Start / Ausgaben / BioPress 47 - Mai 2006 / Den Fruchtriesen schmeckt Bio

Den Fruchtriesen schmeckt Bio

Von Atlanta bis vanWylick haben die großen Lieferanten ihr Engagement verstärkt

Bio und Convenience waren beherrschende Themen auf der Fruit Logistica im Februar  in Berlin. Bio-Convenience steckt allerdings noch in den Anfängen. Im Bio-Segment wird vorrangig an der Beschaffung größerer Mengen, und der Ausweitung des Sortiments gearbeitet. Inzwischen haben sich die Frucht-Riesen des Bio-Geschäfts angenommen, das in den vergangenen Jahren hauptsächlich in den Händen der Fruchtzwerge war.  "Die großen konventionellen Lieferanten sind kräftig dran an Bio", hat der regionale Bio-Großhändler Hansjörg Schrade aus Stuttgart registriert. Die Greenery, Atlanta, vanWylick, Dole und Port: Alle haben das Thema mittlerweile erkannt und Geschmack an den Bio-Früchten gefunden.


Karl Kübler, Geschäftsführer des Großmarktes Stuttgart, geht von einem wachsenden Bedarf an Bio-Obst und -Gemüse aus. "Dieses Jahr wurde noch mehr nach Bio gefragt als letztes Jahr", konstatierte der Fruchtexperte. In Stuttgart bei Andretta werden immer mehr Bio-Bananen gereift. Für Dierk Kallies von Dole Europe ist Bio ein Trend, der den Markt bewegt. Der amerikanische Fruchtkonzern baut in Ecuador und Peru Bio-Bananen an und in Costa Rica Bio-Ananas, die dann preiswerter als Flugananas per Schiff auf den hiesigen Markt kommt.

Die Steige Dole-Ananas wurde in Berlin offen zum Großhandelspreis von 15,63 Euro gehandelt, das macht zirka 1,50 Euro das Kilo. Zwei Wochen nach der Fruit Logistica gab es auch die erste Überraschung im heimischen Bio-Supermarkt: Das Kilo Ananas, bisher immer 5,99 Euro das Kilo - woanders auch schon mal 7,99 Euro - , wenn die Ananas größer als ein Kilo ist und zum gleichen Preis das Stück, wenn sie weniger als ein Kilo wiegt, gab's jetzt zum Überraschungspreis von 3,99 Euro - das Kilo! Seitdem wird ein Kilo Ananas zum Dauerpreis von 4,99 Euro angeboten. Bei diesen Preisvorstellungen glaubten sich die Dole Mitarbeiter auf einem anderen Stern.

Atlanta Bio-Produktmanager Ben Horsbrugh war an den drei Tagen in Berlin ununterbrochen in Gesprächen. Die Atlanta hat sich Bio "groß auf die Fahnen geschrieben", wie Horsbrugh betonte. "Wir gehen von einem starken Wachstum aus und müssen uns den sich ändernden Bedingungen anpassen". In Bremen hat man klare Strukturen geschaffen. Ein Bio-Produktmanager wurde installiert und alle 18 deutschen Betriebsstätten Bio zertifiziert. Lange Zeit war Hameico Siegen der einzige Atlanta Bio-Packbetrieb gewesen. Aktuell wird schon in Dietzenbach bei Frankfurt Bio-Ware verteilt. "Dietzenbach macht interessante Umsätze", freut sich der Produktmanager. Bei Bedarf kann jeder andere Betrieb aufgeschaltet werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis das Netz ausgeweitet wird.


