Pestizide
Gelegentliche Pestizidrückstände beim kontrolliert biologischem Anbau
Die Verbrauchererwartung ist im Falle von Pestiziden bei Bioprodukten auf Grund mangelnder Sachkenntnis ganz eindeutig:
BIO-Produkte sind rückstandsfrei!
Weil im BIO-Bereich „keine“ (Ausnahme in der EG-Verordnung 2092/91 Anhang IIB / EG834/2007) Pestizide zulässig sind, dürfen in Analysen auch keine nachgewiesen werden. Durch modernere Methoden sind in der Analytik inzwischen Nachweisgrenzen von 1ppb = 0,001mg/kg und weniger möglich. Dies entspricht einem Zuckerwürfel in >1000 Liter Wasser! Durch diese sehr geringe Nachweisgrenze werden immer häufiger Pestizide oder auch Spuren von Pestiziden in Ökoprodukten gefunden, die für viele Beteiligte unerklärlich sind. Woher können geringe Rückstände kommen?
Altlasten
Bestimmte Böden zum Beispiel in der Steiermark (Österreich) sind durch eine jahrelange Anwendung von Pestiziden so stark belastet, dass selbst nach fünf bis zehn Jahren Ökoanbau ohne jeden Einsatz von Spritzmittel immer noch Rückstände in den Kürbiskernen gefunden werden. Hier sind Werte bis zu 80ppb=0,08mg/kg möglich!
Drift (vom Nachbarn)
Durch den intensiven Einsatz von Spritzmitteln in der konventionellen Landwirtschaft mit immer moderneren und größeren Spritzmittelgeräten kommt es zu einer Belastung von z. B. in der Nachbarschaft liegende Bioflächen. Durch entsprechende Erfahrungen in der Türkei können je nach Wind- und Wetterverhältnissen während des Pestizideinsatzes im nicht behandelten Bioprodukt je nach Größe des Feldes und Nähe zum konventionellen Nachbarfeld Rückstände bis zu einer Höhe von 50ppb= 0,05mg/kg entstehen. Da die EG-Bioverordnung keine klare Vorgaben für den Abstand zu konventionellen Feldern gibt und da bei Wind selbst Rückstände in 100 Meter entfernten Feldern gefunden werden, ist man hier auf die gute Zusammenarbeit mit den konventionellen Nachbarn angewiesen.
Drift aus der Atmosphäre
Durch Zusammenarbeit mit einem Forschungsinstitut konnte für Olivenöl nachgewiesen werden, dass die Rückstände an Endosulfan aus einem über 300 Kilometern entfernten intensiven Einsatz von Spritzmittel mit den Flugzeugen stammten. Die Pestizide heften sich an kleinere Partikel und werden mit dem Staub oder mit dem Regen über weite Entfernungen transportiert. Werte von bis zu 40ppb = 0,04mg/kg konnten auf diese Belastung zurückgeführt werden.
Bewässerung
In Oberitalien mit intensiver konventioneller Landwirtschaft sowie großflächigen Bewässerungssystemen kommt es durch das Wasser und Trubstoffe ebenfalls zum Eintrag von Pestiziden, bei Ökoprodukten bis zu 50ppb = 0,05mg/kg.
Transport, Lagerung und Verarbeitung
Vor allem bei Mischbetrieben, die sowohl konventionell und biologisch arbeiten muss eine besondere Sorgfalt angewendet werden, um Rückstände auszuschließen. Da konventionelle Produkte intensiv gespritzt werden und dadurch Rückstände bis zu 2000ppb und darüber aufweisen können, sind bereits geringe ungewollte Verschleppungen von ein bis zwei Prozent dramatisch und führen zu einer Ablehnung der Ware.
Ausreichende Spülchargen sowie umfangreiche Reinigungsmaßnahmen sind erforderlich um die nötige Reinheit zu erreichen. Auch über Maschinen oder Fördereinrichtungen können durch Abrieb und Staub kritische Belastungen erreicht werden. Hier müssen Mitarbeiter ständig geschult und Prozesse überwacht werden, um die erforderliche Sicherheit zu generieren. Bekannte Mängel sind kleine Restmengen in Silos, Behältern oder Fördereinrichtungen oder an Maschinen.
Probenahme
Für Bioprodukte dürfen ausschließlich für Bioprodukte verwendete Geräte zur Probenziehung verwendet werden. Denn ein Gramm anhaftendes konventionelles Produkt (kaum sichtbar) in einer Probe von 100 Gramm reicht für eine Rückstandbelastung aus!
