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Klima wird zum Risikofaktor Nummer 1

Wie Bio-Unternehmen Klimarisiken begegnen

Klima wird zum Risikofaktor Nummer 1 © bioPress / KI-generiert

Aktuelle Erfahrungen ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller machen die Folgen des Klimawandels greifbar. Weizen mit Qualitätsproblemen beim Kleber durch Wanzenstich und Witterung, Reis mit hohen Arsengehalten aus außereuropäischen Regionen, Haselnüsse knapp und teuer, Trockenfrüchte mit zwei- bis dreifachen Preissteigerungen, Kräuter und Wildsammlungen zunehmend weniger verfügbar durch Waldbrände, Pilzkrankheiten und schwierige Anbaubedingungen.

Dazu kommen Phänomene, die sich erst auf den zweiten Blick als Klimafolgen entpuppen: Chili, der bei Trockenstress weniger Capsaicin bildet und damit an Schärfe verliert. Kräuter, die nach Starkregen mit Erdklumpen behaftet ankommen. Ingwer, der wegen Pilzkrankheiten auf neue Anbaustandorte ausweichen muss. 

Hinter jedem dieser Einzelfälle steckt als Ursache ein sich veränderndes Klima, das die Planbarkeit der Rohstoffbeschaffung grundlegend verändert.
Das spiegelt sich auch in den Analysen der Unternehmen wider. Im Rahmen der Wesentlichkeitsanalyse stellt sich für Mitgliedsunternehmen der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AöL) Klima als Hauptrisikofaktor heraus. 

Was sich durch den Klimawandel in der Lieferkette verändert 

Eine offensichtliche Ebene der Auswirkungen des Klimawandels sind akute Ernteausfälle: Starkregen, Dürre, Frost zu falscher Jahreszeit. Bio-Unternehmen berichten aus der Praxis, dass das Frühjahr in Mitteleuropa heute rund zwei Wochen früher beginnt, was das Risiko von Spätfrösten für Obst und Gemüse erhöht. Gleichzeitig verschieben sich Schädlings- und Pilzpopulationen in Regionen, in denen sie bislang unbekannt waren.

Weniger sichtbar sind die schleichenden Veränderungen. Getreidepflanzen wie Reis und Weizen lagern bei steigendem CO²-Gehalt in der Atmosphäre nachweislich weniger Eisen und Zink ein. Grundnahrungsmittel werden nährstoffärmer. 

Hinzu kommen Kontaminationsrisiken, die durch Klimastress zunehmen. Und schließlich die logistischen Folgen. Durch verlängerte Containerlaufzeiten kommt es zu verzögerten Lieferungen, wodurch die Lieferfähigkeit ins Wanken gerät.

Bio-Unternehmen im Anpassungsprozess

Im Gespräch mit AöL-Mitgliedern wird deutlich, dass Bio-Unternehmen längst im Anpassungsprozess sind. Die Maßnahmen sind vielfältig.

Langfristige Lieferbeziehungen werden gepflegt und ausgebaut. Die Unternehmen kennen ihre Lieferantinnen und Lieferanten immer besser, dadurch wächst gegenseitiges Vertrauen und sie können gemeinsam auf Veränderungen reagieren. Lieferantenaudits werden intensiviert, Wissens-pools aufgebaut, Informationen zu einzelnen Kulturen und Anbauregionen detaillierter dokumentiert. Einige Unternehmen unterstützen ihre Lieferanten aktiv dabei, Trocknungs-, Lager- und Aufbereitungskapazitäten vor Ort aufzubauen, damit ein Teil der Wertschöpfungskette näher am Ursprung verbleibt und Qualitätssicherung früh ansetzt.

Andere diversifizieren ihre Lieferantenbasis, bauen eigene Lagerkapazitäten auf, um längere Vorlaufzeiten abzupuffern, und erstellen Klimarisikoanalysen für ihre wichtigsten Rohwaren. Einige Unternehmen analysieren systematisch, wie stark sich die Temperaturen in bestimmten Ursprungsländern verändern, und bereiten ihre Lieferanten darauf vor, was das für Anbau und Qualität bedeutet.

