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Digitale Vermarktung im Blick

Digitale Vermarktung im Blick © Frischepost
Der Online-Shop Frischepost versorgt Konsumenten mit Lebensmitteln direkt vom Hersteller

Die Corona-Krise hat die Trends sowohl zu regionalen Produkten als auch zu digitaler Vermarktung noch verstärkt. In der von den Grünen initiierten Online-Reihe ‚Zukunft der Landwirtschaft‘ sprachen Experten aus der Praxis darüber, was digitale Vermarktung leisten kann und welche Rolle die Politik im Bereich Vermarktung übernehmen sollte.

Direkt aus dem Online-Geschäft berichten konnte Jule Willing, eine der Gründerinnen der Direktvermarktungs-Plattform Frischepost. Ihre Motivation: Produkte zu fairen Preisen verkaufen. Vor sechs Jahren hat sie den Online-Shop in Hamburg ins Leben gerufen und sei damals bei den Produzenten noch auf eine „gesunde Skepsis“ gestoßen. Inzwischen trudelten aber täglich Bewerbungen ein.

Logistisch setzt man bei Frischepost auf dezentrale Strukturen. Es gebe kurze Transportwege und eigene Kommissionierungszentren. Von den Produzenten werde jeweils nur so viel bezogen, wie auch bestellt wurde.

Einer der teilnehmenden Produzenten ist Sönke Strampe, der die Plattform – neben anderen Vertriebswegen – für den Verkauf seiner ‚Sönkes Süßkartoffeln‘ nutzt. 2015 hat der Landwirt den elterlichen Betrieb in der Lüneburger Heide, Kreis Ülzen, übernommen. Ein Jahr später begann er die Umstellung auf Ökolandbau und die Spezialisierung auf Süßkartoffeln, die er mittlerweile auf vier Hektar anbaut. Die Herausforderung sei jetzt, die Produkte vom Land in die Stadt zu bekommen. Dafür brauche man Partner in Vertrieb und Logistik.

Im Online-Geschäft sieht Willing die Zukunft. Allein im letzten Jahr habe der Online-Lebensmittelmarkt – auch coronabedingt – ein enormes Wachstum erfahren. Bisher ist die Kundschaft von Frischepost allerdings rein urban und beschränkt sich auf Stadtgebiete und Vororte. Man verfüge über keine Lieferlogistik in ländliche Räume hinein. Das solle sich zwar ändern, man habe aber bisher noch keine Lösung gefunden.

Ganz anders sieht es bei Sarah Dhem aus. Ihre Kunden wohnten größtenteils auf dem Land, weil die Großstädter wohl schon vor Ort ein genügend großes Angebot hätten. Die Anfang 40-Jährige ist Geschäftsführerin im familiären Betrieb Schulte – Lastruper Wurstwaren, Mitgründerin der Kalieber GmbH und Präsidentin des Bundesverbands der Deutschen Fleischwarenindustrie.

Transparenz und Kundenbindung

2015 hat Kalieber die Direktvermarktung von Wurst- und Fleischwaren übers Internet gestartet. „Wir wollten unser Handwerk noch mehr leben“, erinnert sich Dhem. Der Aufbau sei aber nicht einfach und brauche viel Herzblut und Überzeugung. Einen der großen Vorteile des Online-Handels sieht sie in der Transparenz. So könne man jedes Produkt bis hin zur Schlachtung zurückverfolgen.

Unerlässlich sei das Internet auch für die Bindung von Konsument und Produzent, fügt Sönke Strampe hinzu. Die Leute bräuchten eine Story um die Produkte herum. Und die Produzenten bräuchten wiederum den direkten Draht zu den Kunden, das direkte Feedback. Deshalb sei ‚Sönkes Süßkartoffeln‘ auf verschiedenen Sozialen Medien vertreten.

Doch die Online-Vermarktung berge auch Risiken, warnt Marc Albrecht-Seidel, Geschäftsführer des Verbands für Handwerkliche Milchverarbeitung. Konzentriere man sich etwa als Hersteller nur auf einen einzigen Shop, so sei man weniger abgesichert als beim analogen Verkauf über mehrere Einzelhändler. Über Soziale Medien könne man zwar gut direkten Kontakt zu Kunden suchen, aber genauso Opfer eines Shitstorms werden, was einen großen Imageschaden zur Folge haben könnte.

Auch als Konsument sei es ratsam, die Internetauftritte mit einer gesunden Skepsis zu betrachten. Die Unterscheidung zwischen Transparenz und Werbung sei nicht immer einfach und so dürfe man nicht alles für bare Münze nehmen, was einem erzählt wird. Seidel vergleicht das Internet mit dem Wilden Westen, in dem noch wenig reguliert ist und zu dem erst einmal jeder Zugang hat.

Mehr Bildung und bessere Infrastruktur

In einer Abschlussrunde sollten die Referenten erzählen, was sie sich von der Politik wünschten. „Mehr Ernährungsbildung an Schulen“ war dabei eine einhellige Forderung. So könne die Wertschätzung für Lebensmittel bereits bei Kindern anfangen. Verbraucher sollten zudem Anreize dafür bekommen, mehr Geld für gute Lebensmittel auszugeben, zum Beispiel über eine Mehrwertsteuersenkung, ergänzt Jule Willing. Außerdem brauche es klare Regeln dazu, wie der Handel im Hinblick auf Nachhaltigkeit und Regionalität werben darf.

„Man muss als Landwirt erstmal gefunden werden“, erklärt Sönke Strampe und fordert deshalb so etwas wie eine Agentur, die interessierten Landwirten bei der Erstellung eines Internetauftritts unter die Arme greift. Darüber hinaus könnte eine digitale Software eingeführt werden, die Erzeugern das Dokumentieren erleichtert. Damit würde man vor allem kleinere Betriebe, die direktvermarkten unterstützen.

In dieselbe Richtung denkt Marc Albrecht-Seidel und plädiert für eine Art von Digitalgutschein, der zur Weiterbildung oder für eine Grundausstattung eingelöst werden könnte. Außerdem müsse der Staat über den Breitbandausbau eine geeignete Infrastruktur zur Verfügung stellen. „Die Politik soll sich mehr an der Praxis orientieren, und mehr am Mittelstand“, wünscht sich Sarah Dhem. Es wäre schön, wenn man mehr kommunizieren und ins Gespräch kommen könnte.

Lena Renner


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