Gentechnik
Über gentechnisch veränderte Lebensmittel wird am POS entschieden
Qualitätsführer der Branche setzen auf Kennzeichnung ohne Gentechnik
Lebensmittelhersteller, die ohne Gentechnik produzieren wollen sehen sich gemeinsam mit Landwirten und Verarbeitern auf allen Erzeugerstufen in der Pflicht, die Verbraucher über die Risiken und über die Folgen der grünen Gentechnik zu informieren. Dies wurde beim Expertengespräch in der „2. Trochtelfinger Tafelrunde“ deutlich, zu dem Klaus Freidler, Inhaber der Alb-Gold Teigwaren GmbH eingeladen hatte. Gut 30 Experten waren in der Runde versammelt.
Die Teilnehmenden kamen aus der gesamten Erzeugerkette: Landwirte, Erzeugergemeinschaften, Futtermittelhersteller, Repräsentanten der Bio-Verbände und Lebensmittelhersteller sowohl aus dem Biosektor als auch aus dem konventionellen Bereich.
Anlass des Fachgesprächs war der Besuch des prominenten Gentechnik-Aktivisten Percy Schmeiser, kanadischer Farmer und Träger des Alternativen Nobelpreises am 25. Juni. Percy Schmeiser besichtigte zunächst gemeinsam mit seiner Frau Louise das Werk und schilderte am Abend auf dem Marktplatz des Kundenzentrums von Alb-Gold vor ca. 1.000 Besuchern sehr eindruckvoll seine Erfahrungen mit dem Biochemie-Konzern Monsanto. So wurde einerseits eine breite interessierte Öffentlichkeit über die Risikotechnologie grüne Gentechnik informiert und anderseits wurden Impulse für einen Austausch in der Branche gegeben.
Unternehmen sehen sich in der Verantwortung, wenn die Politik nicht handelt
Zum Fachgespräch waren am Nachmittag auch Thomas Dosch, Präsident des Bioland-Verbandes und Dr. Alexander Gerber, Geschäftsführer des Geschäftsführer BÖLW, Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft, Berlin angereist, um mit Unternehmern und Landwirten die Situation zu analysieren.
Alb-Gold erzeugt im schwäbischen Trochtelfingen sowohl Bio-Teigwaren als auch konventionelle Ware „ohne Gentechnik“ und ist einer der bislang wenigen Lebensmittel-Hersteller, die dies aktiv als Qualitätsmerkmal kennzeichnen und bewerben. Dosch und Gerber als Repräsentanten der Bio-Branche begrüßen die Initiative von Alb-Gold für eine Verbraucherinformation zur grünen Gentechnik.
Denn, so sind sich Gerber, Dosch und Freidler einig, auf eine neutrale Verbraucherinformation von staatlichen Stellen, vergleichbar etwa mit den aktuellen Kampagnen zur Verbraucherinformation für Ernährung und Bewegung, könne man bei der grünen Gentechnik nicht warten. Zu eindeutig sei die Interessenlage in der Politik sowie in der Biotech-Forschung „pro Gentechnik“. Dosch spricht von einer Verfilzung Forschung, Politik und Biotechnik-Industrie, insbesondere mit Blick auf die eigens für diese Thematik gegründete Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA). Die EFSA ist mittlerweile jedoch in ihrer Zusammensetzung sehr umstritten, so Dosch.
Entschieden wird im Wettbewerb
Klaus Freidler ist sich ebenso wie Dosch sicher, dass sich hochwertige Lebensmittel ohne Gentechnik als Qualitätsführer durchsetzen. Mit Blick auf den Markt und mit Blick auf die Verbrauchermeinung - 78 % der Deutschen würden sich laut einer aktuellen Forsa-Umfrage an einer einheitlichen Kennzeichnung „ohne Gentechnik“ orientieren. Die klare Kennzeichnung der Alb-Gold-Teigwaren werde gut angenommen und das Interesse an den Führungen durch die Produktion im Werk sei sehr hoch. Im Bio-Segment setzt die Bio-Supermarktkette Alnatura den Claim „ohne Gentechnik, weil Bio“ ein.
