Start / Ausgaben / BioPress 59 - Mai 2009 / Renaissance in Kreuzberg

Renaissance in Kreuzberg

Marheineke Markthalle ist auch ein Platz für frische Bio-Produkte aus der Region

1893 öffnete die Marheineke Markthalle in Berlin erstmals ihre Pforten, ehe sie Ende 2006 schloss und Ende 2007 wieder aufmachte. Von Grund auf wurde das Gebäude saniert und modernisiert, damit das Erscheinungsbild kundenfreundlicher wurde. 5,8 Millionen Euro hat die Berliner Großmarkt (BGM) GmbH als Betreiber hierfür in die Hand genommen. „Das hat sich gelohnt! Es gibt nichts Vergleichbares in Deutschland. Das Model wird national beobachtet“, erzählt Michael Bahr, Leiter Vertrieb bei BGM. Regionale und biologische Frische plus Dienstleistung heißt das Verkaufskonzept.

Das langgezogene und hohe Gebäude mit großzügigen Fen­sterflächen schafft eine offene Atmosphäre. Die Stän­de sind links und rechts des Mittelganges im leichten Oval angeordnet. Der Kunde wird so zum Mittelpunkt der Halle hingezogen. Er passiert Bio-Stände, Stände mit Bio und konventionelle Händler. Bio-Brot, -Käse, -Früchte, -Imbiss und Bio-Getränke sind zu haben. In einem Seitengang gibt es Trockenprodukte, Nicht-Lebensmittel und Dienstleistungen.

Die Halle bietet ein tolles Flair. Kommunalpolitiker, Investoren und Händler aus der gesamten Republik haben die Halle schon besichtigt. Aber Kaufmann Michael Bahr warnt vor Nachahmung an anderen Standorten: „Eine Renaissance der Markthallen wird es nicht geben.“ Auch wenn es eine Renaissance der Marheineke Markthalle gab. Kopieren funktioniert mit Zeitungsartikeln, im Handel geht das schief.

In Kreuzberg wohnt eine Mischung aus Bildungsbürgern, Feinschmeckern, Kreativen, Engagierten und Alternativen, wie sie einer Markthalle gut tut. Das Wohnumfeld ist gut-bürgerlich mit 68-ern, politisch und sozial Engagierten, Akademikern. Sie wohnen in Lofts, modernisierten Altbauten und modernen Stadtwohnungen, deren Miethöhe ein überdurchschnittliches Einkommen voraussetzt. Beim Lebensmitteleinkauf werden toskanische Ansprüche gestellt. Der Geist ist bio-affin, das Herz grün.

Der Kreuzberger, der in der Markthalle einkehrt, kauft auch konventionell, holt dort seine Zeitung und gibt den Lotto-Schein ab. „Das ist keine Bio-Halle. Die Erfahrung hat gelehrt, dass es den nur Bio-Kunden nicht gibt. Deshalb werden hier auch konventionelle Lebensmittel angeboten“, stellt Bahr klar. Von 3.050 Quadratmeter Bruttofläche sind 1.650 Quadratmetern an 52 Händler vermietet. Die Fluktuation ist gering. Viele waren schon vor dem Umbau dabei.

„Die richtige Mischung macht’s“, meint Bahr. Frische Lebensmittel, Gastronomie und Dienstleistungen decken den täglichen Bedarf im fußläufigen Bereich bei komfortablen Öffnungszeiten von 9 bis 20 Uhr.

Parken ist das gewohnte innerstädtische Suchspiel. Für den Großeinkauf wie im Einkaufszentrum auf der grünen Wiese ist hier kein Raum. „Wir haben den Facheinzelhandel hier, der einen engeren Kontakt zu seinen Produkten hat, als die Großfläche. Die Händler wissen, wo die Ware herkommt und wie sie hergestellt wird. Sie können den anspruchsvollen Kunden bedienen. Das kostet Geld, deshalb ist die Ware teurer. Wichtig ist, dass es akzeptiert und verstanden wird. Mit den Preisen von aldi und Lidl kann hier keiner mithalten“, so Bahr. Aber der Discount steht weit ab vom Service und Qualität der Markthalle.

Zwischen 2.500 und 3.000 Kunden laufen täglich im Schnitt durch die Markthalle. Freitag und Samstag sind natürlich die stärksten Einkaufstage. „Die Frequenz stimmt“, urteilt Center Manager Horst Köhler. Die Halle wird in ganz Berlin beworben, so dass nicht nur Kreuzberger das Ambiente genießen. Bei den Tourismus-Unternehmen wird ebenfalls getrommelt und Reisebusse entlassen Gruppen in die Halle des guten Geschmacks.

In einer Markthalle erwartet der Kunde viel, viel Frische, und die bekommt er auch. „Das ist der Kern des Geschäfts. Zusätzlich zählt Regionalität.“, weiß Center Manager Köhler. Das Angebot ist von Feinkost geprägt, ein Trend, der sich verstärken wird, ist Köhler überzeugt.

