Start / Business / Bio-Unternehmen / Hersteller / Ganz oder gar nicht – eine Frage der Ethik

Hersteller

Ganz oder gar nicht – eine Frage der Ethik

Stauss Geflügel will gesamte Wertschöpfungskette abdecken

Ganz oder gar nicht – eine Frage der Ethik © Timo Lang

Stauss Geflügel produziert seit 2006 Bio-Geflügel im eigenen Schlachtbetrieb im baden-württembergischen Ertingen. Durch die Partnerschaft mit dem Schweizer Produzenten Micarna bietet Stauss seit drei Jahren mit der konventionellen Marke ‚Alpigal‘ zusätzlich hochwertiges Geflügel aus artgerechter Tierhaltung an. Um die Wertschöpfungskette bei Bio-Geflügel zu schließen, will Geschäftsführer Robert Stauß künftig selbst Elterntiere halten und eine eigene Brüterei betreiben.

Dass Stauß mit der Entscheidung richtig lag, den elterlichen Milchwirtschaftsbetrieb vor 30 Jahren in einen Geflügelhof umzustrukturieren, wurde ihm in den letzten zwei Jahren umso bewusster: „Wir profitieren vom Bio-Boom, der sich im Geflügelbereich aufgetan hat. Das Wachstum beträgt aktuell zehn Prozent. Viele Landwirte sind bereit für die Umstellung ihrer Höfe. Allein in diesem Jahr haben wir vier neue Bauern für die Geflügel-Produktion dazugewonnen.“ 2016 setzte Stauß 11,5 Millionen Euro um.

Viel wichtiger als Zahlen seien jedoch ethische Gesichtspunkte. „Wir bieten unseren Hähnchen, Puten, Enten und Gänsen eine artgerechte Haltung und verwerten das ganze Tier. Das zeichnet unseren Familienbetrieb aus.“ Neben seiner Frau arbeiten auch drei seiner Kinder im Unternehmen.

Zurzeit betreiben 15 Bio-Landwirte, die Naturland- oder Bioland-zertifiziert sind, 20 Bestallungen für Stauß. Drei dieser Geflügelställe mit insgesamt 7.400 Plätzen befinden sich auf seinem Hof. Für die konventionelle Marke ‚Alpigal‘ produzieren zwölf Landwirte.

„Micarna steht seit über 50 Jahren für artgerechte Tierhaltung nach eigenen Tierwohl-Standards, die über die staatlichen Anforderungen hinausgehen. Der wesentliche Unterschied zum Bio-Geflügel liegt in der konventionellen Fütterung. Die Haltungsbedingungen von Micarna ähneln denen der Bio-Betriebe. ‚Alpigal‘-Geflügel hat genügend Platz, Rückzugsmöglichkeiten, aber keinen Zugang ins Freie“, erklärt Stauß. Auch seine eigenen Richtlinien gehen über die Vorschriften der EU Bio-Verordnung hinaus.

Strengere Haltungsbedingungen sollen Antibiotika-Einsatz vorbeugen

„Bei uns ist es Vorschrift, dass sowohl die Stallungen des Bio-Geflügels als auch die der ‚Alpigal‘-Hähnchen vollautomatisiert sind. Das heißt, jeder Stall verfügt über eine Lüftung und Videoüberwachung“, sagt er. Um für ihn produzieren zu können, darf ein Bio-Landwirt maximal drei Stallungen mit insgesamt 9.600 Tieren betreiben. Die Besatzdichte beträgt 21 Kilo pro Quadratmeter. Für ‚Alpigal‘-Hähnchen gilt: Für die maximale Anzahl von 30.000 Tieren wird eine Fläche von mindestens 825 Quadratmetern vorausgesetzt.

