Start / Ausgaben / BioPress 66 - Februar 2011 / Nachhaltig im Massenmarkt

Nachhaltig im Massenmarkt

Externer Rewe-Beirat für das Pro Planet-Label

Die Rewe-Eigenmarken sollen mit dem Pro Planet-Label ökologisiert werden. Die Initiative steht mit erst 80 Produkten noch am Anfang. Der Ansatz, den Massenmarkt statt den Nischenmarkt zu bearbeiten, soll dem Projekt Flügel verleihen. Für diese immense Aufgabe hat sich die Rewe-Gruppe in Köln einen vierköpfigen Beirat externer Experten zugelegt. Sie beraten den Konzern bei der Vergabe des Labels. Der Beirat tagt in Wuppertal im CSCP (Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production) und dokumentiert dadurch seine Unabhängigkeit. Am Rande einer Sitzung gaben die Fachleute Auskunft über ihre Tätigkeit.


Oliver Müller von der Caritas bringt den sozialen Gedanken in die Arbeit ein.
Das Rewe-Sortiment nachhaltiger und grüner machen, heißt die Herkules-Aufgabe, an der ein Beirat maßgeblich mitwirkt. Zu den grünen Produkten zählt das Handelsunternehmen biologisch, Fairtrade, Blauer Engel und Pro Planet. Neu ist das rewe-interne Pro Planet-Label mit dem nachhaltige Verbesserungen kommuniziert werden und das den Massenmarkt als Ziel hat. Das biologische und Fairtrade-Sortiment zählen bei der REWE zum Premium-Angebot.

Für den Verbraucher wird Pro Planet sichtbar durch einen Regalstopper, das gedruckte Label auf der Verpackung und Kommunikation in der Werbung. Einen oder auch mehrere Hot Spots (kritische Punkte) werden durch wissenschaftliche Analyse ausgewählt und verbessert. Virtuelles Wasser, CO2-Abdruck, Rückstandsfreiheit, Biodiversität Kompostierbarkeit von Verpackungen und Sozial-Verträglichkeit sind hier objektive Kriterien.

Tröpfchen-Bewässerung bei Erdbeeren

Zu den ersten Pro Planet Produkten zählten Erdbeeren aus dem spanischen Huelva, ein Projekt zusammen mit dem Naturschutzverband WWF (World Wild Fund For Nature). Kritische Punkte in dem trockenen Anbaugebiet sind illegale Brunnen und der hohe Wasserverbrauch für die Erdbeer-Kulturen. Durch Tröpfchen-Bewässerung werden 20 Prozent Wasser eingespart und Landwirte mit illegalen Brunnen sind als Lieferanten ausgeschlossen.


Beiratsvorsitzender Bernward Geier.
Pro Planet ist nicht für Bio-Produkte bestimmt. „Bio wird nicht doppelt gelabelt. Sie beinhalten viel Nachhaltigkeit und brauchen kein Add-On“, verdeutlicht Bernward Geier. Aktuell wurden erst 80 Pro Planet-Produkte für das Label anerkannt, nicht gerade viele, gemessen an den 20.000 Artikeln im REWE-Supermarkt. Damit rettet das Pro Planet Label nicht die Welt wie ein James Bond, aber es macht sie mit großer Breitenwirkung ein bisschen nachhaltiger.

Verbraucherschützer Georg Abel räumt ein: „Objektiv gesehen sind es noch wenig Produkte, denn die Labelvergabe ist sehr komplex und mit viel Aufwand verbunden. Wenn man ambitioniert ran geht und gewissenhaft arbeitet , braucht das eben seine Zeit. Eine kritische Masse erreichen wir bei 800 bis 1.000 Produkten“. Da müssen die Nachhaltigkeitsexperten noch ein paar Jahre Arbeit hinein stecken.

Abel verfolgt die Vision, eines Tages auch Markenhersteller mit Pro Planet zu labeln. Aus dem REWE-Label könnte sogar ein unabhängiges Label werden. „Unsere langfristige Perspektive ist ein internationales Label“, bemerkt Abel.

Der Berliner sieht, dass die Initiative bei der Rewe „von oben“, sprich aus dem Vorstand kommt. Aber auch unterhalb gibt es Antreiber. So ist es für Einkaufschef Guido Siebenmorgen eine Mission, dem Label zum Durchbruch zu verhelfen. Ludger Breloh als Querdenker und treibende Kraft des Rewe-Bio-Sor­timents, steht voll dahinter. Daniela Büchel, Leiterin des Konzernmarketings, unterstützt das Projekt ebenfalls und alle Kategorie Manager arbeiten engagiert mit. An Rückendeckung scheint es nicht zu fehlen.

