Start / Ausgaben / BioPress 59 - Mai 2009 / Ein farbiger BioFach-Kongress

Ein farbiger BioFach-Kongress

Von Paragraphendschungel bis zum moralischen Konsum

Entlang eines Leitsystem konnten sich die Besucher der BioFach in diesem Jahr die sie interessierenden Vorträge aussuchen. Eine farbliche Markierung auf dem bersichtsplan teilte das Kongressprogramm in allgemeine Themen sowie Foren für die Messeschwerpunkte Fair & Ethical Trade, Textil, Fachhandelstag, Gastro, Wein und Naturkosmetik. Speziell für den klassischen Lebensmittelhandel, der mehr als die Hälfte der Bio-Umsätze in Deutschland erzielt, gab es keine Vorträge.

Gut besucht waren, wie zu erwarten, die Vorträge über die neuen rechtlichen Bestimmungen für Bio-Produkte (siehe Seite 56). Kompetente Redner* erläuterten dabei aus unterschiedlichen Gesichtspunkten, was sich durch die Basis-Verordnung VO(EG) 834/2007 des Rates, die Durchführungsbestimmungen VO (EG) 889/2008 und die Importregelungen VO(EG) 1235/2008 der Kommission ändert.

Handel braucht keine Zertifizierung

Das neue Öko-Landbaugesetz und das Öko-Kennzeichnungsgesetz fanden ebenfalls Berücksichtigung. Insofern konnten alle Betroffenen, von Erzeugern über Händler bis zu den Kontrolleuren profitieren.

Abgesehen von der Erweiterung auf Aquakultur, Algen, Hefe und Wein, sind nach vorherrschender Ansicht nicht allzu viele Neuerungen zu beachten. Allerdings müsse man jetzt vermehrt mit mehreren Verordnungen gleichzeitig arbeiten und stärker auf Details achten (weiteres siehe am Ende das Berichts).

Auch dem Thema Kontrolle dürften viele Zuhörer aufmerksam gelauscht haben. Einzelhändler konnten insofern aufatmen, dass sie nicht kontrollpflichtig sind. Obwohl dort in der Regel Brot, Käse, Gemüse usw. offen und mit eigener Auslobung angeboten werden. Einzelne Händler lassen ihre Betriebe aber trotzdem prüfen.

Bio und Lifestyle

Wie kann man den Absatz von Bio-Produkten unterstützen? Beim BioFach-Kongress wurden mehrere Möglichkeiten vorgestellt. Ein recht großes und interessiertes Publikum folgte beispielsweise den Ausführungen von Christoph Harrach, KarmaKonsum. Mit seinem Lifestyle-Vortrag Öko 2.0 machte er den großen Einfluss der Verbraucher auf das Image von bestimmten Lebensmitteln und Produkten deutlich.

Wieder einmal wurde die Gruppe der LOHAS in den Vordergrund gerückt. Diese Menschen möchten beim Geldausgeben zugleich etwas Gutes tun. Auch für andere Werte gelte eine sowohl-als-auch-Mentalität, zum Beispiel gleichzeitig Verantwortung übernehmen zu wollen und zu genießen.

Die in der Regel ökologisch interessierten LOHAS nutzen als Kommunikationsmittel häufig das Internet, so Harrach. Dieses Medium spielt vor allem bei jüngeren Konsumenten eine immer größere Rolle. Diese besuchen Blogs, auf einer Webseite geführte, öffentliche Journale zu bestimmten Themen.

Wenn gleich in mehreren Blogs positiv von einem Produkt oder Unternehmen gesprochen wird, erhöhen diese Empfehlungen auch die Kaufbereitschaft. Bio-Unternehmen empfahl Harrach, diesen Trend aufzugreifen.

Er stellte in diesem Zusammenhang vor, wie Unternehmen bereits heute reagieren. Da seien die, die Marktforschung betreiben, indem sie registrieren, wer wo und wie im Internet über ihre Marke spricht. Andere, wie Frosta oder Hess-Natur, wollten ihre Produkte erlebbar machen und gründeten einen Corporate Blog.

Bio-Pioniere sind hier die großen Gewinner, sagte der Internet-Experte. Sie hätten eine enorme Fan-Gemeinde, unter anderem weil sie glaubwürdige Geschichten erzählen könnten. Reine Markenhalter verlören dagegen im Web die Kontrolle über ihre Marke. Sein Fazit: Im Angesicht eines immer unübersichtlicher werdenden Marktes lohnt sich der Weg über das Web 2.0, auch wenn er Zeit und Geld kostet.