„Die Tierwohl-Initiative, die vor drei Jahren eingeführt wurde, hat zu mehr Kontrollen geführt. Sie sind fast lückenlos und auch für den Landwirt nachvollziehbar. Zum Beispiel wird das Geflügel vor der Ausstallung auf Salmonellen und andere Krankheiten hin untersucht. Und vor dem Transport zum Schlachthof kontrolliert ein Veterinär, ob die Tiere gut gehalten wurden“, sagt er. Während die Höfe des ‚Alpigal’-Geflügels nicht weiter als 200 Kilometer vom Schlachthof entfernt liegen dürfen, ist der Umkreis der Bio-Höfe auf 300 Kilometer beschränkt.

Er als Geflügelmäster habe zuletzt vor fünf Jahren eine Antibiotikabehandlung anwenden müssen. Das liege zum einen an der optimalen Stalltechnik und den besseren Haltungsbedingungen, und zum anderen an besonderen Hygienemaßnahmen und optimalem Futter, das die Immunkräfte der Tiere stärkt.

Ein großes Problem in der Geflügelmast stelle immer der Erhalt der Darmgesundheit dar. Deshalb habe Stauß verschiedene Futtermischungen getestet und festgestellt, dass sich eiweißarmes Futter positiv auf die Darmflora auswirkt. Seit 2009 lässt er seine eigene Rezeptur vom Raiffeisen Kraftfutterwerk Kehl herstellen. Den Bio-Landwirten stehe es frei, von welcher Bio-Mühle sie ihr Futter beziehen.

„Außerdem setzen wir seit Jahren auf gepresstes Dinkelstreu. Theoretisch reichen 1.000 Gramm pro Quadratmeter. Wir verwenden aber die doppelte Menge. Im Gegensatz zu Stroh geht die spezielle Einstreu bei Feuchtigkeit auf und speichert vierhundertmal so viel Flüssigkeit. Sie hat außerdem den Vorteil, dass sie Ammoniak bindet.“ Dinkelstreu sei für alle Landwirte Vorschrift. 

Eingefangen werde das Geflügel ausschließlich von den Landwirten oder von Personal, das von Stauß vermittelt wird. „Wir stehen für landwirtschaftliche Familienbetriebe. Deshalb setzen wir keine externen Dienstleister ein, sondern bieten Jugendlichen aus den umliegenden Ortschaften die Möglichkeit, sich etwas dazuzuverdienen. So bekommen sie gleichzeitig einen Einblick in die artgerechte Haltung. Übrigens ist auch jeder Geflügelmäster dazu verpflichtet, ein Besucher-Fenster in die Stallung einzubauen. Die gläserne Produktion wird gut angenommen und ist ein zusätzlicher Anreiz, die Betriebe sauber zu halten.“

Die Landwirte seien dazu verpflichtet, dreimal täglich Kontrollen in ihren Betrieben durchzuführen. Für eine ausführliche Beratung zu Umstellungen, Haltungsbedingungen und Kontrollen sorgen Stauß‘ Sohn und ein weiterer Mitarbeiter, die den Bauern als Fachberater zur Seite stehen.

90 Prozent des Geflügels sind Hähnchen

Der Schwerpunkt der Geflügelproduktion liegt zu 90 Prozent auf Hähnchen. Gans und Ente werden als Saisonartikel von Oktober bis Dezember angeboten. „Puten produziert und schlachtet bisher ein Bio-Landwirt für uns. Wir übernehmen das Verpacken und den Vertrieb“, so Stauß. 

Insgesamt schlachtet er jedes Jahr zwei Millionen Tiere und produziert zwei Millionen Kilo Fleisch. 750.000 Tiere haben Bio-Qualität, darunter befinden sich 500.000 Hähnchen. Die Zahl der geschlachteten konventionellen Hähnchen beläuft sich auf über eine Million. „Mit unseren konventionellen Dienstleistungen können wir die Fixkosten des Betriebs decken.“

Die durchschnittliche Lebensdauer der ‚Alpigal‘-Hähnchen belaufe sich auf 37 Tage, die der Bio-Hähnchen auf 63 bis 70 Tage – je nach Rasse. Die Bio-Gans werde 24 Wochen gehalten und die Bio-Ente 15 Wochen, ehe sie schlachtreif sind. Stauß: „Bio-Freilandhaltung unterscheidet sich sehr von der herkömmlichen: Im Geschmack, in der Fleischqualität und in der Menge, die nach dem Kochen übrig bleibt.“

Geflügel Stauss übernehme im Gegensatz zur Konkurrenz die gesamte Organisation für die Landwirte. „Wir beraten sie, holen das Geflügel von den Höfen ab, schlachten und zerlegen es und fahren die Produkte per Spedition aus. Mit Ausnahme des Verarbeitungsfleisches sind sie innerhalb von 24 Stunden im Großhandel“, sagt er.

