Start / Ausgaben / BioPress 49 - November 2006 / Faires Bio-Handwerk

Faires Bio-Handwerk

Bio-Lebensmittelqualität in der handwerklichen Herstellung und Fairer Handel

Die Podiumsdiskussion am 11.9.06 auf dem 2. Bio-Handels-Forum hat es deutlich gemacht: Dem Fair- und dem Bio-Gedanken liegen ähnliche Ideale zugrunde. Beide widmen sich mit ganzheitlichen Konzepten im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung dem Wohlergehen von Mensch, Tier und Umwelt. Eingeschlossen sind faire Arbeitsbedingungen mit angemessenem Sozial-, Arbeits- und Gesundheitsschutz. Auch hierzulande gilt dieser Anspruch, wie eine Podiumsrunde mit sechs erfolgreichen Praktikern bewusst machte. Diskussionsleiter Prof. Dr. Franz-Theo Gottwald von der Schweisfurth Stiftung definierte Werte, Ethik und Gerechtigkeit als wesentliche Merkmale für Fairness. In den Raum stellte er die Frage danach, was Bio für Nachhaltigkeit leisten kann…


Prof.Franz-Theo Gottwald und Baby-Nahrungsmittelhersteller Prof. Claus Hipp machen sich für Umwelt,Qualität und Fairness im Bio-Handwerk und-Handel stark.
„Biologischer Anbau ist gut für die Umwelt und die Menschen vor Ort, sie leben gesünder und können die Böden nachhaltig bewirtschaften", meint Dieter Overath, Geschäftsführer von TransFair. Um die aktuellen Lebensumstände der Menschen zu verbessern und ihre Zukunftschancen zu erhöhen, bezahlen Fair-Organisationen den Bauern garantierte Mindestpreise für ihre Waren, die über denen des Weltmarktes liegen und sowohl die Produktions- als auch die Lebenserhaltungskosten abdecken. Ein zusätzlicher FairTrade-Aufschlag fließt in einen Fonds, über dessen Verfügung in Gemeinschaftsprojekte die Belegschaft gemeinsam bestimmt.

Als unabhängige Initiative handelt TransFair nicht selber mit den Lebensmitteln, sondern bestätigt mit ihrem Siegel, dass die fairen Handelskriterien eingehalten werden. TransFair setzt sich für einen schonenden Umgang mit den Ressourcen ein, um die Produzentenfamilien nachhaltig zu unterstützen. Dank der Mehrerlöse aus dem Fairen Handel konnten schon viele Erzeuger auf ökologischen Anbau umstellen und das Bio-Siegel finanzieren. Overath führte in diesem Zusammenhang Aktivitäten auf, die TransFair zur Einführung fairer Produkte in Deutschland bzw. im Lebensmitteleinzelhandel durchführt.

Rund zwei Drittel der TransFair-Produkte, die bundesweit in 27000 Supermärkten, Warenhäusern, in Naturkostgeschäften und 800 Weltläden zu finden sind, tragen das BioSiegel bereits. Tendenz steigend. Overath betonte, dass die enormen Steigerungen sich nicht mit dem Angebot fair gehandelter Artikel bei Lidl begründeten. Mit wachsendem Angebot lerne der Kunde die ethischen und qualitativen Vorzüge offenbar allgemein mehr zu schätzen.

Doch ebenso wie Erzeuger aus den Entwicklungsländern des Südens müssen auch die Bauern hierzulande um gerechte Preise kämpfen. Der Konkurrenzdruck zwingt viele Öko-Landwirte zum Aufgeben. Netzwerke und regionale Partnerschaften können helfen, die Kluft zwischen steigenden Produktionskosten und sinkenden Erträgen zu überwinden. Wenn es vor Ort entsprechende Unterstützung gibt, sei eine umweltverträgliche Anbauweise auch bei vermehrter Nachfrage möglich, sagte Firos Holtermann bis vor kurzem Geschäftsführer von Naturland.

Der Bio-Verband, zu dessen Lizenznehmern überwiegend Kleinbauern im In- und Ausland gehören, setzt sich nicht nur gemeinsam mit dem Handelshaus gepa für Faire Lebensmittel im Süden ein, sondern mit langfristigen Handelsbeziehungen, gerechten Preisen und gemeinsamer Qualitätssicherung auch für die heimischen Bauern. Holtermann sprach sich dafür aus, dass faire Partnerschaften neben Dialog und Transparent auch auf Regionalität beruhen sollten.

Naturland hat allgemein gültige Kriterien für gerechten Handel aufgestellt. Dazu gehören soziale Verantwortung gegenüber den Erzeugern, langfristige Handelsbeziehungen mit fairen Preisen und regionaler Rohstoffbezug. Zudem werden soziale, ökologische und kulturelle Projekte gefördert. Die aufwändige Qualitätssicherung sollte nicht nur vom Erzeuger, sondern gemeinsam geleistet werden, meinte Holtermann. Es sei auf jeden Fall vorteilhaft, wenn das Zusammengehören von Fair und Bio von einem etablierten Verband vertreten wird, äußerte er seine Erfahrung.

Arbeit, die sich lohnt

Dass handwerkliche Erzeugung von Qualitäts-Bioprodukten viel mit Fairness zu tun hat, zeigten auch die weiteren vorgestellten Partnerschaften und Projekte. Prof. Dr. Claus Hipp, der Gründer des erfolgreichen Herstellers von Babynahrung, betonte in seinem Kurzvortrag, dass Bio mehr ist als gutes Marketing und Qualitätskontrolle. Ein Engagement im Naturkostbereich helfe, die Bodenlebendigkeit zu erhalten.

