Start / Ausgaben / BioPress 41 - November 2004 / Bio-Qualität ist „LEH-kompatibel“

Bio-Qualität ist „LEH-kompatibel“

„In einem gesunden Apfel wohnt ein gesunder Wurm": Es ist noch gar nicht so lange her, dass mit diesem Satz die Auffassung über „Echt Bio" auf den Punkt gebracht wurde. Heute ist er ein Handicap für das Image. Unter der Überschrift „Der Weg zu hochwertigen Bio-Produkten im Supermarkt" erklärte Werner Manglus auf dem 1. Bio Handels-Forum, wie sich die Qualität inzwischen entwickelt hat. Und Franz Rauch stellte ein modernes System der Rückverfolgbarkeit vor.

„Je verrunzelter und fleckiger die Äpfel waren, desto mehr galten sie als Bio", erinnerte Werner Manglus an den Beginn der Bio-Bewegung in den 70-er und 80-er Jahren. Für die damalige „eingefleischte Bio-Gemeinde", die überwiegend auf Wochenmärkten und im Naturkost-Fachhandel einkaufte, war das nicht tragisch. Eher im Gegenteil. Das Problem ist jedoch, dass sich derartige Vorstellungen noch immer als hartnäckige Vorurteile halten. Denn die Realität ist heute völlig anders.

Sie bekannt zu machen, gehört zu den neuen Aufgaben des ehemaligen Hipp-Managers Werner Manglus. Er hat mit Rüdiger Kerschner, Ex-Vertriebsleiter von Dennree, die „BioMarken GmbH" gegründet. Deren Ziel beschrieb Manglus so: „Authentische biologische Herstellermarken zu distribuieren und den Lebensmittel-Einzelhandel in diesem speziellen Bio-Segment in allen Bereichen zu betreuen." Und dabei ist die sichere Qualität ein wichtiger Faktor.

EU-Öko-Verordnung: „ein Meilenstein"

Qualität hatten auch die Anbauverbände im Auge, als sie die ersten Regeln für Bio-Produkte schufen und Kontrollen organisierten. Doch die ideologisch geprägten Kriterien und ihr Nebeneinander schufen ein neues Problem: „Jeder propagierte seine Verbandsrichtlinien als die ‚besseren’", so Manglus. Damit räumte 1991 die EU-Verordnung 2092/91 auf, die der Referent einen „Meilenstein" nannte. Denn sie schuf einen einheitlichen und verbindlichen euro- päischen Bio-Standard.

Klar ist seither, was Bio sein muss und klare Vorgaben und Kontrollen machten eine durchgängige Rückverfolgbarkeit möglich. Die Verordnung erschwerte zudem das Leben der Trittbrettfahrer und Anbietern von „Pseudo-Bio" erheblich. Die Warengruppe wurde nun für den LEH interessant – aber noch immer gab es Hindernisse für die Vermarktung: Die Optik der Ware entsprach nicht den Vorstellungen des LEH und seiner Kunden.

Die Bio-Pioniere waren stark produktions- bzw. erzeugerorientiert, erklärte Manglus. „Bio-Qualität wurde und wird in erster Linie über die Einhaltung der Bio-Verordnung definiert." Das heißt, man konzentrierte sich vor allem auf die Befolgung der Erzeugerrichtlinien, auf die generelle Einhaltung der Bio-Standards, auf Rückstandskontrolle und Zertifizierung.

Kundenakzeptanz stärker im Fokus

Manglus sieht mittlerweile jedoch viele Anstrengungen, die von einer zunehmenden Marktorientierung zeugen und auch die Kriterien „optische Wertigkeit" und „Akzeptanz beim Kunden" berücksichtigen:

  • p Bei Bio-Äpfeln werden zum Beispiel Druckstellen durch schonende Erntepflücktechnik und Sortierung im Wasserbad vermieden,

  • p die Farbe der Früchte spielt beim Sortieren eine Rolle,

  • p der Fäulnisgefahr während der Lagerung wird mit einem heißen Wasserbad vorgebeugt,

  • p die Qualitätskriterien der EurepGap werden berücksichtigt.

Neben der EU-Bio-Verordnung werden auch die Verordnungen eingehalten, die die Handelsklassen oder die Verpackungskennzeichnung regeln. Zudem investieren die Unternehmen in Qualitätsstandards wie ISO 9000 oder HACCP. All dies führt laut Manglus dazu, dass „das Bio-Frischeangebot in seiner Prozessqualität mit den hohen Systemstandards im LEH ‚kompatibel’ wird".

Im nächsten Jahr steht die Umsetzung der EU-Verordnung 178/2002 an. Sie schreibt vor, dass die Rückverfolgbarkeit von Lebensmitteln und Futtermitteln in allen Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebsstufen dokumentiert wird. Der Bio-Anbau, so Manglus, verfüge über eine vorbildliche Dokumentation und es sei nur logisch, dass die Prozesse im Internet abgebildet werden.

Neue Herausforderung: EU-VO 178/2002

Wie das aussehen kann, stellte Frank Gerriets, Intact Consult Lebensmittelsicherheit GmbH, vor. In dem 2001 gegründeten Unternehmen arbeiten 22 Mitarbeiter, die „Experten für Lebensmittelsicherheit, Landwirtschaft, Kontrolle und Zertifizierung sowie Software-Entwicklung" sind. Einer der Kompetenzbereiche heißt „Qualitätssicherungssysteme vom Landwirt bis zur Ladentheke", ein anderer „Software-Lösungen für die Lebensmittelverarbeiter mit Schwerpunkt Rückverfolgbarkeit".

Entwickelt wurde eine Produktfamilie auf Basis einer Nutriweb-Datenbank und das spezielle Software-Tool „FlowWeb", das die stufenübergreifende Rückverfolgbarkeit und Mengenkontrolle ermöglicht. Die Zielgruppe sind alle Marktbeteiligte – vom Landwirt über den Verarbeiter bis zum Händler, vom Labelgeber bis zu staatlichen Organisationen. Ebenso umfassend sind die Einsatzbereiche: Obst und Gemüse, Kartoffeln, Getreide und Saaten, Eier und Geflügel, Milch und Milchprodukte sowie Fleisch und Fisch.

FlowWeb verwaltet die Stammdaten, dokumentiert die Warenströme und übernimmt die Mengenkontrolle. „Selbst bei Mischung, Teilung oder Sortierung ist die Verfolgung von Chargen möglich", so Rauch. Als weitere Funktionen nannte der Referent die Lager- und Packstellenverwaltung, die digitale Lieferübernahme, die Dokumentation von Be- und Verarbeitungsprozessen und die dezentrale Datenerfassung.

Die Datentransparenz erfüllt nicht nur die Anforderungen des Gesetzgebers, sondern ist ein Instrument, Vertrauen beim Kunden zu schaffen. Dies nutzt in Österreich zum Beispiel ein Obst- und Gemüse-Vermarkter, der mit Intact zusammenarbeitet. Die Endverbraucher können anhand der Obstverpackung via Internet Angaben zur Herkunft des Produkts abrufen – inklusive Informationen über den Landwirt selbst, die Anbaugebiete oder die Zertifizierung. Die viel beklagte Anonymität bei der Lebensmittelproduktion kann somit auch für die Kunden wieder aufgehoben werden – ein großer Marketingvorteil.

Ilse Raetsch


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