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Basilikum frisch vom Dach

Neuer Rewe vereint nachhaltige Architektur mit eigener Aufzucht

Basilikum frisch vom Dach © bioPress, Dirk Hartmann

Mit einem Großprojekt für Nachhaltigkeit will Rewe neue Maßstäbe setzen: Eine Dachfarm mit Aquaponik-System soll die neue Filiale in Wiesbaden-Erbenheim mit frischem Basilikum und Buntbarsch versorgen. Im Sortiment wird viel Wert auf regionale Produkte gelegt. Der Markt startet mit einem Bio-Anteil von acht Prozent und viel Demeter-Ware.

Am 27. Mai 2021 wurde der neue Rewe-Markt im Wiesbadener Ortsbezirk Erbenheim eröffnet. Besonders nachhaltig mache ihn etwa eine intelligente Kühl- und Wärmetechnik sowie die Verwendung von 100 Prozent Grünstrom. Von der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen e.V. (DGNB) soll der Markt mit ‚Platin‘ die höchstmögliche Zertifizierungsstufe erhalten. Green Buildings mit DGNB-Zertifikat gebe es bei Rewe deutschlandweit bereits über 200. Europaweit einzigartig sei aber bisher die ressourcenschonende Lebensmittelproduktion auf dem Dach eines Supermarkts – schon von weitem ist das gläserne Gewächshaus erkennbar.

Als Kernelement des Gebäudes hat Rewe Holz verwendet. Rund 1.100 Kubikmeter des nachwachsenden Rohstoffs wurden hier verbaut. Davon stammen 83 Prozent aus dem österreichischen Vorarlberg und 17 Prozent aus dem Schwarzwald – auf Tropenholz wurde also verzichtet. Hölzerne Säulen, deren Kapitelle mit übereinander gestapelten Quer- und Längsbalken pyramidenförmig ins Dach übergehen, prägen das äußere wie innere Erscheinungsbild des Marktes. Auch die grüne Wandfarbe sei für Supermärkte bisher ungewöhnlich.

In der Mitte des Parkplatzes soll auf einer Schotterfläche eine Blühwiese entstehen, die Lebensraum für Insekten bietet. Einen eigenen Bienenstock wolle man auch installieren. „Dafür müssen wir aber noch einen geeigneten Standort finden“, so Rewe-Pressesprecherin Anja Loewe. Der Markt selbst hat eine übliche Verkaufsfläche von 1.500 Quadratmetern. Kunden erwartet man unter der Woche etwa 1.500 pro Tag und zirka 2.000 am Wochenende. „Wir denken, dass auch an Nachhaltigkeit interessierte Leute aus der Umgebung den Weg zu uns finden werden“, meint Jürgen Scheider, Vorsitzender der Geschäftsleitung Rewe Mitte.

Demeter im Fokus

Was das Sortiment angeht, so will sich der neue Rewe vor allem über regionale Produkte profilieren. Mit über 100 regionalen Lieferanten arbeite man dafür zusammen. Schon vor dem Markt werden Kunden von Ständen mit Blumen, Spargel und Erdbeeren empfangen, die einen Wochenmarktcharakter vermitteln. Die Bäckerei Lohner’s am Eingang hat ihren Hauptsitz im etwa 100 Kilometer westlichen Polch. Viele regionale Produkte werden über die Landmarkt-Initiative bezogen, in der sich hessische Landwirte zur Direktvermarktung vereinigt haben, und darüber auch besonders hervorgehoben.

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Beim Bio-Anteil ist noch Luft nach oben: Zirka 2.000 Artikel von insgesamt 25.000 sind bereits Bio, also acht Prozent. Am stärksten aufgestellt ist die Obst- und Gemüse-Abteilung mit rund 15 Prozent Bio-Anteil, gefolgt von Molkereiprodukten mit acht Prozent, Fleisch mit sieben Prozent und fünf Prozent beim Trockensortiment. Darunter findet sich viel Verbandsware: von Naturland, Bioland und Demeter.