Andere Bio-Produzenten ließen ihr Geflügel immer von externen Dienstleistern schlachten. „Das mag daran liegen, dass sie sich das Schlachten wegen hohem Invest nicht antun wollen. Für uns ist es wichtig, dass Bio-Geflügel auch für eine höhere Qualität in der Verarbeitung steht. Das Zerlegen erfolgt bei uns deshalb in Handarbeit. Unser Hackfleisch zum Beispiel hat eine andere Optik und einen anderen Biss, weil wir die beste Technik einsetzen und unsere Maschinen in einer eigenen Werkstatt optimieren. Damit heben wir uns von der Konkurrenz ab.“

Stauß produziert unter anderem Schnitzel, Geschnetzeltes, Rollbraten und Gulasch von Hähnchen und Pute. „Qualität entsteht nicht nur durch die Verarbeitung, sondern auch durch die richtige Haltung mit viel Auslauf: Deshalb haben unsere Hähnchenkeulen einen Fettanteil von maximal neun Prozent. Der Fettanteil bei einem konventionellen Hähnchen beträgt zwischen 15 und 17 Prozent. Unsere Filets haben nur ein bis drei Prozent Fett. Das gilt auch für ‚Alpigal‘-Geflügel.“

Außerdem im Sortiment zu finden sind Geflügelwurst und marinierte Artikel wie Hähnchenkeulensteaks, Chicken Wings und Putenoberkeulensteaks. Die Saisonartikel Bio-Ente und -Gans gibt es als ganze Teile, Keule oder Brust. „Sowohl Bio- als auch konventionelle Kunden bevorzugen Geflügelteile“, sagt er. Die Produkte werden in Vakuum- sowie Schlauchbeuteln für ganze Tiere abgepackt. Das hochwertige Keulenfleisch wird zu Babynahrung verarbeitet.

Verwertung des ganzen Tieres

„Für uns ist es ethisch nicht vertretbar, die Schlachtnebenprodukte wegzuschmeißen. Sie machen 50 Prozent eines Tieres aus. Daher arbeiten wir seit über 15 Jahren mit Bosch Tiernahrung in Blaufelden zusammen. Der Verarbeiter nimmt uns die Karkassen, Hälse, Köpfe und Ständer ab. Bald erscheint unsere eigene Tiernahrungslinie ‚Gallofit‘, die wir zusammen mit Bio-Händlern wie Dennree, Weiling und Tegut produzieren lassen. Die restlichen Schlachtabfälle werden in der örtlichen Tiermittelbeseitigungsanlage zu Dünger verarbeitet. Stauß: „Wir verschwenden nichts.“

Vertrieb

Das Bio-Geflügel wird an fast alle Bio-Großhändler in Deutschland vertrieben. Die Produkte sind unter anderem im Naturkostfachhandel und bei Tegut unter deren Eigenmarke zu finden. Suppenhühner vermarktet Stauß an selbstständig geführte Edeka- und Rewe-Märkte, die Wert auf Bio legen, etwa Edeka Bauer in Konstanz und das Rewe-Center in Freudenstadt.

Auch die Gastro-Regionalmarke ‚LandZunge‘, die den Bodenseegürtel abdeckt, bietet Geflügel von Stauß an. „Wir sind immer auf der Suche nach neuen Partnern. Der Vertrieb über Gastronomie und Metzgereien macht einen Umsatzanteil von fünf Prozent aus. Beim Verarbeitungsfleisch sind es 17 Prozent“, sagt er.

