KarmaKonsum 2012

Gemeinwohl – ein Paradigmenwechsel in Ökonomie und Gesellschaft. So lautete das Schwerpunktthema der sechsten, KarmaKonsum Konferenz, zu der sich Ende Mai 450 Vordenker und Entscheider in Frankfurt trafen. Derzeit wird überall ein verantwortungsvolles, nachhaltiges Wirtschaften gefordert. Aber wie könnte dieses aussehen und was würde es für das Gemeinwohl bedeuten? Mit inspirierenden und spannenden Vorträgen und Podiumsdiskussionen suchten über ein Dutzend Experten aus Forschung, Wirtschaft, Politik und Kultur nach Antworten.

Unter Gemeinwohl versteht man das Beste für eine Gesellschaft oder ein Gemeinwesen. So wie es schon in der Antike als erstrebenswert galt, bietet eine auf das Gemeinwohl ausgerichtete Ökonomie auch heute eine sinnvolle demokratische Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus. Überzeugt davon zeigte sich hier Christian Felber. Der österreichische Autor und politische Aktivist hat zusammen mit zwei Dutzend Unternehmen ein Wirtschaftsmodell entwickelt, das auf den Werten aufbaut und auch zwischenmenschliche Beziehungen gelingen lassen.

Ideen, Wissen und Gemeinwohl gehören zusammen

Unternehmen könnten danach neben der monetären auch eine Gemeinwohl-Bilanz aufstellen, die als Kriterien Lebensqualitäten wie Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, ethisches Beschaffungsmanagement oder Transparenz misst. Je besser diese ausfalle, desto mehr rechtliche Vorteile sollte ein Unternehmen haben. Eine zollfreie Fair-Handelszone, günstigere Kredite, ein geringerer Mehrwertsteuersatz und ähnliches wären geeignete Anreize, um die momentane Barriere für ethisches Wirtschaften zu überwinden und den Wachstumszwang wegfallen lassen. Eine Utopie? Nein, meinte Felber.

Für 2011 hätten bereits 60 Unternehmen ihre Gemeinwohl-Bilanz aufgestellt, mit Jahreswechsel habe sich die Zahl an Interessierten schon mehr als verdoppelt.

Dr. Stefan Bergheim vom Zentrum für gesellschaftlichen Fortschritt  stellte weitere, bereits angewendete Methoden zur Messung von Gemeinwohl vor, unter anderem den Fortschrittsindex seiner Organisation. Seit 1970 bewertet dieser über 20 Länder in Bezug auf Einkommen, Gesundheit, Bildung und Umwelt. Ob Staat oder Unternehmen sei es wichtig, seine Visionen zu formulieren. Sie sollten eine persönliche Herausforderung bedeuten, institutionell verankert, in einem überschaubaren Zeitraum erreichbar sein und in fortwährendem Dialog entstehen.

In seiner Begrüßung hatte KarmaKonsum-Gründer Christoph Harrach gesagt: „Wir sollten unsere Ideen ebenso wie unser Wissen offen und positiv in die Gesellschaft geben.“ Die weiteren Vorträge spiegelten diesen Ansatz ebenfalls wieder.

Nach Ansicht von Michael Naberhaus (Smart CSOs) können der Markt und die Politik die großen Herausforderungen der Zeit nur zusammen mit der Gesellschaft lösen. Es müsse eine globale Bürgerbewegung entstehen und die verschiedenen Perspektiven vereinen, was man durch ein vernetztes Denken in Unternehmen, kulturelle Transformationen und mutige Innovationen anstoßen könnte.

Angesichts der wachsenden Komplexität der Welt sollten dezentrale Lösungen und eine vernetzte Produktivität die klassischen Managementstrukturen ablösen, meinte auch der Kommunikationswissenschaftler Prof. Rainer Zimmermann.

Dass dies Erfolg haben kann, zeige das Beispiel Lego, die ihre Modelle neuerdings nach Kundenvorschlägen entwickeln und dank der entstandenen Community den Weg aus der Krise geschafft hätten. Nikolay Georgiev (OSE Europe) plädierte gar für eine Open-Source-Ökonomie:

Mit dem Ziel nach mehr Gerechtigkeit sollten ökologische, soziale und technische Systeme öffentlich verfügbar werden. Indem Nutzer Verbesserungen und Weiterentwicklungen ihrerseits frei zugänglich machten, würden sich schnellere und nachhaltigere Innovationen erreichen lassen.

Gemeinwohl ersetzt Profitmaximierung

Nach den Ergebnissen der goodpurpose-Verbraucherstudie von der Kommunikationsberatung Edelmann fordern Verbraucher nicht nur mehr Nachhaltigkeit und Gemeinwohlorientierung, sondern honorieren dies auch durch Kauf und Weiterempfehlung.

Verschiedene, auf der KarmaKonsum vorgestellte Praxisbeispiele bestätigten diesen Trend, seien es die Spar-da-Bank München, die schon heute eine Gemeinwohlbilanz nach Felber aufstellt, das zehnjährige Bestehen der Getränkemarke Premium Cola, die auf Profitmaximierung und aggressives Marketing verzichtet, oder die EWS Schönau als genossenschaftlicher grüner Stromanbieter.

Abgerundet wurde die Veranstaltung mit der Verleihung des Gründer-Award zur Förderung von öko-sozialen Existenzgründungen an die Firma mundraub, dem GreenCamp als Ideen- und Networking-Börse mit Workshops, einer begleitenden Ausstellung sowie aufmerksamkeitsstarken City-Aktionen.

Bettina Pabel


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