Start / Business / Themen / Politik / Bundeskabinett beschließt Gentechnikgesetz: Viel Arbeit für die Parlamente!

Gentechnik

Bundeskabinett beschließt Gentechnikgesetz: Viel Arbeit für die Parlamente!

Nach Einschätzung des Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) wird der heute vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf für ein neues Gentechnikgesetz den Parlamenten nach der Sommerpause jede Menge Arbeit bescheren.

"Der Versuch, den Sympathien der Kanzlerin für die Agro-Gentechnik gerecht zu werden und trotzdem den Ansprüchen der Verbraucher und dem Schutz gentechnikfreier Lebensmittelerzeugung zu genügen, hat etliche Unzulänglichkeiten verursacht", befindet Dr. Felix Prinz zu Löwenstein, Vorsitzender des BÖLW. "Bundesrat und Bundestag sind jetzt gefordert, diese Verwerfungen zurecht zu biegen".

Verhinderungen von Kontamination müssen das Ziel sein

So sei im Gesetz zwar als Ziel der Anbauregeln festgehalten, den Eintrag von Gentechnik in andere Grundstücke zu verhindern. In der dem Gesetz folgenden "Verordnung für die gute fachliche Praxis" sei aber lediglich davon die Rede, es müssten Gentechnikverunreinigungen unter bestimmten Schwellen gehalten werden. "Genau das führt aber zu einer schleichenden Verunreinigung der Produktionskette", verdeutlichte Löwenstein. Deshalb müssten die Sicherheitsabstände so groß gewählt werden, dass es auch unter ungünstigen Bedingungen nicht zu Auskreuzungen der künstlichen Gene komme. Löwenstein kritisierte scharf, dass der Satz gestrichen werden solle, nach dem Pflanzenarten, die erwiesenermaßen nicht koexistenzfähig sind,  vom Gentechnikanbau ausgeschlossen werden müssen.

Keine Sonderregelungen zwischen Nachbarn unter der Decke

Der BÖLW wendet sich dagegen, dass Gentechnikanbauern dass Recht eingeräumt werden soll, auf Schutzmaßnahmen zu verzichten, wenn ihre Nachbarn dem zustimmen. "Nur vordergründig geht es dabei um Vereinbarungen, die nur die Vertragspartner etwas angehen. In Wirklichkeit würde auf diese Weise der unkontrollierten Ausbreitung gentechnisch veränderter Pflanzen Vorschub geleistet", so Löwenstein. Verpächter, Lohn-Mähdrescher oder Imker seien darauf angewiesen zu wissen, ob sie wegen unterlassener Schutzmaßnahmen oder Verzicht auf Abstände mit gentechnisch veränderten Organismen zu rechnen hätten oder nicht.

Haftungsregelung muss entstehende Schäden abdecken

Nach wie vor ist die Haftungsregelung unzureichend. Dort wo die meisten Schadensfälle und damit auch große wirtschaftliche Verluste zu erwarten sind - bei Verunreinigungen innerhalb der Landwirtschaft unter 0,9 Prozent - ist die Haftung nicht klar geregelt. Als Haftungstatbestand wird explizit der Fall gekennzeichnet, bei dem eine Verunreinigung gentechnikfreier Produkte über dem Kennzeichnungsschwellenwert von 0,9% stattgefunden hat. Nur durch Voransetzung des Wortes "insbesondere" wird ein unsicherer Weg - im Wesentlichen über Gerichte - eröffnet, Schadensersatz auch dann zu beanspruchen, wenn der Schwellenwert nicht erreicht ist. "Hier fordern wir vom Gesetzgeber klare Regelungen, damit die ungewollt Betroffenen nicht auf ihrem Schaden sitzen bleiben. Wir haben dazu konkrete Vorschläge gemacht", so Löwenstein.

BÖLW begrüßt die Absicht, die "Positivkennzeichnung" neu zu regeln

Als erfreulich bezeichnet es der BÖLW-Vorsitzende, dass das Kabinett die "Neue-Lebensmittel-Verordnung" reformieren will. Darin wird festgelegt, unter welchen Bedingungen eine "Ohne-Gentechnik" Auslobung vorgenommen werden darf. "Wenn diese Bedingungen so klar formuliert werden, dass sie für die Land- und Lebensmittelwirtschaft anwendbar werden, ist das ein begrüßenswerter Fortschritt für die Transparenz gegenüber dem Verbraucher. Sowohl die EU-Ökoverordnung als auch die österreichische "Ohne-Gentechnik-Richtlinie" bieten sich dafür als Modell an", sagte Löwenstein. Wichtig sei, dass Bauern und die Verarbeiter ihrer Produkte künftig auch angeben dürfen, dass sie auf den Einsatz gentechnisch veränderter Pflanzen im Futter verzichten.

[ Artikel drucken ]

Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Ohne-Gentechnik-Gipfel 2026: Siegel sichern Transparenz

Internationale Non-GMO-Branche rüstet sich für Deregulierung

Ohne-Gentechnik-Gipfel 2026: Siegel sichern Transparenz © Nina Werth

Die Entscheidung in Brüssel rückt näher – und damit die Aussicht auf weitreichende Änderungen bei der Regulierung Neuer Gentechnik. Können Siegel die Wahlfreiheit für Verbraucher sichern, wenn die Kennzeichnungspflicht wegfällt? Lässt sich durch nationale Koexistenzregeln das Verursacherprinzip aufrechterhalten? Und wie steht es um die Entwicklung von Nachweisverfahren? Über 120 Vertreter aus Lebensmittelwirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Verbänden aus 14 Ländern trafen sich am 13. Mai zum ‚International Non-GMO Summit‘ in Frankfurt, um im Vorfeld der anstehenden EU-Deregulierung Neuer Gentechnik (NGT) über die Zukunft der ‚Ohne Gentechnik‘-Branche zu diskutieren.

22.05.2026mehr...
Stichwörter: Gentechnik

Einzelhandel fordert Nachbesserungen bei NGT-Regulierung

Abstimmung im Umweltausschuss auf Juni verschoben

Kennzeichnung bis zum Endprodukt, Rückverfolgbarkeit und Schutz der europäischen Bauern und Züchter vor Patenten: Das fordert eine Allianz des europäischen Lebensmitteleinzelhandels, bestehend aus Rewe-Gruppe, Alnatura, Dennree, dm, EcorNaturaSì (Italien), Odin (Niederlande) sowie dem Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), in einem gemeinsamen Schreiben an den Umweltausschuss (ENVI) des EU-Parlaments. Die Abstimmung im ENVI über den aktuellen Entwurf zur Regulierung Neuer Gentechnik (NGT) sollte eigentlich heute stattfinden, wurde jedoch kurzfristig in den Juni verschoben.

05.05.2026mehr...
Stichwörter: Gentechnik

Bäuerliche Verbände warnen vor EU-Gesetz zu Neuer Gentechnik

Offener Brief an EU-Parlament veröffentlicht

In wenigen Wochen soll im Europaparlament final über den Gesetzesentwurf zur Deregulierung Neuer Gentechnik (NGT) abgestimmt werden. Aus Sicht von Landwirtschaft und Verbrauchern sei der aktuelle Vorschlag inakzeptabel, sagen vier bäuerliche Verbände. In einem offenen Brief fordern sie die Abgeordneten auf, den Gesetzestext grundlegend zu verbessern oder abzulehnen.

04.05.2026mehr...
Stichwörter: Gentechnik