Start / Ausgaben / BioPress 41 - November 2004 / Eigene Marke an erster Stelle

Eigene Marke an erster Stelle

Die NaturataSpielberger AG setzt Demeter-Qualitätsanspruch um

Die Bio-Lebensmittel-Branche ist in der Vergangenheit kräftig gewachsen und damit auch die Anforderungen an die Hersteller. Alte Strukturen passen da nicht mehr. Neue Unternehmensformen müssen gewählt werden. So haben sich die beiden ehedem selbstständigen Unternehmen Naturata und Spielberger 2002 unter dem Dach einer Aktiengesellschaft vereint. Durch die gemeinsame Vermarktung ergaben sich Synergieeffekte in Vertrieb und Logistik. Inzwischen hat die AG fast zwei Geschäftsjahre in der neuen Ausrichtung hinter sich. Sie ist laut Geschäftsbericht der größte Naturkost-Markenartikler in Deutschland hinter Rapunzel.

Als Demeter-Hersteller mit Qualitätsanspruch versteht sich das Unternehmen. Drei Geschäftsfelder werden bearbeitet. An erster Stelle stehen die bekannten Markenartikel, an zweiter Stelle Co-Packing für Handelsmarken, drittens Verarbeitung und Industrie wie Bäcker, und Teigwarenfabrikanten.

Brackenheim, eine Kleinstadt in Württemberg, bekannt durch ihren Bürger Theodor Heuss, den ersten Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland. In der Naturkost-Branche hat sich die Burgermühle zwei Kilometer außerhalb der Stadt einen Namen gemacht. Hier drehen sich die Mahlwerke für die Fachhandelsmarken Spielberger und Naturata. Spielberger deckt den Basisbereich bei Mühlenprodukten, Back-, Teigwaren, Saaten und Hülsenfrüchten ab. Naturata bewegt sich im Bereich Feinkost, Convenience, mediterran und Genussmittel.

Herstellermarke als Umsatzträger

Die Marken sind der Umsatzträger, 60 Prozent der 17,5 Millionen Euro steuerten sie 2003 bei. Das Co-Packing hat einen Anteil von 25 Prozent und der Bereich Verarbeitung 15 Prozent. Die Marken für den NFH sind weiter im Aufwind: Naturata legte um 6.5 Prozent zu, während die Branche insgesamt im Vergleich zum Vorjahr nur um ein Prozent wuchs. Beim Co-Packing steigerte sich der Demeter-Verarbeiter gar zweistellig um 15 Prozent. Private Labels für LEH und Fachhandel werden hier abgepackt. „Die Handelsmarken gewinnen im Preiseinstieg an Bedeutung", merkt Volkmar Spielberger, einer der drei Vorstände neben Andree Höping und Jürgen Sauer, an. Seit 15 Jahren betreibt die Mühle dieses Geschäft. „Wir haben keine Berührungsängste", so Spielberger. Vielmehr will er den Naturkost-Gedanken so weiter transportieren. Die Zahl der PL-Kunden beträgt derzeit sechs. Diese kleine Zahl birgt ein hohes Risiko, wenn einer abspringt. Es sollen deshalb doppelt soviel werden, um das Umsatzrisiko besser zu verteilen. Das Geschäft mit den Großverbrauchern war leicht rückläufig. Das Rohstoffgeschäft sieht sich zunehmendem Wettbewerb ausgesetzt, wie es im Geschäftsbericht heißt. Für das laufende Geschäftsjahr erwartet der Vorstand eine Umsatzsteigerung um rund 8,5 Prozent auf 19 Millionen Euro. In den Jahren 2004 bis 2004 sind Investitionen von rund 1,8 Millionen Euro vorgesehen.

Mehr als 300 Produkte umfasst das Trockensortiment. „Alles was man braucht", sagt Spielberger. Der Vorstand weiß, wovon er spricht. Als begeisterter Koch kommt er bis auf die frischen Zutaten mit den eigenen Produkten aus. Ein Drittel der Artikel stellt das Unternehmen im eigenen Betrieb her. In zwei Dritteln der Ware stecken wiederum Rohstoffe aus dem eigenen Haus und ein Drittel ist zugekauft.

Regional hat Vorrang

Der beste Hersteller kann ohne hochwertige Rohstoffe kein anspruchsvolles Produkt komponieren. Für die Beschaffung ist Andree Höping, der einen Meisterbrief als Bäcker besitzt, zuständig. Eine Erzeugergemeinschaft von 30 Demeter-Bauern aus Baden-Württemberg liefert regionale Ware. „Was hier angebaut wird, beziehen wir von hier", erläutert Höping. Zweiter Kreis ist die nationale Beschaffung. Was es auf dem nationalen Markt nicht gibt, wird international besorgt.

