Start / Ausgaben / BioPress 71 - Mai 2012 / Bio auf dem Weg zum Verbraucher

Bio auf dem Weg zum Verbraucher

Von der Nebensache wird Bio zum wichtigen Standbein im Supermarkt

Kaufleute sind immer nur so gut wie ihre Vorstufe, das wissen alle Einzelhändler seit vielen Jahrzehnten. Die Handelslogistik besteht nicht nur aus den Zentrallägern. Es gibt daneben eine Reihe weiterer Strukturen, die den Einzelhandel mit Frische- oder Spezialsortimenten versorgen.

Durchschnittlich rund 80 Prozent der Umsätze kommen aus den Handelszentralen und für die übrigen 20 Prozent stehen bei agilen Kaufleuten dann bis zu weiteren 200 bis 300 Lieferanten bereit.

Unabhängige TK- oder Getränke-Broker,  O+G-, Fleisch-, Fisch-, Käse-, Backwaren- und­ Convenience- oder weitere Frischeservice liefern zusätzlich und schaffen den Kaufleuten ein breites Vollsortiment für den Supermarkt. Die Zentralläger halten in etwa ein Sortiment von rund 12.000 bis 13.000 Artikel vor.

Ein einfacher Filialbetrieb mit einem durchschnittlichen Versorgungsangebot  kommt je nach Lage und Größe mit 8.000 bis 13.000 Artikeln oder weniger aus. Ein breites und ansehnliches Sortiment für eine größere und anspruchsvolle Fläche umfasst zwischen 15.000 und 30.000 Artikel. Händler mit dem umfangreichsten Lebensmittelangebot in Deutschland führen bis zu 60.000 Artikel. An dieser Vielfalt sind dann über ein Zentrallager hinaus noch mehrere hundert Lieferanten  beteiligt. Jeder trägt sein Stück dazu bei, die große Vielfalt aller Kundenwünsche zu befriedigen.

Immer mehr vom Gleichen

Der Preiskampf im letzten Jahrzehnt nach dem Motto „immer billiger, immer besser“ hat seine Grenzen gefunden. Überall gab es nur noch immer mehr vom Gleichen, Langeweile in den Sortimenten breitete sich aus. Geschickte Kaufleute nutzten die Situation, setzten sich ab von der Abwärtsspirale und konzentrierten sich auf Vielfalt, die plötzlich wieder gefragt war, statt der Einfalt. Der Glaube, dass ein Lebensmittel besser sein könne, wenn der Preis gedrückt ist, verlor am Ende der Spirale seine Faszination wie der Kaiser ohne Kleider, als ein unbeschwertes Wesen ausrief: aber der hat ja gar nichts an!

Etwa vor einem Vierteljahrhundert (1987) fanden die ersten Bioprodukte den Weg in das Netz des Lebensmittelhandels. Erste Anbieter waren davon ausgegangen, dass gesunde Lebensmittel das Image heben. Chemiefreie Lebensmittel waren schon vorher gefragt und wurden in Hofläden, dann im Naturkostfachhandel und in Reformhäusern angeboten. Gesellschaftspolitische und soziale Aspekte kamen bei den opponierenden Verbrauchern und Ladnern dazu.

Bewusstsein war gefragt, nur Konsum ohne Nachhaltigkeit verpönt. Dass diese Entwicklung den Weg in den Mainstream finden würde, sollte nur eine Frage der Zeit sein, wenn auch für die meisten bis heute schwer vorstellbar. Vernunft siegt, wenn die Welt ihr die notwendige Zeit zum Reifen lässt!

Vor dem Jahr 2000 lag der Bioumsatz noch bei rund 1.000 Millionen Mark, das waren weit weniger als ein Prozent des Lebensmitelumsatzes. Seither ist der Bioumsatz gestiegen auf 6,6 Milliarden Euro. Der Fachhandel lag im letzten Jahrtausend mit seinem Umsatzanteil naturgemäß noch weit vorne bei zirka 36 Prozent, dazu kamen Hofläden und die Reformhäuser, der LEH verkaufte etwas mehr als ein Fünftel der Bio-Lebensmittel.

Die Bio-Umsatzdynamik des letzten Jahrzehnts hat aus dem Angebotsmarkt der Neunziger Jahre einen bis heute dauerhaften Nachfragemarkt gemacht. Es gab viel Platz für neue Akteure und gute Entwicklungschancen für die Pioniere. Alle haben gewonnen, nur der Ökolandbau in Deutschland hält nicht mit. Die Fläche stiegt um etwa das 2,5-fache, die Umsätze stiegen derweil um das Acht- bis Zehnfache.