„Eine Aufgabe der Verbände besteht darin, Politiker zu einem Gesetz zu bewegen“, weiß Verbraucherschützer Abel. Das ist langwierig und schwierig, wie er erfahren hat. Er ist überzeugt: „Ein Unternehmen in Bewegung zu bringen, geht viel schneller“.

Pro Planet nicht nur für Lebensmittel


Verbraucherschützer Georg Abel ist Anwalt der Kunden im Beirat.
Pro Planet ist allerdings kein Lebensmittel-Label. Es haftet auch auf T-Shirts aus fairer Bio-Baumwolle, Recycling Papier, wird im Baumarktsortiment vergeben und soll auf Elektro-Geräte und sogar Tourismus ausgedehnt werden. „Für Themen wie Baustoffe, Fische und Tourismus berät sich der Beirat mit ausgewiesenen Experten, denn unsere Aufgabe ist es, viele Bereiche und Produkte abzudecken und unser Anspruch ist es, kompetent und konsequent zu bewerten“, steckt Geier die Ziele des Beirats ab.

Geier hat sich als Bio Pionier lange überlegt, ob er bei einem Konzern wie der REWE mitmachen soll. „Bio ist eine impossante Erfolgstory, aber nach über 30 Jahren haben wir noch keine zwei Prozent Bio-Anbau auf der Welt erreicht. Im Fairtrade ist der Anteil noch wesentlich geringer. In dieser Zeit wurde im konventionellen so viel falsch gemacht und der Umwelt weiter übel zugesetzt. Das kann Bio und Fair in der Nische nicht ausgleichen. Im Massenmarkt steckt mehr Schwungkraft und ein breiter wirkendes Lösungspotenzial. Hier kann durch nennenswerte Steigerung der Nachfrage auf nachhaltigere Produkte viel mehr Impakt erreicht werden“, betont Geier.

Für nachhaltige, optimierte und gelabelte Produkte sind eventuell auch ein paar Cent mehr fällig. Hot Spot Auflösungen, Optimierungen im Umwelt- und Sozialbereich, das Labelverfahren selbst und Kommunikation müssen schließlich bezahlt werden. „Lebensmittel für 405 Euro wirft jeder Haushalt im Schnitt pro Jahr in die Tonne. Wenn wir den Leuten zum Beispiel helfen, diesen Betrag zu verringern, haben die Verbraucher die Möglichkeit, sich mehr Nachhaltigkeit zu leisten“, berichtet Abel.

Die Verpackung ist ebenfalls im Blick, wie Beiratsmitglied Klaus Kastenhofer aus Österreich betont. Plastiktüten durch Papiertüten ersetzen, wäre etwa ein richtiger Schritt, der durch ein Pro Planet-Label unterstützt werden könnte.


Umweltschützer Klaus Kastenhofer kommt aus Österreich. Dort ist Rewe mit Billa im LEH vertreten.
Lose Ware im Supermarkt spart Verpackungsmaterial. Bei Obst und Gemüse kurbelt es gar noch den Verkauf an. Auch bei Mopro sollte die gelbe Linie in Bedienung angeboten werden. „Käse gehört nicht in die Packung. Verpackt verdirbt mehr Ware“, spricht sich Kastenhofer gegen das Pre-packing aus.

Die Bedienungstheke unterstützt nicht das Bedürfnis nach schnellem und billigem Einkauf. „Geiz war ein Wert. Jetzt ist es sexy, mehr Geld auszugeben. Die Frage ist heute, wie gebe ich mein Geld aus. Ein Haushalt ist wie das Management eines Unternehmens“, erläutert Abel den modernen Verbraucher. Der Beirat will dazu beitragen, dass das Geld des Rewe-Kunden in der fairen Woche, für Bio-Produkte und für Pro Planet gelabelte Eigenmarken fließt.

Anton Großkinsky

 

 

 


 

Der Pro Planet-Beirat

Der Pro Planet Beirat besteht aus vier ständigen Mitgliedern und berät die REWE inhaltlich und in Fragen der Kommunikation. Den Vorsitz führt Bernward Geier, langjähriger Geschäftsführer von IFOAM (Weltdachveband des biologischen Landbaus) und Fachmann für Nachhaltigkeit und Landwirtschaft. Georg Abel, Vorsitzender der VerbraucherInitiative (Bundesverband), ist mit seiner Expertise als Vertreter der Konsumenten dabei und Oliver Müller, Leiter von Caritas International, ist das „soziale Gewissen“ des Beirats. Klaus Kastenhofer aus Wien ist Mediziner, Experte für Ökologie und das Bindeglied zu REWE International in Österreich.