Lückenlose Rückverfolgbarkeit ist bei Schüttgut wie bei Getreide nicht ganz einfach zu realisieren. Mehrere Bauern machen eine Gemeinschaftseinlagerung. Die kleinste Einheit von der ein Muster gezogen wird. Getrennte Einlagerung jeder Partie würde eine nicht finanzierbare Silo-Batterie erfordern. Langjährige Geschäftsbeziehungen schaffen Vertrauen zwischen Erzeuger und Verarbeiter. Hinzu kommen die Audits durch die AG. „Zu unserem Reis-Lieferanten nach Italien fahre ich selbst hin und überzeuge mich von der Qualität", so Höping. Unter den Landwirten wiederum funktioniert die soziale Kontrolle. Ein kleiner Bauer mit großen Erntemengen würde die Kollegen misstrauisch werden lassen.

Eigene Anbauprojekte bringen zusätzlich Verbindlichkeit. Sie werden nach dem Prinzip des assoziativen Wirtschaftens betrieben. Gemeinsam werden Standards und Preise ver(fair)handelt. Statt der Praxis des Diktats des Stärkeren, das dem Schwächeren nur die Alternative der Ablehnung lässt. Mit der Agraringenieurin Isabell Hildermann betreut eine Mitarbeiterin im Hause die Projekte. Langjährige Zusammenarbeit und Abnahmegarantien sind Teil des Konzeptes. So vermarktet NaturataSpielberger die kompletten Oliven eines Anbauprojekts auf Kreta oder die Tomaten von Cal Valls aus Spanien, die zu Naturata Ketchup, Tomatenmark usw. werden. Auf der ägyptischen Sekem-Farm hat Hans Spielberger 1997 eine Getreidemühle aufgebaut. Sesam und Reis bezieht der Demeter-Verarbeiter von dort. Im nächsten Jahr kommt ein eigenes Fair-Siegel, das die Naturata Spielberger Qualität sichtbar macht. Spielberger gibt dem Erzeuger eine Abnahmegarantie mit einem Bio-Aufschlag. Der Aufschlag dient der Zertifizierung, gleichem Lohn für die Geschlechter und Krankenversicherung. Das Verbot von Kinderarbeit ist ebenfalls enthalten. Das Siegel ist zwar nicht unabhängig, dafür entsteht kein Verwaltungsaufwand. „Der Aufschlag geht ohne Umwege direkt zum Bauer", erläutert Höping das Prinzip.

Qualität wird nicht nur als Anspruch und Ansporn gelebt, sondern ist messbar, wie Spielberger darlegt. Schon die Demeter-Regeln für den Anbau setzen die ersten Qualitäts-Maßstäbe. In den Parametern des Müllers für die Backfähigkeit des Getreides wird Qualität vom Wort zur Zahl. Die hygienische Qualität ist in Keimzahlen darstellbar. Die Rückstandsanalysen sind ebenfalls quantifizierbare Qualität. Die Regeln für die werterhaltende Verarbeitung der Rohstoffe sichern die Qualität. Der Verzicht auf Zusatzstoffe ist objektivierbar.

So ist auch Spielberger für das Verbot natürlicher Aromen in Demeter-Erzeugnissen eingetreten. Die Volldeklaration auf den Etiketten ist ein weiteres sichtbares Zeichen. „Bei uns steht alles drauf, was drin ist", propagiert der Vorstand. Sensorik ist ein weiterer Baustein im Qualitätsmanagement. Die Mühle hat Panels ausgearbeitet für eine wöchentliche Degustierung durch sieben Mitarbeiter.

Grünsfelder Ölmühle presst nur Bio

Zweiter Produktionsstandort der jungen AG neben Brackenheim ist Grünsfeld nahe der Fechterstadt Tauberbischofsheim. Grünsfeld, ein beschaulich, betulicher Ort mit modernen Gewerbebetrieben. Am Grünbach liegt die ehemalige Getreidemühle. 1990 wurde sie von Spielberger übernommen und in eine Ölmühle verwandelt. Die Mühle wird noch heute von Wasserkraft angetrieben: Turbinen erzeugen Strom für die Pressen. So werden umweltfreundlich erzeugte Saaten auch umweltfreundlich verarbeitet.

