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Nachhaltigkeit

MRE-Problematik macht vor Bio keinen Halt

Laut einer Untersuchung des norddeutschen Labors LADR GmbH Medizinisches Versorgungszentrum Dr. Karmer und Kollegen sind 20 Prozent des Bio-Putenfleischs mit multiresistenten Erregern (MRE) belastet. Für die Bestimmung der genauen Resistenz der Keime wurden Antibiogramme durchgeführt, ein Verfahren aus der Humanmedizin. Diese Methode gibt Auskunft über die Widerstandsfähigkeit der Antibiotika gegenüber Keimen.

Bei Beachtung der Küchenhygiene sind multiresistente Erreger im Allgemeinen keine Gefahr für gesunde Menschen. Allerdings können sie lebensgefährlich für Kinder, alte und immunschwache Menschen werden. Die Resistenz bei Mensch und Tier steigt immer weiter an.
In der ökologischen Landwirtschaft unterliegt die Verwendung von Antibiotika strengen Richtlinien, eine prophylaktische Vergabe und eine Dauermedikation ist nicht möglich, dennoch kann ein Befall mit MRE dadurch nicht ausgeschlossen werden.

Die genaue Herkunft der MRE lässt sich nicht ermitteln, da die Erreger in der gesamten Umwelt existieren. Ein möglicher Verschleppungs- und Eintragsweg kann die ausgebrachte Gülle der konventionellen Landwirtschaft auf benachbarten Feldern sein. Durch die Luft werden die Erreger auf die Felder der Bio-Landwirte übertragen. Auch über die Luft verbreitet werden die Erreger aus den Abgasen von großen Ställen, in denen konventionelle Landwirtschaft betrieben wird.

Der Transport von Tieren ist ein weiterer möglicher Übertragungsweg. Tiere aus konventioneller und ökologischer Haltung werden teilweise in den gleichen Fahrzeugen transportiert - zwar nicht zur selben Zeit. Aber durch zu geringe Desinfektion können trotzdem Keime übergehen. Bei der Schlachtung ergibt sich ein ähnliches Bild. Anlagen, die für die konventionelle Schlachtung und die von Bio-Tieren genutzt werden, sind mögliche Übertragungsstellen.

Umstellerbetriebe tragen ein Risiko, wenn eine unzureichende Zwischendesinfektion stattfindet. Aber auch beim Verkauf können die Erreger von belastetem Fleisch auf unbelastetes übergehen. Auch Personen, die in der Landwirtschaft arbeiten oder auf anderen Wegen kontaminiert wurden, verschleppen die Erreger.

Das Hauptproblem ist die große Besatzdichte bei konventionellen Mastbetrieben, durch die die Krankheitsanfälligkeit erhöht wird. Antibiotika werden hier im hohen Maße verabreicht und das bei zu vielen Tieren und auf zu lange Zeit. Aber auch der Stress durch zu wenig Platz, zu wenig Auslauf und falsches Futter begünstigen die Anfälligkeit der Tiere. In Betrieben mit einer kleinen Anzahl an Tieren haben die Landwirte eine bessere Übersicht und können sich mehr um das einzelne Tier kümmern. Auch können bei kleineren Beständen alternative Therapieansätze besser durchgeführt werden.

Ein wichtiger Lösungsansatz liegt bei der Verminderung des Einsatzes von Antibiotika in der Veterinärmedizin und in der Humanmedizin. Zu schnell wird auf Antibiotika zurückgegriffen. Außerdem sollten für die konventionellen Landwirte Standards zur Tierhaltung festgelegt werden. Bei der Züchtung sollte nicht nur die Leistung der Tiere im Vordergrund stehen, sondern auch ihre Robustheit gegenüber Erregern. Mit einer längeren Mastzeit kann die Anfälligkeit für Krankheiten reduziert werden.

„Die einzige umfassende Lösung wäre es, das Problem an der Wurzel zu packen und die Ursachen der Keimentstehung von MRE deutlich zu reduzieren. Dies bedeutet einen drastischen Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in der Veterinär- und Humanmedizin. Dazu muss die gesamte Tierhaltung auf die Gesunderhaltung der Nutztiere zielen,“ erklärt Pressesprecher Gerald Wehde von Bioland.

Um die Bekämpfung von Antibiotika-Resistenzen zu verbessern, hat das Bundeskabinett im Mai die Deutsche Antibiotika -Resistenzstrategie (DART 2020) beschlossen. Der Grundsatz, nach dem gearbeitet wird, ist der One-Health-Ansatz. Dabei arbeiten die Ministerien für den human- und veterinärmedizinischen Bereich zusammen in einer Arbeitsgruppe zur Reduzierung von Antibiotikaresistenzen und unterstützen auch internationale Organisationen.

Ein weiteres Ziel ist der Ausbau der Überwachungssysteme, damit Resistenzen und neue Erreger früh erkannt werden. Die daraus resultierenden Daten stehen der Forschung zur Verfügung, um Präventionsmaßnahmen entwickeln zu können.

Unter dem Punkt Therapie-Optionen erhalten und verbessern soll das Antibiotika-Verbrauchs-Monitoring erweitert werden. Die Daten dienen als Grundlage für Investitionsmaßnahmen. Ein weiteres Ziel ist die Verbesserung der Diagnostik und die Förderung bei der Umsetzung von Hygienestandards. Dieser Punkt betrifft auch die Tierhaltung, die in diesem Zuge verbessert werden muss.

Mit zielgruppenspezifischen Informationen sollen das Bewusstsein und die Handlungskompetenz von der Bevölkerung, Tierärzten und in anderen medizinischen Berufen gestärkt werden. Außerdem soll die Forschung unterstützt werden, hinsichtlich der Herkunftsforschung zur Resistenzentstehung und  -verbreitung. Unterstützt wird außerdem die Entwicklung von besserer Diagnostik und alternativen Arzneimitteln.

Multiresistente Erreger sind nicht allein ein Problem der Lebensmittelbranche. Krankenhäuser und andere Einrichtungen wie Altenheime sind Verbreitungsherde. Damit die Resistenzverbreitung von Antibiotika eingedämmt wird, müssen in der Tierhaltung und Verarbeitung sowie im Lebensmittelverkauf Regelungen verbessert werden. Auch der medizinische Bereich, ob für Tier oder Mensch, muss Hygieneregelungen überdenken und deren Einhaltung konsequenter verfolgen.

Leonie Sommer

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