 


 

Nachhaltigkeitspreis 2010

In der Kategorie „Deutschlands nachhaltigste Initiative“ gewann die Rewe Group mit dem Pro Planet-Label den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2010. Die Jury würdigte das Engagement der REWE zur Etablierung von nachhaltigeren Produkten im Bereich der Eigenmarken. Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis wurde 2008 ins Leben gerufen. Er prämiert Unternehmen, Pro­dukte und Marken, die vorbildlich wirtschaftlichen Erfolg mit sozialer Verantwortung und Schonung der Umwelt verbinden. Träger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises ist die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis. Schirm­herr ist EU-Kommissar Günther Oettinger.

 

 


Quo vadis Pro Planet-Label

Kommentar von Dr. Alexander Beck, AoeL e.V.

Florian Geyer war bekanntlich ein Adliger aus dem Geschlecht der von Giebelstadt. Dieser Florian schlug sich auf die Seite der Bauern und wurde Anführer des berühmten „schwarzen Haufens“. Seine Kollegen, die damaligen Großgrundbesitzer und Politiker, waren gar nicht begeistert von seinem sozialen Engagement. Der Truchsess von Waldburg-Zeil schickte Florian Geyer mitsamt seinen Bauernhaufen in die Hölle, wo diese nach der Ansicht von Waldburg-Zeil und dessen Auftraggebern hingehörten. Soweit die Historie.

Heute sehen die Herausforderungen ganz anders aus. Außer um Bodenbesitz geht es um Hunger auf der Welt, Klimawandel, Biodiversität und es geht um Wirtschaftssysteme, wirtschaftliche Macht, um Ressourcenbeherrschung. Die Menschheit muss sich große qualitative Sprünge zumuten, wenn sie ihre Verantwortung für kommende Generationen ernst nehmen will.

Die Bürger sind für Nachhaltigkeitsthemen zunehmend sensibilisiert. Viele haben verstanden, dass ihr Einkaufsverhalten womöglich mehr Einfluss auf die Wirklichkeit hat als der Gang zur Wahlurne. Diese Menschen suchen „Entscheidungsmöglichkeiten“ in den Regalen.

Kein Wunder, dass in den letzten Jahren „Nachhaltigkeitsberichte“ von Unternehmen wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Sicher gibt es dahinter seriöse Arbeit. Aber: Akteure im Wirtschaftsleben können sich mit ein paar Hochglanzbroschüren und ein bisschen CSR nicht so einfach freikaufen von den großen Herausforderungen unserer Tage. Vielmehr geht der Schuss nach hinten los. Diese Aktionen verhindern, dass es zu den notwendigen qualitativen Sprüngen kommt.

Es ist zu begrüßen, dass sich die Firma REWE mit Pro Planet auf den Weg macht, das Thema „Nachhaltigkeit“ aufzugreifen und mit ihrer kommunikativen Stärke zu positionieren. Gut ist, dass sie ein Konzept anbietet, das Schritt für Schritt Maßnahmen verdichtet.

Allerdings fällt REWE mit ihrem Ansatz hinter das zurück, was Status quo ist. Mächtig genug, um sich das Recht herauszunehmen, Nachhaltigkeit selbst zu definieren, drückt sich der Konzern vor dem offenen Dialog und der Vergleichbarkeit. Das Risiko besteht darin, dass der Kunde für einen kleinen Preis möglicherweise schon zufrieden ist mit diesem „bisschen Nachhaltigkeit“. Und es entsteht eine Situation, in der keine Entwicklung stattfindet. Das wäre ein Bärendienst am „Notwendigen“. Aus unserer Sicht wäre der SuperGAU, dass durch eine Vermehrung der Nachhaltigkeitsaussagen gegen Unendlich der Bürger völlig überfordert resigniert und sich letztlich ganz von der „verantwortlichen“ Kaufentscheidung zurückzieht.

Und da sind wir wieder beim Truchsess von Waldburg-Zeil. Bis zur Befreiung der Bauern aus der Leibeigenschaft in einigen Ländern Europas (!!) hat es noch bis ins 20. Jahrhundert gedauert, also etwa 400 Jahre. Aber haben wir heute noch 400 Jahre Zeit?

 


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