Start / Ausgaben / BioPress 73 - November 2012 / Kleinbauern produzieren Bio Kaffee-Spezialitäten

Kleinbauern produzieren Bio Kaffee-Spezialitäten

Kaffeehändler Santa Rosa in Honduras mit Qualität und Zertifizierung von Kleinbauern erfolgreich

Ein junges Exportunternehmen im armen Westen von Honduras richtet sich komplett auf die international wachsende Nachfrage nach Spezial- und zertifizierten Kaffees aus und wächst in Riesenschritten. Viele Kleinbauern erzielen höhere Einkommen, weil ihr Kaffee besser bezahlt wird.

Mehr als die Hälfte der etwa acht Millionen Einwohner von Honduras lebt in Armut. Das bedeutet entsprechend der UN-Definition, dass sie mit weniger als zwei US Dollar pro Tag auskommen.

Die Zeitungen sind voll mit Berichten über organisierte Kriminalität, Korruption, Morde und Drogenhandel. Selbst über Tags gehen die Menschen in den großen Städten San Pedro Sula und Tegucigalpa aus Angst vor Überfällen nur ungern zu Fuß. Noch vor Sonnenuntergang schließen viele Geschäfte. Aus Angst. Wer es sich leisten kann, stellt einen bewaffneten Wachmann an.

Honduras ist arm

Ein Drittel der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft und zwei Drittel der Exporterlöse sind Agrargüter. Eine leistungsstarke Textilindustrie produziert für viele bekannte Marken. Ebenso gehen Möbel aus Honduras in alle Welt. Das zeigt, dass es in Honduras Handfertigkeit und Industrie-Knowhow gibt.

In der Nähe der Fabriken sieht man jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang hunderte emsige Menschen zu Fuß oder in Kleinbussen auf dem Weg zur Arbeit. Es scheint absurd, dass Honduras nicht auf die Füße kommt und auch nicht mit der jahrzehntelangen internationalen Hilfe für die Wirtschaftsentwicklung.

Aber diese Reportage beschreibt eines der vielen Beispiele von erfolgreichem Engagement, wo Menschen vor Ort in Unternehmen, in Gemeindeverwaltungen oder Schulen zeigen, dass ein Wandel möglich ist.

Der Westen von Honduras ist Kaffeeregion - trotzdem Armut und Hunger

Der Occidente, der Westen von Honduras, ist ein Bergland mit der Kleinstadt Santa Rosa de Copán als wirtschaftliches Zentrum. Zwischen 900 und 1.600 Metern Höhe bauen 30.000 Kleinbauernfamilien in den oft steilen Hängen Kaffee an. Unter Schattenbäumen wächst überall Kaffee. Die Bauern bewirtschaften überwiegend zwischen einem und anderthalb Hektar Land, oft zersplittert.

Die Ernte wird von Zwischenhändlern aufgekauft. Nur 20 Prozent der Bauern sind in Kooperativen organisiert, die eigene Erfassungsstellen und Trocknungsanlagen betreiben. Die nächste Handelsstufe bilden ein halbes Duzend Exportfirmen, die überwiegend multinationalen Konzernen angehören.

Bei den derzeit hohen Kaffeepreisen erwirtschaftet ein Bauer auf 1,5 Hektar Land im Durchschnitt nach Abzug von etwa 60 Prozent Kosten auf den Rohertrag ein Jahreseinkommen von 1.600 US Dollar. Das ist wenig, um gut zu leben.

Honduras ist ein teures Land. Die Handelsspannen scheinen großzügig und viele Produkte in den Einzelhandelsgeschäften sind teurer als in Europa. Bauernfamilien geht es oft nur in den Monaten der Kaffeeernte und -verkaufs gut. Wer ausgemergelte, von Hunger, Fehlernährung und Knochenarbeit gezeichnete Menschen sehen will, der reist am besten nach Honduras. Viele löschen den Frust mit billigem Alkohol. Ein weiteres Problem.

