Start / Ausgaben / BioPress 41 - November 2004 / Bio ist nicht gleich Bio

Bio ist nicht gleich Bio

Der Öko-Markt differenziert sich

Ein homogenes Segment ‚Bio’ werde es in Zukunft nicht mehr geben, sagte Felix Prinz zu Löwenstein, Vorstandsvorsitzender des BÖLW, provokativ auf der Tagung „Bio-Markt und Soziale Lage", die Anfang Oktober stattgefunden hat.

Auf der vom Agrarbündnis in Fulda veranstalteten und im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau geförderten Tagung stand entgegen dem Titel weniger das Thema „Soziale Lage" als viel mehr das ökonomische Überleben der Öko-Produzenten in ihrer ganzen Bandbreite im Vordergrund.

Wenn die Vielfalt der Bio-Erzeuger auch weiterhin erhalten werden soll, müssen angesichts der auch im Öko-Markt längst sehr unterschiedlichen Produktionsbedingungen flexible Strategien für die einzelnen Betriebe gefunden werden. Zumal die derzeitigen politischen Bedingungen weitere Betriebe zum Umstellen animieren. Eine Entwicklung, die Felix Prinz zu Löwenstein positiv vermerkte, bevor er in die damit verbundene Problematik einstieg.

Hauptaufgabe sei mit Sicherheit, die Nachfrage zu entwickeln. „Trotzdem mache ich mir keine Illusionen, dass wir so viel Nachfrage entwickeln können, dass sich tatsächlich ein Gleichgewicht zwischen Nachfrage und Angebot ergibt – jedenfalls nicht angesichts der Tatsache, dass unsere Märkte so global geworden sind, wie sie sind", gab er zu bedenken.

Wolfgang Gutberlet von Tegut schlug darum als weitere Strategie die Werterhaltung und damit die Preissicherung der Produkte vor. Um diese Wertsteigerung zu erreichen, sei Forschungsarbeit dringend erforderlich und zwar „mit Blick auf bessere Qualität und auch auf den Nachweis dieser besseren Qualität."

Eine Überlegung, die der Bundesverband Naturkost Naturwaren Herstellung und Handel (BNN) bereits aufgegriffen habe, erklärte Volker Krause, Inhaber der Bohlenser Mühle. Man sei daran, den Qualitätsbegriff schärfer zu fassen und ein Eigenkontrollsystem einzuführen, um Gefahrenquellen, insbesondere in Bezug auf Rückstände, möglichst auszuschließen.

Doch Qualitätssteigerung kostet Geld. Ein Mehraufwand, der nicht jedem Abnehmer gleichermaßen viel Wert sein wird, vermutete Thomas Dosch, Vorsitzender des Bioland-Bundesverbandes. Daraus könnte sich eine ganz neue Entwicklung im ökologischen Landbau ergeben: die Segmentierung des Angebots.

„Im konventionellen Bereich akzeptiert jeder, dass es von Feinkost bis Billigware alles gibt", so Dosch. „Bei Bio-Produkten werden wir diese Unterscheidung bekommen. Davon bin ich fest überzeugt."

Mit einer Segmentierung des Bereichs „öko" wäre es zum Beispiel möglich, den Mehraufwand der Betriebe, die einem ökologischen Anbauverband angeschlossen sind, direkt zu honorieren.

Wolfgang Reimer, Leiter der Unterabteilung „Strukturpolitik, Nachhaltigkeit, Öko-Landwirtschaft" im Verbraucherministerium, ist ebenfalls davon überzeugt, dass die Marktsegmentierung kommen muss. Dabei sei das Bio-Siegel insbesondere im Lebensmitteleinzelhandel (ELH) wichtig, „wo ich häufig uninformierte Verbraucher habe". Es erfülle dort die Funktion „eines Prüfsiegels wie der TÜV-Stempel". Was bei den Autos dann BMW, Mercedes oder Porsche seien, könnten im Bio-Markt in Zukunft dann Bioland, Demeter, Naturland oder ein anderer Verband werden. Nur über die Segmentierung hätten die Verbände seiner Meinung nach die Chance, ihren aktuellen Marktvorteil zu erhalten und sich als Premium-Marken zu etablieren.

Die Aufteilung des Öko-Marktes hätte weitreichende Folgen, meinte Thomas Dosch: „Die Produkte werden unterschiedlich präsentiert werden, im Supermarkt anders als im Naturkosthandel und wiederum anders in der Direktvermarktung. Es kann dann für den einzelnen Betrieb sehr lohnend sein, darüber nachzudenken, für welche Märkte er produzieren will."

Insbesondere den Grad der garantierten Sicherheit, stellte er als wichtiges Kriterium für die Segmentzuordnung dar. „Gerade nach Nitrophen fragen die Hersteller sehr genau nach Herkunfts- und Rückverfolgbarkeitssystemen, die wir zu bieten haben.

Wir als Verbände leisten hier eine gewisse Vorarbeit. Wir organisieren die Betriebe und die Ware, haben eine eigene Beratung und liefern dann Rohstoffe, die einer mehr oder weniger unbedacht verwenden kann – wenn er uns vertraut." So könne der Abnehmer die eigene Qualitätssicherung kleiner halten und Kosten sparen.

Allerdings hat die Entwicklung von „Premium-Marken" im Öko-Bereich auch Nachteile, wie in der Abschlussdiskussion der Tagung zur Sprache kam. Denn sie bedeutet zwar die Hervorhebung einiger aus der Masse – zugleich aber auch den Ausschluss des großen Rests. Wer in der Spitzenklasse nicht mitmischen kann, wird in einen noch härteren Wettbewerb gestellt.

Iris Lehmann


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