Seinem Unternehmen läge ein ganzheitliches und nachhaltiges Unternehmenskonzept zugrunde, angefangen von strengen Maßstäben an die Rohstoffe über faire Handelsbeziehungen zu rund 3.000 Rohstoff liefernden Landwirten bis hin zu sozialem Engagement für die Mitarbeiter. So hat Hipp zum Beispiel Teilzeitarbeitsplätze geschaffen und bietet den Mitarbeitern kostenlose Gesundheitskurse oder Kinderbetreuung an.

Wir müssen den zukünftigen Generationen gegenüber fair sein, empfahl er den Zuhörern. Ergänzend schlug der Unternehmer vor, dass die Bio-Landwirtschaft auch ökologisch produzierte Energie nutzen und erzeugen sollte, wenn sie den ganzhaltigen Aspekt berücksichtigen wolle. Gerade im Angesicht der globalen Klimaerwärmung bietet der biologische Landbau eine große Chance. Hipp fasste zusammen: „Fair bedeutet, beste Qualität zu günstigem Preis, ohne die Natur auszunutzen."

Hochwertige Bio-Produkte fallen nicht vom Himmel, wie aus den Schilderungen von Michael Krieger hervorging. Mit einem Jahresausstoß von 20.000 Hektoliter macht der Leiter der Riedenburger Privatbrauerei einen Umsatz von zirka 2,5 Millionen Euro. Damit ernährt die Brauerei 15 Mitarbeiter und zwei Lehrlinge. Seit 1994 produziert Krieger ausschließlich Bio-Bier, das er beispielsweise mit Naturhopfen und nicht mit, in konventionellen Betrieben üblichen, Hopfenextrakt würzt. Zudem vertraut der Biersommelier auf eiweißreiche Urgetreidesorten.

Doch einfach waren die Anfänge nicht, erzählte er. Zunächst galt es, die Bauern aufzuklären und zu überzeugen, damit sie überhaupt versuchten, Emmer, Einkorn und Dinkel anzupflanzen. Sicherheit bot hier die Zugehörigkeit zum Bioland Verband. Als das Getreide trotz handwerklicher Kleinstrukturen dann in ausreichender Menge zur Verfügung stand, mussten die Mälzer mit den kleineren Körnern zurecht kommen. Doch es gelingt, wie der Erfolg seiner Produkte beweist. Der Mehrpreis, den die Landwirte bekommen, geht einerseits in die Finanzierung zusätzlicher Arbeitsplätze und kommt andererseits wieder der Natur zugute. Krieger setzt auf Transparenz, guten Geschmack und Bekömmlichkeit, das nennt er „ernährungsphysiologische Fairness".

Handwerkliches Können steht auch für den Erfolg der Wasgau Produktions- und Handels GmbH in der Pfalz, wie aus den Erläuterungen Kersten Rathmanns hervorging. Wasgau produziert Brüh-, Kochwurst- und Convenience Produkte sowie verschiedene Fleisch- und Wurst-Handelswaren. Zur Zeit beschäftigt das Unternehmen 810 Menschen, davon arbeiten 660 in den Märkten. Im Angesicht der BSE Krise im Jahr 2001 stellten die Metzger die Rindfleischproduktion komplett auf Bio um. Auch mit mehr als 100 Supermärkten als Kunden – 2005 lag der Umsatz von Wasgau bei 65 Millionen Euro – seien handwerkliche Praktiken, garantierte Preise sowie Schulung und Motivation der Mitarbeiter möglich, sagte Rathmann.

Faire Preise bieten Zukunft

Joseph Jacobi, Landwirt und Vorsitzender der Upländer-Bauernmolkerei in Willingen, hat mit 16 Vertrags-Landwirten, die für ihn Biomilch erzeugten, angefangen. Heute versorgen 95 Betriebe seine Molkerei. Doch ist die Situation der BioBauern in Deutschland schlecht, vor allem da die staatlichen Zuschüsse immer mehr gekappt werden. Längst deckt der Milchpreis nicht einmal mehr die Kosten (35 Cent versus 40 Cent).

Die Verbraucher stoßen immer öfter auf ausländische Bio-Milch, was vielen allerdings meist gar nicht bewusst wird.

Nachdem eine Umfrage gezeigt hatte, dass 80 Prozent der Konsumenten bereit wären, fünf Cent mehr für den Liter Milch zu zahlen, um den heimischen Bauern zu helfen, startete er sein gut vorbereitetes Projekt der Erzeuger-Fair-Milch. Wer diese Biomilch kauft, zahlt einen Aufpreis, der direkt und ohne Abzüge den Bauern zufließt. Um das transparent zu machen, werden entsprechende Aktionsaufkleber auf die Milchtüten geklebt und Plakate oder Handzettel herausgegeben.

Mittlerweile ist die Upländer Erzeuger-Fair Milch schon in 500 Fachgeschäften erhältlich. Dank der vermehrten Nachfrage sei der Absatz um zehn bis 20 Prozent gestiegen, freute sich Jacobi. „Solidarität hat Erfolg."

Fair gehandelte Bioprodukte sollen allen Beteiligten nachhaltig nutzen, vom Erzeuger bis zum Konsumenten.

Doch ist Fairer Handel mehr als ein Agieren für eine gute Sache. „Die Menschen wollen zuerst ein gutes Produkt. Wenn es zudem soziale Pluspunkte bringt, ist das ein weiterer Kaufanreiz", sagte Dieter Overath. Die Frage, ob die eigenen Marken bzw. Produkte mit dem Fair-Aspekt zu stärken sind, wurde bejaht. Aber es sei Durchhaltevermögen nötig. Kersten Rathmann: „Wir haben Zeit. Und wir müssen alle daran arbeiten."

Bettina Pabel


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