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Transformation in Aktion

Bio in Dänemark zeigt, was sich durch politischen Willen und Kooperationen bewegen lässt

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Seit über 30 Jahren schreitet Dänemark auf dem Weg zu mehr Bio voran und hat Maßstäbe für viele politische Entwicklungen in der EU geschaffen. Im höchsten Bio-Marktanteil weltweit wird die Wirkung des Engagements sichtbar, 2018 wurde Dänemark für seinen Ökoaktionsplan mit dem Future Policy Award des World Future Councils ausgezeichnet. Das Geheimnis des Erfolgs: politischer Wille, Strategie und Vernetzung.

Der kleine Staat am Fuße von Skandinavien ist Bio-Vorreiter auf zahlreichen Ebenen. Bereits 1986 wurde hier ein Gesetz zur Regulierung gentechnisch veränderter Organismen verabschiedet, gefolgt vom weltweit ersten Gesetz zur biologischen Nahrungsmittelproduktion 1987. Zwei Jahre später hat Dänemark als erstes Land ein eigenes nationales und staatlich kontrolliertes Bio-Siegel eingeführt. Es folgten die ersten Öko-Aktionspläne, der Aufstieg im LEH bis hin zum ambitionierten Ziel von 60 Prozent Bio in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung, das 2012 beschlossen wurde.

Heute hat Dänemark den größten Bio-Marktanteil in der Welt: Rund 13 Prozent der gesamten Lebensmitteleinkäufe sind Bio. Bei vielen wichtigen Produkten liegt der Bio-Konsum noch höher, zwischen 30 und 50 Prozent. Obst und Gemüse haben 2017 die Produktgruppe Milch, Käse und Eier überholt und machen seither den größten Umsatzanteil aus. Mit umgerechnet rund 780 Millionen ist O+G heute für 37 Prozent der Bio-Einnahmen verantwortlich, gefolgt von Milchprodukten mit 19 Prozent. Allein von 2019 auf 2020 verdoppelte sich der Bio-Umsatz bei den Bananen, die jetzt auf Platz 1 der beliebtesten Bio-Produkte stehen, und die Äpfel verzeichneten einen Anstieg von 30 Prozent. Stark im Kommen sind die Milchalternativen mit einem Umsatzwachstum von 39 Prozent, aber auch Wein, Bier und Spirituosen legten mit 20 Prozent ordentlich zu. Im Gesamten stieg der Bio-Umsatz im letzten Jahr um 14 Prozent und liegt aktuell umgerechnet bei fast 2,5 Milliarden Euro.

Den Markt ziehen, die Landwirte schieben

„Bio ist Teil der dänischen Identität geworden, das neue Normal“, meint Paul Holmbeck, ehemaliger Geschäftsführer der NGO Organic Denmark, der kürzlich mit Rapunzels ‚One World Award‘ ausgezeichnet wurde. „Wir wissen, dass Bio die Lösung für viele Probleme bereithält. Der Ökolandbau wird daher als Investition in die Zukunft betrachtet.“ Darüber gebe es einen breiten politischen Konsens. So haben sich alle Regierungen, die seit Ende der 80er an der Macht waren, klar zu Bio bekannt.

Im Zentrum der politischen Maßnahmen stand die in den 1990ern entwickelte Push-und-Pull-Strategie, mit der gleichzeitig Markt und Agrarsektor angestoßen werden sollten. Viel Aufklärungsarbeit darüber, was Bio für Umwelt, Klima, Trinkwasser und Tierwohl leistet, förderte die Nachfrage. 50 Prozent der Dänen greifen heute mindestens einmal pro Woche zu Bio. Das staatliche rote Ø-Siegel genießt viel Vertrauen in der Bevölkerung und wird von 98 Prozent der Bürger erkannt. Im Vergleich zum EU-Siegel ist es etwas strenger: Beispielsweise dürfen Obstbauern kein Kupfer zum Pflanzenschutz einsetzen und der Zusatzstoff Nitrit ist in verarbeiteten Produkten untersagt.

Mit einem Fonds für die ökologische Landwirtschaft hat die Regierung mehr als 125 Millionen Euro für die Förderung des Ökolandbaus bereitgestellt – das sind rund acht Euro pro Bürger. Neugierige Landwirte können einen kompletten Beratungstag kostenlos bekommen und in einem ‚Konvertierungs-Check‘ überprüfen, wie ihr Betrieb als Bio-Hof aussehen würde. Zudem übernimmt die Regierung sämtliche Zertifizierungskosten.

„Warum sollte der Bauer für etwas zahlen, das der Gesellschaft einen Mehrwert liefert?“, so Holmbeck. Als Ergebnis bewirtschaften heute rund 4.000 Bio-Bauern gut elf Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche – beim Obst- und Gemüse-Anbau sind es sogar fast 30 Prozent (Stand 2018).

Forschung vom Labor aufs Feld

Weitere Regierungsgelder fließen in den Bereich Forschung und Entwicklung. Bereits 1995 wurde vom Umwelt- und Lebensmittelministerium das erste nationale Forschungsprogramm für die ökologische Land- und Ernährungswirtschaft ins Leben gerufen, das elf dänische Forschungseinrichtungen umfasst. Seit 1996 wird die Arbeit vom Internationalen Zentrum für Forschung in ökologischen Lebensmittelsystemen (ICROFS) koordiniert. Die Forschungsfelder reichen von der Ertragssteigerung über die Erhöhung der Kohlenstoffbindung in Böden bis hin zur besseren Bio-Vermarktung und umfassen die gesamte Wertschöpfungskette. Durch die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern und Praktikern können neue Ergebnisse direkt in der Praxis umgesetzt werden.