"Die Atlanta ist ein Problemlöser für den Handel. Ich als Produktmanager bin der Lotse". Mit Beschaffungsagenturen rund um die Welt empfiehlt sich der Konzern als Generalist. Durch ein dichtes Distributionsnetz kann Atlanta schnell handeln und Übermengen unterbringen und damit den Markt stabilisieren. Mit 40 Produkten ist die Bio-Range noch schmal. Das Wachstum indes hoch. Mehr als 50 Prozent waren es 2005. Dieses Jahr wird wieder ein zweistelliges Plus erwartet. Der Umsatzanteil von Bio beträgt noch weniger als fünf Prozent. Bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden ist das dennoch eine stolze Summe auf dem Bio-Sektor. Horsbrugh sieht aktuell keinen Verdrängungswettbewerb: "Bio ist  keine Frage des Preises. Der Handel verlangt nach Qualität."

Die Greenery-Tochter Naturelle aus dem niederländischen Barendrecht hat ihre Bio-Palette im vergangenen Jahr "extrem erweitert", so Geschäftsführer Rene Lelyveld. Durch den Zusammenschluss mit Nautilus ist die Artikelzahl von 30 auf 140 gestiegen. "Wir haben  einen großen Sprung gemacht und den Bio-Umsatz 2005 verdreifacht", berichtet Lelyveld. Mit 25 Millionen Euro ist Bio gemessen am Gesamtumsatz von rund einer Milliarde aber auch hier noch ein kleines Pflänzchen. Die Stärke von Naturelle ist Feldgemüse. Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln sind die Hauptprodukte. Mit einer eigenen Reiferei sind die Holländer auch im Bananen-Geschäft vertreten. Zu 40 Prozent wird heimische holländische Ware vermarktet. "Die Nachfrage ist im Augenblick größer als das Angebot", stimmt Lelyveld in den allgemeinen Chor mit ein. Niedrige Temperaturen in Südeuropa haben das Angebot im Winter verknappt, jedoch auch ohne die wetterbedingten Ausfälle gibt es einen Nachfrage-Überhang: "Das Problem ist, wir haben nicht genügend Produktion. Beschaffung hat aktuell Priorität." Innovation kommt erst an zweiter Stelle.


Neu im Naturelle-Programm ist eine Pflaumentomate. War die Bio-Tomate ehedem rund, hat sich inzwischen eine Vielfalt an Formen und Farben eingestellt: "Wir haben ein dutzend Sorten". Einen Fruchtmix offeriert der Greenery-Ableger neuerdings ebenfalls: Apfel, Birne, Kiwi und Orange in einer Schale. Ideal für den kleinen Haushalt. Eine Kinderpackung mit einem Apfel und einer Birne soll den Nachwuchs an Bio heranführen. Sie spricht die Kleinen durch eine farbenfrohe Gestaltung an. Geschälte Fruchtstücke in Bio-Qualität sind bei McDonalds in den Niederlanden im Test. Mit küchenfertigen Salaten sind die Holländer über einen Partner ebenfalls am Start.  

VanWylick aus Düsseldorf  mit fast 300 Millionen Euro Umsatz pro Jahr, ebenfalls ein Großer in Deutschland, ist 2005 im Bio-Bereich zweistellig gewachsen und erwartet auch 2006 einen weiteren Ausbau dieses Geschäftszweiges. Der Umsatzanteil liegt aber noch  im einstelligen Bereich. Zu den Bio-Kunden zählt unter anderem der Bio-Filialist Alnatura aus Bickenbach.

Auch 100-prozentige Bio-Betriebe wie der Bananen-Importeur Savid aus Töpen, der Apfel-Lieferant Bio-Südtirol und Eosta aus Wadinxveen  nutzen die Plattform inzwischen erfolgreich. Eosta-Verkaufsleiter Karl Georg Froebe stellte die Neuzüchtung Vita-Minis vor: Kleine Tomaten mit überproportional hohem Vitamin-Gehalt. Neuzüchtungen bei Paprika und Tomaten gehen in Richtung eines hohen Nährstoffgehaltes und wenden sich ebenfalls an den Nachwuchs: "Die Kinder essen nicht mehr so viel Obst und Gemüse wie früher. Da muss der Nährstoff-Gehalt steigen". Aufsteiger der Saison waren bei ihm Zitrusfrüchte und Trauben. Absteiger konnte er keinen nennen: "Wir haben eher unter zu wenig als unter zu viel Ware gelitten". Verpackt wird inzwischen in kompostierbares Material von Natura aus Rheine. "Die Preise sind vergleichbar mit herkömmlichem Material, da die Gebühr für den grünen Punkt entfällt", nennt er den Grund für die Umstellung, die schon seit 2003 im Gespräch ist.   


