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Bio das eindeutig resilientere System

Bioland-Chef Jan Plagge im Gespräch mit bioPress

Wie begeistert man Verbraucher für das Thema Bio? Warum leiden Bio-Landwirte weniger unter der Rohstoffknappheit? Und welche Rolle spielen Fachhandel und Discounter auf dem Weg zu Bio für alle? Bioland-Chef Jan Plagge sprach mit bioPress über die Bio-Marktentwicklung, die Resilienz von Bio in der Krise, den Nutzen von Discountern und Verbraucherkommunikation.

bioPress: Herr Plagge, der Bio-Markt ist im Umbruch: Keiner weiß so recht, wo’s langgeht. Ist das bei Ihnen anders?

Jan Plagge: Ein Markt ist wie ein ganz komplexes Mobile mit hunderten oder tausenden Akteuren: Wenn man an einem zupft, weiß man nicht, wie viele andere auch noch wackeln. Deshalb weiß gerade keiner, wo wir in ein paar Monaten oder Jahren stehen werden. Wir warten aber nicht ab, sondern bleiben ein aktiver Akteur – mit einer Agenda, wie wir für ein nachhaltiges Bio-Wachstum sorgen wollen, das fair ist für alle Beteiligten.

bioPress: Was steht ganz oben auf dieser Agenda?

Plagge: Unser Hauptanliegen auf der Agenda ist aktuell, den Verbraucher als Partner zu gewinnen. Bio soll kein Wohlstandsthema sein, das nur in guten Zeiten Relevanz hat. Schon seit den 70er Jahren erkennen Bios an, dass wir begrenzte Ressourcen haben und sparsam mit ihnen umgehen müssen. Wir sollten deshalb geschlossen als Branche, wo es nur geht, kommunizieren, dass eine Bio-Umstellung in Anbau und Konsum gerade in Zeiten von Krisen und Knappheit vernünftig ist. Mit IFOAM Europa haben wir das in der Debatte um den Green Deal auf europäischer Ebene bereits ganz gut geschafft.
Bio ist eben kein Umweltschutzluxus, sondern im Gegenteil die Antwort auf Düngemittelknappheit und Energiepreisexplosion – ein ein- deutig resilienteres System, das nicht nur den Kreislaufgedanken und Ressourcenschutz abbildet, sondern gleichzeitig einen Zusatznutzen für Biodiversität und Klimaschutz mit sich bringt.
Wir sind nicht abhängig von Düngemitteln aus knappem Erdgas und Erdöl. Bioland arbeitet zudem seit Jahren daran, eine heimische Versorgung mit Eiweißpflanzen und Ölsaaten wie Soja und Sonnenblumen sicherzustellen. Das sind zwei Vorteile gegenüber der konventionellen Landwirtschaft. So gibt es dadurch momentan keine existenziellen Knappheiten im Kraftfutterbereich und wir haben eine viel bessere Versorgungs- und Planungssicherheit.

bioPress: Wie sieht es mit der Absatzentwicklung aus?

Plagge: Die ist aktuell angespannt, auch durch den Einfluss konventioneller Rohstoffmärkte. Dass sich konventionelle und Bio-Rohstoff-Preise so annähern, ist für alle eine neue Situation. So entwickelt sich der konventionelle Milch-Exportmarkt zum Beispiel gerade erfolgreich, weil die Nachfrage nach Milcherzeugnissen in Asien gestiegen ist. Dadurch ist auch der konventionelle Milcherzeugerpreis stark gestiegen und liegt teilweise bereits auf Bio-Niveau. Allerdings: Sollten die Exportmärkte sich wieder drehen, wovon wir ausgehen, sinken automatisch auch wieder die konventionellen Erzeugerpreise.
Die Bio-Milcherzeugerpreise steigen hingegen seit Jahren kontinuierlich, ohne Ausschläge. Bio-Landwirte können mit dieser stabilen Preisentwicklung besser planen.
Ich denke, dass wir auf der Erzeugerseite sehr verantwortungsvoll mit den Kostensteigerungen umgegangen sind – auch, um die Brücke zum Verbraucher stabil zu halten. Vom Handel kann man das nicht in allen Bereichen so behaupten. Mit 1,69 Euro pro Liter Bio-Frischmilch hat der Marktführer im Discount die Schwelle einfach überzogen. Der Fachhandel hat da größtenteils nicht mitgemacht und bietet aktuell seine Trinkmilch günstiger an als der Discount im Preiseinstieg. Zu hohe Ladenpreise dämpfen den Absatz.
Auch wenn die hohen Energiekosten bereits jetzt eine ähnliche Wirkung haben, wie wir sie unter dem Stichwort ‚wahre Preise‘ seit Jahren anstreben, bleibt die Internalisierung der hohen Umweltfolgekosten der konventionellen Landwirtschaft Aufgabe der Politik.

bioPress: Dieses Jahr musste der Fachhandel einen unvorhergesehenen Umsatzeinbruch hinnehmen. Wie spüren Sie das als Verband?