Für eine unabhängige Forschung auf dem Acker
In den Statements von Dosch, Gerber und Freidler wurde deutlich, dass sich die Bio-Branche keineswegs gegen die Forschung oder gegen die medizinische Gentechnik ausspricht und man keineswegs Fortschritt verhindern wolle. Allerdings, so machte der Geschäftsführer des Bunds für ökologische Lebensmittelwirtschaft klar, konnte der versprochene Nutzen der grünen Gentechnik bislang nicht bewiesen werden. Gerber nannte als Beispiel den reduziertem Einsatz von Herbiziden bei Mais oder Soja, und den versprochenen, aber nie bewiesenen gesundheitlichen Wirkung am Beispiel des „Golden Rice“.
Verursacher sollen die volkswirtschaftlichen Kosten der Risikotechnologie tragen
Die Gentechnik- Industrie habe kein Problem mit dem Bio-Anbau oder mit dem Thema Kooexistenz – die Biobauern aber umso mehr. Thomas Dosch macht dies an der Grenzwertdebatte deutlich. Die Gentechnik-Industrie plädiere denn auch für eine größere Toleranz an gentechnisch veränderten Anteilen bei Mais oder Soja. Für die Biobauern würde das Ausbringen von GVO-Pflanzen hingegen eine Bedrohung ihrer Existenzgrundlage darstellen, so Dosch.
Durch das Verbot des Gentechnik-Mais Mon810 sind derzeit im Freiland keine gentechnisch veränderten Pflanzen zugelassen, ein großes Verunreinigungspotential steckt jedoch in Bereich des Transports, der Lagerung und natürlich der Verarbeitung. Hier gilt es anzusetzen um eine schleichende Verunreinigung des Saatgutes zu verhindern.
„Bauchgefühl“ für gute Lebensmittel reicht nicht mehr
Der kritische Verbraucher wird künftig nicht mehr „aus dem Bauch heraus“ entscheiden können. Beim Einkauf wird es für den Kunden immer schwieriger, „reelle“, also so natürlich wie möglich erzeugte Lebensmittel zu erkennen. Bei Lebensmitteln die auf Basis gentechnischer Methoden hergestellt werden spricht der Wissenschaftler Dr. Ulrich Mautner gar von „Bio-Kunststoff“. Mautner, im SALUS-Haus Bruckmühl zuständig für die Qualitätssicherung, ist jedoch überzeugt, dass viele Konsumernten sich bewusst für natürliche Produkte entscheiden. Um dieses „Bauchgefühl“ zu stützen werde es jedoch immer wichtiger, dies mit allgemein verständlichen Informationen zu unterstützen.
Die Lebensmittelhersteller nehmen Verbraucher-Information zur Gentechnik deshalb selbst in die Hand und appellieren gleichzeitig an die Politik, endlich eine umfassende Verbraucher-Aufklärung zum Thema Grüne Gentechnik zu unterstützen.
Letztlich eine Frage des Systems
Zu Beginn der Tafelrunde hatte der Moderator der Tafelrunde Uwe Roth, Redakteur bei Sonntag Aktuell, die Frage in den Raum gestellt, ob die neuen Technologien, welche in der High-Tech-Lebensmittelproduktion Einzug halten, nicht als einzelne Variablen für ein ganz bestimmtes System der Lebensmittelwirtschaft gesehen werden können. Im Grunde gehe es um die Entscheidung, ob Politik und Verbraucher künftig „reelle“ Lebensmittel aus bäuerlicher Erzeugung und handwerklicher Verarbeitung oder eben „Bio-Kunststoff“ aus technologischer Produktion den Vorzug geben, so Roth.
In der Debatte der Teilnehmer wurde deutlich, dass die Gentechnik im Freiland derzeit in Deutschland für die Praxis kein akutes Problem darstelle. Besonders wichtig war es den teilnehmenden Landwirten, dass das Grundrecht der Wahlfreiheit beim Saatgut, die Unabhängigkeit von Patenten und die Wahlfreiheit der Konsumenten für Lebensmittel ohne Gentechnik sichergestellt werden.
Leute mit Bauchgefühl in die Rationalität holen
Bei der gemeinsamen Interessenlage aus dem Erzeugersektor und dem Wunsch der Verbraucher für eine Transparenz und Kennzeichnung schlägt Moderator Roth vor, künftig in einer Arbeitsgruppe Aktivitäten für eine Verbesserung der Verbraucherinformation zu entwickeln.
Ulrich Ostarhild







