Start / Ausgaben / BioPress 73 - November 2012 / Bio im LEH ist nicht billig

Bio im LEH ist nicht billig

Supermärkte keine Preisbrecher im Bio-Markt

Fallbeispiele nicht artgerechter Tierhaltung von Bio-Betrieben zeigte die ARD im September am Beispiel von Hühnern. Die Sendung verallgemeinert dies zu einer Kritik an der gesamten Branche. Ob eine solche Momentaufnahme typisch ist für alle Bio-Hühnerställe? Supermärkte und Discounter drücken den Preis von Bio und verursachen nicht artgerechte Tierhaltung, lautet der Vorwurf. Der Bauernverband (DBV) kritisierte die Sendung. Er stimmte in der Kritik des Einzelfalles zu, der ausgerechnet auch ihr Mitglied des Präsidiums und DBV-Ökobeauftragten Heinrich Graf von Bassewitz betraf. Der Verband bemängelte aber, dass dies hochstilisiert wurde zu einem Statusbericht der Verhältnisse in der Bio-Tierhaltung. 

Preisdruck der Handelskonzerne Edeka, Rewe und  Aldi hat die Sendung als Grund des Missstandes im Bio-Hühnerstall ausgemacht. Das klingt plausibel. Das hört man gern. Das glaubt man abends um 22 Uhr auf der Couch auch sofort. Aber das Leben ist kein Fernsehkrimi, wo sich die Menschen säuberlich in gut und böse scheiden lassen.

Dabei ist Bio im LEH nicht gerade billig. Das weiß jeder, der Bio-Bananen kauft. Aus Preisbewusstsein empfiehlt sich oft der Umweg zum Fachhandel. Ja, Bio-Supermärkte sind nämlich in vielen Fällen preiswerter als Rewe-Bio oder Edeka-Bio. Die beiden Vollsortimenter haben noch keine Bio-Produkte verschenkt. Sie nutzen das hohe Abschöpfungspotenzial in ihrem Biosortiment nicht weniger als der Bioladen. Bio soll ihnen ihr Premium-Image verbessern helfen.

Landet der Bio-Aufschlag immer beim Bauern?

Beim Bio-Landwirt kommt von höheren Verbraucherpreisen nicht zwangsläufig etwas an. Die Preisbildung im Einkauf und im Verkauf ist nicht identisch. Aus einem höheren Verkaufspreis im Handel kann nicht ein höherer Erzeugerpreis abgeleitet werden.

Der Bauer erhält etwa 16 bis 18 Cent für ein Ei von den Supermärkten. Mehr zahlt auch der Naturkosthandel im Einkauf nicht. Nach einer Modellrechnung ist das selbst dann wirtschaftlich, wenn teure mobile Hühnerställe eingesetzt werden. Die Packstelle braucht sechs bis acht Cent. Dann wird das Ei für 22 bis 24 Cent abgegeben. Discounter Netto und Aldi nehmen für ein Bio-Ei nur 26 Cent. Der Preis ist demokratisch. Schließlich soll sich jeder ein biologisches Frühstücksei leisten können.

Ein konventionelles Ei gibt es im Discount allerdings schon für 12 Cent. Der Preisabstand zu Bio ist beträchtlich. Ein billiges Bio-Ei ist mehr als doppelt so teuer wie ein konventionelles Niedrigpreis-Ei. Beim Discounter sind die Bio-Eier in der Regel M-Sortierungen, also mittlere Eier. L-Sortierungen waren bei einer Stichprobe nicht zu finden. Dadurch und durch die Abnahmemengen hat er günstigere Einstandspreise. So kann dem Ei neben dem KAT-Stempel nicht automatisch der Dumping-Stempel verpasst werden. Wenn das S-Bio-Ei zu Flüssigei wird, bekommt der Bauer nicht mehr Geld dafür.

Die Rewe berechnet ihren Kunden 31,5 Cent für ein Bio-Ei. Die Edeka nimmt zum Teil noch mehr. Das Preis-Niveau für Bio-Eier im Supermarkt liegt 20 bis 30 Prozent über dem Discount und ist keineswegs Billig-Bio. Als Preisbrecher bei Bio taugt weder die rote Rewe noch die blau-gelbe Edeka.

