Politik
Bio-Zukunft trotz politischem Gegenwind
Steffen Reese im Gespräch mit bioPress
© Thomas Alföldi / FiBL
Nach 20 Jahren an der Spitze des Anbauverbands Naturland vertritt Steffen Reese seit April das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Brüssel. Im Interview mit bioPress spricht er über die Abkehr der EU vom Green Deal, die zunehmende Konzentration im Lebensmitteleinzelhandel und die Frage, wie Bio im Mainstream seine Integrität bewahren kann.
bioPress: Herr Reese, seit April sind Sie bei der FiBL-Vertretung in Brüssel als Geschäftsführer tätig. Haben Sie sich schon gut eingewöhnt?
Steffen Reese: Ich gewöhne mich wunderbar ein – um sich einen guten Überblick über die Vorgänge in Brüssel zu verschaffen und Wirksamkeit zu entfalten, sind aber wohl eher ein paar Jahre statt Monate nötig. Als Beispiel: Aktuell wird an Details des Mehrjährigen Finanzrahmens, dem langfristigen Haushaltsplan der EU für 2028 bis 2034, gearbeitet. Hier geht es um eine Summe von fast zwei Trillionen Euro – das ist eine Zahl mit 18 Nullen – also eine überhaupt nicht mehr greifbare Größenordnung. Sie wurde bereits grob auf die unterschiedlichen Programme aufgeteilt – jetzt wird noch konkretisiert.
bioPress: Wie sieht es nach den aktuellen Plänen in puncto zukunftsfähige Landwirtschaft und mit dem Green Deal aus?
Reese: Insgesamt sind die Mittel der EU so groß wie nie, aber was Nachhaltigkeit angeht, wird gestrichen und gekürzt. Ich fürchte eine Art Kahlschlag, der EU-weit Folgen für Öko-Bäuerinnen und -Bauern haben kann, umstellungsinteressierte Betriebe womöglich abschreckt und sich negativ auf Verbände wie auch die Forschung auswirkt. Das mögliche Ausmaß scheint momentan noch nicht erkannt zu werden. Green Deal und Farm-to-Fork sind zu Fremdwörtern geworden.
Betroffen sind weltpolitisch nicht nur Umweltthemen, sondern auch die soziale Säule der Nachhaltigkeit. Die USAid, die Entwicklungshilfe der Vereinigten Staaten, wurde von heute auf morgen eingestampft. Förderinstrumente werden zurückgebaut, die soziale Ungerechtigkeit verschärft. Und das in einer Krisenlage, in der man eigentlich bestrebt sein müsste, die Welt in Gleichklang zu bringen.
Es entsteht der Eindruck, dass der komplette Fokus der EU jetzt darauf liegt, gegenüber den USA und China wettbewerbsfähig zu sein. Gleichzeitig hat man mit der Gentechnik-Deregulierung einen wichtigen Wettbewerbsvorteil der EU leichtfertig aufgegeben.
Leute, die schon jahrelang in Brüssel sind, sagen mir, dass sie einen Umbruch wie heute noch nie erlebt haben. Die Frage ist jetzt, wie man den Schaden am besten reduziert – oder auch, ob es eine Gemeinsame Agrarpolitik in Zukunft überhaupt noch geben wird.
bioPress: Was ist die Ursache für den Politikwechsel?
Reese: Machtpolitische Egoismen und die Kriege in der Ukraine, im Iran und in Gaza haben einen massiven Einfluss. Auf MAGA folgte MEGA – Make Europe Great Again.
Die konservative EVP hat im EU-Parlament momentan schon alleine 187 Sitze. Dazu kommen vier rechtspopulistische Parteien, die zusammen ganze 250 Sitze vereinnahmen. Das sind also schon fast 440 von 720 Stimmen Richtung rechts und da sind die sogenannten Liberalen noch gar nicht miteingerechnet.
bioPress: Wie motivieren Sie sich in dieser Lage zu Optimismus und Weitermachen?
