Start / Ausgaben / BioPress 71 - Mai 2012 / Regionales Bio bei WEZ

Regionales Bio bei WEZ

Mittelständischer Filialist aus Minden profiliert sich mit Qualität

In der ostwestfälischen Stadt Minden hat WEZ (Weser-Einkaufszentrum) seine Zentrale. Das Familienunternehmen ist führender Lebensmittelhändler der Region. Die Ostwestfalen machen sich für Bio stark und setzen regionale Akzente. Einen Kreis von 50 Kilometer  rund um Minden hat WEZ als Region definiert. Direkt vom Erzeuger gehen Milch, Käse und Kartoffeln in Bio-Qualität in die Märkte.

Im Jahr 1900 eröffnete Karl Preuß einen Lebensmittelladen. Heute ist Urgroßenkel Karl Stefan Preuß geschäftsführender Gesellschafter eines mittelständischen Lebensmittelfilialisten (MLF) mit 25 Verkaufsstellen. In vierter Generation betreibt die Familie Preuß in und um Minden Lebensmittelhandel. Die Familie besitzt 75 Prozent der Anteile, 25 Prozent befinden sich in der Hand der Edeka Minden-Hannover. Preuß ist mit einem Umsatz von mehr als 200 Millionen Euro auf einer Fläche von 42.000 Quadratmeter größter Selbstständiger Einzelhändler (SEH) in Deutschland.

„Tegut hat mehr Bio als wir. Wir liegen im LEH in der Mitte“, beschreibt Unternehmenschef Preuß die Position. Tegut gilt im LEH nach wie vor als  Maßstab für das Bio-Engagement. Verstecken müssen sich die Mindener allerdings nicht. Mehr als 2.200 Bio-Produkte umfasst das Sortiment einschließlich der Saisonartikel. 1.700 Trockenprodukte und rund 500 frische Artikel vermarktet der mittelständische Filialist. Das entspricht dem Sortiment eines Bio-Ladens. Das gesamte Lebensmittel-Sortiment zählt 27.500 Artikel. Nicht alles steht immer und überall im Regal. Im klein­sten Markt platziert der Filialist 15.000 im größten gut 25.000 Produkte.

Region liegt Preuß am Herzen

In den Märkten steht nicht immer das Bio-Wunschsortiment, sondern nur das Machbare. „Wir sind auf der BioFach in der Vergangenheit oft abgeblitzt, weil die Hersteller nicht an den LEH liefern wollen. Jetzt öffnen sich viele für den LEH“, sieht Preuß eine Wende zum Besseren für den qualitätsorientierten Handel.

Regionalität liegt Karl Stefan Preuß am Herzen. „Gemeinsam mit unseren regionalen Lieferanten erweitern wir das Angebot heimischer Lebensmittel und verbessern damit unsere Lebensgrundlage. 15 Prozent der Lebensmittel, die wir bei WEZ verkaufen, stammen heute schon aus unserer Heimat. Es sind Lebensmittel von hervorragender Qualität, die nachhaltig und teilweise biologisch erzeugt werden“, schreibt Preuß in einem Flugblatt an die WEZ-Kunden. Der Regional-Anteil ist recht hoch. Weit höher als der Bio-Anteil, der im einstelligen Bereich verharrt.

Orte wie Rahden, Uchte und Loccum sind nicht die Wiege des Bio-Anbaus. Minden mit seinen 82.000 Einwohnern liegt im Zentrum einer ländlichen und kleinstädtischen Region. Um eine Bio-Hochburg oder ein Gebiet mit überdurchschnittlicher  Kaufkraft handelt es sich nicht. Gemessen an dieser Struktur ist das Bio-Engagement der Mindener beachtlich. Im Vorzeigemarkt in der Lübbecker Straße in Minden liegt der Bio-Anteil über dem Schnitt. Marktleiter Stefan Schellhase steuert hier ein Flaggschiff.

Im LEH ist Obst und Gemüse die beliebteste Bio-Warengruppe. „Bei Obst und Gemüse hat sich Bio am schnell­-sten durchgesetzt“, berichtet Marktleiter Schellhase. Rund 100 biologische O+G-Produkte gibt es über das Jahr. Rund 80 sind je nach Saison am POS. Das Edeka-Fruchtkontor ist mit mehr als 60 Artikeln der Hauptlieferant. Regionale Lieferanten schaffen Vielfalt und Abwechslung. Der Gastronomie-Großhändler „Steinkrüger Frucht und Frisches“ aus Bielefeld ergänzt das grüne Bio-Sortiment.

Demeter-Kartoffeln vom Erzeuger

Ein Demeter-Hof aus der Nachbarstadt Porta Westfalica liefert Kartoffeln mit regionaler Herkunft. Die Tüten sind farblich gekennzeichnet: vorwiegend festkochend mit grün und festkochend mit rot. Der Absatz ist  gut. Westfalen ist eben ein Kartoffel-Land.