Wo gibt’s denn das: Bio-Idyll für flächendeckende Versorgung

Der Beitrag empfiehlt kleinere Hühner-Bestände, um artgerechte Tierhaltung einfacher umsetzen zu können. Zu oft ist da bei Bio ein Idyll im Kopf. Dabei entscheidet der Platz pro Tier, nicht die Zahl über die artgerechte Haltung. Niemand kann bei Stallgrößen mit dreistelliger Tieranzahl Deutschland flächendeckend mit Bio-Eiern versorgen.

Regionale Bio-Bauern als Lieferanten  ist für den SEH eine verlockende Lösung. Sie wird ungern praktiziert, weil ein Kaufmann die Qualitätssicherung, die die Zentrale leistet, nicht stemmen können soll. Die zentralen Strukturen stoßen hier an ihre Grenzen und in Konflikt mit regionaler Beschaffung.

Das SWR-Fernsehen riet seinen Zuschauern, sich einen Bauer des Vertrauens zu suchen. Der ständig offene Stall auf dem Lande und der Städter ständig auf der Tour durchs Ländle, ist keine praktikable Empfehlung. Enge Partnerschaften der Kaufleute mit Bio-Bauern und deren Bio-Verband wäre eine Lösung mit genügender Qualitätssicherung und Nähe zum Ursprung.

Die Erzeuger, die Bio nicht nur nach dem Buchstaben, sondern auch nach dem Geist praktizieren und die Tiere artgerecht halten, können als Vorbild zur Nachahmung gelten. Diese Bilder fehlten im Fakt-Bericht. Die Normalität verkauft sich schlecht.

Die Biohennen AG in Bayern hat sich der bäuerlichen Landwirtschaft verschrieben. „Unsere Hühner haben Federn“, verdeutlicht Vorstandsvorsitzender Walter Höhne. In der Legegemeinschaft sind aktuell 27 Bauern aus Bayern und Baden-Württemberg zusammengeschlossen. Sie halten 110.000 Hühner und arbeiten nach Biohennen-Richtlinien, die zwei Herden mit je 3.000 Legehennen pro Stall erlauben. Die Bio-Eier der Gemeinschaft sind auch in vielen Supermärkten in Süddeutschland erhältlich, jedoch nicht zu einem Billigpreis. Bei 40 Cent und darüber sind an der Kasse pro Ei fällig. 

„Bioland will Bauern“, sagt Gerald Wehde vom Bundesverband in Mainz. Das sieht der Bio-Bauernverband als beste Voraussetzung für eine nachhaltige Bio-Landwirtschaft mit artgerechter Haltung. Das veraltete Bild-Material in der ARD-Sendung hat ihn nicht überzeugt.

Probleme in der Tierhaltung gibt es auch bei Bio. Federpicken ist eines davon. Bei älteren Herden kommt es  öfter vor, so die Auskunft von Verbandsfachleuten. Zugluft, Feuchtigkeit, Wärme oder Raubtiere in der Nähe können das Federvieh nervös und aggressiv machen. Das Problem liegt nicht allein in der Herdengröße.

Umwelteinflüsse machen die Hennen zu Pickern. Naturgemäß tritt die Mauser, meist im Herbst, für vier bis sechs Wochen ein. Die Hühner stoßen ihr Gefieder ab und neue Federn wachsen nach, ähnlich dem Prinzip der Weisheitszähne. Hühner in der Mauser sehen im Film dann schrecklich aus.

Karin Artzt-Steinbrink, Vorsitzende des BioFairVereins, einem Zusammenschluss deutscher Hersteller, vertritt einen klaren Standpunkt: „Wenn Verbraucher bereit sind, für Bio-Lebensmittel mehr Geld auszugeben, haben sie auch das Recht auf Qualität. Damit ist nicht nur die Qualität des Lebensmittels gemeint. Es geht auch darum, unter welchen Bedingungen das Lebensmittel hergestellt wird. Die an der Herstellung beteiligten Menschen müssen davon leben können, und die Nutztiere tiergerecht gehalten werden.“

Anton Großkinsky


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