Nachhaltigkeit
Regenerativ ja – aber nicht gegen Bio
Warum die Bio-Branche jetzt sehr genau hinschauen muss, wenn regenerative Landwirtschaft als neues Leitbild in Europa ankommt
© KI-generiert
Die regenerative Landwirtschaft kommt mit starken Bildern: lebendige Böden, Weidetiere auf artenreichen Flächen, weniger Betriebsmittel, mehr regionale Kreisläufe. Vieles davon gehört seit Jahrzehnten zum Kern ökologischer Landwirtschaft. Gerade deshalb muss die Bio-Branche aufmerksam sein. Denn wenn ‚regenerativ‘ nicht an klare Mindeststandards gebunden wird, kann aus einem guten Begriff schnell ein Ausweichmodell werden: Bio-Sprache ohne Bio-Verbindlichkeit.
Regenerativ ist kein neuer Gegenentwurf zu Bio. Viele regenerative Methoden machen Bio im Kern seit Jahrzehnten aus. Neu ist nicht die Idee – neu ist der Versuch, den Begriff am Bio-Standard vorbei marktfähig zu machen.
Gegen regenerative Landwirtschaft ist nichts zu sagen. Im Gegenteil. Wer Böden aufbauen, Wasser in der Landschaft halten, Fruchtfolgen vielfältiger machen, Tiere wieder stärker an Fläche binden und regionale Kreisläufe stärken will, arbeitet an Aufgaben, die für die Zukunft der Landwirtschaft zentral sind.
Aber genau deshalb dürfen wir nicht naiv sein. Denn ‚regenerativ‘ klingt nach Bio-plus. Es kann aber auch Konventionell-minus bedeuten. Weniger Kunstdünger, weniger Pestizide, mehr Bodenbedeckung, mehr Weide. Alles richtig, alles besser als ein Weiter-so. Aber eben nicht automatisch Bio. Nicht automatisch ohne chemisch-synthetische Pestizide, Herbizide, mineralischen Stickstoff und Gentechnik. Nicht automatisch mit klarer Tierbindung, klarer Kontrolle und klarer rechtlicher Verbindlichkeit. Das ist der Unterschied.
Bio ist nicht nur ein Versprechen, Bio ist ein Standard. Bio ist geregelt, kontrolliert, zertifiziert und einklagbar. Man kann über Bio streiten – man muss sogar über Bio streiten. Über Importware, Tierhaltung, Kupfer, Kontrollen, Preis, Handel und Marktmacht. Aber Bio hat eine definierte Untergrenze. Genau diese Untergrenze darf nicht dadurch entwertet werden, dass ein neuer Begriff in den Markt kommt, der schöner klingt, aber weniger festlegt.
Die European Alliance for Regenerative Agriculture, EARA, hat jetzt eine regenerative Tierhaltungsstrategie für Europa vorgelegt. Darin stehen viele Punkte, die man aus Bio-Sicht ernst nehmen muss: flächengebundene Tierhaltung, Weidesysteme, weniger Importfutter, regionale Schlachtung, lokale Verarbeitung, bäuerliches Wissen, bessere Einkommen, mehr Resilienz.
Das ist nicht der Gegner.
Der Gegner beginnt dort, wo der Begriff ‚regenerativ‘ offen genug bleibt, um von ganz unterschiedlichen Interessen gefüllt zu werden. Von Bauern, die ernsthaft umstellen wollen. Von Bio-Betrieben, die ihre Arbeit weiterentwickeln. Aber eben auch von Konzernen, die mit Bodensprache und Klimaversprechen ihr Geschäftsmodell modernisieren, ohne die entscheidenden Abhängigkeiten wirklich zu lösen.
Die Bio-Bewegung darf regenerative Praktiken deshalb nicht einfach als neue Bewegung begrüßen. Sie muss zuerst klarstellen: Das sind unsere Kernpraktiken. Bodenfruchtbarkeit, Kreislaufwirtschaft, Vielfalt, Fruchtfolge, Weidehaltung, Tierbindung an Fläche, regionale Futterbasis und der Verzicht auf chemisch-synthetische Betriebsmittel sind nicht neu. Sie sind nicht erst durch das Wort ‚regenerativ‘ entstanden. Sie gehören zum Ursprung und zum Anspruch von Bio.
Wer diese Methoden ernsthaft vertiefen will, ist willkommen. Wer sie aber mit Agrarchemie, Herbiziden, mineralischem Stickstoff und konventioneller Betriebsmittellogik vermischt und dann als neues Nachhaltigkeitsversprechen in den Markt stellt, greift den Bio-Standard an. Nicht frontal, sondern schleichend. Nicht mit offener Ablehnung, sondern mit Verwechslung.
Die entscheidende Zahl liefert EARA selbst: Die untersuchten regenerativen Betriebe kamen nach eigenen Angaben mit 61 Prozent weniger synthetischem Stickstoff und 75 Prozent weniger Pestiziden aus.
