Kongress
Ohne-Gentechnik-Gipfel 2026: Siegel sichern Transparenz
Internationale Non-GMO-Branche rüstet sich für Deregulierung
© Nina Werth
Die Entscheidung in Brüssel rückt näher – und damit die Aussicht auf weitreichende Änderungen bei der Regulierung Neuer Gentechnik. Können Siegel die Wahlfreiheit für Verbraucher sichern, wenn die Kennzeichnungspflicht wegfällt? Lässt sich durch nationale Koexistenzregeln das Verursacherprinzip aufrechterhalten? Und wie steht es um die Entwicklung von Nachweisverfahren? Über 120 Vertreter aus Lebensmittelwirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Verbänden aus 14 Ländern trafen sich am 13. Mai zum ‚International Non-GMO Summit‘ in Frankfurt, um im Vorfeld der anstehenden EU-Deregulierung Neuer Gentechnik (NGT) über die Zukunft der ‚Ohne Gentechnik‘-Branche zu diskutieren.
„Verbraucherinnen und Verbraucher wollen Transparenz“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU) in seinem Video-Grußwort zur Eröffnung der Konferenz. Die ‚Ohne Gentechnik‘-Kennzeichnung habe sich als verlässliches Instrument etabliert und sei wichtiger Bestandteil eines verantwortungsvollen Marktes. Nach Rainers Auffassung können die „hohen Kennzeichnungs- und Rückverfolgbarkeitsstandards“ der Ohne-Gentechnik-Produkte auch nach der Deregulierung Bestand haben. Damit Kontrolle und Vertrauen weiterhin gewährleistet sind, brauche es verlässliche Nachweisverfahren.
Ulrike Königsberger-Ludwig (SPÖ), Staatssekretärin im österreichischen Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, kritisierte die geplante Abschaffung der Pflichtkennzeichnung für einen Großteil der künftigen Gentechnik-Produkte. Hierdurch würde die Wahlfreiheit der Verbraucher stark eingeschränkt. Österreich hat auf EU-Ebene deshalb gegen die Deregulierung gestimmt.
Der stellvertretende Landwirtschaftsminister der Ukraine, Taras Vysotskyi, kündigte umfassende Reformen der ukrainischen Gentechnik-Regulierung an. Ein im September 2026 in Kraft getretenes neues Gesetz, mit dem Kennzeichnungsvorschriften und die Einführung eines staatlichen Gentechnik-Registers einhergehen, soll für die vollständige Anpassung der Ukraine an europäische Standards sorgen. Die Ukraine wolle sich langfristig als verlässlicher Lieferant gentechnikfreier Agrarprodukte für Europa etablieren.
Kennzeichnung auf der Kippe
Einen Überblick über den aktuellen Stand der Neue Gentechnik-Gesetzgebung in der EU gab Andreas Heissenberger vom österreichischen Umweltbundesamt. Im April hat der Rat der EU-Außenminister das Trilog-Ergebnis zur Gentechnik-Deregulierung formal bestätigt, im Juni könnte die finale Abstimmung im Parlament folgen. „Das Parlament hat im Trilog alles verloren“, bedauerte Heissenberger. Gegenüber dem Kommissionsvorschlag hatte die Abgeordnetenkammer ursprünglich eine vollständige Kennzeichnungspflicht auch für Neue Gentechnik bis zum Endprodukt sowie ein Verbot von Patenten gefordert.
Nach dem aktuellen Entwurf ist die Unterscheidung Neuer Gentechnik in zwei Kategorien (NGT1 und NGT2) vorgesehen. Dabei ist für NGT2 eine schnellere und einfachere Zulassung mit einer weniger strengeren Risikoprüfung als bei herkömmlicher Gentechnik geplant. Derweil wird für NGT1 mit dem Argument der vermeintlichen Gleichheit zu konventioneller Züchtung eine komplette Deregulierung beabsichtigt – ohne Risikoprüfung, mit einer Kennzeichnungspflicht nur auf Saatgutebene, keiner ‚Opt out‘-Möglichkeit für Mitgliedstaaten und erlaubten Patenten.