Der Obsthof Otte aus Hiddenhausen steuert regionale Bio-Äpfel zum Sortiment bei. Topaz, im Bio-Anbau wegen ihrer Resistenz beliebt, waren aktuell im Regal. Rote Zwiebeln, Spargel und Erdbeeren bietet das Handelsunternehmen noch aus regionalem Bio-Anbau.

Tagesfrische Salate sind nur spärlich vertreten. Eisberg ist verfügbar. Das war es auch schon. Champignons aus biologischer Zucht werden in den Farben braun und weiß angeboten. Randartikel wie Bio-Süßkartoffel führt WEZ ebenfalls.

Bei Bio wird zum Teil ein Austausch-Konzept verfolgt: So gibt es Zitronen ausschließlich in Bio-Qualität. Im Bio ­O + G-Segment beobachten die Ostwestfalen aktuell ein Wachstum bei  Zitrus-Früchten, deren Saison gerade zu Ende gegangen ist. Die im vergangenen Jahr von EHEC gebeutelte Gurke wächst wieder kräftig im Verkauf.

Bei Bio-Molkereiprodukten zeigt das Unternehmen mit 80 Artikeln Kompetenz. Mopro ist Eigenmarken lastig. Nicht so bei WEZ: Die Bio-Marken Andechser, Söbbeke und Weißenhorner dominieren. Die Stevia Jogurts aus Andechs, Sahne-Kefir von Söbbeke und die modernen Desserts von Weißenhorner wie Tiramisu und Käsesahne-Kuchen sind erhältlich. Das ist Vielfalt und geht über die Standardprodukte hinaus.

Profilieren mit Bio

Edeka Minden-Hannover ist die Großhandlung hinter WEZ. Die Farben von Preuß sind allerdings nicht gelb-blau, sondern rot-gelb. Die Mitarbeiter signalisieren die Zugehörigkeit mit der roten Krawatte mit einem Muster aus gelben WEZ-Aufschriften. 80 Prozent des Umsatzes macht WEZ mit der Edeka Großhandlung.
20 Prozent wird mit 250 Direktlieferanten erzielt. „Da beschaffen wir internationale Spezialitäten, regionale und biologische Produkte, die wir bei der Großhandlung nicht finden.

Diese Produkte brauchen wir, um uns zu profilieren“, stellt Preuß das Konzept vor. Die Category Manager Andreas Berg für Frische und Karl-Heinz Hohmeier für Trockenprodukte sind verantwortlich für Einkauf und Vertrieb. Eine ihrer Hauptaufgaben ist die eigene Beschaffung. Die beiden haben ein sinnvolles Bio-Sortiment ohne Dubletten auf die Beine gestellt.  

WEZ gibt dem Kunden Orientierung im Dschungel der Produkte. Mit Signets auf dem Preisetikett werden biologisch, regional, lactose- und glutenfrei und für Diabetiker am Regal kenntlich gemacht. Außerdem werden noch Discount, aus der Werbung und neu im Sortiment gekennzeichnet.

WEZ hat eine eigene Regionalmarke geschaffen Unser/e... heißt sie.  Unsere Milch, Unser Käse gibt es zum Beispiel. Die Unsere ... -Produkte sind nicht zwangsläufig biologisch. „Das Produkt muss für sich sprechen und Qualität bieten. Wunderbar, wenn es dann noch Bio zertifiziert ist. Regionales Bio ist natürlich der Königsweg“, skizziert Berg das Konzept.

Die regionalen Gewächshaus-Tomaten werden nicht biologisch angebaut, unterscheiden sich aber von industrieller Ware aus Holland. Die roten Kugeln wachsen auf Erde nicht auf Substrat. Eine alte Sorte statt einer modernen auf  Ertrag gezüchteten Sorte wird kultiviert, und es wird vollreif geerntet. Die Ware unterscheidet sich damit optisch und geschmacklich von der Standard-Qualität. „Ich habe mit dem Erzeuger auch schon über das Thema Bio gesprochen“, zeigt Berg die Perspektive auf.

Bio-Milch mit guter Klima-Bilanz

Grüne Weiden, sandige Böden, viel Regen: Ostwestfalen bietet ideale Voraussetzungen für Milchviehhaltung mit Weidegang. Auf Gut Wilhelmsdorf  bei Bielefeld entsteht Unsere Milch von WEZ nach Bioland-Richtlinien.

