Großhandel
Bio in Berlin rückt zusammen
Terra Naturkost über den neuen Bioverbund, die Fachhandelskrise und den Stellenwert von Bio-Frische
© Wyrwa
Seit Juni ist es offiziell: In der neuen Bioverbund SE bündeln der Bio-Großhändler Terra Naturkost und die Bio-Supermarktkette Bio Company ihre Kräfte. Dabei geht der Bio-Großhandel Midgard Naturkost als Tochter der Bio Company in Terra Naturkost über. Wie die Integration vonstattengeht, welche Mehrwerte sie mit sich bringt und weshalb das Bio-Frische-Geschäft künftig für Einzelhändler noch wichtiger wird, darüber hat bioPress mit Terra Naturkost-Geschäftsführer Meinrad Schmitt gesprochen.
bioPress: Herr Schmitt, Sie haben den Zusammenschluss mit der Bio Company jetzt vollzogen. Was hat sich in den letzten Monaten getan bei Terra Naturkost?
Meinrad Schmitt: Im letzten halben Jahr war bei uns insgesamt sehr viel in Bewegung: Bio Company-Gründer Georg Kaiser und ich haben den Zusammenschluss vollzogen. Die Unternehmensbestandteile ‚Terra Logistics Meinrad Schmitt e.K.‘ und ‚Terra Naturkost Handels KG‘ wurden beide in eine GmbH umgewandelt. Zuvor war ich Vollhafter für alles – das ist allerdings für die Nachfolgesuche schwierig. Jetzt haben wir alles neu aufgestellt und uns dabei auch personell erweitert: Seit Januar teile ich mir die Geschäftsführung mit Volker Trojahn.
bioPress: Was war ausschlaggebend für die Kooperation mit der Bio Company und die Gründung der neuen Bioverbund SE?
Schmitt: Schon zuvor waren wir Hauptlieferant der Bio Company und haben eng zusammengearbeitet. Ein wichtiger Grund für die Kooperation war unsere Absicht, den Bio-Fachhandel deutlich zu stärken. Der Wettbewerbsdruck ist riesig – wir wollen etwas dagegensetzen und gegen das ‚stille Sterben‘ von Bioläden vorgehen, die Outlets im Netz halten. Indem wir unsere Kräfte bündeln und die Prozesse optimieren, haben wir da neue Möglichkeiten und können auch gegenüber Drogeriemärkten und Discountern konkurrenzfähig sein.
bioPress: Wie weit ist der Zusammenschluss in der Geschäftspraxis bereits gediehen? (Stand: Ende Juli)
Schmitt: Das offizielle Gründungsdatum für die Bioverbund SE war der 1. Juni. Damit haben wir Midgard in unsere Strukturen aufgenommen.
Für das Lager von Midgard haben wir inzwischen einen Nachmieter gefunden, der es ab November übernehmen wird. Momentan wird aus dem Lager noch kommissioniert, mit Hilfe unserer Lagerverwaltungssoftware.
Um unseren verfügbaren Lagerplatz besser zu nutzen und unsere Sortimentsvielfalt zu erhalten, haben wir seit letzter Woche 18 Kardex-Schränke, also automatisierte vertikale Lagersysteme, in Betrieb. Über unsere Lagerverwaltungssoftware werden Aufträge in die Schränke eingespielt, sodass die Ware automatisch zum Kommissionierer kommt. Damit werden wir effizienter und können ein vielfältiges Angebot für alle unsere Kunden erhalten.
bioPress: Sind die Mitarbeiter von Midgard jetzt bei Terra beschäftigt?
Schmitt: Den Leuten von Midgard wurde zugesagt, dass sie zu den bestehenden Konditionen zu Terra wechseln können. Dabei muss man wissen, dass Midgard seinen Standort im Nordosten von Berlin hat, während wir uns hier im zentralen südlichen Bereich befinden. Für manche ist da der Anfahrtsweg zu lang oder sie haben Angebote mit kürzerem Arbeitsweg erhalten. Insgesamt werden wir am Ende voraussichtlich auf eine Mitarbeiterzahl von rund 350 bis 360 kommen.
bioPress: Wie viele Outlets hat Terra jetzt zu bedienen?
