Start / Ausgaben / BioPress 68 - August 2011 / Tante Emma wiederbelebt

Tante Emma wiederbelebt

Neues Bio-Supermarkt-Format der Rewe legt vielversprechenden Start hin

Zwei Temma-Märkte hat die Rewe 2011 eröffnet: einen in Köln-Braunsfeld und einen in Düsseldorf-Benrath. 2009 war der Pilotmarkt im Kölner Stadtteil Bayenthal an den Start gegangen. Der neue Bio-Supermarkt hat seine Probezeit von einem Jahr bestanden, die Expansion nach eineinhalb Jahren begonnen. Drei Märkte gibt es inzwischen. Bei der Namensgebung stand Tante Emma Pate. Temma ist eine Neuinterpretation auf größerer Fläche, mit größerem Sortiment und mit biologischen Lebensmitteln.


 

Christiane Speck ist die Macherin der Temma des 21. Jahrhunderts. Als Geschäftsführerin der Biokonzept, einer Rewe-Tochter, hat sie ein Konzept für Bio-Supermärkte entwickelt.

Temma ist ein Nahversorger zum Verweilen. Der Markt fungiert als Treffpunkt für das Viertel. Der Einkauf soll hier Spaß machen.

Die moderne Temma ist in dichtbesiedelten Großstadt-Lagen zuhause. Kommuniziert wird im Untertitel des Firmenschildes vor den Märkten „Alles isst natürlich“. Von Bio ist nicht die Rede, weil nicht die Intensiv-Verwender angesprochen werden, sondern die ganze Nachbarschaft.


Die Einrichtung ist spartanisch und deshalb mit moderaten Investitionskosten bei der Multiplizierung verbunden. Das Design überzeugt trotz Schlichtheit. Die Präsentation in der Bedienung, Frische und bei Wein ist hochwertig. Die Atmosphäre licht und freundlich. Der überall angenehm spürbare Platz wirkt entspannend.

Temma war unbekannt

Im November 2009 begann die Geschichte der Temma mit einem Konzept-Markt, direkt neben einem Rewe-Verbrauchermarkt mit hoher Frequenz. „Im ersten halben Jahr blieb der Umsatz unter den Erwartungen. Wir haben wenig Werbung gemacht, weil wir dachten, mit einem Rewe nebenan kommen die Kunden von allein. Temma kannte aber niemand. Manche hielten es von außen für ein Möbelhaus“, erzählt Speck von den Start-Schwierigkeiten und mancher schlaflosen Nacht. Dann hat sich die Geschäftsführerin dazu entschlossen, der Tageszeitung Handzettel beizulegen und brachte Schwung in den Laden. Zusätzlich half dann die Mund-zu-Mund-Propaganda der Stammkunden.

Nach eineinhalb Jahren gibt es drei Märkte. Ein Expansionsplan ist geschmie­det. Der Rewe-Standort in Köln-Braunsfeld beherbergt seit April 2011 einen Temma. Auf 750 Quadratmeter werden 5.000 Bio-Produkte feil geboten.

Christiane Speck blickt vom Bistro im Eingangsbereich über die Fläche. Das Auge reicht durch den gesamten Markt. Wein, Käsetheke, Trockensortiment, Kühlregal, Gemüse-Abteilung und die drei Kassen sind im Blick. Keine übermannshohen Regale versperren die Sicht. „Alles schön übersichtlich. 750 Quadratmeter ist die ideale Größe für das Format“, bemerkt die Managerin.


Das ursprüngliche Konzept ist erhalten geblieben. Der Zugang zum Markt ist barrierefrei, die unverkleidete Decke in anthrazit gestrichen. Die lange Tafel zum Essen und Trinken lebt fort, ebenso eine Probiertheke in der Weinabteilung, das Bistro und die abgegrenzte Naturkosmetik-Abteilung. Die einfachen Metallregale zur Warenpräsentation wurden ebenfalls beibehalten. Sie sind als Inseln pyramidenförmig aufgebaut. Die Flur-Struktur des Supermarktes gibt es hier nicht. Platz zum Rangieren mit dem Einkaufswagen haben die Planer ebenfalls gelassen.