Viele Details sind laut Heissenberger noch offen und werden von der Kommission erst später in Durchführungsrechtsakten und delegierten Rechtsakten entschieden werden: zum Beispiel die genauen Daten, die für die Anmeldung von NGT1 benötigt werden, sowie die Kriterien für die Risikoprüfung von NGT2. Auch die Äquivalenzkriterien für NGT1 könnten nachträglich noch geändert werden, sodass die Unterscheidung von NGT1 und NGT2 nicht in Stein gemeißelt ist.
Kleiner Eingriff, große Folgen
Nach aktuellem Stand fallen laut Margret Engelhard, die beim Bundesamt für Naturschutz die Abteilung Gentechnik leitet, 94 Prozent der NGT-Pflanzen in die Kategorie 1. Dabei widersprach sie dem Hauptargument der Befürworter, dass NGT1 mit konventioneller Züchtung gleichgesetzt werden könne. Die möglichen genetischen Änderungen bewegten sich jenseits der realistischen Möglichkeiten konventioneller Zucht und schon kleine Eingriffe könnten große Auswirkungen haben. So ließen sich etwa durch Gen-Silencing im Zuge von NGT1 Pflanzen erzielen, die Insekten töten. NGT1-Pflanzen könnten auch invasiv werden und gesundheitliche Folgen mit sich bringen. „Es braucht eine Risikoprüfung, um dem Vorsorgeprinzip gerecht zu werden“, stellte Engelhard klar.
Siegel bleiben – und rüsten nach
„Die Deregulierung Neuer Gentechnik ist das Gegenteil davon, die Wurzel der aktuellen Krisen anzugehen“, betonte Friedhelm von Mering, Teamleitung Politik und Recht beim Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW), in seiner Keynote. In der Hoffnung auf vermeintliche Wunderpflanzen, die Probleme von alleine lösen könnten, werde die europäische Souveränität aufs Spiel gesetzt. Zwar hält es von Mering für nicht sehr wahrscheinlich, dass die Deregulierung im Juni durch das Parlament noch gestoppt werden wird, die Bio-Branche werde ihre Prinzipien jedoch nicht aufgeben und Wege finden, Gentechnikfreiheit auch in Zukunft zu garantieren – auch wenn dies mit höheren Kosten verbunden sei und deshalb das Verursacherprinzip konterkariere.
Wie Siegel-Organisationen sich darauf vorbereiten, Neue Gentechnik auch künftig aus den Lieferketten auszuschließen, stellten Kerstin Geißler, Leiterin der Qualitätssicherung beim Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG), und Florian Faber, Geschäftsführer der österreichischen ARGE Gentechnik-frei, vor. Es brauche dafür einen gemeinsamen europäischen Ansatz, betonte Letzterer. Schon jetzt hätten VLOG und ARGE Gentechnik-frei ihre Standards vollständig angeglichen, es sei allerdings auch die Zusammenarbeit mit anderen europäischen Labels nötig – etwa mit Donau Soja, die eine Zertifizierung vom Feld an bieten. Dass es erforderlich sein wird, früher in der Lieferkette anzusetzen als bisher, erklärte auch Geißler – auf Ebene der ersten Rohstoffsammlung oder bereits auf Anbauebene. Um beispielsweise NGT1-Soja aus Brasilien auszuschließen, könne mit der international tätigen Organisation ProTerra aus den Niederlanden zusammengearbeitet werden. Der VLOG-Standard werde momentan, begleitet von der Diskussion in Arbeitsgruppen und dem Austausch mit anderen ‚Ohne Gentechnik‘-Organisationen, überarbeitet und soll im September 2027 neu veröffentlicht werden.
Soja aus Europa: Selbstversorgung wächst
ProTerra und Donau Soja waren selbst auf dem Kongress vertreten und gaben einen Einblick in den internationalen Soja-Markt. Die globale Soja-Produktion sei weiterhin stark konzentriert, berichtete die ProTerra-Geschäftsführerin Emese van Maanen: Brasilien ist für 42 Prozent, die USA für 28 Prozent und Argentinien für elf Prozent des Angebots verantwortlich. Auch der meiste Anbau von gentechnikfreiem Soja entfällt auf Brasilien, während die EU als führender Importeur fungiert.