Schmitt: Die Anzahl der Märkte hat sich zunächst nicht verändert, nur die Fülle ist mehr geworden. Die knapp 60 Bio Company-Märkte waren schon vor dem Zusammenschluss Terra-Kunden.
Neben dem Naturkostfachhandel bedienen wir auch sehr stark den Außer-Haus-Bereich – zum Beispiel gehören circa 300 Kindergärten zu unseren Kunden. Die Kantine Zukunft macht in Berlin einen guten Job, sodass regelmäßig neue Kindergärten auf Bio umgestellt werden.
bioPress: Verraten Sie uns Ihr aktuelles Umsatzvolumen?
Schmitt: Im Corona-Jahr 2021 mit dem damaligen Bio-Boom lag unser Umsatz schon einmal bei 186 Millionen Euro. Mit Hilfe der Bioverbund SE wollen wir im Jahr 2027 die 200 Millionen angehen.
bioPress: Inwieweit sind Sie auch außerhalb von Berlin tätig?
Schmitt: Wir verstehen uns schon als Nord-Ost-Großhändler. Zu 70 Prozent liefern wir unsere Ware nach Berlin und Potsdam, aber mit Hilfe eines kleinen Außenlagers südlich von Rostock bedienen wir zum Beispiel auch Mecklenburg-Vorpommern. Sechs LKW-Fahrer verteilen die Produkte an der Küste entlang. Dort gibt es auch Bioläden, aber rund die Hälfte unserer Kunden sind in dem Gebiet gastronomische Einrichtungen.
Im Süden fahren wir bis Magdeburg; zwei Bio Company-Filialen befinden sich in Dresden. Und Brandenburg beliefern wir natürlich sowieso. Im Moment ziehen viele Berliner ins Umland, sodass sich der Gürtel belebt und es dort inzwischen eine relativ bunte Ladenlandschaft gibt.
bioPress: Welche Rolle spielen Frische-Produkte von Bauern und Gärtnereien aus dem Umland im Sortiment von Terra?
Schmitt: Dass wir nach der Wende bei der Stunde Null anfangen konnten, war ein Glücksfall für uns. So konnten wir zu jungen Landwirten, die damals einen Neustart gewagt haben, von Anfang an Beziehungen aufbauen.
Leider haben wir die Meierei von Brodowin verloren, die für uns Flaschen-Milch abgefüllt hatte. Das fehlt uns schon ein Stück. Außerdem ist mit dem Landgut Pretschen eine Gärtnerei aus dem Spreewald insolvent gegangen, die uns mit Feldsalat, Kräutern oder auch einer tollen samenfesten Tomatensorte aus einem 3.000-Quadratmeter-Gewächshaus versorgt hatte.
Als neues Projekt arbeiten wir dafür gerade zum Beispiel mit der Spreewälder Bio-Mühle zusammen, die uns mit Hirse und anderen glutenfreien Saaten beliefert. Dadurch können wir die regionale Wertschöpfung, wie wir sie uns vorstellen, wieder neu beleben.
Insgesamt ist der regionale Anteil bei uns etwas schwankend und wetterabhängig. Frühkartoffeln konnten wir dieses Jahr aufgrund der großen verfügbaren Menge zu 85 bis 90 Prozent aus Brandenburg anbieten. Wenn es klimatisch funktioniert, können wir jetzt im Sommer auch bis zu 90 Prozent des Gemüses regional beziehen.
Beim Obst ist die Verfügbarkeit noch etwas dünner. Von Sachsen-Anhalt aus versorgt uns ein Erzeuger, der auch selbst bündelt, mit Bio-Äpfeln. In der Nähe von Dresden sitzt ein sehr guter Beerenobstbetrieb, der uns mit Erdbeeren beliefert. Insgesamt haben wir 60 bis 70 regionale Produzenten als Partner. Im Winter werden wir dann naturgemäß wieder mehr importieren müssen.
bioPress: Wie sieht es mit Frische-Produkten wie Fleisch, Wurst, Käse und Backwaren aus?