Heute setzt der LEH mehr als die Hälfte der Biolebensmittel-Angebote um. Das hat dem Fachhandel nicht geschadet. Im Gegenteil, sein Umsatz-Volumen ist in ungeahnte Höhen entrückt. Bioladner, Großhändler und auch Produzenten, die sich nicht rechtzeitig auf die neuen Strukturen einstellen wollten, die hat der Markt veschluckt, wie sonst überall auch üblich.

Bioladner mussten Platz machen für Bio-Supermärkte, derweil sie auf Bioangebote im Supermarkt starrten und die bekämpften. Zugegeben, nicht allen war es gegeben, Wachstumsstrukturen zu akzeptieren und sich rechtzeitig nach Finanzen umzuschauen. Wer sich einlullen ließ vom Gedanken der großen Familie, der hatte nur bedingt Chancen. Meist haben auch im Naturkosthandel sich Stärkere – sprich Schnellere – die Marktanteile gesichert, nicht die Anhänger einer Ideologie, die mit ihrer 3B-Lage zufrieden waren!

Der Biomarkt wird gesellschaftsfähig

Mit den Grünen im Landwirtschaftsministerium kam eine Wende in die Biovermarktung. Sie haben – auch wenn sie ihrer Klientel treu geblieben sind – auf eine breite Öffnung des Biomarktes gesetzt. Und sie haben gewonnen. Heute gibt es Bio in allen Ecken. Selbst dort, wo man es nicht vermutet. Die Zustimmungsrate für Bio ist auf über 90 Prozent gestiegen. Auch wenn vieles davon nur Lippenbekenntnisse sind, wirkt sich so viel Sympathie positiv aus. Kein Vorstand im Handel und auch keine Kauffrau und kein Kaufmann kann sich aktuell ohne Bio im Angebot respektabel darstellen. Irgendwie schiene so jemand dann lebensfremd!

Wie steht es heute mit der Biovermarktung? Sie konzentriert sich in den Städten. Flächendeckend ist noch lange kein überzeugendes Angebot zu kriegen. Viele Regale in den Supermärkten tragen zwar Preisschilder mit der Bio-Aufschrift, aber ein brauchbares Bio-Sortiment macht das noch lange nicht. Wer auf dem Land einen Salat oder auch nur eine bescheidene Bio-Auswahl erwartet, wird enttäuscht. Die Fahrt in die Stadt steht an für jene Landbewohner, die sich natürlich, gesund und dennoch lustvoll ernähren wollen. Auf die Frage in der Alnatura-Jahresbilanz-Pressekonferenz vor zwei Jahren, wann er auch in der Fläche expandieren würde, hatte Dr. Rehn eine kurze und knappe Antwort: Nie.

Einige Jahre zuvor gab es das Kredo, dass mindestens 100.000 Einwohner für das Einzugsgebietes eines Bio-Supermarktes benötigt würden. Die Mindest-Anforderung an die Einwohneranzahl eines Standorts hat sich zwischenzeitlich verringert auf 30.000 bis 50.000 Einwohner. Sicher geht das heute sogar in kleineren Gemeinden.

Man könnte annehmen, dass es wegen der Verdichtungs-Chancen aktuell mehr Bioläden gibt als noch vor zehn oder 20 Jahren. In den Neunziger Jahren gab es geschätzt mehr als 3.000 Bioläden. Mit heute zirka 2.300 reinen Bio-Verkaufsstellen ist die Anzahl der Läden lange Zeit gefallen und dann eher gleich geblieben.

Die Größen sind freilich andere. Nicht mehr der kleine – weniger als 80 Quadratmeter – Laden ist in massiver Überzahl. Das Beispiel Heidelberg und Umgebung zeigt aus persönlicher Erinnerung folgendes Bild: Bis Ende der 80er Jahren wuchs das Angebot an Bioläden im Umkreis von 15 bis 20 Kilometer auf annähernd 30 inklusiv Lieferdienste, meist kleinere Formate und allesamt Inhaber geführt.