Auch Emissionshotspotanalysen, in Verbindung mit Workshops für LieferantInnen entlang der Lieferkette, sind eine Möglichkeit zur Risikominimierung, um gemeinsam Bewusstsein für Klimarisiken zu entwickeln und Lösungen zu erarbeiten. Statt den Lieferanten vorzuschreiben, was sie tun sollen, geht es darum, zusammenzuarbeiten und gemeinsam Antworten zu finden.

Die Grenzen des Tuns

Trotz der bereits laufenden Maßnahmen stoßen die Verarbeiterinnen und Verarbeiter von Lebensmitteln an strukturelle Grenzen, die sie allein nicht überwinden können.

Klimaanpassungsmaßnahmen amortisieren sich selten kurzfristig. Sie verhindern zukünftige Verluste und der vermiedene Schaden lässt sich schwer beziffern. Unternehmen schützen sich vor Ausfällen, indem sie in resilientere Lieferketten investieren, können das aber nicht auf der Gewinn- und Verlust-Rechnung ausweisen.

Gleichzeitig schrumpfen die Margen. Globale Krisen und fortschreitende Konzentrationsprozesse im Lebensmittelhandel setzen die verarbeitenden Unternehmen unter Druck. Neben sich kurz- bis mittelfristig amortisierenden Maßnahmen, wie lokale Energiegewinnung in der nachgelagerten Kette, sind insbesondere langfristige Maßnahmen zur Stärkung der Resilienz der tiefen Lieferkette nicht allein aus der Erzeugung und Verarbeitung zu finanzieren. Für strategische Entscheidungen braucht es finanziellen Spielraum. 

Wie geht es weiter?

Klimaanpassung ist gesamtgesellschaftliche Verantwortung. 
Akteure aus Politik, Handel und Verarbeitung müssen zur Entwicklung einer gemeinsamen Finanzierungsstrategie für Klimaschutz- und Anpassungsmaßnahmen zusammenkommen. Es braucht neue Finanzierungsmodelle in der Lebensmittelwirtschaft, die die Last auf alle Schultern der Wertschöpfungskette verteilen. Mehr Forschung, die Klimaschutzinvestitionen monetär bewertbar macht. Und  eine konsequente Anwendung des Verursacherprinzips, wenn es darum geht, wer für Resilienzmaßnahmen aufkommt.

Darüber hinaus müssen kleine und mittlere Unternehmensstrukturen erhalten bleiben. Sie sind resilienter als hochkonzentrierte Lieferketten. KMU können schwankende Qualitäten besser verarbeiten, dezentrale Strukturen minimieren Ausfallrisiken, und sie fördern einen gesunden Wettbewerb, der spekulative Preisschwankungen dämpft.

Bio als Vorbild der Klimawandelvorbereitung

Bio hat etwas, das es von anderen unterscheidet. Eine Kultur des Miteinanders und des nachhaltigen Denkens.

Gute Lieferantenbeziehungen werden als wertvoller denn je empfunden. Kooperationen entstehen. Regionaler Bezug gewinnt an Bedeutung. Und Künstliche Intelligenz wird als sinnvolles Werkzeug entdeckt, etwa für Schulungsvideos, mit denen Lieferanten in Ursprungsländern besser informiert werden können.

Die Klimawandelvorbereitung ist für Bio-Unternehmen bereits gelebte Praxis. Was fehlt, ist der politische Rahmen, der diese Praxis skalierbar macht.

Es liegt auch in der Verantwortung von Politik und Ernährungswirtschaft, eine Strategie zu entwickeln, wie die Menschen in Deutschland und weltweit zukünftig ernährt werden sollen. Jetzt ist die Zeit, dass Politik und Wirtschaft zusammenkommen und sich ihrer Verantwortung stellen.

Der nächste Starkregen kommt bestimmt, die nächste Dürre auch. Die Frage ist: Sind wir vorbereitet?

Anna Wimmer
 

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