Schmitt: Da wir hauptsächlich den Fachhandel beliefern, spielt Fleisch eine kleinere Rolle. Etwas Bewegung hat hier der Zusammenschluss mit der Bio Company gebracht, die ja in Velten nahe Berlin eine Fleisch- und Wurstmanufaktur, die Biomanufaktur Havelland, unterhält. Die produziert jetzt Frischfleisch sowie eine Wurst-Eigenmarke für uns.
Die Brot-Logistik in der Region organisieren wir schon lange mit. Ein Berliner Bäcker kann nicht schnell die Dörfer in Mecklenburg-Vorpommern anfahren, da haben wir andere Möglichkeiten.
Unser Steckenpferd sind aber Obst und Gemüse sowie Mopro, die einen sehr großen Anteil am Sortiment ausmachen. Zwei Drittel unserer Umsätze erzielen wir mit Frischware.
bioPress: Im vergangenen Herbst hatten wir bereits über die flächendeckende Bio-Versorgung und die Belieferung des LEHs gesprochen. Gibt es in diesem Bereich momentan Entwicklungen?
Schmitt: Bisher sind nicht viele Märkte dazugekommen. Mit dem Umsatzsprung nach oben durch den Bio-Verbund haben wir gerade nicht viele freie Kapazitäten, um größer einzusteigen, und führen keine Werbemaßnahmen oder Ähnliches beim LEH durch. Wer mit Überzeugung für Bio dabei ist, der wird auch bedient – so ist unsere innere Einstellung.
bioPress: Gab es mit Blick auf den Zusammenschluss auch kritische oder skeptische Reaktionen?
Schmitt: Es gab besorgte Reaktionen von selbstständigen Fachhändlern, ob wir für sie künftig dieselbe Vielfalt bieten würden. Dem Bioverbund SE ist es aber wichtig, dass wir alle inhabergeführten Naturkostfachgeschäfte weiterhin in vollem Umfang mit unserem Sortiment von rund 14.000 Artikeln bedienen, sodass sie auch andere Produkte zur Verfügung haben als die Filialisten. Unsere Angebotsfülle ist auch ein USP im Vergleich zu anderen regionalen Bio-Großhändlern.
bioPress: Wie erleben Sie die aktuelle Fachhandelskrise und haben Sie konkrete Strategien dagegen?
Schmitt: Wir merken schon, dass sich der Fachhandel in einer starken Krise befindet. Ein Patentrezept gegen den Personalmangel haben wir auch nicht, aber wir bleiben optimistisch. Aus meiner Sicht wird momentan mehr verwaltet als agiert. Wir müssen mehr miteinander sprechen und gemeinsame Strategien entwickeln.
bioPress: Momentan haben wir in Deutschland noch keine zwölf Prozent Ökolandbau-Fläche. Bis 2030 sollen es laut Politik eigentlich 30 Prozent werden. Wie wollen wir das hinkriegen?
Schmitt: Das müssen Sie die Politik fragen. Ich denke, man muss das differenziert betrachten, und unterscheide stark zwischen industrieller und bäuerlicher Landwirtschaft. Den Trend hin zu Billig-Bio bei den Drogeriemärkten lehne ich ab. Indem dort auf Frische verzichtet wird, gibt es ja ganz andere Kostenstrukturen. Viele Einzelhändler berichten, dass diese Entwicklung leider nicht spurlos an ihnen vorbei geht.
Auf der anderen Seite wird Frischware als Alleinstellungsmerkmal noch interessanter. Ein guter Effekt von unserer Zusammenarbeit mit der Bio Company ist, dass die Frische gestärkt wurde. Für eine gute Frische-Versorgung braucht es die richtigen Drehzahlen, volle LKWs und stabile Kunden. In diesem Bereich können wir punkten und das werden wir auch tun.
Interview: Erich Margrander
und Lena Renner