Plagge: Wir spüren das, weil viele unserer Hofläden und Lieferdienste auch Fachhändler sind. Vor allem bei Produkten wie Eiern oder Kartoffeln ist es bemerkbar. Das hat wohl auch mit der Aufweichung der Corona-Beschränkungen zu tun. Die Leute essen wieder außer Haus und kochen weniger selbst. Wir beschäftigen uns intensiv damit, wie wir die Direktvermarkter weiter unterstützen können.

bioPress: Wie hat sich demgegenüber die Zusammenarbeit Biolands mit dem Discount gestaltet?

Plagge: Es zeigt sich, dass die Zusammenarbeit mit Lidl die richtige Entscheidung war. Gerade in der Krise ist es wichtig für viele Betriebe, dass wir auch diesen Absatzkanal ha-ben. Denn die Nachfrage nach Bio im Discount steigt auch 2022 weiter – im Juli war sie laut GfK um 13,8 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Dagegen gibt es im Fachhandel immer noch einen zweistelligen Umsatzeinbruch – das ist schon dramatisch.

bioPress: Wir sagen schon seit 20 Jahren, dass der Naturkostfachhandel langfristig nicht die tragende Säule der Bio-Vermarktung sein kann. Mit 2.000 bis 3.000 Outlets ganz  Deutschland zu bedienen, ist schlicht unmöglich. Wie ist dieser Punkt in Ihrer Strategie verankert?

Plagge: Unsere Überzeugung ist, dass es für eine flächendeckende Bio-Versorgung auch alle Kanäle braucht. Direktvermarktung und Fachhandel haben dabei eine ganz wichtige Rolle als Innovatoren und als Kontaktpunkt von 100 Prozent Bio. Darin und in der Nähe zum Verbraucher und Landwirt liegt ihr großer Vorteil, den sie gegenüber großen Handelsketten ausspielen müssen. Vollsortimenter und Discount braucht es für die flächendeckende Versorgung aber genauso – auch, um die Leute abzuholen, die Bio noch als etwas Elitäres für Besserverdiener betrachten. Dabei, Bio im Alltag eines jeden zu etablieren, liegt noch ein weiter Weg vor uns.

bioPress: Vor zwei Jahren wurde ein Bioland-Partner-Verein für Hersteller, Verarbeiter und Händler gegründet. Wäre das nicht die richtige Anlaufstelle, um Herstellermarken mit ihrer Vielfalt in den LEH und die Outlets der Kaufleute zu bringen?

Plagge: Die meisten größeren Hersteller machen ja beides: Private Label, um Investitionen und Maschinen auszulasten, und ihre eigene Marke. Damit beschäftigt sich der Partner-Verein aber nicht, sondern damit, eine Vernetzung zwischen individuellen und gesellschaftspolitischen Interessen unserer Partner:innen herzustellen und sich gemeinsam zu positionieren. Zum Beispiel haben wir in den letzten Monaten über die Initiative der EU-Kommission zu einem Nachhaltigkeits-Label für Lebensmittel diskutiert, um eine gemeinsame Position zu entwickeln.
Die Hersteller stehen vor der Herausforderung, ihre Herstellermarken im Handel zu platzieren, und zwar gegen den Trend, dass Handelsketten lieber ihre Eigenmarken pushen.

bioPress: Zurück zum Thema Verbraucherkommunikation: In welcher Richtung ist Bioland da unterwegs?

Plagge: Der Job unserer Mitglieder und Partner ist es, den Verbrauchern den Mehrwert von Bioland zu vermitteln: mehr Artenvielfalt und Tierwohl, Verzicht auf chemisch-synthetische Pestizide und Düngemittel – das ist ja alles nicht trivial! Hilfreich sind dabei echte Bio-Erlebnisse auf den Betrieben. Dabei unterstützen wir als Verband.


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