Trend, Überzeugung und Initiative

„Die Welt des Kaffees hat sich gewandelt“, sagt Douglas Urquia, Gründer und Geschäftsführer von Beneficio Santa Rosa S.A.. „Früher war es so: Die Bauern verkauften ihren Kaffee meistens an Zwischenhändler. Den in größere Chargen zusammengefassten Kaffee lieferten die Zwischenhändler an Exporteure.

Für die Bauern gab es einen Preis, aber sie wussten nicht, ob der gut oder schlecht war und wie er zustande kam. Die Kaffeeexporteure kannten nicht die Bauern, weil der Kaffee als anonyme Massenware angeliefert wurde. Auch fehlte es überall an Infrastruktur, um den Kaffee erntenah zu schälen, zu waschen, zu trocknen und fachgerecht zu lagern.

Die im Ursprung oft noch guten Qualitäten von Kaffee gingen vielfach durch Mischen und Verderb verloren. Im Ausland hatte Kaffee aus Honduras wegen der mangelhaften Nacherntebehandlung einen schlechten Ruf.“

Seit Ende der 90er Jahre wandelte sich der weltweite Kaffeemarkt. Neben den gewohnten  Standards von Rohkaffee suchten immer mehr Importeure und Röster sogenannte „differenzierte Kaffees“, für die ein Preiszuschlag bezahlt wird.

Das sind auf der einen Seite Chargen von Spezialkaffee mit besonderer Geschmacksqualität und auf der anderen Seite Kaffees, die aus einem Anbau stammen, der nach ökologischen oder sozialen Standards zertifiziert ist (UTZ, Rainforest Alliance, Bio, Fairer Handel, 4 C, Coffee Practices).

Douglas Urquia erklärt, wie dieser Wandel den Anstoß für die eigene Unternehmensgründung gab: „2001 wurde in Honduras ein internationaler Kaffeewettbewerb, eine tasa de excelencia, organisiert. Der Wettbewerb zeigte klar und deutlich, dass auf der einen Seite Muster von definierten kleinen Chargen guter Qualität und mit Herkunftsnachweis fehlten und auf der anderen Seite gab es im Land nicht genügend Kaffeeverkoster.

Das professionelle Wissen über Kaffeeverkostung und -qualitäten war seit langen Jahrzehnten versteckt und exklusiv in den Händen weniger Verkoster der Exporteure.“ Diese erkannten Defizite waren eine Chance. Mit Unterstützung von ACEID, der spanischen Agentur für internationale Zusammenarbeit, wurde vom seinerzeit noch halbstaatlichen nationalen Kaffeeinstitut IHCAFE im Jahr 2002 ein Programm für die Ausbildung von Kaffeeverkostern gestartet.

Douglas Urquia: „Ich arbeitete bereits in der Kaffeebranche und war einer der ersten Kursteilnehmer. Mit den ausländischen Ausbildern erkannten wir im Kurs, dass viele unserer Kaffees wirklich gut waren und sogar Spezialkaffees aus Guatemala und Kolumbien übertrafen.

Gleichzeitig war interessant, dass die Bauern und Bauernkooperativen, welche die Kaffeemuster für den Kurs lieferten, sehr an dem Ergebnis der Verkostungen interessiert waren und auch an Diskussionen über Möglichkeiten, die Qualität der Kaffees im Anbau zu beeinflussen.“

Douglas Urquia erkannte die Marktchance und auch die Möglichkeit, durch den Export von hochpreisigen Kaffees das Einkommen der Bauern nachhaltig zu verbessern. Er startete 2004 die Kaffeefabrik und Exportfirma Beneficio Santa Rosa S.A. ( BSR).

Bereits 2005 wurden die ersten Spezialkaffees verkauft. Aus den Anfängen in einem kleinen Schuppen wurde in wenigen Jahren ein Industriekomplex. Die Aktiengesellschaft hat heute neun Miteigentümer und die Zahlen verdeutlichen den Erfolg.

BSR S.A. baut direkte Beziehungen von den Bauern bis zu den Abnehmern im Ausland auf und setzt auf ein Marketing-Mix, das den neuen Markt konsequent bedient.