Das Angebot konzentriert sich heute auf viel weniger Outlets, darunter viele Bio-Supermärkte mit deutlich mehr als 200 Quadratmeter. Und es überwiegen filialisierte An­- bieter. Auch die Selbstständigen Ladner betreiben gerne mehr als einen Standort. Das dürfte in Berlin, München, Köln oder Hamburg ähnlich verlaufen sein. Auch hier gilt, wie im konventionellen Lebensmittelhandel, es gibt weniger Märkte mit größeren Flächen, daher ist das Flächenangebot heute stabil bis leicht wachsend.

Bio gibt dem Handel einen Ruck

Ende der 90er Jahre nahm Edeka die Herausforderung an und reagierte auf die Bio-Vermarktung bei Rewe und Tengelmann, die schon ein gutes Dutzend Jahre dabei waren. Mit einer neuen Strategie in der Edeka-Vorstands­etage wurde das Bio-Angebot gezielt in die Hand genommen und Bio in ihren Verkaufsstellen gefördert. Es gab damals bei der Coop in der Schweiz eine ungeahnte Umsatzentwicklung im Bio-Sortiment. Die Konzernstrategen in Basel zeigten, dass Nachhaltigkeit gelebt werden kann. Sie gaben Bio-Umsatzziele vor, was nicht mehr unbeachtet blieb, und gewannen Marktanteile. Das hat den Reigen in Deutschland eröffnet.

Lebensmittelkaufleute wie tegut.., DM Drogeriemarkt und das Hervorsprießen von immer mehr Bio-Supermärkten dort, wo vom Handel kleine, vorgeblich unrentable Flächen in guten Lagen aufgegeben wurden, sorgten für Aufmerksamkeit.

Im Jahr 1999 bildeten 960 Bio-Artikel bei tegut.. oder 1.200 bei der Schweizer Coop noch kein Bio-Vollsortiment ab, wie in den Bioläden. Der Weg war jedoch klar: Vollsortimenter müssen auch mit ihren Bioprodukten die gleiche Kompetenz entwickeln wie in der konventionellen Angebotsvielfalt, wenn sie ernst genommen werden und glaubwürdig sein wollten.

Marketing für Bio

Die CMA Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft begann gegen Ende des letzten Jahrtausends mit ersten Marketingmaßnahmen für Bio-Lebensmittel. Schließlich stammten die Bio-Produkte auch von deutschen Bauern mit CMA-Zwangsabgaben, obwohl es vielfach die irrige Vorstellung gab, Biobauern seien alles Nebenerwerbslandwirte ohne CMA-Abgaben!

Unter der Leitung von Dr. Thomas Hammbüchen (seit Mitte 1997) erhielt das Biosegment eine ungeahnte Unterstützung. Mit der Übernahme des Bundes-Landwirtschaftsministeriums durch die Grünen im Januar 2001 kam dann noch ein Ruck durch die Gesellschaft. Die Grünen-Ministerin Renate Künast machte aus dem seit Jahrzehnten in Erstarrung befindlichen Landwirtschaftsministerium ein knackiges schlagkräftiges Instrument der gesellschaftlichen Erneuerung.

Die Segmente Verbraucherschutz und Ernährung stellte sie vor die Landwirtschaft und machte erstmals öffentlich deutlich, dass die landwirtschaftliche Produktion nicht weiter unbeaufsichtigt auf die Verbraucher losgelassen werden dürfte. Der Erfolg ist zwar auch bis heute noch nicht vollständig, die Richtung – Bayern ahmte die Umorientierung vom Landwirtschaftsministerium in auch Verbraucherschutz und Ernährung als erste nach – steht seitdem jedoch unumkehrbar fest.

Die Politik mischt mit

Gesunde Lebensmittel stehen heute im Mittelpunkt. Bio in Kantinen und Versorgungseinrichtungen des Gesundheitswesens, in Schulen und Universitäten ist Programm in al­len Länderministerien. Schul­brot-Boxen, Aktionen in Kindergärten bis hin zu Lebensmittel aus der Region sind Instrumente der Politik geworden.

Beispielsweise gibt es seit 2009 in den Bundesländern Schulvernetzungsstellen, organisiert im Rahmen von „IN FORM – Deutschlands Initiative für gesunde Ernährung und mehr Bewegung“. Das beschränkt sich nicht auf Bioangebote, ist jedoch beseelt von der Biobranche, die als Vorreiter gilt. Da können die Handelskonzerne nicht mehr hinten an stehen. Sie propagieren heute das, was früher für den Lebensmittelladen am Ort selbstredend war.