Aus Vierlinden wurde Temma

Der Fußboden wurde anders gestaltet im Vergleich zum Pilotmarkt. Statt Beton und Holz wurden Fliesen verlegt. Das hatte aber bauliche Gründe. Das Bistro ist geblieben, aber geschrumpft. „Im Bistro wird Ware aus dem Markt verwendet. So lernen die Kunden das Sortiment kennen“. Der Tee in Bedienung wird nun im Anschluss an die Theke des Bistros verkauft und nicht mehr vor dem Tee-Regal. Eine eigene Service-Kraft war nicht wirtschaftlich. Tierfutter und Nahrungsergänzungsmittel wurden mangels Nachfrage aus dem Sortiment gestrichen. 


Bedienung bei Wurst, Fleisch, Käse und Backwaren ist ein Schwerpunkt bei Temma.
Die MyMüsli-Station zum Abholen von Internet-Bestellungen ist aus der Tee-Abteilung in die Frühstücks-Abteilung gewandert, wo sie hingehört. „Das funktioniert gut. Da gibt es 100 Prozent Übereinstimmung zu unseren Kunden. Viele stellen im Internet ihre Wunsch-Mischung zusammen und lassen sie zu uns schicken zum Abholen. Viele erledigen dann noch ihren Einkauf“, freut sich Speck.

In Braunsfeld wurde, wie auch in Düsseldorf-Benrath, ein Vierlinden-Markt umgeflaggt. „Temma positioniert sich anders als Vierlinden“, erläutert Speck. Vierlinden war das inzwischen eingestellte Bio-Format der Rewe. Das neue Format erreicht nicht nur Bio-Käufer, sondern ist zu einem Nahversorger geworden. Menschen, die einen genussorientierten urbanen Lebensstil pflegen, kaufen dort ein.

Wer vor der Arbeit an der Backtheke sein Croissant holt, in der Frühstückspause sein Klappbrot oder in der Mittagspause einen Kaffee trinkt, dem kann verborgen bleiben, dass hier alles Bio ist. Wer nach dem Bistro-Besuch mit dem Einkaufswagen durch den Markt fährt, findet kein Nesquick, keinen Nescafé, kein Maggi, kein Knorr. „Beim ersten Mal greifen die Kunden nicht zu einer Nudel von Davert, erst beim zweiten- oder drittenmal“, hat Speck beobachtet.


Mit Obst und Gemüse fängt alles an, wenn der Verbraucher den Markt betritt. Aus 140 Artikeln kann der Käufer wählen. Das Gemüse wird gekühlt und befeuchtet, damit es frisch bleibt. Investition und Betrieb sind natürlich teurer. Dafür sind die Abschriften geringer und die Qualität besser. Regionales Bio lautet hier das Credo. Während der deutschen Saison können das dann 80 Prozent aus der Region sein. Spargel und Erdbeeren gibt es dann direkt vom Bauern.

Viel frische Convenience

Direkt neben der O+G-Abteilung geht´s zum Thema Frühstück. Crunchy von Barnhouse, Aufstriche von Rapunzel, Marmelade von Maintal und Müsli von Allos sorgen für Abwechslung auf dem Tisch.

Das Kühlregal bietet Vielfalt von Jogurt bis Tofu. Neben den bekannten Milchprodukten von Andechser und Söbbeke gibt es die Weißenhorner Aufstriche und Desserts. Viel frische Convenience wird geboten wie Teigwaren von Mosna aus dem Rheinland und Hierl aus Bayern. Frische Suppen von Yes Please aus Berlin und Suppenglück aus Nordrhein-Westfalen sind erhältlich. Bei SB-Wurst ist die regionale Großmetzgerei Thönes Natur ebenso im Sortiment wie die Fachhandelsmarke Ökoland. Die mediterrane Linie vertritt Fumagalli aus Italien mit rohem sowie gekochtem Schinken, Salami und Mortadella.


Brottheke, Bistro und Tee in Bedienung bilden eine Einheit, die mit dekorativen Fliesen abgesetzt ist.
Die Tiefkühltruhe ist bestückt mit Eis von ReweBio, Roggenkamp aus NRW, Rachelli und Tofutti als Soja-Alternative. Fisch von Wild Ocean aus nachhaltigem Wildfang und Bio-Fisch von followfish bereichern das Angebot. Der Renner Bio-Pizza von Wagner ist selbstverständlich auch vorhanden.

