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Agrarökologie unter Druck

Oxford Real Farming Conference versammelt globale Perspektiven

Agrarökologie unter Druck © Hugh Warwick
Full House: Bei den Plenumsveranstaltungen der Oxford Real Farming Conference 2026 waren im großen Hauptsaal des Rathauses von Oxford wieder alle 500 Plätze belegt. 

Am 9. und 10. Januar trafen sich internationale Akteure der Agrarökologie erneut zur Oxford Real Farming Conference (ORFC). Mehr als 3.200 Landwirte, Gärtner, Forscher, politische Entscheidungsträger sowie Aktivisten nahmen an der Veranstaltung teil. In über 150 verschiedenen Sessions diskutierten sie über die Gesundheitsrisiken von Glyphosat, die Rechte von Kleinbauern und Erntehelfern und über eine zukunftsfähige Landwirtschaft im Zeitalter der Macht transnationaler Konzerne. 

„Ich kann mir keinen besseren Start ins Jahr vorstellen als die Oxford Real Farming Conference“, sagte Anna Lappé, Geschäftsführerin der Global Alliance for the Future of Food. „Jede Session erinnert daran, dass es eine globale Bewegung gibt – von Sambia über Irland und Sri Lanka bis nach Großbritannien –, in der Gemeinschaften zusammenarbeiten, um ein Ernährungssystem zu schaffen, das gut für Menschen und den Planeten ist.“

„Die globale Politik fragmentiert sich weiter und wird zunehmend volatil“, bemerkte Andy Dibben, Bio-Gemüsebauer und Produktionsleiter der Abbey Home Farm. „Faschismus, offene Korruption und Unterdrückung scheinen zuzunehmen. Die Zerstörung natürlicher Ökosysteme beschleunigt sich trotz eines wachsenden Bewusstseins für ihre Bedeutung… doch Veränderungen werden von unten kommen.“

Unterwegs zum Glyphosat-Ausstieg

Michael Antoniou, Professor für Molekulargenetik am King’s College London, führte dem Publikum anhand aktueller Forschungsergebnisse die gesundheitlichen Risiken von Glyphosat vor Augen. Zwar sei der Stoff als Herbizid „extrem gut“, der Effekt aufs Darmmikrobiom sei jedoch verheerend. Hier verursache Glyphosat oxidativen Stress, einen der wesentlichen Risikofaktoren von Krebs. Andere mögliche Folgen seien das Leaky-Gut-Syndrom, Entzündungen und die nicht-alkoholische Fettleber (NAFLD). 60.000 Klagen gegen Monsanto, die das Herbizid als „sicherer als Speisesalz“ betitelten, seien momentan im Gang. Antoniou kritisierte, dass Glyphosat bei Untersuchungen der Toxizität nur isoliert betrachtet werde – nicht im Zusammenhang mit den ebenfalls toxischen Beistoffen im fertigen Herbizid. Die aktuell zulässige Tagesdosis entspreche nicht der Faktenlage. „Am Ende gibt es bei Gift nur eine sichere Dosis – überhaupt keine“, stellte der Wissenschaftler fest und rief dazu auf, den Einsatz hinter sich zu lassen.

Nick Mole vom Pestizid Aktions-Netzwerk PAN UK beobachtet dagegen einen großen Anstieg des Glyphosat-Einsatzes in den letzten Jahren. Die fortlaufende Nutzung – auch in der regenerativen Landwirtschaft – ist für ihn nicht akzeptabel. „Wir müssen einen anderen Weg finden – es gibt keinen Grund, weshalb wir es nicht schaffen können“, betonte er und sprach sich für ein Verbot des Herbizids aus. Glyphosat verfügbar zu haben bedeute ein Hemmnis für Innovationen, während ein Verbot Innovationen vorantreiben würde.

Zu den Landwirten, die den Absprung von Glyphosat schaffen wollen, gehört Georgie Bray, die seit zehn Jahren regenerative Landwirtschaft betreibt und den Pestizideinsatz seither bereits halbiert hat. „Wir suchen nach Wegen, Pestizide noch weiter zu reduzieren“, stellte sie klar. Martin Lines, Geschäftsführer des Nature Friendly Farming Networks, wies auf das wirtschaftliche Risiko hin, dem Bauern ausgesetzt sind, wenn sie versuchen, auf alternative Bewirtschaftungsformen umzusteigen. „Wir müssen sie mit Wissen und Fachkenntnissen unterstützen“, meinte er. „Landwirte können das nicht alleine leisten“, stimmte Mole zu. Es brauche eine ordentliche unabhängige agronomische Beratung sowie Unterstützung von der Regierung, vom Handel in Form von angemessener Bezahlung und von Verbrauchern, die eine entsprechende Zahlungsbereitschaft für gute Lebensmittel aufbringen müssten. 