Eine Million Tonnen gentechnikfreies Soja aus 13 europäischen Ländern hat Donau Soja im Jahr 2025 zertifiziert, erzählte Volodymyr Pugachov, Geschäftsführer für Osteuropa bei Donau Soja. Zwar sei die EU in puncto Soja immer noch stark abhängig von Importen, jedoch habe die Soja-Produktion in Europa von 2015 bis 2025 um 70 Prozent zugelegt. Die Vision von Donau Soja ist es, bis zum Jahr 2035 einen Selbstversorgungsgrad von 50 Prozent zu erreichen.
NGT-Forschung: dynamisch
Aktuelle Erkenntnisse über die Marktsituation Neuer Gentechnik stellte die Wissenschaftlerin Eva Gelinsky vor. Nur vier NGT-Pflanzen werden demnach momentan kommerziell angebaut: zwei Maissorten in den USA, die resistent gegen Insekten und Herbizide sind, eine Tomate in Japan mit erhöhtem GABA-Gehalt und eine Brombeere ohne Dornen und harte Kerne, die in Kolumbien bereits verkauft wurde, während in den USA Feldversuche laufen.
Demgegenüber stünde allerdings eine sehr dynamische Entwicklung in der Forschung – in fast allen Ländern und bei allen möglichen Kulturen. Seit 2025 hätten sich die Pflanzen, die für den Markteintritt freigegeben sind, verdoppelt. Ständig kämen neue Startups dazu, während andere wieder vom Markt verschwänden. Als Forschungszentren träten China, die USA und Südamerika hervor. Die anvisierten Merkmale reichten von ausbleibender Bräunung (bei Bananen) über eine längere Haltbarkeit bis zu einem höheren Ölgehalt. Klima-bezogene Eigenschaften wie etwa eine höhere Trockenheitstoleranz seien demgegenüber schwerer zu erzielen und blieben weiterhin selten.
Verbrauchersicht: wenig Wissen, klarer Wunsch nach Wahlfreiheit
Eine ganz aktuelle Studie zur Sicht der Verbraucher auf Neue Gentechnik stellte Holger Buxel, Professor an der Fachhochschule Münster für Angewandte Wissenschaften, vor. Im April 2026 wurde dafür eine Stichprobe von rund 1.000 Konsumenten in Deutschland befragt. Dabei wurde deutlich, wie wenig präsent das Thema immer noch in der Gesellschaft ist: 80 Prozent der Befragten waren sich nicht bewusst, dass es wahrscheinlich bald keine Kennzeichnung Neuer Gentechnik auf Endprodukten mehr geben wird.
Dabei ist es für über 60 Prozent wichtig, Produkte zu kaufen, die keine Neue Gentechnik enthalten. Und fast 80 Prozent wünschen sich, dass Produkte, die Gentechnik enthalten, entsprechend gekennzeichnet werden. Fehlt eine solche Kennzeichnung, sorgt dies bei der Mehrheit für Verunsicherung, und mehr als die Hälfte gab an, nicht gekennzeichnete Produkte wahrscheinlich nicht kaufen zu wollen. Ebenfalls fast die Hälfte hält es für wahrscheinlich, stattdessen zu einem Produkt mit Bio-Siegel zu greifen. „Produkte nicht zu kennzeichnen ist ein Geschäftsrisiko“, hob Buxel als Fazit hervor. Und schloss mit einer guten Nachricht für das Ohne Gentechnik-Siegel: Über 80 Prozent vertrauen der Kennzeichnung auch, wenn es um Neue Gentechnik geht. Dem Label sei daher ein großes Potenzial für die Zukunft sicher.
