Finanzkrise und Hunger hängen zusammen
3. Internationales IG FÜR Symposium fordert eine Wirtschaft für den Menschen
Die weltweite Verknappung von Grundnahrungsmitteln steht mit der Krise des gegenwärtigen Finanzsystems in einem unmittelbaren Zusammenhang. Sichtbarster Ausdruck hiervon sind Spekulationen mit Grundnahrungsmitteln, die den weltweiten Hunger schüren. Diese gemeinsame Position unterstrichen die Experten aus Landwirtschaft, Herstellung, Handel, Finanzen, Wissenschaft und NGOs während des 3. Internationalen IG FÜR Symposiums in Kronberg unter dem Thema „Werden gute Lebensmittel knapp?“ Die Interessengemeinschaft FÜR gesunde Lebensmittel (IG FÜR) setzt sich als unabhängige Organisation für den Erhalt gesunder Lebensmittel ein. Mitglieder sind Unternehmer und Unternehmen, Verbraucher und Organisationen.
Den Königsweg zur gerechten und bezahlbaren Verteilung von Grundnahrungsmitteln und guten Lebensmitteln gibt es freilich nicht, doch stellten die Referenten des Symposiums Perspektiven und Diskussionsansätze auf mehreren, ineinander greifenden Ebenen vor. Jakob von Uexküll, Gründer des World Future Councils, plädierte für eine „intelligente Verzichts-Diskussion“ und nannte die Verringerung des Rindfleisch-Verbrauchs als ein Beispiel. So würden allein bei der Herstellung eines Kilos Rindfleisch 13.000 Liter Wasser benötigt. „Lokale Märkte und ‚slow food’ sind die Zukunft. Wir brauchen darüber hinaus ein weltweites Recht auf gute Nahrung, so wie es in Teilen Brasiliens bereits rechtlich verankert ist“, erklärte von Uexküll.
Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank, betonte die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Perspektivwechsels: „Die Wirtschaft soll für den Menschen da sein, nicht umgekehrt.“ Wird dieser Anspruch gelebt, ist die Integration ökologischer, sozialer und kultureller Aspekte in das Wirtschafts- und Finanzsystem eine zwingende Folge, die dann auch Spekulationen mit Nahrungsmitteln ein Ende bereitet.
Die Verantwortung von Politik und Landwirtschaftsverbänden rückte Georg Sedlmaier, Vorstandsvorsitzender der IG FÜR ins Blickfeld: „Stark subventionierte Lebensmittel, wie Milchpulver durch die EU, sind ein falsch verstandener Protektionismus. Dadurch wird den Bauern im wahrsten Sinne des Wortes der Boden entzogen. Gleichzeitig sollte der Gesetzgeber sich viel stärker als bisher für eine Stärkung der regionalen Landwirtschaft einsetzen“. Doch müssten hierzu auch die landwirtschaftlichen Verbandsspitzen noch einen Schritt weiter als bisher denken.
Die Unvereinbarkeit von gegenwärtiger Landwirtschaftspolitik und Bekämpfung des Hungers unterstrich Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstand Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW): „Selbst unter optimistischen Grundannahmen und bei unbegrenztem Fortschritts-Glauben gibt es kein Szenario, in dem das Recht aller Menschen auf Nahrung gesichert wird und gleichzeitig der Ertrag der Landwirtschaft auf dem ganzen Globus so verschwendet wird, wie es die Industrienationen vorleben.“
An die Unternehmen appellierte Prof. Dr. Markus Mau, Leiter Institut für Nachhaltiges Wirtschaften, Alanus Hochschule, die Bürger viel stärker über nachhaltiges Wirtschaften aufzuklären, ihnen so eine Chance für eine objektive Beurteilung von übergeordneter Nachhaltigkeit zu geben und damit die Grundlage für ein verändertes Bewusstsein zum ganzheitlichen Handeln zu schaffen.
Der Verbraucher schließlich hat durch seine Kaufentscheidungen einen wesentlichen Hebel zur Veränderung des Systems. „Der Handel reagiert sehr schnell auf die Wünsche des Verbrauchers“, sagte Dr. Horst Lang, Leiter Qualitätssicherung Globus SB Warenhaus Holding.
Das lässt sich auch an Zahlen ablesen: So stieg der weltweite Umsatz mit fair gehandelten Produkten von 238 Millionen Euro (2001) auf rund 2,8 Mrd. Euro (2008). Dieter Overath, Geschäftsführer von Transfair sieht hier ein Vorbild für zukünftiges Wirtschaften: „Der Ruf nach Transparenz, ethischem Handeln und Nachhaltigkeit wird immer lauter. Der Faire Handel macht es vor und dient der konventionellen Wirtschaft als Modell.“
Auch Helmy Abouleish, Geschäftsführer der Sekem Holding in Kairo, stellte mit der Sekem Initiative in Ägypten ein seit 31 Jahren erfolgreiches Modell für Entwicklungsländer vor, wie die Produktion gesunder Lebensmittel mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, einer ökologischen Landwirtschaft, einem sozialen Netzwerk und wirtschaftlichem Erfolg verbunden werden kann.
Wolfgang Gutberlet, Vorstandsvorsitzender von tegut, fasste die Ergebnisse des Symposiums zusammen: „Der Zusammenhang zwischen der Verknappung von Lebensmitteln und der Finanzkrise ist offensichtlich. Nur wenn es Politik und Finanzwelt gemeinsam mit Landwirten, Herstellern und dem Handel gelingt einen Perspektivwechsel einzuleiten, können wir auch künftig einer immer breiteren Gruppe von Menschen gute Lebensmittel zur Verfügung stellen. Den stärksten Druck auf die Entscheidungsträger üben dabei die Verbraucher aus; dafür brauchen sie Unterstützung, wie zum Beispiel durch die IG FÜR.“