Politischer Wille und ausreichende Mittel sind die eine Seite. Als Geheimnis des Erfolgs sehen Beobachter darüber hinaus das einzigartige Kooperationsnetz in der gesamten Branche. Landwirte, Verarbeiter, Verbände, Forscher, Berater, Politiker, der Einzelhandel und die Gastronomie haben für mehr Bio eng zusammengearbeitet. Der Rat für Ökolandbau bot vielen verschiedenen Stakeholdern eine politische Plattform. In der NGO Organic Denmark, die 2002 aus dem Zusammenschluss von acht landwirtschaftlichen Organisationen hervorging, sind Bauern, Bio-Unternehmen, Konsumenten und Experten vereint, um die Entwicklung von Bio gemeinsam voranzutreiben.

Der Einzelhandel als Verbündeter

Die ganze Land- und Ernährungswirtschaft ist in Dänemark von einer langen Genossenschaftstradition geprägt. Viele Landwirte sind zugleich Anteilseigner eines Genossenschaftsunternehmens, das sich um Verarbeitung, Produktentwicklung, Marketing und Absatz der Erzeugnisse kümmert. Dazu wachen starke Gewerkschaften über die Arbeitsbedingungen der Bauern. Oft konnten Bio-Betriebe mit innovativen Produkten Trends setzen, die später auch im konventionellen Bereich durchschlugen, etwa beim traditionell isländischen Milchprodukt ‚Skyr‘.

Den gut organisierten Herstellern steht der dänische Einzelhandel gegenüber, der von Anfang an einen großen Beitrag für mehr Bio geleistet hat. Jahrzehntelang hat Organic Denmark mit dem LEH kooperiert, strategische Dialoge geführt und über den Ausbau der Sortimente gesprochen. Der erste Bio-Vermarkter war der Genossenschafts-Supermarkt Coop, heute ist der Discounter Netto bei Bio ganz vorne mit dabei. „Wir müssen Bio dorthin bringen, wo die Leute sind“, erklärt Holmbeck. Reine Bioläden sind in Dänemark spärlich gesät. 80 Prozent der Bio-Einkäufe werden im LEH oder online abgewickelt. Schon früh wurde ein großes Bio-Sortiment als Wettbewerbsvorteil gesehen und motivierte die Händler, ihre Auswahl immer weiter aufzustocken. Die Supermärkte beteiligten sich aber auch an Aufklärungsarbeit über Bio und unterstützen Lehrgänge und Tagungen für kleine Bio-Betriebe.

Weniger Fleisch, mehr Qualität

Die letzte wichtige Säule ist Bio in der Außer-Haus-Verpflegung. Seit 2012 das 60-Prozent-Ziel für die öffentliche Gemeinschaftsverpflegung beschlossen wurde, legte Bio in der AHV jährlich um zehn bis 20 Prozent zu – auch wenn die Einnahmen im Corona-Jahr 2020 naturgemäß stagnierten. Durch öffentliche Gelder, über 15 Millionen Euro, wurden Städte im Umstellungsprozess unterstützt, das Küchenpersonal ausgebildet und auch die Mitarbeiter in der Essensausgabe geschult. „Seither wird in den Kantinen wieder viel mehr selbst gekocht und die Qualität der Gerichte ist deutlich besser geworden“, erzählt Holmbeck. Auch das Ansehen der Kantinenköche sei gestiegen. Indem saisonale Lebensmittel und weniger Fleisch verwendet werden sowie weniger weggeschmissen wird, konnten die Mehrausgaben für Bio preislich ausgeglichen werden. Über Netzwerke zwischen Produzenten, Großhändlern und AHV wird die Versorgungssicherheit mit Bio-Ware gewährleistet.

Maßgeblich zum Erfolg beigetragen hat auch das 2009 eingeführte Label für die Gastronomie. Restaurants und Kantinen können ihren Gästen seitdem über eine Bronze-, Silber- oder Gold-Auszeichnung vermitteln, dass mindestens 30, 60 oder 90 Prozent der verwendeten Lebensmittel in Bio-Qualität bezogen werden. Allein 2019 stieg die Anzahl an Restaurants, die Speisen mit Bio-Siegel verkaufen, um 20 Prozent auf 3.175.

Sind dänische Lebensmittelerzeugnisse seit jeher für ihre hohe Qualität angesehen, so macht sich der Bio-Boom auch im Export bemerkbar. In den letzten zehn Jahren hat der Export-Umsatz ein rasantes Wachstum hingelegt und lag 2019 bei über 400 Millionen Euro. Dabei werden 40 Prozent im größten Exportmarkt Deutschland erwirtschaftet, gefolgt von Schweden, Holland, China und Frankreich. Besonders beliebt sind dort Milchprodukte und Eier, außerdem Säuglingsnahrung, O&G und Fleischprodukte. Ein wichtiger Akteur auf den Exportmärkten ist das Netzwerk ‚Bio aus Dänemark‘, das vor allem kleine und mittlere Unternehmen auf dem Weg in den Export unterstützt – etwa durch Hilfe beim Marketing und die gemeinsame Messeteilnahme. Bei der Anuga 2021 sind die Hersteller in Halle 5.1 an den Ständen D079 E078 und E071 E075 sowie in Halle 10.2 am Stand A060 zu finden. Auch hier zeigt sich: Kooperation schafft Veränderung.

Lena Renner

 

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