Start / Ausgaben / BioPress 49 - November 2006 / Mehr als eine Mühle

Mehr als eine Mühle

Volker Krause hat in Bohlsen ein modernes Bio-Unternehmen aufgebaut

Bohlsen, ein schmuckes Dorf in Mitten der Lüneburger Heide, umgeben von Feldern. Beherrschendes Gebäude in dem Ort nahe der Kreisstadt Uelzen ist die Wassermühle am Flüsschen Gerdau. Die Bohlsener Mühle ist ein reiner Bio-Betrieb mit 105 Mitarbeitern. 800 Produkte umfasst das gesamte Sortiment. 1979 übernahm der Kaufmann und Müllermeister Volker Krause den väterlichen Betrieb, wandelte die kleine Mühle im Niedersächsischen in ein reinrassiges Bio-Unternehmen um und baute das Geschäft ständig aus.


Volker Krause hat die Bohlsener Mühle um eine moderne Backstraße mit Verpackungsanlage erweitert.
Heute ist die Bohlsener Mühle mehr als eine Mühle. Mühlenprodukte wie Mehle, Schrote und Grieße gehen nicht nur in die eigene Produktion, sondern auch ans Bäckerhandwerk und andere Weiterverarbeiter. 1983 gliederte Krause in vertikaler Wertschöpfungskette die eigene Bäckerei an, die seither schon zweimal vergrößert wurde. 2004 schlug er dann mit dem Neubau am Ortsrand ein neues Kapitel in der Firmengeschichte auf. Eine moderne Backstraße für Kekse und Knabbergebäck wurde hier eingerichtet und so geplant, dass mit Blick in die Zukunft eine zweite Anlage installiert und somit die Kapazität verdoppelt werden kann.

Die Erzeugergemeinschaft Öko-Korn-Nord mit 120 bäuerlichen Betrieben aus dem Umkreis von Bohlsen liefert einen Großteil des benötigten Getreides. Das sichert Arbeitsplätze und Kaufkraft. Hier denkt Krause politisch. Im ländlichen Raum heißt Wirtschaft immer auch Landwirtschaft. „Wenn die Urproduktion weggehe, bleibt den Bauern nur noch die Energiewirtschaft – ein unsicheres Pflaster und in unserer Gesellschaft so doch wohl nicht gewollt", so Krause. Das Leben auf dem Lande sichert zudem Lebensqualität durch komfortables Wohnen und kurze Wege zur Arbeit.

Erzeugergemeinschaft im Hintergrund

Durch kurze Transportwege wird so auch dem Umweltschutz Rechnung getragen. Ökologie und Ökonomie vereinen sich hier im Geschäftsmodell. Die Umkehrung des Trends, Getreide billig aus Osteuropa zu beziehen, während im eigenen Land Flächen stillgelegt oder Umstrukturierungen aus Steuergeldern bezahlen werden. Die Mühle soll nicht zur musealen Touristenattraktion verkommen und das Mahlen nicht billiger fernab in Lohnproduktion erfolgen.


Volker Krause
Die Bohlsener Mühle zählt zu den großen Bio-Marken in Deutschland. Rund 180 Artikel tragen das Logo, daneben werden Gebinde für den Großverbraucher und Private Labels produziert. Insgesamt handelt die Mühle 800 verschiedene Produkte. Krause versteht sich primär als Hersteller und Veredler und sekundär als Händler. Nur wenige Produkte werden hinzugekauft. Durch eigene Spezifikationen, Qualitätssicherung, Verpackung und Logistik erfahren alle Produkte eine Optimierung.

Die Bohlsener Mühle liefert Lebensmittel mit einer regionalen Identität. Die Sonne über den grünen Feldern im Markenzeichen steht für die Region der Lüneburger Heide im Getreideland Deutschland. Krause führt eine Bio-Marke mit regionalem Bezug. Auch wenn nicht alles aus der Region kommt, Gewürze und Spezialgetreide wie Amaranth oder Quinoa müssen nun mal importiert werden. Krause will die regionale Wertschöpfungskette aber keine Heimat-Tümelei: „Den internationalen Handel will ich nicht unterbinden".