Renate Künast führte das Bio-Siegel ein, das nicht mehr auf den Kriterien der Bio-Verbände basieren sollte, sondern die EU-Regelung zur Grundlage machte. Der Erfolg gibt ihr heute recht. Alle, mit weni­gen Ausnahmen, gaben dem Sie­gel auf EU-Bio-Verordnungs­basis bei seiner Einführung wenig Chancen! Die Verbände wollten am Ökoprüfzeichen festhalten. Es gab damals rund 1.200 Bio-Produkte mit dem Öko Prüfzeichen Label und nicht ganz 100 Firmen, die das Zeichen zur Bio-Kennzeichnung nutzten. Bremke & Hörster war der erste und einzige Nutzer im Handel.

Heute zählt das Biosiegel 60.000 Bioprodukte von mehreren Tausend Anbietern, von Regionalen bis Handelsmarken – alle sind sie dabei. Selbst die EU wurde eifersüchtig und sprang auf den Zug auf mit ihrem jetzt verbindlichen EU-Bio-Siegel.

Der Handel baut auf Image mit den Bio-Eigenmarken

Die Handelszentralen setzen auf ihre Bio-Eigenmarken. Sie wollen nur wenige Dachmarken neben sich dulden. Oft arbeiten sie mit deren Produzenten auch für ihre Handelsmarken zusammen. Bio wird im Block platziert. Eine Öffnung in die Sortimente gibt es bis heute nur zögerlich. Und wenn, dann, wie bei Rewe, nur für die eigene Handelsmarke und einige wenige Markenprodukte aus den Zentrallägern, die auch in Bio-Qualität angeboten werden.

Die Dachmarken bleiben bis heute im Block. Bio soll in erster Linie dem Image der Zentralen dienen. Die Lebensmittel-Kaufleute sind näher am Kunden und weniger an der Selbstdarstellung interessiert. Bio ist für sie kein Selbstzweck.

Die Strategie hat der Handel bei tegut.. abgeschaut. Dort beherrschte die Bio-Blockplatzierung das Angebot. Ausnahmen waren Bio-Backwaren (rund 100 von der tegut.. eigenen Herzberger-Bäckerei) und das Obst + Gemüse, dem keiner ansah, woher es kam. Gerne war und ist das auch gekennzeichnet mit dem Demeter-Warenzeichen.

Thomas Gutberlet bezeichnet die tegut..-Märkte als Bio-Fachgeschäft und die erstaunte Naturkostgemeinde hat dem nicht widersprochen. Bio im Supermarkt war hier also satisfaktionsfähig.

Die Bio-Blöcke bei tegut bestanden aus Produkten der Marke Alnatura. Alnatura-Inhaber Dr. Rehn hat seine Handels-Kunden zur Blockplatzierung verpflichtet, mit dem Argument, dass seine besonderen Produkte nicht neben herkömmlichen Angeboten in den gleichen Regalen stehen dürften. Sie seien erklärungsbedürftig und können nicht einfach im Regal allein gelassen werden.

Neben tegut.. hat auch dm-Drogeriemarkt, später Budnikowski, Feneberg, Globus und bei Dohle die HIT-Märkte diese Strategie übernommen. Feneberg ist zwischenzeitlich ausgestiegen und tegut.. hält sich schon seit langer Zeit nicht mehr an die Blockvorgabe von alnatura und ordnet alle Bio-Produkte den Sortimenten zu.

Bio im Block oder Vielfalt in den Sortimenten

Neben der Zielsetzung, Bio-Produkte über die Zentrallistung in die Märkte zu bringen, erkannten erste Anbieter den direkten Weg zu selbstständigen Kaufleuten. bioPress hatte im Jahr 2000 das Szenario entworfen, dass Bio in den Outlets selbstständiger Kaufleute eine andere Dynamik entfalten würden als in Filialen der großen Verbünde. Zusammen mit einer Marketingagentur und der CMA wurde eine Studie durchgeführt, die flächendeckende Bio-Präsenz bei den selbstständigen Kaufleuten nachwies.

Ihr Umsatzanteil lag im Durchschnitt mehr als doppelt so hoch wie im filialisierten Handel, zum Teil gab es Spitzen mit bis zum zehnfachen Umsatzanteil, hier 0,7 dort bis zu sieben Prozent.