Sensorik und Geschmack

Vorträge zu spezielleren Fachthemen wurden zwar etwas weniger stark frequentiert, aber aufmerksam verfolgt. Um die Geschmackssache Bio ging es zum Beispiel in der Veranstaltung über das EU-Projekt ECROPOLIS, dessen Startschuss auf der BioFach fiel**.

Bei dem dreijährigen Forschungsprojekt sollen europaweit sensorische Unterschiede zwischen ökologischen und konventionellen Lebensmitteln zusammengetragen werden. Initiiert wurde es vom Markt, unter anderem vertreten durch den BNN Herstellung und Handel. Das Engagement ist nachvollziehbar, denn eine anschauliche Beschreibung des Geschmacks kann die Entscheidung für ein Bio-Lebensmittel gravierend beeinflussen.

Koordiniert vom FiBL Schweiz, beteiligen sich mehrere wissenschaftliche Einrichtungen, Verbände und Unternehmen an ECROPLIS. Sie stammen aus den sechs beteiligten Ländern Deutschland, Frankreich, Italien, Niederlande, Polen und Schweiz. Zunächst werden Experten von Grundnahrungsmitteln wie Backwaren, Mopro oder Fleischprodukten sensorische Profile erstellen sowie bio und nicht-bio miteinander vergleichen.

Das TTZ aus Bremerhaven hat vor ein paar Jahren mit dem Öko-Geschmackssiegel ein ähnliches, aber weniger umfassendes Projekt durchgeführt und wird bei ECROPOLIS diesen Aufgabenpart für Deutschland übernehmen. Parallel dazu wird das FiBL die unterschiedlichen rechtlichen Voraussetzungen für die Produktion zusammenstellen.

Inwieweit korreliert der sensorische Eindruck mit dem Kaufverhalten? Um diese Frage zu beantworten, werden in einem weiteren Arbeitspaket umfassende Kundenbefragungen und Konsumententests durchgeführt. So will man sowohl ländertypische Unterschiede als auch Vorlieben ermitteln.

Die Umfrageergebnisse sollen in einer Datenbank erfasst werden, so dass quasi eine sensorische Landkarte entsteht. Am Ende gilt es, alle Daten zu kombinieren und so aufzubereiten, dass sie am Bio-Markt beteiligte Unternehmen für ihre Kommunikation nutzen können.

Sind Bio-Produkte gesund?

Der Gesundheitsmarkt boomt. Weniger optische und geschmackliche Werte von Bioprodukten denn ihre Wirkung auf die Gesundheit behandelte daher der Fachvortrag Milchfettqualität als Schutzmaßnahme vor Allergien***. Die Zuhörer bekamen diesmal Hintergrundwissen über die gesundheitlichen Vorzüge von Biomilch an die Hand, das sie für Kundengespräche nutzen können.

Immer wieder zeigen Studien, wie wichtig eine gesunde Ernährung von Mutter und Kind ist. Ernährungsphysiologisch günstig sind zum Beispiel Vollmilch und Butter, da der Verzehr von Milchfett negativ mit Symptomen einer Allergie korreliert. Biomilch punktet gleich dreifach: mit reichlich Antioxidantien, omega-3-Fettsäuren und konjugierten Linolsäuren (CLA), welche die Bildung von Entzündlungsfaktoren hemmen.

Der höhere Gehalt an omega-3-Fettsäuren liegt am hohen Grünfutteranteil für die Milchtiere, denn Gras ist reich an diesen mehrfach ungesättigten Fettsäuren.

Die Milch von Kühen, die auf hoch gelegenen Weiden mit hohem Kräuteranteil grasen, enthält zugleich besonders viel CLA. Wie Untersuchungen bestätigen, erweist sich eine extensive Bewirtschaftung der Höfe als optimal.

Derartige Betriebsbedingungen kennzeichnen viele Anbieter von Biomilch. Außerdem wird fast ausschließlich in der Öko-Branche auch Schaf- und Ziegenmilch angeboten, welche Kuhmilch im CLA-Gehalt übertreffen. Die Vorteile setzen sich bei der Verarbeitung fort, beispielsweise im Verzicht auf eine chemische Fetthärtung, bei der schädigende Transfettsäuren entstehen.