Süßgebäck ist der Renner


Neben dem Mühlengeschäft hat Krause eine Bäckerei aufgebaut. Regional werden im Viereck Hamburg, Bremen, Hannover und Braunschweig Naturkostläden und Bäckereien mit frischem Brot, Brötchen und Konditoreiprodukten beliefert. Auf der Backstraße, die seit zwei Jahren in Betrieb ist, entsteht Dauergebäck für das nationale Sortiment. Kekse und Knabberartikel als Genussartikel sind die Renner im Sortiment. Das nennen die Bohlsener zusammen mit den Müslis, Crunchys und den vegetarischen Burgern das veredelte Sortiment. Bei diesen hoch verarbeiteten Produkten fängt für Krause Premium an.

Beim Basissortiment gebraucht er diese Begriffe nicht. „Was ist an Mehl Premium?" fragt sich der Müllermeister. Getreide das nicht backfähig ist gibt eben kein Mehl. Solche schlichten Produkte werden nach seiner Auffassung nur durch Verpackung und Werbung zu Premium stilisiert. Wertvolle Zutaten wie Dinkel, Butter, Vanille und Honig nach einer raffinierten Rezeptur gemischt, gekonnt verarbeitet und edel verpackt sind Premium.

Dieses Gebäck unterscheidet sich von einem einfachen Keks aus Weizen, Zucker und Palmfett, der zwar ein gutes Bio-Produkt sein kann, aber nicht mehr. In der Backstube der Bohlsener Mühle regiert Helmut Vollmer, ein Mann der ersten Stunde. Heute verbackt der Bäckermeister, einer der ersten Bio-Bäcker Deutschlands, übewiegend Dinkel statt Weizen.

Marke mit Authentizität


Die traditionelle Vertriebsschiene der Bohlsener Mühle ist der Naturkostfachhandel. Mit den Leistungen ist man hier nicht immer zufrieden, auch wenn die Umsätze stetig steigen: „Neben den Handelsmarken bei einem starken Preiswettbewerb werden die Vorzüge einer Herstellermarke und deren Produktqualität nicht hinreichend kommuniziert." Die jährlichen Umsatzsteigerungen der Bohlsener Mühle liegen stabil im zweistelligen Bereich. Dabei ist es nicht der Fachhandel, der am stärksten wächst.

Neben der Marke entstehen in der Lüneburger Heide auch Private Labels. Einen Anteil von 40 Prozent der Endverbraucherartikel nehmen diese inzwischen ein. Tendenz steigend. Die Handelsmarken-Produktion bietet die bekannten betriebswirtschaftlichen Vorteile: „Pro Schicht eine Sorte Keks". Dann lohnt sich das Einrüsten und Backen ohne viele Wechsel und die Anlagen können effizient genutzt werden. Unter dem Dach von Alnatura ist ein Großteil der Bio-Hersteller Deutschlands versammelt, so auch die Bohlsener Mühle. Über diesen Weg gelangen die Produkte in Drogeriemärkte und in den LEH. Die Drogerien haben starke Süßwarenplatzierungen, davon profitiert man auch in Bohlsen.

Naturkost-Marken gefragt im LEH

Zum Schutz des Naturkostfachhandels bleibt diesem die Marke vorrangig vorbehalten. Der klassische Lebensmittelhandel ist aber keineswegs auf Eigenmarken fixiert. „Der LEH will die Naturkost-Marken haben", weiß Krause aus Gesprächen. Mittelständische Filialisten sind stark interessiert. „Tegut zum Beispiel ist so engagiert, die würde ich als Fachhandel betrachten."

Einzelne Unternehmen des Selbstständigen Lebensmitteleinzelhandels (SEH) zählt der Müller möglicherweise zum Fachhandel: „Meine These ist, dass der SEH das Geschäft mit Bio gut machen kann. Er sollte schon aus strategischen Gründen dazu gezählt werden." Die Selbständigen bieten den Bio-Herstellern und den Bio-Großhändlern Raum zur Expansion. Krause vertritt hier eine Öffnung, wie durch den BNN formuliert und wirbt dafür den Begriff des Fachhandels auf qualitätsorientierte Lebensmittelkaufleute, die Beratung und Service leben, auszuweiten. „Die Kompetenz, die wir uns erarbeitet haben, müssen wir nutzen um zu verhindern, dass sich Exoten und No-Name-Anbieter ausbreiten. Wir bieten überzeugende Produkte, die ebenso überzeugend verkauft werden müssen."

Anton Großkinsky


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