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Editorial Ausgabe 85/Oktober 2015, 4. Quartal

Liebe Leserin, lieber Leser!

Nicht alles, was groß ist, ist großartige Bio-Vermarktung. Wir wissen, dass Bio in allen Lebensmittel-Vertriebskanälen heute eine Rolle spielt. Die Frage ist, wie oft,  wie die Spiele ausgetragen werden. Wissen die Akteure, was sie in den Händen halten? Und sind sie dann auch ehrlich gegenüber der Sache? Diese Frage stellt sich nicht nur beim Anblick mancher Halbherzigkeit bei der Gestaltung von Biosortimenten im herkömmlichen Supermarkt. Auch im traditionellen Bio-Vertriebskanal ist so manches im Argen.

Während die einen beim Service punkten und die Bio-Vielfalt vernachlässigen, rutschen die anderen in puncto Qualität und Kundenzuwendung ins Abseits. Nicht jeder studierte Sozialwissenschaftler eignet sich in der Rolle der Kaufleute. Andererseits sind heute nicht alle Kaufleute in der Lage, ihre Riege auf einem wirklich hohen Label zu vertreten.

Kundenzuwendung, Sortimentshoheit und Verbrauchererwartungen sind selten ein hoch angesehenes Thema. Meist geht es um Effektikvität, Abhängigkeit von der Vorstufe und Industriegläubigkeit. Gerne orientiert man sich an Werten, die einem geliefert werden. Weniger um Werte, die man sich selbst hart erringen muss.

So kommt es, dass sich der Fachhandel über eine Vorstufe freut, die ihm wenig Arbeit und Verantwortung abverlangt. Hauptsache, es kommen möglichst we­nig Regallücken und Fehllieferungen vor. Viel Arbeit ist verpönt! Da loben wir uns die seltenen aufopferungsfähigen Ausnahmen, die sich rühmen, möglichst viele regionale und handwerklich hergestellte Lebensmittel zu listen, deren Summe sich noch dazu wöchentlich oder gar täglich verändert. Ist es wahr, dass individuell geführte Supermärkte höhere Jahreserträge pro Quadratmeter erwirtschaften können, als die von den Systemen der Vorstufe Abhängigen?

Da mag der Streit, wer ein klein wenig besser dasteht, der Bio-Fachhandel oder der herkömmliche Lebensmittelhandel, müßig sein. Die Wahrheit ist, es gibt zu viele Systemabhängige und wenig Kaufleute!

Auch wenn die Weltverbesserer die Sache in die Hand nehmen, wird es für den Verbraucher kein bisschen erträglicher. Dann muss nämlich er den Preis bezahlen! Wer das kann, ist gut dran! Bleibt jedoch die Frage: Ist Bio nur für jene eine Option, die bei ihrer Ernährung nicht auf den Geldbeutel schauen müssen? Oder interessiert uns noch die Tatsache, dass ein Super-Biokäse dem Bauern die höchste Milchquote einbringt und dem Verbraucher dennoch den günstigsten Preis abverlangt? Ist alles nur ein Geschäft, das sich um so mehr rentiert, je mehr Hände mitmischen und daran verdienen? Einer jubelt den andren nach vorne und alle fühlen sich wohl dabei?
Wenn sich das uralte Geschlecht der Kaufleute mit der noch urgründigeren Bauernschaft verbündet und die moderne Logistik einbezogen wird, kann das die Marktsituation vollständig verändern.

Mithilfe der IT-Techniken steht uns eine Vernetzung ungeahnten Ausmaßes be-vor. Egoismen werden einfach verdrängt. Direkte Marktbeziehungen finden zusammen und interagieren untereinander. Entstehen daraus die Gewinner von Morgen?

Was gestern noch wegen des zu hohen Aufwands für einzelne Akteure im Handel zum Scheitern verurteilt war, könnte morgen schon eine unerwartete Chance erleben. Etwa wie bei den Produzenten. Sie mussten ihre Ernten so lange an die Einkäufer abgeben, bis ihnen die Moderne einen direkten Zugang zu den Märkten ermöglichte. Plötzlich kommen Produkte bei uns an, die qualitativ höherwertig sind, weil ihre Rohstoffe nicht vom Zwischenhandel zusammen geschüttet werden und zur Mittelmäßigkeit und gar Minderwertigkeit verkommen.

Hatten bis vor einigen Jahren nur große zentral organisierte Systeme die Hoheit über die Märkte, sorgen heute effiziente Informationstechnologien und Mikrosysteme in der Logistik für eine nie dagewesene Unabhängigkeit. Nicht nur die Konsumenten profitieren vom Internet. Auch der Einzelhandel kann sich diese Plattform zu eigen machen. Er muss seine zentrale Rolle als (Bio-)Verteiler nur neu definieren.

Erich Margrander 
Herausgeber


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