Die Milch wird pasteurisiert, homogenisiert und  in die ressourcenschonende Ein-Liter-Mehrwegflasche abgefüllt. Die Transporte in die Märkte sind kurz; die CO2-Bilanz deshalb niedrig. Der faire Milchpreis kommt dem Bauer zugute. Mit 1.11 Euro im Angebot  ist die hochwertige Bio-Milch preislich gleichgestellt mit konventioneller Markenmilch wie Bärenmarke oder Weihenstephan. Außerhalb der Aktionswochen liegt sie bei 1,19 Euro.

Unsere Eier werden von biologisch gehaltenen Hennen gelegt. Die glücklichen Bio-Hühner scharren im nahen Espelkamp auf dem  Geflügelhof Röttger.  

Bei den kühlpflichtigen Produkten hat sich die Soja-Linie von Veggie Life für Vegetarier durchgesetzt. Bei SB-Wurst dominiert Edeka Bio. Von Wiltmann ist Bio-Geflügel-Wurst und von Börner-Eisenacher SB-Wurst im Sortiment.

WEZ gibt auch Raum für Innovationen: Die frischen Yes Please Suppen sind im Sortiment.  Bei den Smoothies hat Berg die Proviant-Produkte beschafft. Die Kombination Bio, neu und hochpreisig kann erfolgreich sein. Auf Augenhöhe im Mehrfach-Facing im Hauptlauf platziert, bringen die Proviant-Produkte mehr Deckungsbeitrag als das konventionelle Einstiegsprodukt in Eigenmarke. Schnelligkeit ist ebenfalls ein Trumpf des selbstständigen Einzelhandels (SEH).

Auf der BioFach 2012 hat Berg Emils Dressing entdeckt und sofort bestellt. Keine Zusatzstoffe, nicht wärmebehandelt mit einer Verpackungsgestaltung, die junge Käufer anspricht. „Bio als Lebensstil hat Zukunft“, meint Berg.

Die Käsetheke ist hervorragend mit Bio bestückt. 28 Sorten sind dort zu finden im wechselnden Gesamtsortiment von 360 Käsen. Die Käsegroßhandlung Peter Evers aus Bad Salzuflen ist Hauptlieferant. Die Theke ist geordnet nach den Käsearten Weich-, Schnitt- und Hartkäse. Zwei der Bio-Käse sind aus Rohmilch.

Bio von der Hofkäserei

Die Hofkäserei Dörmann aus Petershagen bei Minden liefert direkt. Sie sorgt dafür, dass überproportional viel Ziegenkäse in Bio-Qualität vorhanden ist. Sie wirbt mit Verkostungen für ihren Käse. Käserin Sandra Wasserfuhr lässt probieren und gibt  kompetent Auskunft. Ursprünglich war sie Lebensmittel-Verkäuferin, hat hinter der Käsetheke Kunden bedient, ist dann in die Käsepflege gegangen und jetzt in der Käseproduktion angekommen. „Es war nicht mein Traumjob Käse herzustellen. Aber wenn man angefangen hat, macht es Spaß“, erzählt sie.

Dörmann wird unter der Regionalmarke Unser Käse verkauft. Auf dem Hof werden Ziegen gehalten. Kuhmilch wird dazu gekauft und ebenfalls zu Bio-Käse verarbeitet, zum Beispiel MecMuh, ein Schnittkäse aus biologischer Kuh- und Ziegenmilch.

Die Wursttheke beliefert Bedienungsspezialist Rack & Rüther mit Bio. Da gibt es aktive Verkostungen mit geschultem Personal. Denn probieren geht über Handzettel studieren, der bei Preuß ­WEZette heißt, und immer auch Bio-Angebote enthält. 

In Bedienung wird Bio-Fleisch vom Rind verkauft. Beim Fleischwerk der Edeka beschafft der mittelständische Filialist die Ware. Aber das ist noch Mangelwirtschaft. „Das Fleisch wird zugeteilt“, spitzt Andreas Berg zu. Der Category Manager könnte mehr verkaufen, so es mehr Bio-Frischfleisch gäbe. In SB sind nochmals 18 Bio-Fleischartikel von Rind und Schwein erhältlich.

Auch in der Fischtheke geht es biologisch zu. Pangasius von Deutsche See wird ausschließlich biologisch angeboten zum konkurrenzfähigen Preis von 1,50 Euro. Pangasius hat aus der konventionellen Aquakultur einen schlechten Ruf. Allerdings ist es für das Personal nicht einfach, dem Kunden schnell die Vorteile der Bio-Aquakultur klar zu machen. Bio-Lachs, das Produkt Nummer eins aus ökologischer Aquakultur, funktioniert hervorragend. Dorade aus Griechenland war ebenfalls in der Theke. Von dieser Farm hat sich Berg selbst einen Bild verschafft und war beeindruckt von der umweltgerechten Haltung.

