Anuga
Anuga: Bio-Kompetenzzentrum IV
Veganes Bio ernährt die Welt
Der Ernährungstrend geht hin zu weniger Fleisch
Im Bio-Kompetenzzentrum auf der Anuga, organisiert von bioPress Verlag, gab es für die Anuga-Besucher geballte Information und Wissen pur. Durch alle vier Tage zog sich das Trendthema Vegan.
Christian Vagedes, Präsident der Veganen Gesellschaft Deutschlands, vertritt die Auffassung, Bio und vegan gehören zusammen. Bio für alle geht nach seiner Auffassung nur ohne Tier. „Tiere gehören nicht zur Bio-Landwirtschaft“, sagte er. Prof. Ulrich Köpke von der Uni Bonn setzte dem entgegen: „Es geht nur mit dem Wiederkäuer.“
Christian Vagedes argumentiert politisch für vegan als Ernährung der Zukunft. 9,5 Milliarden Menschen müssen 2050 auf der Erde ernährt werden. Das funktioniere nicht mit dem Anbau von Tierfutter. Denn zehn Kilo pflanzliches Eiweiß ergibt nur ein Kilo Fleisch. „Bio ist nicht für Snobs. Bio muss auch sozial sein“, meint der Veganer-Präsident.
Prof. Ulrich Köpke vom Institut für organischen Landbau an der Uni Bonn sieht das anders: „Wir haben Dauergrünland, das ohne Wiederkäuer nicht nutzbar ist. Kuh, Schaf und Ziege verwerten Futter, das der Mensch nicht verdauen kann“. Der Mensch ernährt sich von der Milch und vom Fleisch der Tiere.
„Das Rind ist anders zu sehen als Geflügel. Es ist kein Futterkonkurrent für den Menschen“, argumentierte der Wissenschaftler. Huhn und Schwein stehen dagegen in Konkurrenz zum Menschen. Diese Viehbestände müssen nach Auffassung von Köpke heruntergefahren werden.
Vagedes konterte ethisch: „Wir haben es nicht nötig, Tiere auszunutzen, um uns zu ernähren“. Er führte Rudolf Steiner an, der selbst kein Fleischesser war. Allerdings schreibt Demeter Tierhaltung in seinen Richtlinien vor. Ansonsten kann Bio-Landwirtschaft tierlos betrieben werden.
Ethische Probleme sieht Köpke nicht. Das Tier wird in der biologischen Landwirtschaft artgerecht gehalten, fühlt sich sauwohl und wird schonend geschlachtet. Es bedankt sich beim Bauern mit dem Schlachtkörper. Das ist der Unterschied zur konventionellen Massentierhaltung. „Wir haben eine Überversorgung mit tierischen Lebensmitteln. Im Bio-Landbau ist der Viehbesatz ausgewogen, weil er an die Fläche gebunden ist“, stellte der Professor fest.
Köpke warnte sogar davor, Bio mit Vegan in Verbindung zu bringen. „Veganer setzen sich vom Hauptstrom ab. Der Verbraucher will gesunden und ethischen Genuss“, sagte Köpke. Bio-Konsumenten wurden lange Zeit als Körner-Esser betrachtet. Das habe die Entwicklung von Bio über Jahre gebremst.
Jetzt sei dieses Image endlich verändert. „Mit Veganismus baut man Zugangsschwellen zu Bio auf. Damit ist die Mehrheit der Bevölkerung draußen. Wer zu früh kommt, den bestraft das Leben“, warnt Köpke.
Vagedes schlug vor, Grünland aufzuforsten statt als Weide zu nutzen. Er empfahl die Lupine als Alternative: „Tierisches Eiweiß ist ungesund. Die Lupine ersetzt alle tierischen Inhaltsstoffe.“ Vagedes wendete ein: „Die Zeit ist nicht zu früh. Es wird niemand zum Vegan sein gezwungen“. Für den Vorsitzenden der veganen Gesellschaft ist ein Fleischesser ein zukünftiger Veganer.
Keine medizinischen Bedenken
Vegane Ernährung leistet einen Beitrag zur Gesundheit und ein langes Leben. Prof. Johannes Wechsler, Präsident des Bundesverbandes der Ernährungsmediziner, beleuchtete im Bio-Kompetenzzentrum den veganen Ernährungsstil und kam zu dem Schluss: „Grundsätzlich kann man ohne Einschränkung zu einer vegetarisch-veganen Ernährung raten, weil diese zu besserer Gesundheit und längerer Lebenserwartung führt.“
Prof. Wechsler zählte die Vorteile einer veganen und vegetarischen Ernährungsweise auf. Sie zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: fettarm, cholesterinarm, ballaststoffreich, antioxidant. Hinzu kommen gesellschaftliche Vorteile wie Tierschutz und geringer Ressourcenverbrauch.