Bio-Blumen haben sich bisher noch nicht etabliert. Intergreen aus den Niederlanden ist ein europaweiter Lieferant von Schnittblumen für Fachgeschäfte, Einzelhandel und Tankstellen. Das Geschäft mit Bio-Blumen erledigt das Tochterunternehmen Florganic. Die Bouquets haben ein umweltfreundliches Holz- statt Kunststoffgesteck und sind in Papier statt in Zellophan eingepackt. Damit tut der Kunde etwas für den Umweltschutz. Aber auch der persönliche Nutzen ist größer: "Sie halten sich länger frisch und haben kräftigere Farben. Wir verkaufen keine gebackene Luft," erläutert Marcel Kemp. Wer allergisch reagiert auf die Chemikalien in den konventionellen Blumen, ist mit Bio-Schnittblumen jedenfalls gut beraten. Auf der Fruit Logistica wurden Sonnenblumen und Tulpen in verschiedenen Farben ausgestellt. Der Produktkalender weist insgesamt 13 Bio-Artikel aus. Der kapitalkräftige Blumenkonzern Intergreen kann nach Absprache größere Mengen beschaffen und zu akzeptablen Konditionen liefern. 

Elbe-Obst hat 2005 erstmals 250.000 Mondäpfel geerntet, wie Initiator und Apfel-Anbauer Heinrich zum Felde erzählt. Das ist keine neue Sorte; die Früchte werden lediglich bei Vollmond im September und Oktober gepflückt. Die Idee entstand als Nebenprodukt eines Seminars. Es gibt bereits Mondbier und Mondwasser. Warum also keinen Mondapfel? "Ich habe bezweifelt, dass es einen Unterschied gibt", war zum Felde, der insgesamt 2.000 Tonnen Bio-Äpfel vermarktet, zurückhaltend. Aber der  Skeptiker musste sich belehren lassen: "Die Baumstämme sind bei Vollmond etwas dicker".  Sechs Betriebsinhaber haben daraufhin gesagt: "Da machen wir mit".


Auf der Bio-Nord wurde dann eine Blindverkostung mit einem eindeutigen Ergebnis durchgeführt. 80 Prozent gaben dem Mondapfel den Vorzug. Der Skeptiker zum Felde war erneut überrascht. Es fanden sich Naturkostgroßhändler, die mitzogen: Elkershausen, Willmann und Weiling waren unter anderem dabei. "Wir haben einen erheblichen Mehrpreis gefordert", erklärt zum Felde. Da erlebte der Skeptiker die dritte Überraschung: Die gelabelten Äpfel waren schnell vergriffen. "Wir bekamen viele Rückkopplungen von Kunden. Die haben sich geoutet, dass sie nach dem Rhythmus des Mondes leben. Ich habe nicht gewusst, dass sich so viel Leute damit beschäftigen", berichtet der Apfelanbauer. Damit ist klar: "Die Sache wird dieses Jahr weitergeführt". 

Die Länder Spanien und Italien stellten rund die Hälfte der 150 Aussteller mit Bio-Sortiment. Salat mitten im Winter, zum Beispiel ein bunter Radicchio aus dem Veneto, daran haben sich Handel und Verbraucher mittlerweile gewöhnt. Gemessen an den Essgewohnheiten sind die Deutschen zu Südländern mutiert. "Wir sind keine Krauts mehr. Wir sind Tomatos geworden", weiß Obst und Gemüsegroßhändler Schrade. Spinat und Schwarzwurzel tun sich gegen Aubergine und Zucchini schwer. Im Mund ist Europa angekommen. Im Kopf noch nicht überall.

Anton Großkinsky


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