Im September 2020 hat Rewe für alle seine Filialen einen Großhandelsvertrag mit Demeter geschlossen und für jede Region einen eigenen Demeter-Beauftragten eingesetzt. Mit 200 Demeter-Artikeln macht sich diese Entwicklung im Rewe Erbenheim bereits bemerkbar. In einem eigenen Demeter-Brotregal finden sich Steinofenbrot, Roggenvollkorn und Frankenlaib von Georgs Mühlen Bäck, der seinen Sitz östlich von Frankfurt hat. Auch bei der Babynahrung (fast komplett Bio) gibt es vom Hersteller Holle eine große Auswahl an Demeter-Produkten. Mit der Marke sandro’s bio kommen Kunden in den Genuss von Vanille-, Schokoladen-, Haselnuss- und Mango-Eis in Demeter-Qualität.

Regionale Salate und edle Pilze

Bei Obst und Gemüse bestimmt die Rewe-Eigenmarke das Bio-Angebot: Äpfel, Bananen, Orangen, Ananas, Zitronen, Grapefruit, Kiwi und Avocados sind verfügbar; ebenso wie Gurken, Tomaten, Zucchini, Paprika, Spargel, Kürbis, Knoblauch, Ingwer, Kurkuma und Auberginen. Daneben macht ein großes Hinweisschild auf den hessischen Biolandhof Tollgrün aufmerksam, der den Markt mit Salaten, Karotten, Knollensellerie und Suppengrün beliefert. Bio-Obst und -Gemüse ist im Block platziert, während das Sortiment in anderen Bereichen neben den konventionellen Produkten eingeordnet wurde. Bei O+G aber habe Rewe mit der Block-Anordnung gute Erfahrungen gemacht. „Das geht sonst zu sehr unter!“, erklärt Jürgen Scheider.

Als Besonderheit sticht in der neuen Filiale das große Bio-Pilz-Angebot ins Auge. Lose Edelpilze wie Seitlinge und Shiitake können Kunden sich selbst abpacken. Sie stammen aus der Edelpilzzucht Kroll in Offenbach, wo sie in einem Gewölbekeller wachsen, und seien sonst nur auf Wochenmärkten zu finden. Dazu gibt es etwa Limonenseitling und weißen Buchenpilz vom Bioland-zertifizierten Produzenten Lehr.

Stolz im Fleisch-Sortiment ist der Rewe-Markt auf das Rindfleisch, das von einem lokalen Bio-Metzger bezogen wird. Dazu findet sich an der Wurst-Theke etwa Mettwurst, Leberwurst und Stracke von Rack & Rüther. Abgepacktes Fleisch wie Hack, Schweinesteaks und Hähnchenschenkel wird als Eigenmarke verkauft, überwiegend mit Naturland-Label. Als Spezialität gibt es daneben Wurstaufschnitt vom Schaf: Von der Marke Schäfer können Kunden Lammpfefferbeißer, Lammschinken oder Chorizo abgepackt erwerben.

Beim Fisch finden Bio-Kunden an der Theke Saibling und Regenbogenforelle aus der Region, dazu Lachsfilet, Riesengarnelen und Garnelensalat. Auch an der Käse-Theke wird die Regionalität hervorgehoben: für einen Appenzeller und einen Bioland-Bergkäse. Dazu gibt es Comté, ‚gepfeffertes Ärschle‘ von Biomeyer und einen Pfeffer-Rebellen im Angebot.

Unverpackte Nüsse und Gewürze in Fülle

Abermals im Block angeordnet ist das MoPro-Sortiment, bei dem sich auch SB Wurst- und Käseaufschnitt von der Eigenmarke befinden. Neben vielen Rewe-Produkten von Buttermilch bis Frischkäse stehen hier verschiedene Fruchtjoghurts, Kefir und Butter von Andechser Natur, dazu Schwarzwaldmilch, Joghurt und Milch von Paul Söbbeke und die ‚Du bist hier der Chef‘-Milch, über deren Produktion Ver- braucher entschieden haben.