Gentechnikfrei vom Saatgut bis auf den Teller
„Wir müssen bis zum letzten Moment kämpfen“, betonte Wolfgang Ahammer, Geschäftsführer des österreichischen Pflanzenöl-Herstellers VFI Oils for Life, in einem Praktiker-Panel. Sei die Neue Gentechnik erst auf den Äckern, gebe es keinen Weg zurück, um die Entwicklung noch zu korrigieren. Auch die Bio-Bäuerin Barbara Endraß rief dazu auf, aktiv zu bleiben, solange die Entscheidung zur Deregulierung noch nicht durch ist. „Die Konsumenten sind auf unserer Seite. Wir müssen weiterhin unsere Bürger-Rechte einfordern“, sagte sie.
Yvonne Profanter vom italienischen Süßwarenhersteller Loacker wies auf die momentan immer noch großen Unklarheiten hin, die sich schädlich aufs Geschäft auswirken könnten. Ihre größte Sorge ist allerdings aktuell der Verlust des Verbrauchervertrauens.
Dass auf die Qualitätssicherung zusätzliche Kosten und ein erheblicher Mehraufwand zukommen, steht für Ahammer außer Frage. Einigkeit bestand unter den Panel-Teilnehmern darüber, dass langfristige Partnerschaften und direkte Beziehungen zu den Lieferanten an Relevanz gewinnen werden, um Kontaminationen entlang der Lieferkette ausschließen zu können.
Als Mittel für Landwirte, um das Risiko von Kontamination zu minimieren, hob Freya Schäfer vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) die Verwendung von Bio-Saatgut hervor. Allein: Mit dessen Verfügbarkeit hapert es, sodass derzeit auch Bio-Landwirte noch häufig auf Saatgut aus konventioneller Zucht zurückgreifen. „Wir müssen Saatgut-Anbieter überzeugen, dass es sich lohnt, auf NGT-freies Saatgut zu setzen“, meint dazu Friedhelm von Mering.
Aussicht auf Nachweis und Koexistenzregeln
Viele der ReferentInnen brachten ihren Optimismus darüber zum Ausdruck, dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis Nachweisverfahren für Neue Gentechnik etabliert werden – was nochmal andere Kontrollmöglichkeiten mit sich brächte. Marie-Alice Fraiture, leitende Wissenschaftlerin beim belgischen Gesundheitsinstitut Sciensano, berichtete von den Fortschritten im EU-finanzierten Darwin-Projekt, in dem international an Nachweismethoden gearbeitet wird. Beim Beispiel Reis sei es etwa bereits gelungen, einen eindeutigen genetischen Fingerabdruck für NGT-Pflanzenlinien zu identifizieren. „Der Ansatz ist anders als bei klassischer Gentechnik, aber es ist technisch möglich“, so Fraiture.
Was die Aussicht auf nationale Koexistenzregeln für Neue Gentechnik angeht, so sorgte der Berliner Rechtsanwalt Georg Buchholz auf dem Summit für Zuversicht. Er vertritt die Ansicht, dass die EU-Mitgliedstaaten die Kompetenz haben, um Regeln für die Koexistenz aufzustellen. Ausdrücklich erlaubt blieben Koexistenzmaßnahmen gemäß der EU-Öko-Verordnung, um Bio und die gentechnikfreie Produktion zu schützen. „Es braucht jetzt den Mut der Mitgliedstaaten“, rief Buchholz auf.
„Die Haltung der Verbraucher ist klar: Sie wollen keine Gentechnik auf dem Teller und sie wünschen sich eine deutliche Kennzeichnung“, sagte VLOG-Geschäftsführer Alexander Hissting zum Ende der Konferenz. Dem Angriff auf die Wahlfreiheit müsse mit dem Bio- und Ohne-Gentechnik-Siegel begegnet werden, denen nun eine erhöhte Relevanz zukomme. Dann bleibe es auch nach einer Deregulierung möglich, ein gentechnikfreies Angebot aufrechtzuerhalten. Es gelte nun, auf nationaler Ebene die entsprechenden Rahmenbedingungen für die Koexistenz zu etablieren.
Der International Non-GMO Summit 2026 wurde von den Verbänden European Non-GMO Industry Association (ENGA), Verband Lebensmittel ohne Gentechnik e.V. (VLOG), ARGE Gentechnik-frei, Donau Soja und ProTerra Foundation gemeinsam durchgeführt.
Lena Renner