An Nachteilen droht Mangel an Mineralien. Das ist aber nicht unvermeidbar. Mit dem richtigen veganen Speisplan kann der Bedarf gedeckt werden. So wird Kalzium über Mineralwasser in genügender Menge aufgenommen.
„Vegetarier und Veganer sind gesünder und leben länger“, resümierte der Ernährungsmediziner, der auch Bayern München berät. Selbst unter den Fußballprofis gibt es Vegetarier.
Der Fleischkonsum pro Kopf ist seit dem Jahr 1900 beträchtlich gestiegen. Um 280 Prozent bei Geflügel, 50 Prozent bei Rind und 72 Prozent bei Fisch. Das Ganze korreliert mit einer Zunahme des metabolischen Syndroms aus Übergewicht, Diabetes und Schlaganfall. Darmkrebs tritt bei starken Rotfleisch-Essern ebenfalls gehäuft auf.
Der Trend geht seit einiger Zeit zu geringerem Fleischkonsum. In Deutschland liegt die Zahl der Vegetarier bei rund drei Prozent, Vegan lebt nur ein Prozent der Bevölkerung. Die Flexitarier legen einen freiwilligen Veggie-Day ein, und die Fleischportionen werden kleiner. Pescetarier verzichten auf Fleisch, essen aber weiter Fisch.
Die Ovo-lacto Vegetarier nehmen Eier- und Milchprodukte zu sich. Die Ovo-Vegetarier verzehren Eier, aber keine Milch. Die Lacto-Vegetarier wiederum Milch und keine Eier. Die Veganer verzichten auf sämtliche tierischen Produkte, auch auf Honig.
Milch sollte nach Wechsler nach dem Kleinkind-Alter kein Hauptbestandteil der Ernährung mehr sein. Allenfalls der gelegentliche Konsum von gesäuerten Mopro sei ratsam. Fleisch ist für die Eiweißversorgung nicht notwendig.
Tofu, Saitan, Kartoffeln und Hülsenfrüchte liefern hochwertiges Eiweiß. Nüsse liefern Omega-3-Fettsäure, Eiweiß und Mineralien wie Zink und Eisen. Der Ernährungsmediziner empfiehlt eine vernünftige, vitaminreiche Ernährung mit viel Obst und Gemüse.
Lupine als Fleisch-Alternative
840 Millionen Menschen auf der Welt hungern laut WFP (Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen), wie ihre Sprecherin Katharina Weltecke auf dem Bio-Kompetenzzentrum der Anuga verlauten ließ. Dabei werden 80 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen weltweit für Futteranbau genutzt. Veganisierung ohne Zwang heißt für Christian Vagedes die Lösung.
Das Fraunhofer Institut in Freising hat in diese Richtung geforscht und aus der blauen Süß-Lupine ein Eiweiß entwickelt, das schmeckt, eine ansprechende Optik hat und ein Mundgefühl erzeugt wie Fleisch. Die Süß-Lupine ist in Deutschland im Anbau einfacher als Soja und hat kein GVO-Problem, weil es keine gentechnisch veränderten Sorten gibt.
Erste Vegan-Märkte
In den Veganz Märkten von Jan Bredack erfreut sich die Lupine hoher Beliebtheit. Veganz ist der erste vegane Lebensmittel-Filialist in Deutschland. Keimzelle ist Berlin. Bredack ist überwältigt vom Erfolg: „Ich habe mit 100 Kunden pro Tag kalkuliert, tatsächlich kommen 400. Viele sind natürlich durch die zahlreichen Medienberichte angefixt. Es kaufen natürlich nicht nur Veganer bei uns“, berichtet Gründer Bredack.
Bredack rechnet mit immer mehr Menschen, die einen veganen Lebensstil pflegen: „Eine neue Zielgruppe erscheint am Horizont. Der Veganer ist der weiße Ritter.“ Bill Gates glaubt, dass die Nachfrage nach veganen Produkten in den nächsten Jahren weiter zunehmen wird. „Bill Gates hat unternehmerischen Weitblick“ meint Bredack.
Die Supermärkte richten vegane Regale ein. Wenn die Ware verfügbar ist, kaufen die Leute. Vegan ist noch eine Nische“, konstatiert Bredack. Er sieht aber ein Umdenken bei den Menschen. In der jungen Generation beobachtet er zunehmend aufgeklärte, global denkende Menschen. „Ich erwarte, dass sich in den nächsten fünf Jahren der Fleischkonsum verringert“, sagte Bredack.
Die Vereinten Nationen sehen das differenzierter. „In Deutschland wird der Fleischkonsum zurück gehen. In den Entwicklungs- und Schwellenländern wird er steigen“, so die Sprecherin Weltecke.
Anton Großkinsky