Bei einer Anuga-Diskussion im Jahr 2001 über Bio-Blöcke oder Zuordnung war die Entscheidung der Handels-Akteure eindeutig. Die Mehrheit setzte auf die einfach zu handhabende Blockplatzierung. Am Block könne man die gesamte gelieferte Palette an das Regal ziehen und schnell und mit wenig Mühen die Ware einräumen.

Man schlug sich für einen pünktlichen Feierabend, nicht für die vernünftige Bio-Integration in die Warengruppen. Die Idee, dass Bio keine eigene Warengruppe sei, sondern aus Produkten aller Warengruppen besteht, hat nur ein Schweizer Coop-Mitarbeiter uneingeschränkt unterstützt und die Zuordnung als die einzig richtige Strategie dargestellt.

Immer noch wird diese Erkenntnis mancherorts ignoriert. Kaufleute mit Eigenverantwortung waren die Ersten, die den Trend erfolgreich umkehrten, trotz vieler Hindernisse. Vorgaben, auch der Lieferanten, verlangten den Block. Die einen wegen der Bequemlichkeit, die anderen wegen der Wirkung: Sieben Meter „meiner Marke“ stärkt das Marken­-image.

Die Wahrheit liegt woanders

Eine Blockplatzierung schafft Aufmerksamkeit, ja, aber sie verpasst die Chance zur Integration. Im Bio-Supermarkt ist das Käuferverhalten ein anderes. Alle kommen hin um Bio zu kaufen. Dass die Bio-Kunden im Supermarkt alles an einer Stelle erwarten und nicht lange herumsuchen wollen, stimmt nur sehr bedingt. Ein Block bewirkt auch eine Ghettoisierung. Wem Einkaufen Spaß macht, will nicht auf den Weg durch den Markt verzichten.

Beim Durchstreifen der Gänge finden Verbraucher einen Zugang zur Vielfalt der Angebote. Das Argument, dass ­Biokun- den das im Block wünschen, ist aus der Luft gegriffen. Kein Kunde will diskriminiert werden. Wenn auch unbeabsichtigt, wird er bei der Vorstellung, dass Bio für ihn sonst nicht oder nur schwer zu finden sei, als unfähig zum Einkaufen gesehen. Zudem gibt es den Bio-Kunden nur ganz selten. Er sollte daher auch nicht Grundlage für die gesamte Bio-Präsentation sein. Auch die meisten Bio-Kunden im Bio-Supermarkt oder Bioladen kaufen nicht ausschließlich Bio ein.

Wer mit einem Bio-Block angefangen und den zu lange ausgeweitet hat, steht irgendwann vor dem Dilemma, dass eine arbeitsintensive Reorganisation ansteht. Wohl dem, der einen neuen Markt einrichtet und Bio von Anfang an in die Sortimente integriert.

Es gibt mehrere Argumente für ein Nebeneinander mit Bio. Wie beim Schnäppchenjagen, greift ein Kunde, der natürlichen und gesunden Alternativen zugeneigt ist, automatisch zu Bioprodukten, wenn sie neben den herkömmlichen Waren angeboten werden. Oft ist so erst ein Preisvergleich und die Erkenntnis möglich, dass Bio nicht unbedingt teuer sein muss. Oft kosten die A-Marken mehr als das Bio-Angebot. Spontankäufe sind bei vielen die Einstiegsdroge.

Bio-Sortimente integrieren

Über 60.000 Bio-Artikel tragen das Bio-Siegel. Auch wenn es noch zusätzlich Bio-Produkte ohne das Siegel gibt, reicht diese Auswahl für (fast) alle bei Weitem. Im Supermarktangebot liegt der Frischeanteil bei 40 Prozent. Wer glaubt denn, dass das bei Bio anders sein könnte?

Beim Blick in die Bio-Angebote der meisten Supermärkte graust einem Hausmann oder einer Hausfrau die Vorstellung, damit eine warme Küche zu versorgen. Nur von Gressinis und Reiscracker wird man auch mit der Bioqualität krank! Selbst etwas Schokolade oder ein Öl hilft da ebenso wenig aus der Patsche wie ein Honig und Frucht- oder „Wie Leberwurst“-Aufstrich. Selbst die Reformhäuser sind nicht in der Gesundheitsecke hängen geblieben, dort wird, wenn auch zaghaft, Genusslust zugelassen und Frische integriert.