Auch die richtige Technik der Probenziehung ist wichtig, denn die Probeziehung muss repräsentativ sein, sonst kommt es zu einem falschen Analysenergebnis. Wenn in einem Korb 100 Äpfel sind, von denen 5 Prozent faulig sind, dann kann eine falsche Beprobung (z. B. ein Apfel entnehmen) zu dem Ergebnis kommen, dass keine oder alle Äpfel faulig sind. Sehr häufig wird die Anzahl der Stichproben sowie die Probenmenge zu klein gewählt. Keine Analyse kann besser sein als die Qualität der Probe oder anders ausgedrückt, bei Fehlern in der Probenahme kommt es zwangsläufig zu falschen Analysenergebnissen. Eine Einzelstichprobe wie z. B. eine Packung aus 10.000 Packungen ist niemals ausreichend außer wenn es eine absolut homogene Probe, wie z. B. mehrfach umgepumptes Öl wäre. Selbst Mehl ist bedingt das Verschneiden von verschiedenen Rohstoffpartien niemals ganz homogen, außer es wird in Mischern gemischt.
Laboratorien
Ja auch hier kann es zu einer Verunreinigung/falschen Ergebnis kommen!
Inhomogene oder zu kleine Probenmenge
Falsches Verfahren / nicht ausreichende Anzahl von Standards
Verwechslung von Proben
Verschleppung von Rückständen aus der vorherigen Probe
Bedienungsfehler / Kalibrierfehler
Computerauswertung
Aus meiner eigenen Erfahrung kann ich hier viele Beispiele nennen. Trotzdem soll nicht der Eindruck entstehen, dass Laborergebnissen nicht zu trauen ist. Nein es empfiehlt sich einfach bei Proben mit Rückständen, diese erneut bei einem anderen Labor absichern zu lassen. Ein gutes Labor hat für diese Vorgehensweise Verständnis und es prüft generell alle Ergebnisse mit einer deutlichen Pestizidbelastung bei Bioprodukten erneut.
Auch ohne Fehler können die Analysenwerte methodisch bedingt gerade für Pestizide im Bereich von 10ppb = 0,01mg/kg analytisch bedingte Schwankungen von 50 Prozent aufweisen, was immer wieder durch Versuche bestätigt wurde. Eine Probe mit einer tatsächlichen Pestizidbelastung von 10ppb = 0,01mg/kg kann in einem Labor untersucht werden und das korrekte Ergebnis lautet: Keine Rückstände bei einer Bestimmungsgrenze von 0,005mg/kg während in dem anderen Labor Rückstände von 0,02mg/kg festgestellt wurden. Beides ist korrekt!
FAZIT
Verbrauchererwartung
Durch Aufklärung der Verbraucher und korrekte Berichterstattung der Medien sollten gelegentliche geringe Spuren von Pestiziden von Verbrauchern, Medien, Lebensmittelüberwachung oder auch dem Handel nicht zu einem Skandal geredet werden, das schadet dem Vertrauen und der Entwicklung von Bioprodukten dauerhaft. Die Absicherung der Bioprodukte erfolgt durch mehrfache Kontrollen vor Ort und der Prüfung der Dokumentation. Sehr häufig erfolgen durch den Hersteller zusätzliche Kontrollen der Lieferanten.
Dass es wie an vielen Stellen im Alltag, einige wenige Betrüger gibt, die durch die Kontrollen entdeckt werden, zeigt, dass das System funktioniert und das Vertrauen der Kunden gerechtfertigt ist.
Qualitätssicherung
Ohne eine funktionierende gut ausgebildete, personell und finanziell vernünftig ausgestattete Qualitätssicherung können/sollten keine Bioprodukte hergestellt werden. Kleine Fehler können exorbitant teuer werden und das Unternehmensimage dauerhaft schädigen.
Auch mit bestehender Qualitätssicherung empfiehlt es sich zusätzliche Informationswege zu nutzen, um über alle Eventualitäten informiert zu sein. Externe Berater, Laboratorien, Lebensmittelüberwachung, Gutachter, Anbauverbände, Bauernverbände, Lieferantenbesuche etc. sind geeignete Mittel für eine gute und funktionierende Absicherung. Nicht vergessen sollte man das Krisenmanagement, denn selbst mit maximalem Aufwand ist eine 100%ige Sicherheit nicht erreichbar.
Infos:
www.ralph-weishaupt.de