Das geblockte Trockensortiment wird von Bauckhof bestimmt, der Backmischungen sowie Demeter-zertifiziertes Mehl stellt. Dazu kommen zahlreiche Konserven, Saft und Haferflocken von Campo Verde – ebenfalls mit Demeter-Auszeichnung. Viele verschiedene Marken finden sich bei den Aufstrichen: Ppura, Nabio, Tartex, Anaveda, Davert, Bio Zentrale, Bio Gourmet und Rewe Bio. Die Marmelade wird von Fior di Frutta bezogen, Tee gibt es von Pukka und Fruteg.

Weitere Bio-Varianten hat die Vegan-Abteilung zu bieten: Flohsamenschalen und Kakao-Nibs von borchers, Aufstriche von Rettergut, Nabio, Dell und veggy friends, Fruchtkonfekt von Mimi’s Garden sowie Schokolade von vantastic foods.

Davert wurde darüber hinaus ein komplett eigener Stand gewidmet: mit Müsli, Porridge, Fertiggerichten, Reis, Linsen, Bohnen, Bulgur, Quinoa, Couscous, Hanfsamen, Sesam, Blaumohn und Leinsaat. In einer Veríval-Ecke finden sich Gemüseaufstrich, Kichererbsen, Nüsse, Bulgur, Hirse, Haferkleie, Zucker, Cornflakes und Haferflocken-Müsli. Nudeln, Mehl und Energieriegel in Bio-Qualität gibt es auch am Stand des Unternehmens Share, mit dem Rewe kooperiert. Bei jedem Verkauf wird ein gleichwertiges Produkt an einen bedürftigen Menschen weitergegeben.

Auch eine eigene Unverpackt-Station hat der Rewe-Markt aufgebaut. In Plastikbehältern von ecoterra, die auch Edeka als Anbieter gewählt hat, können sich Kunden alles von Walnüssen bis zu getrockneten Bananen in eigene Behälter abfüllen.

Wenig erfolgreich ist die Suche nach Bio-Getränken. „Gleich ums Eck befindet sich ein Rewe-Getränkemarkt“, erklärt Daniel Käding, Einkaufsleiter bei Rewe Mitte. Umso überzeugender fällt das Angebot an Gewürzen aus: Die Marken Ankerkraut, Hartkorn, Bio Wagner und Rewe füllen zusammen einen ganzen eigenen Stand. Auch in der Tiefkühl-Abteilung ist Bio vertreten: mit Fertiggerichten von followfood und Fisch von followfish. Dazu können Kunden Demeter-zertifiziertes Gemüse erwerben.

Fische düngen Basilikum

Ein gläsernes Atrium über der Mitte der Filiale sorgt für Tageslicht im Markt und macht neugierig auf die Dachfarm im Obergeschoss. Über eine Treppe gelangen interessierte Kunden in einen Besucherraum, in dem Infotafeln die Grundlagen von Green Farming und Aquaponik erklären. Durch eine Glaswand erschließt sich ihnen der Blick auf ein Meer von Basilikum-Pflanzen.

  • © bioPress, Dirk Hartmann

14.000 Töpfe Basilikum werden hier pro Woche in Papierhüllen umgepackt und zum Verkauf neben der Erbenheimer Filiale an 480 Rewe-Märkte in Hessen und Rheinland-Pfalz geliefert. „Nachmittags kommen die Lastwägen mit der Obst-Lieferung und nehmen das Basilikum gleich mit“, erläutert Jannis Grothaus, Betriebsleiter der Frisch vom Dach GmbH aus Berlin, die den Anbau als Tochter von ECF Farmsystems verantwortet. So entstehe kein zusätzlicher Liefer-Aufwand. Die Töpfe stammen aus 100 Prozent recyceltem Plastik und werden wiederverwendet.

