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Der Markt für Bio-Lebensmittel boomt

bioPress-Interview mit dänischem Minister für Umwelt und Ernährung

Welchen Stellenwert haben Bio-Produkte in Dänemark? bioPress befragte im Rahmen des dänischen Länderreports den Minister für Umwelt und Ernährung Esben Lunde Larsen zur Entwicklung des dänischen Bio-Markts, zu Kampagnen für gesunde Ernährung, zur Koexistenz von ökologischer und konventioneller Landwirtschaft sowie zur Revision der EU-Ökoverordnung.

bioPress: Bei Bio-Rohstoffen gibt es seit Jahren immer wieder Engpässe. Der dänische Export von Bio-Produkten ist ein starker Wirtschaftsfaktor. Die Ausfuhr hat sich in zehn Jahren versiebenfacht, 48 Prozent davon gehen nach Deutschland. Fördern Sie als Landwirtschaftsminister das Wachstum der Ökolandwirtschaft und wie unterstützen Sie den Export? Wie ist die Tendenz bei der Umstellung auf Ökolandwirtschaft?

Esben Lunde Larsen: Der dänische ökologische Sektor ist derzeit in einer sehr günstigen Entwicklung. Die Nachfrage nach ökologischen Produkten bei uns und auf den Exportmärkten wächst und das Interesse unserer Landwirte, auf ökologische Produktion umzusteigen, nimmt zu. Für die letzten zwei Jahre erwarten wir einen Zuwachs der ökologisch bewirtschafteten Flächen von insgesamt 23 Prozent.

Der Erfolg unserer ökologischen Lebensmittel auf den Exportmärkten beruht auf unserer hohen Lebensmittelsicherheit in Kombination mit innovativer Produktion, unterstützt durch unsere Politik, die Entwicklungsinitiativen und die Zusammenarbeit aller Akteure in der ökologischen Branche und nicht zuletzt die Umstellung der landwirtschaftlichen Betriebe fördert.

Dänischer Bio-Markt

bioPress: Welche Rolle spielen Bio-Produkte im dänischen Lebensmittelabsatz?

Lunde Larsen: Ökologische Lebensmittel sind in Dänemark heute keine Marktnische mehr. Man bekommt sie in jedem Supermarkt oder Discounter. Manche Geschäfte wie Irma haben angefangen, konventionelle Lebensmittel durch ökologische zu ersetzen, zum Beispiel Karotten und Bananen.

bioPress: Wie groß ist der Anteil der Bio-Produkte und wo werden sie vertrieben?

Lunde Larsen: Die meisten ökologischen Produkte – etwa 90 Prozent – werden im Supermarkt oder im Discounter gekauft. Unsere vielbeschäftigte Bevölkerung bevorzugt es, ökologische Waren dort einzukaufen, wo sie ohnehin ihre Einkäufe tätigt. Einfache und bequeme Verfügbarkeit fallen hierbei am stärksten ins Gewicht.

Durch die Einführung des Bio Cuisine Logos 2009 und die Umstellung vieler öffentlicher Großküchen leistet die Außerhausverpflegung einen erheblichen Beitrag zur Entwicklung des Marktes für ökologische Lebensmittel. In der Außerhausverpflegung hatten ökologische Lebens- mittel 2014 einen Anteil von 6,5 Prozent – das entspricht rund 1,3 Milliarden Dänische Kronen (ca. 175 Millionen Euro).

bioPress: Wie sieht Ihr Ministerium die Marktentwicklung von Bio-Lebensmitteln?

Lunde Larsen: Der Markt für ökologische Lebensmittel boomt – bei uns und auch in vielen anderen Ländern. Mit steigendem Wohlstand und zunehmendem Verbraucherbewusstsein steigt die Nachfrage nach ökologischen Lebensmitteln im In- und Ausland.

Aufklärung über gesunde Ernährung

bioPress: Die Ernährungsfrage und ihre Wirkung auf die Gesundheit, das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit ist eine zentrale Frage in der modernen Gesellschaft geworden. Wie sehen Sie diese Zusammenhänge? Wird in Dänemark darüber informiert, beispielsweise in Kindergärten, Schulen, Ausbildung und Beruf?

Lunde Larsen: Wir informieren unsere Bevölkerung umfassend über den Zusammenhang zwischen gesunder Ernährung und einem langen gesunden Leben ohne viel Kranksein. Eine gründliche Information der Bevölkerung und die Anregung der Bevölkerung, selbst Verantwortung für ihr Leben zu übernehmen, ist ein wichtiges Element dieser Aufgabe.