Transparenz in der Preis- und Konditionenpolitik: Der Handel ist offen. Die Kalkulation von BSR geht vom Bauern bis zum Käufer. Verkaufspreis, Logistik, Transport. Alle Kosten werden transparent kommuniziert. Das Unternehmen selbst kalkuliert für jede Mengeneinheit Kaffee mit einer festen absoluten Marge. Das ist in Honduras ein einzigartiges Vorgehen.

Ausrichtung auf Qualität: Beneficio Santa Rosa bedient den Markt für hochpreisige Kaffees. Mit den Käufern werden entsprechende Kontrakte vereinbart. Deshalb sind alle Erfassungs- und Aufbereitungsschritte auf die Erfüllung der Verträge und der darin festgeschriebenen Qualitätskriterien ausgerichtet. 
Rückverfolgbarkeit: Eine Grundvoraussetzung, um nicht im Massenmarkt zu verkaufen, ist die Rückverfolgbarkeit jeder Charge.

Konstanz: Im Westen von Honduras kann man auf einer Finca aufgrund der klimatischen Bedingungen und der Bodenqualitäten jedes Jahr eine gleichbleibend gute Kaffeequalität ernten. Aber dafür müssen die Bauern die Fincas sorgfältig und gleichmäßig bewirtschaften. Auch in allen anderen Schritten der Kaffeeaufbereitung wird auf konstantes und gleichmäßiges Arbeiten mit der Ware Kaffee geachtet, um die in den Lieferverträgen definierten Kaffeequalitäten jedes Jahr zuverlässig zu erfüllen.

Vom Volumen her ist BSR heute die Nr. 8 der Exporteure von Honduras. WEB-Adresse: hyperlink „http://www.beneficiosantarosa.com oder www.beneficiosantarosa.com. Beneficio Santa Rosa ist eine Ausnahme. Für 85 Prozent der Bauern in Honduras hat sich am traditionellen Handelsweg bis heute nichts geändert.

Der größte Teil des exportierten Kaffee ist noch immer konventioneller Massenkaffee. Und das wird auch so bleiben, denn selbst optimistische Stimmen räumen den differenzierten Kaffees ein Potential von maximal 25 Prozent ein. Die etablierten Kaffeeunternehmen müssen ihr Management weiter auf den Massenmarkt ausrichten und haben eine entsprechend andere Kosten- und Ertragsstruktur.

Die Vision und die Strategien der BSR S.A. können kein Vorbild sein. Trotzdem investieren auch die eingesessenen Exporteure in Projekte für die Zertifizierung von Bauern und versuchen, mehr Chargen von Spezialkaffees zu verkaufen, um in ihrem Portfolio das Segment der hochpreisigen Kaffees zu vergrößern.

Beneficio Santa Rosa pflegt Beziehungen und schafft Qualität

Der Newcomer Beneficio Santa Rosa S.A. ist enorm gewachsen, weil die Unternehmenskultur anders ist als das, was die Bauern bisher kannten. Douglas Urquia führt aus: „Wir schaffen ein Beziehungsnetzwerk vom Bauern bis zum Röster. Wir suchen Marktchancen. Entsprechend fördern wir die guten Kaffees unserer Region mit einer faireren Vermarktung, welche der Qualität des Kaffees der Bauern entspricht und diese korrekt vergütet.“

Mit sieben Bauernkooperativen arbeitet BSR in enger Partnerschaft. Aber auch Einzelbauern und einige Zwischenhändler liefern Bauernkaffee an das Unternehmen.

2007 wurde ein weitere Firma, HQC Hondran Quality Coffee, gegründet. Es ist eine unabhängige Firma für die Themen Qualitätsentwicklung und ­-kon­trolle.

Douglas Urquia: „Das war ein wichtiger Schritt, um kompromisslos in Punkto Qualität zu sein, auch nach innen.“ HQC konnte sich in kurzer Zeit als Qualitätssiegel und Garantie bei den Käufern etablieren. Die Firma betreibt nicht nur eine Produktqualitätskontrolle, sondern verbessert die Prozesse. 