Als günstig im Hinblick auf asthmatische Erkrankungen hat es sich zudem erwiesen, wenn die Milch nicht homogenisiert wird. Das ist etwa bei Vorzugsmilch und bei Demeter-Ware der Fall.

Teilnehmer:

  • *Dr. Alexander Gerber, BÖLW, Dr. Alexander Beck, AoeL, Francis Blake, IFOAM, Walter Zwingel, Naturland, Martin Rombach, Prüfverein Verarbeitung ökol. Landbauprodukte. Hanspeter Schmidt, Rechtsanwalt, Dr. Manon Haccius, Alnatura.

  • **Elke Röder, BNN Herstellung und Handel, Gabriele Wyss und Otto Schmidt, FibL, Kirsten Buchecker, Technologie Transfer Zentrum Bremerhaven, Prof. Dr. Achim Spiller, Universität Göttingen

  • ***Prof. Ton Baars, Daniel Kusche, Universität Kassel, Gerhard Jahreis, Uni Jena

Betina Pabel

Das neue Bio-Recht

Mit der Revision wurde der Geltungsbereich der EU-Bio-Verordnung um Aquakultur, Mikroalgen, Hefe und Heimtierfutter erweitert. Bio-Weinausbau theoretisch zwar ebenfalls, doch ist erst nach Veröffentlichung der Ergebnisse aus dem Orowin Forschungsprojekt mit Entwürfen zu rechnen.
Ein Verordnungsbereich, der bewusst offen für Anpassungen gehalten ist, betrifft die Positivlisten. Diese Listen nennen die Stoffe, die bei der biologischen Erzeugung für einen begrenzten Katalog von Verwendungszwecken zulässig sind. Unter anderem Pflanzenschutz- und Düngemittel, Detergenzien, Enzyme und Zusatzstoffe.

Neuerungen gelten auch für die Kennzeichnung. Damit ein Produkt auf der Vorderseite des Etiketts als Bio gekennzeichnet werden darf, müssen jetzt mindestens 95 Prozent der landwirtschaftlichen Zutaten aus ökologischer Produktion stammen. Sonst darf der Hinweis nur im Zutatenverzeichnis erfolgen.

Ab Mitte nächsten Jahres ist dort die Markierung der Bio-Zutaten generell Pflicht. Als Beispiel für Tücken im Detail kann die Kennzeichnung von Umstellungsware angeführt werden: Nach der Basisverordnung darf sie mit Hinweis auf ökologischen Anbau gekennzeichnet werden – aber nur unter Einhaltung der Einschränkung­en nach der VO(EG) 889 (Monoprodukt, weder Gemeinschaftslogo noch deutsches Bio-Siegel). Ein weiteres, kritisches Thema stellt der so genannte Pflichtgemeinschaftsblock dar.

Laut neuem Recht müssen Bio-Produkte in Zukunft eine vereinheitlichte Codenummer der beauftragten Kontrollstelle, das Gemeinschaftslogo für ökologische Produktion sowie eine Herkunftsangabe (EU oder/und Nicht-EU) tragen. Fachleute rechnen damit, dass die Hersteller anstelle des Platz raubenden Pflichtblocks lieber das deutsche Bio-Siegel auf die Vorderseite des Etiketts setzen werden.

Beruhigend dürften die großzügigen Übergangsregeln sein. Da für das Logo gerade erst ein Design-Wettbewerb läuft, bei dem dann per Internet der Favorit gewählt werden soll, wird der Block frühestens ab Juli 2010 Pflicht. Sogar bis Anfang 2012 kann vorhandenes Verpackungsmaterial verwendet werden, ebenso Packungen, die nur inhaltlich den neuen Regeln genügen.

Beim Import gilt es zu unterscheiden. Handelt es sich bei dem betroffenen Drittland um ein Land mit Gesetzen, die denen der EU entsprechen oder um eines mit gleichwertigen bzw. äquivalenten Gesetzen? Daneben gibt es noch Länder, für die eine Einzelfallimportermächtigung besteht. Die Kenntnis über den jeweiligen Status muss man beispielsweise beherrschen, um die notwendigen Begleitpapiere bei der Kontrolle vorzeigen zu können.

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