Start / Ausgaben / BioPress 49 - November 2006 / Bio-Boom zum Sortimentsausbau nutzen

Bio-Boom zum Sortimentsausbau nutzen

Kölner Bio Handels-Forum zeigt die Konsequenzen des Wachstums auf

Bio boomt seit fast zehn Jahren mit meist zweistelligen Zuwachsraten, wie Unternehmensberater Christoph Soika auf dem 2. Kölner Bio Handels-Forum darlegte. Das bedeutet auch schnelle Veränderungen des Marktes. Darauf müssen die Bio-Akteure reagieren. Soika empfiehlt dem Handel, die Sortimente jetzt auszubauen, denn wer zu spät kommt, den bestrafen die Kunden.


Bio-Lebensmittel profitieren von einem sich ändernden Verhalten der Konsumenten. Die einstige Pyramide mit einem Sockel an Niedrigpreis-Käufern, einem großen Mittelpreis-Bereich und einer dünnen Premium-Spitze ist einem Kegel gewichen. Unten steigt der Discount-Sektor und oben dehnt sich Premium ebenfalls aus. Die einst beherrschende Mitte, in der sich die Bundesbürger bei Wahlen und beim Konsum eingeordnet haben, ist geschrumpft.

41 Prozent Bio-Marktanteil des LEH

Bio-Produkte waren ursprünglich im klassischen Lebensmittelhandel über den Premium-Artikeln angesiedelt und hatten dadurch ein geringes Volumen. Jetzt haben sie sich preislich im Premiumsegment mit starkem Profil und ureigener Qualität neben den A-Marken etabliert. Der Bio-Marktanteil des LEH, der 1997 noch bei 27 Prozent lag, ist bis 2005 auf 41 Prozent geklettert. Nach Schätzungen von Soika wird der LEH in fünf Jahren mehr als 60 Prozent der Bio-Lebensmittel in Deutschland absetzen. Der Naturkostfachhandel, der aktuell ein Viertel des Marktes für sich verbucht, wird auf ungefähr ein Fünftel Marktanteile schrumpfen. Ein Zeichen dafür wie Wachstum Strukturen beeinflusst.
Thomas Dosch auf dem 2.Bio Handelsforum

Der Einstieg der Discounter hat den Markt verändert und wird ihn weiter bewegen. Neue Ladenformate werden sich entwickeln. Aktuell sind Bio-Supermärkte erfolgreich. Convenience-Märkte und Hybrid-Märkte könnten entstehen. Die Industrie wird kreativ sein bei Produkten, Verpackungen und im Marketing.

In Deutschland, dem größten europäischen Bio-Markt, werden sich vermehrt ausländische Hersteller um die Gunst des Publikums bemühen. Die Gefahr der Manipulation wächst bei einem unübersichtlicher werdenden Markt. Bei zahlreichen Produkten wird es aufgrund größerer Mengen Preisreduzierung geben und das einst mehr oder weniger einheitliche Preisniveau bei Bio wird einer Differenzierung weichen. Der Handel wird verstärkt um Anteile am Bio-Kuchen kämpfen.

Die Marken kommen in Bioqualität

Die Industriemarken werden an Bio partizipieren. Auch die Rohstoffmärkte werden sich verändern. Asien könnte ein Lieferant der Zukunft werden. Eine klare Definition von Zielen, eine stärkere Reaktion auf Kundenwünsche und ein schnelles erkennen von Kundenwünschen werden wichtiger werden, um sich auf dem wachsenden Markt zu behaupten.

Nach den Worten von Bioland-Präsident Thomas Dosch bietet Deutschland den quantitativ interessantesten Markt für Bio in der EU. Hierzulande werden 28 Prozent des Bio-Umsatzes der EU getätigt. Großbritannien und Frankreich folgen mit 15 Prozent.

Dosch: Unsere Bauern schaffen Qualität


Christoph Soika auf dem 2.Bio Handelsforum
Die Umstellung von Betrieben auf Bio stagniert und wird auch in den kommenden Jahren verhalten sein, deshalb werden verstärkt Importe die Nachfrage bedienen, wie Dosch prognostiziert. Der Bioland-Verband setzt auf Qualitäts- statt auf Preisführerschaft bei der Erzeugung und der Verarbeitung, um seinen 4.500 Bauern und mehr als 700 Verarbeitern die Existenz zu sichern.

Der Verband hat deshalb ein Qualitätsmanagement-System über alle Stufen vom Erzeuger bis zum Handel ins Leben gerufen. Auch die externe Qualitätssicherung wie Labore, Zertifizierer und Tierärzte ist Teil des Systems. Für Dosch beginnt Bio-Qualität da, wo die herkömmliche Qualität aufhört. Die Bioland Richtlinien sind strenger als die gesetzlichen Anforderungen. So erheben Produkte der Bioland-Verarbeiter den Anspruch, innerhalb des Bio-Sektors zu den Premium-Produkten zu zählen.

Zahlungsbereitschaft wichtiger als Kaufkraft

Professor Ulrich Hamm von der Universität Kassel ging noch einen Schritt weiter und richtete den Blick auf den Konsumenten: „Nicht die Kaufkraft ist das Problem, sondern die Zahlungsbereitschaft". Mit einfachen Botschaften müssen breitere Käuferschichten überzeugt werden, dass Bio Genuss ohne schlechtes Gewissen ermöglicht. „Der Mehrwert von Bio muss wie bei einer Jeans und einem Handy von den Leuten auf einen Blick erkannt werden", forderte der Professor, um eine stetige Entwicklung des Marktes zu sichern.

Für Joop Bouwmann vom niederländischen Hersteller Natudis ist Bio im Mainstream angekommen. Dem Handel dient der Bio-Bereich zur Verbesserung des oft angekratzten Images. Beim Verbraucher erfüllt Bio den Wunsch nach Genuss und bedient das steigende Ernährungsbewusstsein. Die Bio-Branche hat die Verantwortung, diese Bedürfnisse zu befriedigen und muss ihr Augenmerk auf die Qualitätssicherung richten.

Anton Großkinsky


Ticker Anzeigen