Zwei Bio-Bäcker buhlen um die Gunst der Kunden: Der Mehlwurm und das Bio-Backhaus sind Begriffe in der Berliner Bio-Szene. Hans Leib vom Backhaus gilt als der Pionier der Berliner Bio-Bäcker. Als er anfing war der Verzehr von Bio-Brot noch an die politische Haltung gebunden.

Neun Filialen betreibt er heu­te, eine davon in der Marheineke Markthalle, beschickt acht Wochenmärkte und beliefert rund 90 Kunden auch über Berlin hinaus vom Hofladen, Naturkostfachgeschäft, Bio-Supermarkt, Metzgerei, Delikatessen-Geschäft bis zum Kaufhaus. Der Mehlwurm betreibt vier Filialen in Berlin, einen Wochenmarkt-Stand und beliefert acht Naturkostgeschäfte und Reformhäuser.

Der Kaaswinkel handelt an drei Berliner Standorten und auf fünf Wochenmärkten mit Bio-Käse. 200 Bio-Käsesorten werden aus und mit Leidenschaft vertrieben. Dazu gibt es das passende Randsortiment: Bio-Wein aus Deutschland, Rheinhessen und Württemberg sind die bevorzugten Provenienzen. Saisonal werden Federweißer, Trauben oder Lebkuchen angeboten. Die europäischen Nationen geben sich ein Stell-Dich-ein: Dänemark, Groß-Britanien, Italien, Spanien, Frankreich, Niederlande, Deutschland, Österreich, Schweiz usw. Zusätzlich wird Großhandel betrieben: Gastronomie und Naturkosthandel werden versorgt.

Das Fruchthaus Lorenzen erzielt auf seinem Stand einen Bio-Anteil von 30 Prozent. Das „Golden Bio“ Schild der Marke des Fruchtimporteurs Port aus Hamburg zeigt von weitem, wo es Bio-Obst und Gemüse zu kaufen gibt.

Der Bio-Imbiss Bio Buffet lädt zur kleinen Mahlzeit ein. Neben den Klassikern Currywurst, Pommes Frittes und Boulette gibt es Tagesgerichte wie Nudelpfanne oder Reispfanne zwischen vier und sechs Euro. Sitzen kann den Gast um die Theke oder sein biologisches Fast Food an Stehtischen einnehmen.
Auch ein Trockensortiment, zum Teil in Bio-Qualität bietet die Markthalle.

Die Teestube Werler hat eine Kundschaft, die überwiegend rückstands­freien und gehaltvollen Tee verlangt und nicht auf Bio besteht. Die zehn biologischen Schwarz- und Grüntees im Sortiment bieten natürlich auch Rückstandsfreiheit und noch einige Zusatznutzen mehr. Das Kräuterhaus Kreuzberg führt zwei Dutzend ätherische Öle in Bio-Qualität, Bioga-Gewürze von Galke und das Herbaria-Bio-Sorti­ment an Kräutern, Gewürzen und Tee.

Auf der Galerie bietet Fairkleidet Textilien an und ein Randsortiment an Fairtrade Kaffee, Tee und Schokolade. Der Markt ist bunt, vielfältig und frisch. Ein Juwel in Kreuzberg, aber nicht so einfach multiplizierbar in anderen Städten und anderen Standorten.

Anton Großkinsky


Markthalle als Kulisse

Die Marheineke Markthalle wird auch als Kulisse für Events genutzt. Die Agentur Visionis aus Falkensee bei Berlin vermarktet den Schauplatz. Fernsehkoch Tim Mälzer hat dort für einen Zweiteiler über gesunde Ernährung gedreht. „Ich dachte, so etwas Schönes gäbe es nur in Spanien“, soll der Fernsehkoch geäußert haben.

Zur Fruit Logistica, die Fachmesse des internationalen Fruchthandels, wurde die Halle zu einer Comedy Bühne: Kabarettistin Gabi Decker begeisterte 400 Gäste, die sich zu einem Treffen der GFI (Gesellschaft zur Förderung der Interessen der Deutschen Großmärkte ) zusammen fanden. Gabi Decker, die „S-Klasse“ unter den deutschen Comedians, brachte unter großem Applaus Teile aus ihrem aktuellen Bühnenprogramm „Deckerdenz“ und präsentierte ein für den Veranstalter exklusiv entwickeltes Obst- und Gemüsequiz.

Für das Wohl der Gäste sorgten die Gastronomen und Händler der Marheineke Markthalle „Mit der Berlinale hat die Filmbranche ihren Event. Das Who-is-Who der Frischebranche trifft sich nun bei uns. Damit haben wir mit der Fructinale ein frischeres Zeichen gesetzt - für die wahren Stars des Lebens: Obst und Gemüse“, freute sich GFI-Vorstandsvorsitzender Uwe Kluge über die große Resonanz. Neben Unternehmen des Fruchthandels wurden Vertreter aus Politik und Wirtschaft gesichtet. Kultur und Kulinarik sorgten für einen kurzweiligen Abend unter Geschäftsleuten.


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