Bei der Tiefkühlkost hat die Marke Bio Cool von Ökofrost gut eingeschlagen. Das minimalistische Verpackungsdesign mit viel Weißraum macht die Kunden neugierig auf Bio-Himbeeren und Bio-Brokkoli. Das Premium-Bio-Eis von Roggenkamp Organics aus dem westfälischen Herzebrock kommt aus der Nähe.
Bio-Weine im Block

Zu Bio-Fisch passt am besten Bio-Wein. 18 Bio-Tropfen sind in einem Block innerhalb der Weinabteilung platziert. Die Preise zwischen 2,99 und 5,99 Euro sind recht moderat. „Bio-Wein hatte mal den Ruf des nicht Trinkbaren. Das hat sich nachhaltig geändert“, sagt Hohmeier. Ein Bio-Wein ist in einer Flasche mit Schnappverschluss abgefüllt. „Das Produkt läuft super“, erzählt Hohmeier über die Akzeptanz.

Bei WEZ gibt es natürlich das Bio-Bier aus dem Münsterland namens Pinkus. Bei den alkoholfreien Getränken ist neben den Standard-Säften die einstige Kultmarke Bionade von Radeberger im Sortiment. Bei den Säften gibt es das biologische Rotbäckchen, Voelkel ist ebenfalls vertreten.

Das Trockensortiment mit der stattlichen Zahl von 1.700 Produkten wird von der Handelsmarke Edeka Bio und den Dachmarken getragen. Category Manager Karl-Heinz Hohmeier arbeitet hier mit Verival aus Österreich und Rinatura aus Ostwestfalen. Darum herum hat Hohmeier ein spannendes Trockensortiment aufgebaut.

Bei Bio-Nudeln ist mit Seitz eine Herstellermarke vertreten und das in Demeter-Qualität. Der größte Teil der Bio-Nudeln sind Private Labels. Hinter vielen Etiketten stehen wenige Hersteller. „Nudeln sind in Westfalen nicht so ein Thema wie in Süddeutschland“, schränkt Hohmeier ein. Beim Kaffee ist Bio Tempelmann aus dem Ruhr Gebiet im Regal. Die Erfolgskombination Bio und fair wird mit Ethiquable Deutschland abgedeckt. In einem Display werden Kaffee, Tee, Kakao und Zucker aus fairer Bio-Erzeugung präsentiert.

An die Gruppe der Allergiker denkt Hohmeier ebenfalls. Hier hat er die glutenfreien Bio-Sortimente von Werz und Bauck beschafft. „Bei dieser Warengruppe steht nicht der Bio-Gedanke im Vordergrund, sondern der Gesundheitsaspekt“, erklärt der Handelsmanager. Hohmeier hat zahlreiche Reform-Artikel ins Sortiment aufgenommen. Ex-Reform-Großhändler Kirchner war hier der Lieferant und WEZ einer der größten Kunden. Der Supermarkt kann das Reformhaus auf seiner Fläche abbilden genau wie ein Feinkost- oder Süßwarengeschäft. Auf Reformwaren kam WEZ durch die Nachfrage, nachdem ein Reformhaus geschlossen hatte.

Der Markt in der Lübbecker Straße ist biozertifiziert. Qualitätsmanagerin Stefanie Albers hat das Projekt geleitet. Von hier könnten die WEZ-Märkte mit geschnittener und vorverpackter Bio-Ware versorgt werden. Minden ist auf die Bio-Zukunft vorbereitet. 

Anton Großkinsky


WEZ Minden
Lübbecker Straße 83
Eröffnet 2008
Marktleiter: Stefan Schellhase
Öffnungszeiten:  7- 22 Uhr

Fläche:  2.000 qm
Parkplätze:  150
Artikelzahl:  25.000
Bio-Artikel:  2.100
Kunden pro Tag:  2.600
Durchschnittsbon:  14 €
Kassen:  5
Umsatz:  10,2 Mio. €

Soziales Unternehmen

Soziale Verantwortung  gehört für WEZ zum Leitbild. „Wir übernehmen Verantwortung im sozialen, kulturellen und ökologischen Raum, auch über unsere eigentliche Aufgabe, den Handel mit Lebensmitteln hinaus“, heißt es im Leitbild. 

WEZ unterstützt in Zusammenarbeit mit der EDEKA Stiftung 13 Kindergärten in der Region Minden. Kinder bekommen ein eigenes Gemüse-Hochbeet.

Der WEZ Ernährungsservice unter Leitung von Stefanie Albers steht Pate: Zum Start der Pflanz-Saison greifen rund 1.000 Kinder in 13 Kindergärten und Kindertagesstätten zusammen mit WEZ zu Harke, Schaufel und Gießkanne. Sie richten Gemüsebeete ein, pflanzen Kräuter, Karotten und Co. und lernen auf diese Weise, dass das Grünzeug nicht im Supermarkt wächst.


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