Unternehmenskultur und Personalentwicklung

BSR will anders sein. Alle Mitarbeiter sollen ein Team bilden, das sich in einer Haltung von Qualitätsorientierung gegenseitig unterstützt. Aber auch zu den Bauern wie Kunden pflegt das Unternehmen eine respektvolle, geradlinige Kultur von Partnerschaft, die gegenseitige Kritik und Verbesserungsvorschläge einschließt. Deshalb hat die Personalentwicklung einen hohen Stellenwert.

Das Unternehmen beschäftigt 30 feste Mitarbeiter. Niemand wurde von anderen Kaffeefirmen abgeworben. Douglas Urquia beschreibt die Gründe: „Wer in einer anderen Firmenkultur aufgewachsen ist, dem fällt die Veränderung schwer. Bei uns sind die Bauern wie Kunden. Oft kommen sie zur Firma. Wir verkosten den Kaffee und unterhalten uns fachmännisch.

Wenn der Kaffee Mängel hat, dann erklären wir dem Bauern, was er tun kann.“ Douglas Urquia hat lieber branchenfremde Leute eingestellt und angelernt, als sich die Kultur anderer Kaffeeunternehmen ins Haus zu holen. Sein eigenes Wissen und die Firmenphilosophie hat er den neuen Mitarbeitern vermittelt.

In den ersten Jahren arbeitete er deshalb die meiste Zeit im Lager und in der Fabrik. Gemeinsam mit den neuen Technikern hat er Maschinen aufgebaut. So haben sie direkt von ihm und durch learning by doing gelernt, auch den Umgang mit den Bauern.

Schwierigkeiten und Herausforderungen

Der Erfolg ist hart erarbeitet für BSR und für die Bauern. Alle Beteiligten setzen auf den Verkauf von guten und besonderen Qualitäten. Die Prozesskosten sind in der Kaffeeerfassung und -aufbereitung sowie durch die Zertifizierung grundsätzlich höher als bei der Lieferung von Kaffee für den Massenmarkt, wo große Volumina anonym von einer Hand in die nächste gereicht werden.

Es bleibt eine zeitaufwendige Herausforderung, die Bauern zu organisieren, damit sie kleine Genossenschaften gründen. Diese bauen Erfassungszentren und Trocknungsanlagen für Kaffee. Janny Torres, verantwortlich für Verwaltung und Logistik, erklärt: „Wir müssen Geduld haben mit dem Rhythmus der Bauern, weil wir ihre alten Gewohnheiten verändern.“

Die zertifizierten Bauern erzeugen große Mengen an Kaffee. In der internationalen Vermarktung war und ist es schwierig, die passenden Kunden mit dem entsprechenden Bedarf an guten Qualitäten zu identifizieren. Auch das firmeninterne Management des schnellen Wachstumsprozesses ist eine Herausforderung. Jedes Jahr wird in großem Umfang neu gebaut.

Überzeugung der Kunden

Am Ende entscheiden die Importeure und Röster über den Erfolg eines Kaffeeexporteurs. Die guten Kaffees aus Santa Rosa de Copán werden in die ganze Welt geliefert. Den Kunden Chris Davidson von ‘Atlas Coffee Importeurs LLC” in Seattle, hyperlink http://www.atlascoffee.com und www.atlascoffee.com hat das Team von BSR wie zahlreiche andere mit ihrer besonderen Arbeit überzeugt. Er sagt: „Sorgfalt im Detail, Qualität, die Kenntnisse der lokalen Gegebenheiten und eine geradlinige Kommunikation machen BSR zu einem besonderen Partner in Honduras.

Atlas arbeitet seit 2007 intensiv, um Geschäfte zwischen Röstern in Nordamerika und honduranischen Anbauern von Spitzenkaffees bzw. deren Kooperativen aufzubauen. Oft sind wir vor Ort. Der Lohn für die Arbeit sind die honduranischen Qualitätskaffees in unserem Lager. Ohne den Service von BSR wäre das nicht entstanden.“

Willi Jennissen


Ticker Anzeigen