Im Trockensortiment sind japanische Teigwaren von Terrasana zu finden mit dem Hinweis keine erhöhte Radioaktivität. Von Asia-Spezialist Arche gibt es Reismalz und -Sirup, Miso und Tamari.

Bio-Knabberartikel aus Schweden

Bei den Knabberartikeln führt der Bio-Supermarkt als Besonderheit Lant Chips aus Schweden und Bina aus der Schweiz. Bei den Süßwaren ist Dr. Quendt aus Dresden mit originellen Produkten wie Dinkelchen und Russisch Brot vertreten. Die hochwertigen Duchy Gebäcke aus Groß-Britannien werden vermarktet. Temma bietet die Yogi Tee-Schokoladen. Die Tafeln sind mit Tee aromatisiert. Die Gepa-Schokoladen mit den Attributen fair plus bio gehören zur Pflicht. Zotter aus Österreich präsentiert seine feinen Schokoladen in einer Sonderplatzierung.


Der Bistro-Besucher kann dank niedriger Regale den Markt vor den Kassen bis zur Fleischabteilung überblicken.
Beim Kaffee ist, neben den Standard-Produkten, der lokalen Rösterei Gliss aus Köln Platz im Regal eingeräumt. Der Röster bewegt sich auf Feinkost-Niveau. Michael Gliss hat in der Gourmet-Szene einen Namen.

Für Allergiker gibt es zusätzlich zu den Artikeln im Regal einen Bestellservice, den die Großhandlung Biogarten abgewickelt. Rund 70 glutenfreie Artikel von Rosengarten, Werz und Cenovis können die Kunden beziehen. Die Spanne reicht von Mehl, über Backmischungen bis Süß-Gebäck.

Das gepflegte Weinregal überzeugt mit einem breiten und tiefen Sortiment internationaler Tropfen. Die Kunden honorieren das. Beratung durch fachkundiges Personal und eine Probiertheke beweisen zusätzlich Kompetenz und fördern den Absatz.
 
„Die Theken sind das Herz des Marktes“, betont Speck. Die Wurst- und Fleischtheke wird beschickt von Thönes Natur aus Wachtendonk und der Metzgerei Müller aus Leverkusen als regionale Anbieter und von den Herrmannsdorfer Landwerkstätten aus Bayern. 30 Fleisch- und 30 Wurstartikel liegen in Bedienung aus. Das Sortiment wechselt saisonal. Die Preisspanne reicht beim Fleisch von 9,90 Euro/Kilo für Leber bis 49,90 Euro/Kilo für Roastbeef.

Eine Auswahl von 70 Artikeln in einem wechselnden Sortiment bietet die Käsetheke. Als Winterartikel gibt es zum Beispiel einen drunken (betrunkener) Stilton aus England, so genannt, weil er mit Portwein aromatisiert wird. Den Preiseinstieg markiert der junge Gouda für 9,90 Euro/Kilo und reicht bis 39,90 Euro für einen Manchego aus Spanien. Die Käseländer Deutschland, Österreich, Schweiz, Niederlande, Belgien, England, Frankreich, Dänemark und Spanien versammeln sich im Temma. Das Prepacking wird im Markt erledigt. Dazu ist Temma bio-zertifiziert.

Das tägliche Brot von Backbord

Die Brottheke wird von Backbord aus Bochum beliefert. Die Kunden können in einer Zutaten-Liste genau nachlesen, was drin ist in Baguette, Buttermilch-Brot und Co. „Backwaren reichen nicht für eine rentable Bedienungstheke. Dazu braucht man noch das Bistro mit belegten Brötchen, Pizza, Salaten und Quiche.

Das Sortiment wird über den Bio-Großhandel beschafft. Als Eigenmarke gibt es neben Temma noch ReweBio aus dem Supermarkt. ReweBio dient hier als Einstieg. Der Einkauf von Rewe-Bio und für Temma erfolgt gemeinsam. „Da wächst das gegenseitige Verständnis von Supermarkt- und Fachhandels-Einkäufer“, hat Speck erfahren.

Das Personal hat Temma von Vierlinden übernommen. Einige Mitarbeiter sind freiwillig dankend in konventionelle Märkte zurück gekehrt, weil sie die Arbeit dort mehr mögen. Der Bio-Supermarkt in Braunsfeld liegt mit den Verkaufszahlen nach dem ersten Quartal über dem Soll. Der nächste Temma kommt bestimmt.

Anton Großkinsky


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