Ernährungssystem außer Kontrolle

„Die Regierungen haben ihre Macht verloren, transnationale Konzerne kontrollieren alles“, sagte Jyoti Fernandes, Mitgründerin der Landworkers‘ Alliance und Vorstand bei La Via Campesina, auf der ORFC. Jennifer Clapp, Professorin für globale Ernährungssicherheit und Nachhaltigkeit an der kanadischen University of Waterloo, beschreibt in ihrem neuen Buch ‚Titans of Industrial Agriculture‘ die fortschreitende Konsolidierung im Agrarsektor samt der ‚Mega-Fusionen‘ nach 2015 (Corteva, Sinochem, Bayer und BASF), durch die am Ende nur eine Handvoll Unternehmen übrig blieben, die nun den gesamten Sektor kontrollieren. 

Wie konnten die Konzerne so groß werden? Dabei spielten laut Clapp selbst-verstärkende Faktoren eine Rolle. So halten die Giganten die Marktmacht, können Preise bestimmen, Wettbewerber fernhalten oder mit ihrem Kapital aufkaufen. Gleichzeitig verfügen die Unternehmen über das Budget, um die Narrative durch Lobbying nach ihrem Gutdünken zu formen. So können sie etwa die Erzählung aufrechterhalten, dass die industrielle Landwirtschaft nötig sei, um die Welt zu ernähren. Ein stärkerer politischer Sektor ist laut Clapp essentiell, um ein alternatives Modell durchzusetzen, ebenso wie die Förderung von Forschung zu alternativen landwirtschaftlichen Methoden. 

Klimagerechtigkeit im Argen

Die wohlhabendsten zehn Prozent der Weltbevölkerung seien seit 1990 für zwei Drittel der Globalen Erwärmung verantwortlich, machte Nicole Pita, Programmmanager beim Internationalen Expertengremium für Nachhaltige Lebensmittelsysteme (IPES), deutlich. Auf der anderen Seite erführen die Länder mit niedrigem Einkommen die schlimmsten Auswirkungen. Dabei habe der Internationale Gerichtshof im letzten Jahr eine wegweisende Entscheidung getroffen: Staaten haben demnach völkerrechtliche Verpflichtungen, Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen.

„Wir haben nicht nochmal 30 Jahre. Die Zeit zu handeln ist jetzt!“, betonte Deirdre Woods von der Gewerkschaft ‚Landworkers‘ Alliance‘. „Die Regierungen werden uns nicht helfen, solange wir sie nicht formen, wie sie sein sollten. Die Frage ist: Wie können wir wahre Demokratie mit der Macht beim Volk zurückgewinnen?“

„Wir müssen zur Graswurzel zurückgehen und von dort aus lernen“, meinte Barbara Hachipuka Banda, Gründerin und Geschäftsführerin des Natural Agriculture Development Program Zambia (NADPZ). „Veränderung findet statt, aber man muss dafür schauen, was an der Basis passiert.“ Es gelte, eine positive Perspektive einzunehmen und Erfolgsgeschichten zu teilen. Kritische Worte fand sie für Projekte der Vereinten Nationen, die ein paar Jahre liefen und dann versandeten, weil sie nicht mit den richtigen Werkzeugen ausgestattet wurden, um langfristig fortgeführt zu werden. „Es braucht klare Zuständigkeit und Kontinuität. Lehre die Menschen das Fischen, anstatt ihnen nur Fische zu geben.“

Die Kosten billiger Lebensmittel

Ein Panel zur Gerechtigkeit in Lieferketten nahm die wahren Kosten von billigen Tomaten aus Marokko, einem der wichtigsten Gemüseanbauländer Europas, unter die Lupe. In der UK kommen 25 Prozent der Tomaten und 20 Prozent des Obsts aus Marokko, wo die Erntearbeiter unter unmenschlichen, prekären Bedingungen, ohne soziale Absicherung und für einen Tageslohn von umgerechnet unter 7 Euro schuften – wie Sabrina Espeleta von der Organisation ‚War on Want‘ (‚Krieg gegen Not‘) in einem Video zeigte. Auch Kinder seien unter den Arbeitskräften. Gewerkschaften wie die ‚Democratic Union of Agriculture‘, die 2021 einen umfassenden Forderungskatalog zur Agrarpolitik verabschiedete – zum Schutz von Arbeitern im Landwirtschaftssektor, einer angemessenen Bezahlung und einem anständigen Lebensstandard – protestieren und rufen zur Solidarität vom anderen Ende der Wertschöpfungskette auf.

„All diese Kämpfe hängen miteinander zusammen“, sagte Jyoti Fernandes. Sie seien die Folge eines „wirklich brutalen“ exportbasierten Wirtschaftssystems, begleitet von einer neoliberalen Politik, die jegliche Marktregulierung eliminierte. Selbst im agrarökologischen Sektor seien Landwirte gefangen im System und zahlten ihren Arbeitern oft keine fairen Preise. „1,2 Milliarden Klimamigranten werden in den nächsten zehn Jahren erwartet“, warnte Fernandes. Je mehr die Ressourcenkonflikte zunehmen, desto mehr werde sich die Lage zuspitzen. „Lasst uns als globale Bewegung solidarisch zusammenarbeiten“, rief sie die Branche auf. 

Lena Renner

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