Das ist ein Fortschritt – aber es ist auch der Punkt, an dem Bio hellwach sein muss. Denn 75 Prozent weniger Pestizide heißt eben nicht: keine Pestizide. 61 Prozent weniger synthetischer Stickstoff heißt nicht: kein synthetischer Stickstoff. Weniger Gift ist besser als mehr Gift. Aber weniger Gift ist nicht dasselbe wie ein System, das auf den Verzicht auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel und mineralische Stickstoffdünger ausgerichtet ist. Für Bio ist das keine Kleinigkeit – es ist der Kern.
IFOAM Organics Europe hat das Problem bereits klar benannt: Für ‚regenerative Landwirtschaft‘ gibt es keine einheitliche wissenschaftliche oder rechtliche Definition. Genau dadurch kann der Begriff auch für Ansätze genutzt werden, die nur begrenzte ökologische Verbesserungen bringen und weiterhin Praktiken erlauben, die mit den Zielen nachhaltiger Landwirtschaft nicht vereinbar sind.
Es reicht deshalb nicht, regenerative Landwirtschaft freundlich zu begrüßen. Die Bio-Bewegung muss deutlicher werden. Sie muss sagen: Regeneration ohne Bio-Mindeststandard ist kein Fortschritt über Bio hinaus. Es ist ein Begriff unterhalb von Bio, solange chemisch-synthetische Pestizide, Herbizide, mineralischer Stickstoff und andere konventionelle Betriebsmittel Teil des Systems bleiben.
Das ist die Koexistenz-Falle.
Wir haben diese Erfahrung nicht zum ersten Mal. In den USA wurde lange versucht, mit großen Akteuren der Lebensmittelindustrie und mit unterschiedlichen Auslegungen von Organic zu koexistieren. Heute sehen wir, wohin das führen kann: Wenn Standards aufgeweicht werden, müssen Bio-Bauern neue Bewegungen gründen, um das Ursprüngliche wieder sichtbar zu machen. Das Real Organic Project ist genau aus diesem Grund entstanden: als Rückkehr zu Bodenbindung, bäuerlicher Praxis und strengeren Maßstäben. Europa sollte diesen Umweg vermeiden.
Die Bio-Branche muss deshalb nicht gegen regenerative Landwirtschaft kämpfen. Sie muss aber klar sagen: Regenerative Praktiken sind Bio-Kern, wenn sie auf Bio-Basis stehen. Sie sind problematisch, wenn sie Bio ersetzen sollen. Und sie sind ein Angriff auf die Bio-Bewegung, wenn sie der Lebensmittelindustrie ermöglichen, ökologische Fortschritte zu behaupten, ohne sich an die Bio-Untergrenze zu binden.
Die richtige Formel lautet daher nicht: Bio oder regenerativ. Sie lautet: Regenerativ auf Bio-Basis. Alles andere muss sich prüfen lassen: Welche Betriebsmittel sind erlaubt? Welche Pestizide bleiben im System? Welche Dünger bleiben im System? Wie wird Tierhaltung an Fläche gebunden? Wie wird kontrolliert? Wer setzt die Standards? Wer verdient am Label? Und wer trägt am Ende das Risiko, wenn Verbraucher glauben, ‚regenerativ‘ sei automatisch besser als Bio?
Bio darf sich dabei nicht in eine Verteidigungsposition drängen lassen. Bio ist nicht altmodisch, weil andere jetzt von Regeneration sprechen. Im Gegenteil: Der Begriff Regeneration kommt aus der ökologischen Bewegung. Bodenfruchtbarkeit, Kreisläufe, Vielfalt, Tierwohl und bäuerliche Verantwortung sind keine neuen Erfindungen. Sie sind Bio-Kern.
Aber Bio muss aufpassen, dass diese Begriffe nicht entkernt und neu verkauft werden. Deshalb braucht es jetzt eine klare Linie: Regenerativ ohne Bio-Mindeststandard ist kein Bio-plus, sondern bestenfalls Konventionell-minus.
Wer mehr will als Bio, soll das zeigen. Wer Böden aufbaut, Tiere besser hält, Wasser schützt, Biodiversität stärkt und regionale Kreisläufe schließt, verdient Aufmerksamkeit. Aber wer unterhalb von Bio bleibt, darf nicht so tun, als sei er darüber.
Die Bio-Branche muss nicht gegen Windmühlen kämpfen. Aber sie muss rechtzeitig sagen, wo die Grenze verläuft. Nicht später, wenn der Begriff längst besetzt ist, sondern jetzt. Denn wenn ‚regenerativ‘ zum nächsten großen Marktversprechen wird, entscheidet sich früh, ob daraus eine Vertiefung von Bio wird – oder ein neuer Weg, Bio zu umgehen.
Erich Margrander