Die Grünsfelder Ölmühle ist einer der wenigen Betriebe in Deutschland, die ausschließlich Bio-Saaten pressen. Hier entstehen die Naturata-Öle in Demeter-Qualität. Für 500 Tonnen Rohware reicht die Lagerkapazität. Verarbeitet werden Sonnenblumen, Raps, Sesam und Leinsamen. Aus 3.000 Tonnen Rohstoffen werden 1.000 Tonnen hochwertige kaltgepresste Kern- und Fruchtöle pro Jahr gewonnen. Kleine Mengen im Vergleich zu den großen herkömmlichen Herstellern. „Was die an einem Tag produzieren, machen wir in einem Jahr", sagt Volkmar Spielberger.

Im ersten Pressraum entwinden die Walzen den Feinsamen wie Sesam und Lein die zähe Flüssigkeit.Eine horizontal laufende Schneckenwelle fördert die Saat. Mit wachsendem Durchmesser verkleinert die Welle den Raum für die Saat, die so ausgepresst wird. Das Öl tropft nach unten. Der Kuchen wird nach außen befördert und an Futtermittel-Hersteller verkauft. Das trübe Rohöl ist noch keineswegs genießbar. Es läuft zunächst in Absetztanks, wo schwerere Teilchen auf den Boden sinken. Dann beginnt die Filtration.

Die Grünsfelder Ölmühle verzichtet auf Hilfsstoffe und zentrifugiert nicht. Die hohe Beschleunigung schadet dem wertvollen Stoff. Über mehrere Schichten von Tüchern oder Papieren, wird schonend gefiltert. Drei Durchgänge braucht es bis die zähe Flüssigkeit hell und klar ist. Im Tuchfilter werden unerwünschte Wachse zurückgehalten. Dann muss das Öl durch die Papierfilter. In der zweiten Filtration bleiben die Schleimstoffe hängen. Die dritte Filtration entfernt Trübstoffe. Eine helle und klare Flüssigkeit füllt die Tanks. Die mehrfach ungesättigten Fettsäuren und die Vitamine sind weitgehend erhalten. Das Öl ist nativ nach den Richtlinien des Bundes Naturwaren Naturkost. Es ist kaltgepresst bei 40 Grad. Desodoriert mit Wasserdampf wird selbstverständlich nicht. Schließlich wird Naturkost produziert.

Der Markt für Olivenöl wächst weiter

Im eigenen Labor werden laufend zahlreiche Qualitätsparameter sowohl bei den Rohstoffen als auch bei Halbfertigprodukten und den fertigen Ölen gemessen und überwacht. Rückstandsanalysen überlässt man üblicherweise externen Labors. Abgefüllt wird üblicherweise in das Halb-Liter-Gebinde. Für Spezialöle wird die kleine Viertelliter-Flasche genommen. Die Basis-Linie wird in die Dreiviertelliter-Flasche gefüllt.

Im zweiten Pressraum werden Sonnenblumen-Kerne verarbeitet, das Hauptprodukt auf dem deutschen Markt. Olivenöl wird als Rohöl angeliefert und in Grünsfeld filtriert und abgefüllt. Es muss im Ursprungsland frisch gepresst werden, sonst gibt es Qualitätseinbußen. „Der Trend geht weiter in Richtung Olive", beschreibt Spielberger den Markt. Hohe Steigerungsraten verzeichnet auch Raps, während Spitzenreiter Sonnenblume konstant bleibt. Spezialöle wie Kürbiskern haben inzwischen auch ihre Freunde gefunden. „Die Differenzierung geht zu Premium-Artikeln", beschreibt der Müllermeister seine Erfahrungen. War Öl eine Zeitlang nur ein Schmiermittel zwischen Pfanne und Bratgut, so ist es heute zu einem Gourmet-Artikel herangereift. „Die Ernährung spielt eine größere Bedeutung als noch vor zehn Jahren", zeigt der Vorstand die Entwicklung auf. Genuss und Gesundheit sind gefragt. Deshalb entwickelt auch Naturata in diese Richtung weiter und arbeitet an hochwertigen Gewürz-Ölen.

Zum Programm zählen 17 Premium-Öle, davon neun in Demeter-Qualität in der quadratischen Flasche mit künstlerisch gestaltetem Etikett. In dieser Linie gibt es zahlreiche Spezialitäten, wie zum Beispiel Sesamöl (250 und 500 ml), Leinöl (250 ml), Kürbiskernöl (250 ml) sowie ein Weizenkeimöl (250ml). Das Kürbiskernöl stammt aus kbA, nicht aus Demeter-Anbau. Das Weizenkeimöl ist konventionell mangels Rohstoffen aus kontrolliert biologischem Anbau. In Demeter-Qualität lieferbar sind außerdem Sonnenblumenöl (500 und 750 ml), Raps-, Distel- und Salatöl (jeweils 500 ml) sowie zwei Olivenöle. Zwei weitere Olivenöle aus kbA gibt es in der Halbliter-Flasche. Im Preiseinstiegsbereich bietet die Marke ein Sonnenblumen-, ein Oliven- und ein Bratöl aus high oleic Sonnenblumenkernen. Die Basis-Produkte stammen nicht aus Demeter-Erzeugung.

