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Mehr deutsches Bio-Gemüse – im Schulterschluss mit dem Handel

Projekt will Absatz von Kartoffeln, Äpfeln, Möhren und Zwiebeln in Verbandsqualität ankurbeln

Mehr deutsches Bio-Gemüse – im Schulterschluss mit dem Handel © KÖN
Henning Niemann, Verarbeiter- und Händlerberater beim Kompetenzzentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN), koordiniert das neue Projekt.

Welche Bedürfnisse kann Bio-Gemüse aus Deutschland bedienen? Wie kann Bio als Trendverstärker fungieren? Und welche Hürden müssen genommen werden, um weiteres Wachstum zu generieren? Mit dem Projekt ‚Mehr Ökolandbau durch Selbstverpflichtung des Handels‘ will das Kompetenz- zentrum Ökolandbau Niedersachsen (KÖN) gemeinsam mit Erzeugern, Verarbeitern und Vermarktern Strategien entwickeln, um mehr Verbandsware in den Lebensmitteleinzelhandel zu bringen. Im Mittelpunkt stehen die Bio-Frischeprodukte Kartoffeln, Äpfel, Möhren und Zwiebeln (KÄMZ). 

Die Herausforderungen für Erzeuger sind aktuell groß. Während die Kosten für Energie, Betriebsmittel und Personal steigen, stehen sie gleichzeitig unter Preisdruck. Verbraucher verhalten sich trotz des Wunsches nach einer nachhaltigeren Produktion preissensibel. Wetterextreme bedrohen die Ernten und in der Agrarpolitik wird mit Blick auf Umweltschutz zurückgerudert, sodass die Planungssicherheit für eine Umstellung auf ökologischen Landbau fehlt. Aus dieser Krisensituation heraus ist die Idee zum Projekt entstanden. 

Der deutsche Bio-Markt bietet nach Einschätzung der Projektinitiatoren bei heimischem Bio-Gemüse noch erhebliches Wachstumspotenzial. Die Bio-Marktanteile von Kartoffeln, Äpfeln, Möhren und Zwiebeln aus Deutschland seien vergleichsweise gering, während drei Viertel der deutschen Bio-Konsumenten laut einer Bilendi-Umfrage Bio aus Deutschland bevorzugen. Zudem könne der heimische Ökolandbau schnell auf eine steigende Nachfrage reagieren – und auch in der Verarbeitung gebe es ungenutzte Kapazitäten. Der Pull-Effekt sei die wirksamste Methode, um Erzeugerpreise zu stabilisieren.

„Das Geld in öffentlichen Kassen ist knapp – Bio-Wachstum muss daher am besten privatwirtschaftlich organisiert werden“, erklärt Henning Niemann, Verarbeiter- und Händlerberater beim KÖN, der das Projekt koordiniert. „Mit heimischer Bio-Frische kann sich der Handel im Wettbewerb wunderbar profilieren.“

Innovative KÄMZ-Produkte gesucht

Zwischen Ende September und Mitte Oktober fanden und finden drei produktspezifische Innovation-Labs statt. Im Fokus steht dabei vor allem die Frage, wie die jeweiligen Bio-Produkte stärker mit aktuellen Konsumtrends, die als Wachstumstreiber wirken, verknüpft werden können: ob Gesundheit, Longevity, regionale Herkunft, Genuss, Nachhaltigkeit, Fairness, Transparenz, Convenience oder Preis-Leistungs-Bewusstsein.

Als wichtigsten Trend identifizieren die Organisatoren das Thema Longevity, das sie als sicheren Wachstumstreiber in einer alternden, aber vitalitäts- und fitnessbewussten Gesellschaft betrachten. „Pflanzenbetonte Ernährung wird zunehmend als Investition in ein gesundes, langes Leben verstanden“, stellt Niemann klar. Die vier volumenstärksten deutschen Bio-Frischesegmente besäßen das Potenzial, gesundheitsorientierte Kaufimpulse auszulösen.

Im Wettbewerb wird bei den Innovation-Labs das aussichtsreichste KÄMZ-Produkt aus deutscher Verbands-Erzeugung ermittelt, das mit der Ernte 2027 deutlich ausgeweitet werden soll. Branchenvertreter aus Vermarktung und Handel sind aufgerufen, die kreativsten Ideen, besten Kontakte und erfolgversprechendsten Vermarktungsstrategien einzubringen. 

Unter den Teilnehmern sind Erzeuger-Verbände, Verarbeiter der jeweiligen Produktgruppe und Einkäufer von den größten Handelsgesellschaften in Deutschland. Gemeinsam diskutieren sie über Trends und Marktpotenziale, erarbeiten Ideen für Sortimentsentwicklung, Marketing und Wertschöpfung und suchen nach praxisnahen Strategien für eine Steigerung der Nachfrage. 

Als Beispiel für eine innovative Produkt-Idee nennt Niemann Air Fryer-Kartoffeln in Bio-Qualität, die im April 2026 von Penny inklusive einer Gewürz-Mischung verkauft wurden. Neben solchen Cross-Selling-Ansätzen könne eine Sortimentserweiterung etwa in bunten Bio-Möhren oder geschälten und vorgegarten Kartoffeln als Convenience-Lösung bestehen. Indem auf ein konventionelles Vergleichsprodukt verzichtet wird und die Verbraucher emotional angesprochen werden, werde die Vermarktung zusätzlich unterstützt.

Gemeinsam für mehr Ökolandbau

Auf die Innovation-Labs folgt am 30. November der Strategie-Gipfel ‚Mehr Deutsche Bio-Frische‘ in Visselhövede (Niedersachsen), an dem Vertriebs- und Marketing-Leiter des Handels teilnehmen. Hier ist das Ziel, die vielversprechendsten Ansätze zu einer branchenübergreifenden Wachstumsagenda und Kampagne weiterzuentwickeln. Die Teilnehmer verständigen sich dafür auf gemeinsame Ziele und legen Verantwortlichkeiten fest. Kurz darauf findet am 1. Dezember öffentlich das ‚10. Bio-Fachforum Gemüse und Kartoffeln‘ statt, bei dem die Entwicklungschancen erneut zur Diskussion gestellt und weiter konkretisiert werden.

Ein Abschlussdokument samt den gemeinsamen Strategien und Zielvereinbarungen in der Wertschöpfungskette soll schließlich auf der Biofach 2027 präsentiert werden – am Dienstag, 16. Februar, 12 bis 13.30 Uhr in der Bio Experten Lounge des Meetingpoints BIOimSEH (Halle 7, Stand 641).

Die Vorstellung markiert jedoch noch nicht das Ende des Projekts. „Ab März 2027 wollen wir mit weiteren Leuchtturm-Produkten in die Breite gehen“, stellt Niemann in Aussicht. Langfristiges Ziel ist es, einen kooperativen Umgang innerhalb der Wertschöpfungskette sowie privatwirtschaftliches Engagement für mehr Ökolandbau in Deutschland anzustoßen. 

Das Projekt ‚Mehr Ökolandbau durch Selbstverpflichtung des Handels‘ wird mit Mitteln des Landes Niedersachsen gefördert. 

Lena Renner

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