50 Prozent des Bio-Geflügels würden als Herstellermarke ‚Bio-Geflügel Stauss‘ vermarktet, während die andere Hälfte als Private Labels in den Handel gelange.

Optimistisch in die Zukunft

Nach wie vor sei die Nachfrage nach seinem Geflügel höher als das Angebot. 2016 habe sein Produktionsdefizit bei 150 Tonnen Geflügel gelegen. Durch die Erweiterung seines Betriebs vor zwei Jahren sieht sich Stauß für die Zukunft gerüstet. „Wir sind jetzt in der Lage 3.000 Tiere pro Stunde zu schlachten. Unsere Kühlkapazität reicht für 32.000 Tiere“, sagt er. „Unser Ziel ist es, ab 2020 ausschließlich Bio-Geflügel zu produzieren und die ‚Alpigal‘-Produktion in einen neuen Schlachthof auszulagern.“

Da seine Geflügelmäster ihre Bio-Küken bisher nur aus Österreich beziehen können, will Stauß in naher Zukunft selbst Elterntiere halten und eine eigene Bio-Brüterei betreiben, um die Wertschöpfungskette weitestgehend regional zu halten. Auch den Betrieb einer eigenen Futtermühle schließt er nicht aus.
„Wir machen das beste Bio-Geflügel. Nicht nur die beste Qualität, sondern auch das Beste aus dem, was möglich ist. Ich bin sicher, dass der Kunde das honoriert. Daher traue ich dem baden-württembergischen Bio-Geflügelmarkt ein Wachstum von zehn Prozent zu. Diese Marktchancen sind vielen noch nicht bewusst, auch nicht allen Landwirten.“

Sina Hindersmann


Ticker

Das könnte Sie auch interessieren

Bio-Hähnchen:
Regional produziert, einfach zubereitet

Bio-Hähnchen:
Regional produziert, einfach zubereitet

Mehr Platz, Ruhe und Zugang auf eine eigene Weide: Die Oberschwäbische Geflügel GmbH (OSG) setzt sich mit ihrer Bio-Hähnchen-Produktion für eine nachhaltige und schonende Hähnchenmast ein. Konsumenten profitieren von Hähnchen höchster Qualität aus Tierhaltung, die weit über die konventionellen Tierschutzvorgaben hinausgeht, und einer kinderleichten Zubereitung ihrer geliebten Hähnchenprodukte.

25.09.2018mehr...
Stichwörter: Geflügel, Hersteller, Stauss

bioPress-Events neu aufgestellt

Biofach Meetingpoint Bio im SEH / 4. Bio Handels Forum

bioPress-Events neu aufgestellt

Bio hat den Mainstream erobert. Die qualitätsorientierten, selbstständigen Lebensmitelkaufleute sind die natürlichen Verbündeten für die zu erwartende Bio-Marktentwicklung. Alle diese Kaufleute sollen mit neuen bioPress-Events abgeholt und ihre Bio-Kernkompetenz erweitert werden. Mehr Bio-Vielfalt in den Regalen des SEH bringt uns dem Ziel 30 Prozent Bio bis 2030 näher. 

08.08.2022mehr...
Stichwörter: Geflügel, Hersteller, Stauss

Italienische Spitzenprodukte auf der Biofach 2022

ITA-Gemeinschaftsstand in Halle 4, Stand 110

Mit einem Umsatz von 7,5 Milliarden Euro im Jahr 2021 ist die italienische Bio-Branche der am schnellsten wachsende Sektor innerhalb der gesamten, traditionell starken Agrar- und Lebensmittelindustrie des Landes. Deutschland bleibt gemeinsam mit Frankreich, Skandinavien und den USA unter den wichtigsten Abnehmerländern italienischer Bioprodukte. Auf dem Gemeinschaftsstand der Italian Trade Agency (ITA) präsentieren 60 Aussteller aus ganz Italien den Biofach-Besuchern ihre Spezialitäten.

19.07.2022mehr...
Stichwörter: Geflügel, Hersteller, Stauss