Zwei separate Kreisläufe verwaltet ECF-Farmsystems: Die Fischzucht (Aquakultur-Kreislauf) liefert Wasser, Nitrat und CO2 für den Basilikum-Anbau (Hydroponik-Kreislauf). Die Pflanzen reinigen das Wasser, indem sie die gelösten Nährstoffe aufnehmen, und wandeln das Kohlendioxid in Sauerstoff um. Als Dunstwasser wird das Wasser im Gewächshaus aufgefangen und zusammen mit Regenwasser wieder den Fischbecken zugeführt. Durch die Doppelnutzung verbrauche man 90 Prozent weniger Wasser als in der herkömmlichen Landwirtschaft.

„Das System würde auch ohne Substrat funktionieren“, sagt Grothaus. Für das Rewe-Basilikum verwende man aber Bio-Erde, da ja später die ganzen Pflanzen verkauft werden. Den Nitrat-Dünger liefern die flüssigen Ausscheidungen der Fische – die festen dürften rechtlich nicht gebraucht werden. Aufgedüngt würden die Pflanzen zudem mit Phosphor und Kalium. Anfangs werde noch sprühbewässert, später flutbewässert. Sobald sich das erste Blatt zeigt, wird das Basilikum für elf Stunden am Tag beleuchtet. Die Wärmezufuhr erfolgt durch eine Untertischheizung sowie einen Energieschirm am Dach, der die Wärme hält. Obwohl für den Anbau keinerlei Pestizide oder chemischen Dünger verwendet werden, verzichtet Rewe vorerst mit Blick auf den Aufwand auf eine Bio-Zertifizierung.

Buntbarsche frisch aus der Zucht

Um zur Fischfarm zu gelangen, muss man sich in ein Zwischengeschoss zwischen  Rewe-Markt und Basilikum-Farm bewegen. Hier stehen auf einer Fläche von 230 Quadratmetern 13 runde Becken aneinandergereiht: zwölf für die Aufzucht plus ein Hälterbecken mit klarem Wasser, in das die Fische vor der Schlachtung gegeben werden. Eine Zulaufrinne versorgt die Becken mit frischem Wasser, ein Rohr unten führt zur Ablaufrinne. Durch einen Trommelfilter wird das Wasser mechanisch gereinigt und der Schmutz in der Kanalisation entsorgt. Zusätzlich gibt es eine Wasseraufbereitungsanlage mit UV-Desinfektion. Optische Sensoren messen den Sauerstoff-Gehalt im Wasser. Dazu besitzt jedes Becken auch einen eigenen Futterautomat, der prüft, wie viel Futter noch vorhanden ist und wie viel benötigt wird.

Bisher schwimmt noch kein Fisch in der Farm. Die erste Lieferung an Buntbarschen wird erst für Ende Juli erwartet. Diese Gattung sei in der Gastronomie sehr beliebt. „Buntbarsche sind robust und angenehm in der Handhabung“, erklärt Grothaus. Außerdem seien sie sehr gute Futterverwerter: Für ein Kilogramm Fisch benötige man nur 1,2 Kilogramm Futter. Pro Woche sollen in der Farm zukünftig 200 Kilogramm Fisch produziert werden. Schlachtreif sind die Barsche nach sieben bis acht Monaten und werden dann von Farmsystems-Mitarbeitern selbst von Hand betäubt und getötet. Im Handel können Rewe-Kunden die Fische also voraussichtlich Anfang 2022 erwarten. Bei Neubauten will Rewe das Aquaponik-Konzept auch auf andere Filialen ausweiten.

Lena Renner

 

Rewe Wiesbaden-Erbenheim
Berliner Str. 277-279, 
65205 Wiesbaden
Eröffnet: 2021
Mitarbeiter in Vollzeit: 64
Verkaufsfläche: 1.500 Quadratmeter
Artikelanzahl: ca. 25.000
Bio-Artikel: ca. 2.000
Kassen: 4 + 4 Express-Kassen 
Öffnungszeiten: Mo. - Sa. 7 - 22 Uhr

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