Start / Ausgaben / BioPress 68 - August 2011 / Wie sicher sind Bio-Lebensmittel aus Japan?

Wie sicher sind Bio-Lebensmittel aus Japan?

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima sind die Anforderungen an die Qualitätssicherung für Lebensmittel aus Japan gestiegen. Dies betrifft vor allem Teeblätter, Soja und die Produktgruppe der Makrobiotik. Während bisher bereits verarbeitete und verpackte Ware verkauft wurde, steht jetzt die neue Ernte an, die einer möglichen radioaktiven Belastung ausgesetzt gewesen sein könnte. Ein staatliches Kontrollsystem soll dafür sorgen, dass die von der Europäischen Kommission und den EU-Mitgliedsstaaten vorgegebenen Grenzwerte für Cäsium und Jod eingehalten werden. Zusätzliche Labortests von japanischen Exporteuren und hiesigen Importeuren unterstützen die Bemühungen der Behörden.


Aus den bunt eingefärbten Präfekturen kommen Bio-Lebensmittel nach Europa.
 

In den Medien gab es in den vergangenen Wochen immer mal wieder Berichte, wonach in Japan strahlenbelastete Lebensmittel in den Handel gelangt waren. Allerdings beschränkten sich die Lieferungen fast ausschließlich auf den japanischen Binnenmarkt. So berichtete zum Beispiel die TAZ Mitte Juli von radioaktiv verseuchten Rindern, die mit verstrahltem Heu gefüttert wurden. Auch Meldungen über radioaktive Verstrahlung von grünem Tee aus Japans größter Teeanbau-Provinz Shizuoka, die über 300 Kilometer von Fukushima entfernt liegt, lässt aufhorchen, weil dieses Gebiet südlich von Tokio bislang nicht als gefährdet galt. In den Blättern wurden drei Monate nach der Katastrophe statt der erlaubten 500 Becquerel Cäsium pro Kilogramm 679 Becquerel gemessen. Bei der Heuschrecke Naturkost GmbH, Siegburg, ist nachzulesen, dass es sich dabei um Ausreißerwerte bei vorgetrocknetem Aracha-Tee handeln soll, der so nicht in den Handel kommt. Die Relevanz sei umstritten.

Strenge Kontrollen für 14 Präfekturen

Radioaktiv verstrahlte Teeblätter aus Shizuoka wurden Zeitungsberichten zufolge auch bei französischen Einfuhrkontrollen entdeckt. Die EU-Kommission hat daher auch diese Provinz in den Kreis der dann 14 Präfekturen aufgenommen, deren Produkte beim Export in die Länder der Europäischen Union probehalber im Labor analysiert werden müssen, um den Gehalt an den Radionukliden Jod-131, Cäsium-134 und Cäsium-137 zu bestimmen. Bisher galt dies entsprechend der EU-Durchführungsverordnung für Erzeugnisse aus den Präfekturen Fukushima, Gunma, Ibaraki, Tochigi, Miyagi, Yamagata, Niigata, Nagano, Yamanashi, Saitama, Tokio, Chiba und Kanagawa. Letztere ist schon im Mai dazugekommen, weil dort ebenfalls belastete Teeblätter gefunden wurden. Auch diese Region galt zunächst als unbelastet. Die EU-Mitgliedsstaaten hatten damals gleichzeitig beschlossen, die Kontrollen für die Einfuhr von Lebensmitteln aus Japan bis zum 30. September 2011 zu verlängern. Wie das Bundeministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) mitteilt, muss bereits vor der Verladung in Japan sichergestellt sein, dass die Waren keine überhöhte Strahlenbelastung aufweisen.

Keine Gefahr bei Fleisch, Milch und Eiern

Dass Fleisch von verseuchten japanischen Rindern auf den Tellern europäischer Verbraucher landet ist dagegen unwahrscheinlich, weil die Einfuhr von Fleisch und Fleischerzeugnissen derzeit nicht möglich ist. Grund: Japan ist in den entsprechenden Hygiene-Drittlandlisten nicht aufgeführt, so dass auch keine Betriebe für den Import dieser Ware zugelassen sind. Gleiches gilt für Milch und Milcherzeugnisse. Eier und Eierprodukte sind wegen bisher fehlender Drittland-Betriebs-Liste ebenfalls ausgenommen. Weil etwa 60 Prozent der Lebensmittel für die rund 130 Millionen Japaner eingeführt werden müssen, dürfte der Export dieser drei Warengruppen aber ohnehin kein Thema sein. Bei japanischem Fisch hat Greenpeace erhöhte Strahlenwerte von mehr als 1.000 Becquerel gemessen.