In Lohnproduktion werden auch andere Marken hergestellt. Die Grünsfelder Ölmühle kann den gesamten Prozess von der Beschaffung der Saaten über die Pressung, Filtration bis zur Abfüllung übernehmen. Etwa die Hälfte der Menge geht in den Einzelhandel. Daneben werden Großgebinde für Bio-Verarbeiter abgefüllt. Margarine-, Tofu- und Aufstrich-Produzenten benötigen Öl als Basis für ihre Produkte.

Naturata bietet ausgefeilte Logistik

Die Ölmühle verfügt wie die Burgermühle lediglich über ein Produktionslager. Gearbeitet wird in dem handwerklichen Betrieb just-in-time wie in der Industrie. Das Versandlager befindet sich bei der Naturata Logistik eG. Nur wenige Minuten entfernt ist der Logistik-Spezialist für die Naturkost-Branche beheimatet. Auf dem Waltersberg vor Grünsfeld schmiegt sich der langgestreckte Holzbau in die Anhöhe. Strategisch günstig an der A 81 unweit Würzberg steht das Lager. Die Dienste der Naturata Logistik stehen der gesamten Naturkost-Branche zur Verfügung, auch Bio-Anbietern, die an den LEH liefern. Kunden aus diesem Bereich hat Naturata aktuell aber keine. Außer der NaturataSpielberger AG zählen zum Beispiel Erdmannhauser und Holle zu den Kunden. Von hier aus wird der europäische Naturkostgroßhandel angefahren. 2004 wird eine Menge von rund 6.000 Tonnen Ware bewegt, wie Geschäftführer Reinhold Hollering erwartet. 15 Mitarbeiter wickeln den Betrieb in zwei Schichten zwischen sechs und 22 Uhr ab.

Naturata wurde vor 23 Jahren als Großhandlung gegründet und entwickelte sich zu einem Markenartikler. Die Marke wurde 2002 an NaturataSpielberger verkauft. Seitdem betätigt sich Naturata als Logistikunternehmen. Der Spezialist hilft, die Kosten zu senken, denn eine unwirtschaftliche Logistik kann sich heute kein Betrieb mehr leisten. Der Logistikpartner fasst kleine Einheiten zu rentablen Mengen zusammen, damit Ware im Lkw gefahren wird statt gekühlter Luft. Um Kommissionierung braucht sich der Hersteller auch nicht mehr zu kümmern. Er muss die Aufträge nur nach Grünsfeld schicken und alles kommt ins Rollen. Investitionen in Software, Hardware und Gebäude ist für Naturata leichter zu stemmen als für jeden einzelnen seiner Kunden. Auch in der Logistik gilt: Gemeinsam sind wir stark. Aktuell läuft die Umstellung auf beleglose Kommissionierung.

Ökologie und Ökonomie verbinden

Das zum 1.1.2000 in Betrieb genommene Lager ist umweltfreundlich und energiesparend angelegt. Neben dem Gebäude steht ein Block, der die Klimatisierung von Heizung bis Kühlung über Erdwärme erledigt. Als Medium dient Luft. „Wir erzeugen unsere eigene Energie", ist Reinhold Hollering stolz. Die Südseite ist fensterlos, so dass ein Aufheizen im Innern vermieden wird. Der Aufwand für die Kühlung sinkt dadurch. Die Fassade ist umweltfreundlich mit Hartholz verkleidet. Im Moment wird gerade eine Seitenbegrünung mit Hopfen hochgezogen, die ebenfalls klimatisierend wirkt. Das Regenwasser wird statt in die Kanalisation in Kollektoren geleitet und sorgt dort für Kühlung. Übermengen fließen in einen Teich vor dem Gebäude. Öko pur.

Das Lager beginnt mit einer Temperatur von 20 Grad, im mittleren Bereich sinkt sie auf 16 und im hinteren Drittel auf 13 Grad. Das Kühlhaus arbeitet mit sechs bis acht Grad. Hier wurde ein Kellerklima erzeugt, in dem außen Erde aufgeschüttet wurde. Es wird für Margarine gebraucht, wie sie auch Naturata im Programm hat.

Anton Großkinsky


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