Reese: Eigentlich ist die Europäische Union ein grandioses Projekt. Länder, die sich vor ein paar Jahrzehnten noch bekriegt haben, machen heute gemeinsam Politik. Die aktuelle Frustration bei den fortschrittlich Gesinnten ist sehr ernüchternd und es gibt keinen Grund für Optimismus, dass sich zeitnah etwas ändern wird. Aber auf der anderen Seite sind wir im Ökolandbau beim größten Gegenwind immer schon am aufrechtesten gegangen. „Jetzt erst recht!“, muss die Devise lauten. Dafür arbeiten wir mit dem Bio-Dachverband IFOAM Organics EU und Umwelt-NGOs zusammen.
bioPress: Was sind derzeit die wichtigsten Aufgaben und Projekte des FiBL in Brüssel?
Reese: Im Mittelpunkt unserer Arbeit steht die Transformation des Ernährungssystems. Es geht um Klimaresilienz, Biodiversität, die Ertragsoptimierung innerhalb ökologischer und sozialer Grenzen, eine zukunftsgerichtete und artgerechte Tierhaltung sowie ein Gesundheitsverständnis ‚from soil to stomach‘ (vom Boden bis zum Magen).
In Brüssel leisten wir einen deutlichen Beitrag dabei, im Austausch mit der Europa-Politik und im Zusammenspiel mit anderen Organisationen die Wirkungskraft des FiBL zu entfalten. ‚Science Matters‘ – auch wenn bei den aktuellen Entbürokratisierungsmaßnahmen im Zuge des ‚Food and Feed‘-Omnibus-Pakets bisweilen ein anderes Bild entstehen kann.
Unsere Aufgabe ist es, mögliche Fehlentwicklungen transparent zu machen, in den Austausch zu gehen und wissenschaftlich ausgearbeitete Lösungen vorzustellen. Das haben wir beispielsweise mit dem Vernetzungstreffen ‚FiBL Organic Breakfast‘ im September getan, wo das Omnibus-Paket zur Entbürokratisierung Thema war.
Weitere Projekte, die wir verantworten, sind Liveseeding zur Ökologisierung von Saat- und Pflanzgut, Scale-It für Alternativen zu umstrittenen Betriebsmitteln im Ökolandbau, DeSIRA, das den agrarökologischen Übergang der Ernährungssysteme in Subsahara-Afrika durch Forschung und Innovation unterstützen will, oder Organic-YieldsUP zur Steigerung der Erträge im Ökolandbau.
bioPress: Um den Ökolandbau voranzubringen, müssen auch die Verbraucher mit ins Boot geholt werden. Gibt es Projekte für deren Aufklärung oder Einbindung?
Reese: Grundsätzlich wollen wir mit der gesamten Arbeit des FiBL die Gesellschaft erreichen – eben durch eine Transformation des Ernährungssystems hin zu einer enkeltauglichen Nachhaltigkeit, von der die Welt global leider weit entfernt ist. Der Welt-Überlastungs-Tag 2026 war Ende Juli, seither leben wir alle auf Kredit. Ziel ist es, VerbraucherInnen als ‚Mit-Forschende‘ und ‚Mit-Gestalter‘ zu gewinnen, sie also aktiv in die Arbeit des FiBL einzubeziehen. Das wird allerdings ein langer Weg sein.
bioPress: Werfen wir einen Blick auf die aktuelle Situation der Bio-Vermarktung. Welche Probleme sind dabei aus Ihrer Sicht als langjähriger Branchen-insider momentan am drängendsten?
Reese: In meiner Zeit bei Naturland sowie als Vorstand im Forum Fairer Handel habe ich die Gründung der Allianz FÖM – Faire und Ökologische Marktwirtschaft – mitverantwortet. Ihr Ziel ist es, der Konzernmacht im Lebensmittelhandel etwas entgegenzusetzen. Leider ist Deutschland in dieser Hinsicht im Negativen ganz vorne. 90 Prozent des Lebensmittelmarkts werden hier von vier Handelskonzernen beherrscht. Dieses Oligopol ist ein Riesenproblem.
Jetzt hat das Bundeskartellamt ‚Bedenken‘ hinsichtlich der tegut-Übernahme durch Edeka geäußert. Bei diesen Bedenken wird es aber wahrscheinlich am Ende auch bleiben. Das Argument, Arbeitsplätze zu erhalten, hat immer Vorrang. Dabei wäre die Frage, wie man den Lebensmittelmarkt verbraucherfreundlich gestaltet, ebenso wichtig.