Japanischer Exporteur Muso lässt auch Produkte aus sicheren Gebieten prüfen Exportware, die vor dem 11. März 2011 (Tag der Reaktorkatastrophe) geerntet und/oder verarbeitet wurde, muss nach der EU-Durchführungsverordnung nicht beprobt werden. Gleiches gilt für Produkte aus nicht gefährdeten Provinzen. Dennoch analysiert zum Beispiel das japanische Handelsunternehmen Muso Ldt. nach Auskunft des holländischen Bio-Anbieters TerraSana B.V., Leimuiden, alle Produkte, obwohl nur fünf des umfangreichen Sortiments aus den gefährdeten Provinzen stammen. Muso hat eine Karte mit der geografischen Lage der einzelnen Provinzen bzw. Präfekturen entwickelt, die auch auf den Internetseiten der Kunden TerraSana und Ruschin Makrobiotik, Bremen, zu finden ist (s. Abb.). Mit ihrer Hilfe kann festgestellt werden, in welcher Präfektur welche Waren hergestellt werden. Wer auf die Karte klickt, erhält in einem neuen Fenster eine entsprechende Liste. Ruschin berichtet, dass Muso neben den Warengruppen auch die Herstellungsbetriebe auf Radioaktivität untersuchen lässt. Desweiteren auditiere das Unternehmen die Herstellungsprozesse, den Zeitpunkt der Produktion und die Ausgangsmaterialien mit Hilfe der Rückverfolgbarkeitssysteme.

Laboranalysen bei EU-Eingangskontrolle

Nach den obligatorischen Prüfungen durch von der Regierung autorisierten japanischen Lebensmittellaboren und den freiwilligen Laboruntersuchungen im Auftrag von Muso werden nach Auskunft von TerraSana weitere Kontrollen bei ihren Importen aus Japan durchgeführt: auf See durch die Hafenaufsichtsbehörden, bei Ankunft in Rotterdam am Terminal, durch den Zoll und durch die niederländische Lebensmittelüberwachungsbehörde, die Warenproben zur Analyse ins Labor gibt. Japanische Lebensmittel, die auf dem Luftweg den EU-Raum erreichen, werden ebenfalls streng kontrolliert, wie das Beispiel Frankfurt zeigt. Laut hessischem Ministerium für Umwelt, Energie, Landwirtschaft und Verbraucherschutz kommen in der Woche etwa viermal 30 bis 80 Kilogramm Lebensmittel aus Japan am Flughafen an. Sie werden seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima in hessischen Landeslaboren beprobt. Beanstandungen hat es nach Auskunft eines Ministeriumssprechers bislang nicht gegeben. Gemessen an allen Gütern der Land- und Ernährungswirtschaft, die nach Deutschland eingeführt werden, kommen laut BMELF im Schnitt nur 0,1 Prozent aus Japan.

Shimodozono misst Ware am Bestimmungsort

Die Kontrollen an den EU-Außenstellen sind oft nicht die letzten, bevor die Ware in den Handel kommt. So lässt zum Beispiel die Keiko Tee Shimodozono International GmbH, Diepholz, ihre Ware zusätzlich von einem Hamburger Labor untersuchen – und das, obwohl die Bezugsquelle ein Teeanbaugebiet in der Provinz Kagoshima ist, das über 1.000 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt liegt. Ergebnis der Beprobung der ersten Pflückung 2011 laut Prüfbericht: Cäsium 134/137 und Jod-131 liegen unterhalb der Bestimmungsgrenze von drei Becquerel pro Kilogramm. Gleich nach dem Unglück sei die Nachfrage nach Keiko-Tee aus der Ernte 2010 so stark gestiegen, „dass unser Lager so gut wie leer war“. Deshalb seien sofort zwei Lieferungen der alten Ernte nachgeordert worden. Ob die Nachfrage nach Tee aus der Ernte 2010 bleiben wird, sei angesichts der guten Analyse-Ergebnisse und der „traumhaften“ Qualität der neuen Ernte noch ungewiss.