Ein Vollsortimenter muss sich bei seinem Bio-Angebot wie gewohnt an einem Vollsortiment orientieren, also angefangen bei Obst und Gemüse. Der Edekaner Kircher in Alzenau – bekannt als vielfacher Sieger bei Ausschreibungen – legt ein umfangreiches Bio-O+G Sortiment mit rund 120 Artikeln vor, neben seinem herkömmlichen Angebot. Da ist mehr Bio-Vielfalt geboten als bei den meisten Naturkosthändlern.

Der Erfolg von tegut.. hängt, neben O+G,  nicht unerheblich mit dem herzberger Bio-Backwaren Angebot von mehr als 100 Artikeln zusammen. Mack in Weinstadt bietet in seiner Fleischtheke über 40 Prozent in Bioqualität an und lockt damit viele Kunden auch von weither in seinen Markt. Staufers in Göppingen punktet mit einer Bio-Marken-Vielfalt ebenso wie Konsum in Dresden.

Marktkauf in Bielefeld hat ein Sortiment von mehr als 4.000 Bio-Artikeln aufgebaut, viel O+G, viel Käse, Fleisch in Bioqualität, herkömmliches nur noch in SB, Soja- und Mopro umfangreich im Kühlregal. Zu­dem eine reine Bio-Fläche, weil der Naturkostgroßhändler das für die Bio-Markenartikel so verlangt und das dann auch von den Kunden gelernt wurde. In Hamburg bei Struve überwiegen Feinkostprodukte im Bio-Angebot.

Die Brüder Hundertmark im Hunsrück konnten mithilfe eines Naturkostgroßhändlers sämtliche Dubletten, Tribletten bis hin zu den üblicherweise auch vorkommenden  Sixtilietten aussondern und ein dem Standort angepasstes Bio-Vollsortiment aufbauen. Sie setzten dabei auf mehrere Faktoren. Neben einem Großhandel, der alles – vieles – aus einer Hand zu bieten hat, werden sie auch aus der Region beliefert. Brot und Fleisch, auch Eier kommen aus der Region. Dazu arbeiten sie noch mit einigen Streckenlieferanten.

In kleinen ländlichen Ortschaften zwischen 3.000 und 8.000 Einwohnern plus Einzugsgebiete sind ihre Märkte angesiedelt. Der Bio-Umsatzanteil liegt bei vier bis sechs Prozent. Ein Zustand, den es eigentlich an solchen Standorten gar nicht gibt! Eine wichtige Rolle spielt Bio bei der Kundentreue. Die Kunden fühlen sich gut aufgehoben bei ihrem Kaufmann, da spürt er den Discounter in den Gebieten so wenig wie die Bäckerei- und Metzgerei-Handwerker.

Bio-Vollsortimente

So richtig vernächlässigt wird Bio meist in den Käsetheken, obwohl dort der Preisabstand überhaupt nicht erkennbar ist. Im Käsesortiment gibt es niedrige und hohe Preise. Darin verschwindet die Vorstellung Bio sei teuer ganz von selbst. Zudem sind viele Käsegroßhändler unterwegs mit umfangreichen Bio-Angeboten. Der bioPress-Besuch bei WEZ in Minden hat gezeigt, es geht: Viel Bio-Käse, -Fleisch und­ Wurst, auch Bio-Fisch und natürlich ein breites Mopro-Angebot bringt ein Sortiment zum Glänzen. (siehe S. 6 ff.)

Bei Backwaren hängen viele Kaufleute von den Vorkassen-Shops ab, die nicht in eigener Regie geführt sind und selten Bio anbieten. Da hilft ein Bio-Selbstbedienungsangebot zu überzeugen. Meist schafft das beim Vorkassenbetreiber Bewegung. Zu Brot und Brötchen gehören auch Konditoreiwaren. Wer kein Bio-Tortenstückchen anbietet, der verpasst etwas. Dauerbackwaren können leicht auf Strecke im Paket geordert werden (siehe bioPress 69/November 2011, S. 14 ff). Und was nützt ein Käse- und Wurstangebot ohne Brot?

Das Mopro-Sortiment ist schon lange keine Seltenheit mehr. Die aktuelle Entwicklung lässt dennoch auf ein rasantes Wachstum hoffen. Söbbeke, Gläserne Meierei im Osten und gleich eine Auswahl unter mehreren Anbietern im Südwesten und Süden, von Andechser, über Berchtesgadener, Schroz­berg oder Schwarzwaldmilch ist heute möglich.

