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Pestizide

Verbrechen: Pestizid-Kritik

Valérie Murat zu 125.000 Euro Schadenersatz verurteilt

Die französische Aktivistin Valérie Murat wurde vom Weinbauverband von Bordeaux, der CIVB, wegen Verleumdung verklagt und jetzt dazu verurteilt, 125.000 Euro Schadenersatz zu zahlen. Ihr Verbrechen: Sie hat Pestizid-Rückstände in Bordeaux-Weinen nachgewiesen. Gegen das Urteil will sie in Berufung gehen.

Im September 2020 hatte die 43-jährige Murat, Sprecherin der Organisation Alerte aux Toxiques, eine Analyse veröffentlicht, in der sie Pestizidrückstände in Weinen von zwanzig Weingütern im Bordelais nachweisen konnte. Alle waren mit einem Label für besonders umweltfreundlichen Anbau (Haute Valeur Environnementale) ausgezeichnet. Gefunden wurden Rückstände von bis zu 15 Wirkstoffen pro Flasche.

Mit der Begründung, dass die Spuren der Pflanzenschutzmittel im legalen Rahmen bleiben, verklagte der CIVB (Conseil Interprofessionnel du Vin de Bordeaux) die Umweltaktivistin auf Verleumdung – und bekam am Donnerstag von einem Libourner Gericht Recht. Die Veröffentlichung habe dem „Weinbaugebiet Bordeaux Schaden zugefügt“.

Laut Kritikern erfüllt das Vorgehen des CIVB alle Merkmale einer sogenannten SLAPP-Klage (Strategic Lawsuits against Public Participation). Mit solchen unverhältnismäßigen Klagen versuchen Regierungen und Unternehmen, diejenigen einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen, die im öffentlichen Interesse Missstände benennen. SLAPPs bedrohen laut der Menschenrechtskommissarin des Europarats Dunja Mijatovic die Meinungsfreiheit und nehmen auch in Europa zu.

Die Situation erinnert an den Südtiroler Pestizid-Prozess, in dem Agrarreferent Karl Bär vom Umweltinstitut München verklagt wird, weil er den hohen Pestizideinsatz in Apfelplantagen kritisiert hat. „Ein Blick nach Südtirol sollte dem Branchenverband der Bordeaux-Weine allerdings zeigen, dass seine Strategie, unerwünschte Kritik durch Klagen zu unterdrücken, genau das Gegenteil bewirken wird“, kommentiert Karl Bär mit Blick auf die öffentliche Wirkung zuversichtlich.

Der Grünen-Europapolitiker Martin Häusling sprach von einem „unverzeihlichen Angriff auf die Redefreiheit und den Verbraucherschutz“. Schlimm genug, dass die Rückstände noch legal seien – dass die Weine aber zusätzlich mit dem HVE-Umweltprädikat ausgezeichnet wurden, könne als bewusste Verbrauchertäuschung gewertet werden. Er ruft daher zum Boykott von Bordeaux Weinen in ganz Europa auf.

43 Organisationen aus ganz Europa solidarisieren sich mit der Anti-Pestizid-Aktivistin, darunter Greenpeace, Buglife, das Corporate Europe Observatory und das Umweltinstitut München. Neben Häusling sprachen sich noch vier weitere Abgeordnete des EU-Parlaments für Murat aus.

„Die Wahrheit zu sagen ist kein Verbrechen und doch sitze ich auf der Anklagebank. Aber ich lasse mich nicht mundtot machen und freue mich darüber, dass die Zivilgesellschaft hinter mir steht und sich mit mir gegen diesen eklatanten Angriff auf die Meinungsfreiheit wehrt“, so Valérie Murat. Gegen das Urteil in erster Instanz will sie Berufung einlegen.


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