Auch die Arche Naturprodukte GmbH, die japanische Spezialitäten anbietet, wirbt mit unbelasteter Ware. Ein umfassendes und unabhängiges Kontrollsystem sei aufgebaut worden. „Wir akzeptieren bei den Untersuchungsergebnissen auf Strahlung keine Veränderungen zum Status vor dem 11. März. Nur Produkte mit Analysen unter der Nachweisgrenze kommen in den Handel“, heißt es in einer Mitteilung an die Kunden. Bei Heuschrecke gibt es japanischen Tee aus erster Pflückung 2011 aus der Provinz Kagoshima. „Er ist dieses Jahr natürlich auf radioaktive Belastung analysiert worden. Er weist keinerlei Radioaktivität auf: alle Werte liegen unter der Nachweisgrenze.“

Kartierung schützt vor Überraschungen

Grundsätzlich stellt sich natürlich die Frage, ob es ausreicht, den Radius der gefährdeten Gebiete rund um Fukushima so auszuwählen, dass Laboranalysen nur für Import-Waren aus den 14 genannten Präfekturen zwingend vorgeschrieben sind. Mathias Steinhoff, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Öko-Instituts, geht davon aus, dass zunächst getroffene Festlegungen für Beschränkungen der Nahrungsmittelproduktion oder Festlegungen für Nahrungsmittelkontrollen auf Basis einer flächendeckenden Kartierung überprüft und ggf. konkretisiert werden müssen. Die Verhältnisse beim Reaktorunglück in Japan (Windrichtung, Regen) seien aber eher so gewesen, dass der Bereich mit relevanten Bodenkontaminationen von den Anlagen aus in südliche Richtung nur bis in den Großraum Tokio hineinreicht. Um sicherzustellen, dass keine Strahlenbelastung vorliegt, müsse eine flächendeckende Kartierung erfolgen, wie sie zum Beispiel in Südbayern nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl vorgenommen worden sei. Dort gebe es einen bunten Flickenteppich aus niedriger und höherer Belastung. Die sehr unterschiedlichen radioaktiven Belastungen von Flächen kämen durch begrenzte örtliche Niederschläge zustande, die die Radioaktivität aus der Luft gewaschen haben. Auch in Japan könnten Gebiete starker und geringer Belastungen unmittelbar aneinander angrenzen.

Herkunftsnachweise jetzt besonders wichtig

Wichtig sei, einen Herkunftsnachweis für Ware zu führen, die aus gefährdeten Gebieten in den Handel gelangen. Dies sollte durch Messung der Böden und der vor Ort produzierten landwirtschaftlichen Erzeugnisse ergänzt werden. Eine Lebensmittelüberwachung, die erst nach einer Vermischung von Produkten aus unterschiedlichen Provinzen ansetzen würde, wäre nicht effektiv. Steinhoff verweist darauf, dass nach den Berechnungs­vorschriften in Deutschland davon ausgegangen wird, dass Acker- und Weidepflanzen allgemein jährlich nur etwa 5 Prozent der Aktivitätskonzentration des Bodens anreichern. Die Werte schwanken jedoch bei einzelnen Pflanzenarten und die Bodenbeschaffenheit spielt hinsichtlich des Nährstoffgehaltes, des Puffervermögens und des pH-Wertes eine wichtige Rolle. Bei einem beispielsweise hohen Gehalt an Kalium steht die Aufnahme von Cäsium mit dem Kalium in Konkurrenz. Es wird dann weniger Cäsi­um angereichert. Auch in stärker radioak­tiv belasteten Gebieten könnte demnach die nächste Ernte wieder unterhalb der Grenzwerte liegen. Ob dies für Bio-Produkte ausreicht, oder ob sie nur verkauft werden sollten, wenn die Belastung unterhalb einer akzeptierten Nachweisgrenze liegt, wird noch zu entscheiden sein.
Horst Fiedler

Ticker Anzeigen