Tiefkühlkost und Eis fehlen unverständlicherweise oft im SEH. Nicht nur, dass es wunderbare Bio-Produkte gibt, die im Vergleich hervorragend abschneiden (Bio Wagner Pizzis bis hin zu Apfelstrudel u.v.m.), auch Fisch lässt sich so, wenn nicht gleich frisch, dann doch in der Tiefkühltruhe vorrätig halten. Wer Bio-Eis kennen gelernt hat, lässt schwer wieder davon ab.

Conveniente Salate, Fleisch- oder Nudelgerichte und Suppen sind frisch und haltbar als Trockenprodukte in einer großen Vielzahl zu haben. Hier lässt sich eine schöne Markenvielfalt darstellen. Bunt und abwechslungsreich wirkt das Bioangebot dann, nicht eintönig wie die Handelsmarken.

Zurück in die Region zum Biobauern

Wer weiß nicht, wie aufwändig Belieferungen außerhalb der herkömmlichen Strukturen sind! Viele Naturkostgroßhändler in der Region beliefern auch den SEH. Der Bundes­verband Naturkost und Naturwaren hat schon vor Jahren einen Fachhandelsbeschluss gefasst, der die Belieferung qualitätsorientierter Lebensmittel-Kaufleute mit Bio- Marken ermöglicht.

Selbst Demeter Produkte dürfen in die Regale. Der notwendige Demeter Handels-Partner Vertrag kostet wenig Mühen und die geringe Gebühr macht sich schnell bezahlt. Demeter organisiert dann Schulungsmaßnahmen für die Mitarbeiter im Lebensmittelhandel. Achim Wagner beim Demeter-Verband ist zuständig für die Kooperation mit dem Einzelhandel. Um dem Fachhandel seine bevorzugte Stellung zu erhalten, kann der auch mit der Demeter-Marke aktiv werben. Der LEH/SEH bekommt diesen Vorzug nicht. Sie dürfen verkaufen, aber nicht mit der Marke demeter werben.

Einzelne Kaufleute hindert das nicht daran, sich mit Demeter-Bauern zusammen zu tun und deren Demeter-Produkte regional zu vermarkten. Der Demeter-Hof steht dann Pate beim Marketing. Das hat die bioPress Redaktion in unterschiedlichen Regionen angetroffen mit Gemüse, Kartoffeln, Spargel, Steinobst, Äpfel, Käse, Eier und vieles mehr.

In Braunschweig ist Görke mit anderen Kaufleuten die Zusammenarbeit mit einem Händler auf dem Großmarkt eingegangen, der regionale Beschaffung bündelt. Das könnte eine Lösung sein, wo Kaufleute auch über Verbundgrenzen hinaus zusammenkommen. Hundertmark beschafft auch Fleisch und die Mitarbeiter von Karl Stefan Preuß Eier, Milch und Käse sogar als Eigenmarke. Die Leistungsfähigkeit der mittelständischen Lebensmittelkaufleute ist bei Regionalität beispielhaft und sollte unterstützt, nicht behindert werden. Sie sichern vielen Bauern und handwerklichen regionalen Lebensmittelverarbeitern die Existenz.

Ware für den SEH  vom Naturkostgroßhandel

Nur noch wenige Bio-Hersteller untersagen dem Großhandel generell die Belieferung der Lebensmittelkaufleute außerhalb der Naturkostbranche. Diese Dämme sind am Brechen. Es wird dann jedoch, wie vom Naturkosthandel, ein Bewusstsein für Bio-Lebensmittel gefordert, aber heute auch gefördert. Es wird oft gerne vom Verramschen gesprochen, Angst vor Bio bei Lidl geschürt. Das ist unsinnig und unnötig!

Wer sich nicht mit Bio außein­andersetzt, wird mit Bio auch nicht glücklich. Wenn die Hilfe zum Einstieg verhindert wird, kann leicht gehänselt werden, dass die anderen es nicht können. Die Unterschiede zwischen Bio im Fachhandel und bei den Lebensmittel-Kaufleuten dürfen nicht weiter negiert werden. So ein Klima behindert die Entwicklung des ökologischen Landbaus insgesamt.

