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Gentechnik

Die Kosten der Gentechnik

Wirtschaftliche Dimension auf BÖLW-Herbsttagung diskutiert

Mit Blick auf die anstehende politische Entscheidung in Brüssel, wie einzelnen Mitgliedsstaaten die Möglichkeit eines nationalen Anbauverbotes für gentechnisch-veränderte Organismen (GVO) zu ermöglichen ist (Opt out)  und auf die damit erforderliche Neuformulierung des deutschen Gentechnikgesetzes thematisierte der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) auf seiner Herbsttagung 2014 die Kosten der Agro-Gentechnik.  

Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Umweltministerin , versicherte in seinem  Grußwort, die Bundesregierung werde sich am Auftrag des Koalitionsvertrages orientieren, nach dem sie die Bedenken der Bürger gegenüber der Agro-Gentechnik ernst nehmen wolle.   

Axel Wirz vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau präsentierte die Ergebnisse des Schadensberichts Gentechnik. In der Studie wird aufgezeigt, wie erheblich die Kosten sind, die durch den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen und die im Umlauf befindlichen Gentechnik-Futtermittel aus Übersee sind und diejenigen belasten, die gentechnikfrei produzieren.

Geht man von der Annahme aus, dass ein Anteil von 50 Prozent des in der Bundesrepublik angebauten Körnermaises gentechnisch verändert wäre, entstünden Mehrkosten von 212 Millionen Euro, ohne dass Ertragssteigerungen zu erwarten seien. Obwohl der Gentechnikanbau auf wenige Kulturen beschränkt ist, seien weltweit bereits Schäden von weit über 5,4 Milliarden US-Dollar durch nicht zugelassene GVO entstanden.

Ludger Breloh, Leiter strategischer Einkauf der REWE, verdeutlichte, dass es das Anliegen der gesamten Lebensmittelwirtschaft sei, gentechnikfreie Produkte anzubieten. Er schilderte die Anstrengungen der Branche, auch bei den nicht kennzeichnungspflichtigen tierischen Produkten, Fleisch, Eier und Milch auf gentechnikfreies, möglichst heimisches Futter umzustellen.  

Zwischen Maria Flachsbarth, Parlamentarischer Staatssekretärin im Agrarministerium, REWE-Vertreter Breloh, dem grünen Bundestagabgeordneten Harald Ebner und Alexander Beck, BÖLW-Vorstand, entfaltete sich eine lebhafte Diskussion darüber, wer die zusätzlichen Kosten zu tragen habe, die durch die Gentechnik-Anwender verursacht würden.

Für Beck ist es eine Gerechtigkeitsfrage: Es könne nicht derjenige, der weiter gentechnikfrei produzieren wolle, für die Kosten aufkommen, die durch den Gentechnik-Anbau entstünden. Gentechnik-Anwender, die sich einen wirtschaftlichen Vorteil durch die Nutzung der Technologie versprächen, müssten auch für eventuelle Folgekosten auf kommen.

Flachsbarth verwies darauf, dass es faktisch unmöglich sei, jenseits der Haftungsregeln des Gentechnikrechtes, Kostenersatz durch Verursacher geltend zu machen, welche in anderen Kontinenten wirtschaften.

Breloh schlussfolgerte daraus, dass nur ein großräumiges Verbot des Gentechnikanbaus und eine vollständige Umstellung auf gentechnikfreie Fütterung Sicherheit schaffen und zusätzliche Kosten vermeiden werde. Beides bezeichnete er als umsetzbar. Der Abgeordnete Ebner forderte von der Bundesregierung, sich in Sachen Agro-Gentechnik nicht aus der Verantwortung zu stehlen. Der Handel allein könne zwar viel bewegen, dürfe aber nicht als Deckmäntelchen für die Tatenlosigkeit der Großen Koalition in Sachen Opt out oder der Zulassung von Gentechnik-Pflanzen herhalten.

Der Sprecher der Initiative Urheberrecht, Gerhard Pfennig, eröffnete mit seinem Beitrag einen neuen Blickwinkel für die Diskussion. Er sprach von der Bedrohung, die von intransparenten, einseitig von den Interessen großer Konzerne bestimmten Handelsabkommen wie TTIP für die Kultur ausgingen. Mit Blick auf die unterschiedliche Agrar- und Ernährungskultur von EU und USA wird analog deutlich, dass diese Bereiche mit Vorsicht zu verhandeln seien

Der BÖLW-Vorsitzende Felix Prinz zu Löwenstein griff Pfennigs Gedanken in seinem Schlusswort auf, indem er den Kulturbegriff für Ernährung und Landwirtschaft in Anspruch nahm. Löwenstein gab zu bedenken, dass den Menschen mehr Aspekte wichtig seien als naturwissenschaftliche Kriterien und wirtschaftliche Zwänge. Er forderte die Politik dazu auf, die effizienteste Methode der Qualitätssicherung umzusetzen: die Gentechnologie von unseren Äckern zu verbannen. 

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