Wir haben zum Beispiel sehr viel Erfolg mit der Einführung der Ökologie in öffentlichen Küchen und unserem Bio Cuisine Logo. Heute haben wir landesweit insgesamt 1.750 Bio Cuisine Logos registriert. Wir beobachten oft, je mehr Ökologie man anwendet, umso mehr entsprechen die Mahlzeiten den offiziellen Empfehlungen für gesunde Ernährung, wo man weniger Fleisch und mehr Obst und Gemüse zubereitet, um das gleiche Haushaltsbudget halten zu können.

Es ist jedoch noch nicht erwiesen, dass ökologische Lebensmittel notwendigerweise gesünder sind als konventionelle. Wir machen deshalb keinen Unterschied zwischen ökologischem und konventionellem Obst und Gemüse, wenn wir unserer Bevölkerung empfehlen, täglich mindestens 600 Gramm Obst und Gemüse einzunehmen.

Konventionelle vs. ökologische Landwirtschaft

bioPress: Die Agrarchemie wird in der Ökolandwirtschaft wegen ihrer negativen Wirkung auf die Natur ausgeschlossen. Vor allem der Boden leidet, auch die Tiere und natürlich die Menschen wegen der Rückstände, die ihre Gesundheit beeinträchtigen. Was ist Ihrer Meinung nach der richtige Weg? Wie können die unterschiedlichen Systeme koexistieren?

Lunde Larsen: Wahlfreiheit ist für mich entscheidend. Jeder Landwirt muss sich selbst für die Produktionsform entscheiden können. Wenn ein Landwirt auf konventionelle Weise wirtschaften möchte und Pflanzenschutzmittel anwenden möchte, dann muss sichergestellt sein, dass dies auf nachhaltige Weise geschieht. Auf der anderen Seite, sehen wir in der Ökologie eine Reihe noch ungeklärter Probleme, zum Beispiel in der ökologischen Tierhaltung bezüglich deren Klimagasproduktion, die im Augenblick höher ist pro Kilogramm ökologisch erzeugter Produkte aus der Tierhaltung.

Beide Produktionsformen haben ihre Berechtigung. Wieviel ökologische Produktion wir in Dänemark haben werden, muss zu einem Großteil vom Markt bestimmt werden. Die Nachfrage nach ökologischen Produkten auf unserem Export- und Binnenmarkt steigt. Das gibt vielen Landwirten einen Anreiz auf ökologische Produktion umzusteigen.

Wir haben eine breite politische Mehrheit für eine Pflanzenschutzmittelstrategie, die bestimmte Bedingungen an den Vertrieb und den Einsatz von Pestiziden stellt und gleichzeitig eine breite Palette von Initiativen beinhaltet.

In Dänemark kontrollieren wir die Anwendung von Pestiziden auf konventionellen Betrieben sehr gründlich, einschließlich der Ausbildung auf diesem Bereich, den Chemikalienbestand und die Spritzgeräte. Die ökologischen Betriebe werden jedes Jahr kontrolliert, ob sie die Ökologieregeln einhalten.

Doch honorieren wir auch die umweltfreundliche pestizidfreie Produktion mit reduziertem Düngereinsatz und naturpflegende Initiativen, die die Biodiversität besonders in unserer charakteristischen waldfreien Natur schützen. Diese Gelder können sowohl konventionelle als auch ökologische Betriebe erhalten. 

Revision der EU-Ökoverordnung

bioPress: Untersuchungen der UNESCO zeigen, dass die Menschheit auch allein mit Hilfe von Bioproduktion ernährt werden kann. Die Bioverbände und der Weltverband IFOAM sind die starken Partner bei der Umsetzung. Ihre Systeme wurden in Jahrzehnten aufgebaut, in handwerklicher Praxis entwickelt und von der EU in geltendes EU-Recht umgesetzt. Ihre Kontrollen garantieren die rückstandsfreiesten Lebensmittel am Markt. Nun will die EU-Kommission das alles ändern. Wie sollte sich die Kommission verhalten? Was ist Ihrer Meinung nach der richtige Weg, Fortschreibung der bewährten Praxis oder völlige Neuorientierung, wie manche in Brüssel das vorschlagen?

Lunde Larsen: Dänemark ist wie Deutschland gegen den Ansatz der völligen Übereinstimmung mit den EU-Ökologieregeln in Drittländern, wie er von der EU-Kommission im Zuge der Revision der EU-Ökoverordnung als neues Importmodel 2014 vorgelegt wurde.

Wir wollen gerne die Flexibilität, die wir heute haben, bewahren. Alle Drittländer und nicht nur die, die mit der EU ein Handelsabkommen vereinbaren können, sollen wie bisher nach den Prinzipien der Gleichwertigkeit und nicht der völligen Übereinstimmung der Regeln beurteilt werden.

Nach meinem Dafürhalten wäre es besser, die Ökologiekontrolle in Drittländern zu stärken und die Aufsicht mit Kontrollinstanzen in Drittländern zu intensivieren, als eine völlige Übereinstimmung der Regeln zu fordern.


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