Sicher, es gibt Vertriebe, die hundertprozentig den Fachhandel beliefern und selbstständige Kaufleute wie ein Blinder mit Aldi und Lidl gleichsetzen. Das ist purer Egoismus und muss ernst genommen werden. Oder es ist die Angst vor Wettbewerb. Wer seit Jahrzehnten nach Öko ruft und Bio auf der Fahne stehen hat, darf nicht dann, wenn der Erfolg eintritt und die Ideen Verbreitung finden, mit Angst reagieren und sich abschotten wollen, indem Neue, die nachkommen, ausgegrenzt werden.

Wie sollte es denn anders sein, als dass Kaufleute, die vorher nicht dabei waren, jetzt dazu kommen, wo bei größerer Nachfrage mehr Arbeit anliegt? Überhaupt nicht akzeptabel wäre es, wenn ganz bewusst wider besseres Wissen die Angst geschürt wird und böses Blut den (Bio-Einzelhandels-) Markt regeln soll. Es geht um mehr Bioanbau und Bio für Alle. Der Fachhandel kann das alleine nicht stemmen.

Vor 15 Jahren hat die bioPress beschrieben, dass der Fachhandel – wie das Wort schon sagt – ein Fachhandel und daher ungeeignet ist, allein  ganz Deutschland mit Bio-Lebensmitteln zu versorgen. Es gibt schon einen Unterschied zwischen Bio- und  Feinkosthandel oder Reformkostmarkt. Den 82 Millionen Einwohnern stehen in Deutschland rund 45.000 Outlets (ohne Discounter und Drogerien sind es 19.000, Quelle: The Nielsen Company 2012) für die Lebensmittel-Versorgung zur Verfügung. Wer will, dass alle nicht Naturkostladen-Kunden dann eben auch kein Bio kaufen können, der werfe den ersten Stein.

Auf dem Weg zu (nur) 20 Prozent Bio-Anteil geht es unmöglich ohne die Lebensmittelkaufleute. Die gleiche Situation finden wir in allen Branchen. Spezialisierte Fachgeschäfte müssen ihre Nische finden neben den Großflächen. Das ist so, seit wir im­mer weiter weg von der Selbstversorgung gekommen sind, egal ob Essen oder Kleidung. Eine Schneiderei lebt heute von hochwertiger Maßkleidung oder vom Flicken. Dazwischen hat sich alles verändert.

Überlebt der Fachhandel?

Bioladner überleben durch Anpassung. Entweder in Richtung Bio-Supermarkt, dann spielt die Größe und ein Vollsortiment die zentrale Rolle. Oder sie richten sich in Nischen ein mit Angeboten, die andere nicht oder nur schwer beschaffen und auch nicht vorrätig halten können. Oder sie bedienen eine spezielle Kundschaft, die im Bioladen gerne ihre Community findet. Die Mehrheit der Konsumenten wandelt zum Einkaufen auf ihren üblichen Pfaden.

Eine Vielfalt in einem speziellen Segment wäre auch ein Beispiel. Wo gibt es heute noch einen Kräuterladen? Oder an einem Ort, wo sich sonst keiner mit einem Geschäft hintraut. Auch unkonventionelle Konzepte sind nicht jederfraus/manns  Sa­che. Junge Leute eröffnen eine Eisdiele, wo es schon genügend Angebote zu geben scheint und bieten Bio und konventionelles Eis an. Mit dem Erfolg, dass irgendwann nur noch Bio verlangt wird? Geht es gut, setzen sie sich durch und können existieren.

Wer auf dem flachen Land eine Nahversorgung aufbaut wie das Okle mit seinen Partnern macht und dabei ein Bio-Angebot ins Sortiment nimmt, ist höher zu schätzen als jemand, der in einem Zentrum den siebten Bio-Supermarkt eröffnet.

In Berlin gibt es den Bio-Bratwurstanbieter Witty´s. Im letzten Jahr hat der Inhaber Ernst-Hermann Extner unter über 600 Bewerbern die Ausschreibung im neuen Berliner Flughafen gewonnen. Das zeigt, wohin die Welt driftet. Ein  Würstchenstand mutiert zur Organic-Sausages mit 50 Quadratmetern und wird zum zentralen Bio-Botschafter. So kann es gehen. Bleibt zu hoffen, dass bei der offiziellen Flughafen-Eröffnung Anfang Juni unsere Bundeskanzlerin vorbei kommt und einer Bio-Bratwurst die Ehre gibt.

Erich Margrander


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