen wie diese. Rudolf Bühler setzt sich seit fast 30 Jahren in der Region dafür ein. Heute gibt es in Hohenlohe bundesweit die meisten Bio-Betriebe.

Dass zur bäuerlichen Tradition auch Literatur gehört, wird den Kunden, zu denen auch Geschäftsleute und Touristen aus den USA, Russland und China zählen, spätestens im Kassenbereich bewusst. Neben Souvenirs wie Hohenloher Bauernhüten, Körben, Stoffschweinen oder Holzfiguren gibt es Bücher von den Landfrauen, regionalen Autoren und der BESH.

Seit Neuestem befindet sich auch die Post im Regionalmarkt. Nachdem die Filiale in Wolpertshausen schließen musste, hat der Bauernladen mit ihr einen weiteren Anziehungspunkt für die 2.000 Einwohner-Gemeinde. „Die Pakete für die Bestellungen aus unserem Onlineshop können wir jetzt direkt von hier versenden“, sagt Cristina Bühler. Täglich gingen rund 40 Aufträge ein.

Insgesamt arbeiten im Regionalmarkt und Restaurant Mohrenköpfle rund 90 Mitarbeiter. Ihre Trachten mit traditioneller Musterung hat Cristina Bühler selbst entworfen. „Es ist mir wichtig, dass wir unsere bäuerliche Kultur  sichtbar machen. Die Kleidung empfinden auch die Mitarbeiter als etwas Besonderes.“ Eine gewisse Leidenschaft für Landwirtschaft dürfe aber nicht fehlen: „Für uns arbeiten nur Angestellte, die Lebensmittel zu schätzen wissen.“

Sina Hindersmann
 


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