In Brüssel bin ich ganz begeistert von den vielen internationalen Tante Emma-Läden in der Stadt. Eine solche Vielfalt sucht man in Deutschland leider vergeblich.
bioPress: Wie schätzen Sie die zukünftige Entwicklung des LEHs ein?
Reese: Wenn man sich die Lebensmittelvermarktung weltweit anschaut, wird deutlich, dass die stationären Strukturen nicht in Stein gemeißelt sind. In China zum Beispiel dienen Supermärkte zunehmend als Showroom. Ihren alltäglichen Einkauf erledigen die Verbraucher dort am Computer.
Was den technischen Fortschritt angeht, hinkt Deutschland hinterher. Die Schwarz-Gruppe ist momentan in punc-to Digitalisierung am weitesten. Es stellt sich die Frage, wie lange Lebensmittelfilialen insgesamt noch überleben oder welche Funktion sie in Zukunft haben werden.
bioPress: Eine zunehmende Konzentration und Zentralisierung findet ja auch im Bio-Handel statt…
Reese: Stimmt, der Strukturwandel mitsamt der vertikalen Integration macht auch vor der Bio-Branche nicht halt. Dabei ist sie eigentlich im Grundsatz falsch. Wenn ein Bio-Handelshaus einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb kauft, der nachher 100 bäuerliche Milchviehbetriebe ersetzt, so ist das für die bäuerliche Landwirtschaft eine Katastrophe – selbst wenn es sich um einen Vorzeigebetrieb handelt.
bioPress: Auf der anderen Seite wird durch die Technologisierung und Skaleneffekte in der Landwirtschaft ein Lebensmittel für die Verbraucher auch bezahlbarer…
Reese: Mit diesem Spannungsfeld setzen sich die Bio-Verbände eingehend auseinander. Wenn ich mit den großen Handelshäusern zusammenarbeite, muss ich ihnen auch entsprechend große Mengen an Verbandsware bieten können. Sollten die Verbände in so einer Situation darauf beharren, ihre Richtlinien, ihr Selbstverständnis und ihre DNA zu bewahren – auch wenn sie dann mengenmäßig Abstriche machen müssen? Oder sollten sie Gemüse-Großbetriebe als Mitglieder aufnehmen und dadurch kleinere Landwirte oder Gartenbaubetriebe preislich unter Druck setzen? Die Kehrseite von ‚Bio für alle‘ ist, dass wir aus diesen Oligopol-Strukturen nicht mehr rauskommen.
bioPress: Welche Herausforderungen sehen Sie sonst noch auf den Bio-Markt zukommen?
Reese: Für sehr gefährlich für die Kreislaufwirtschaft und die Tierhaltung insgesamt halte ich die künstliche Fleischproduktion. Die niederländische Organisation ‚RespectFarms‘ hat zum Ziel, in den nächsten zehn Jahren 1.000 landwirtschaftliche Betriebe dafür zu gewinnen, zelluläres Fleisch herzustellen. Das Ganze wird natürlich unter Nachhaltigkeitsaspekten beworben. Früher oder später wird Kunstfleisch in der EU auf uns zukommen.
bioPress: Wie sieht es mit Greenwashing durch ‚regenerative‘ Landwirtschaft aus?
Reese: Die IFOAM grenzt sich mit der gesamten Öko-Branche deutlich vom Begriff ‚regenerativ‘ für Greenwashing ab. Bayer und Syngenta benutzen ihn, um vermeintlich die ‚besten‘ Pestizide mit den besten Praktiken aus dem Ökolandbau zu kombinieren. Eine positive Verwendung des Begriffs ist allerdings möglich, wenn es um die Weiterentwicklung des Ökolandbaus geht. Auch die Bio-Landwirtschaft kann sich noch regenerativ verbessern – zum Beispiel in puncto Wasserverbrauch. Dieses Potenzial sollte man im Blick behalten.
Interview: Erich Margrander und Lena Renner







