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Mit Bio-Fisch Verantwortung zeigen

Meterlange Fleischtresen und nur kleine oder keine Fischstationen – so stellt sich die Situation im deutschen Einzelhandel dar. Wer das für seine Kunden ändern will und auf ein nachhaltiges Sortiment Wert legt, muss leidensfähig sein. Denn guten Gewissens lässt sich heute kaum noch Fisch verkaufen, weil die Meere überfischt sind und viele ihrer Bewohner in Aquakulturen leben müssen. Dem Bio-Fisch geht es in dieser Gefangenschaft zumindest
besser als seinen konventionell gezüchteten Artgenossen.

Das Jahr 2013 beginnt positiv für die deutschen Kutter- und Küstenfischer: Bei Hering, Scholle, Seelachs und Schellfisch in der Nordsee werden die Fangquoten um 15 Prozent erhöht. Die Bestände hatten sich in den vergangenen Jahren durch zurückhaltende Entnahme erholt. Dagegen wird es bei der Makrele eine Absenkung der Quote geben, weil Island und die Färoer-Inseln zu viele Exemplare dieser Spezies gefangen haben. Beim Kabeljau hat die Wissenschaft die Absenkung um 20 Prozent vorgeschlagen, um das Bestands­wachstum zu beschleunigen. Selbst Greenpeace lobt, dass der von Lobbyisten bedrängte EU-Ministerrat den Empfehlungen der Wissenschaftler gefolgt ist.

MSC-Siegel deckt allenfalls Mindeststandards ab

Die Umweltaktivisten sind ansonsten gar nicht zufrieden, denn der positiven Entwicklung vor der eigenen Haustür steht die Plünderung der Fischbestände vor Westafrika durch Schiffe aus der EU entgegen. Und selbst Maria Damanaki, EU-Kommissarin für maritime Angelegenheiten und Fischerei, fand dafür vor einem Jahr klare Worte: „Die Steuergeld-Verschwendung für zerstörerische Subventionen muss ein Ende haben. Wir müssen unsere Überkapazität reduzieren und unsere Flotte verkleinern.“ Damit die schlechten Nachrichten von Überfischung nicht verkaufshem- mend wirken, deckt sich der Handel zunehmend mit MSC-zertifiziertem Fisch ein.

Hinter dieser Abkürzung steht der von WWF und Unilever gegründete Marine Stewardship Council, der Fischereibetriebe nach Umweltstandards beurteilt (ASC für Aquakulturen). Die bereits zertifizierten Flotten fangen laut MSC über sieben Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte, knapp acht Prozent der weltweiten Men­ge aus Wildfang.

Thilo Maack, Fischereiexperte bei Greenpeace, hält den MSC zwar für einen „Fingerzeig in die richtige Richtung“, kritisiert aber, dass auch Fischereien zertifiziert würden, die ökologischen Ansprüchen nicht genügten. So trügen mit dem MSC-Siegel zertifizierte Flotten dazu bei, dass jährlich eine Million Tonnen Alaska-Seelachs entnommen werde. Das habe über die Jahre Konsequenzen für das Ökosystem, auch wenn der Bestand nicht gefährdet sei. Maack kritisiert auch die MSC-zertifizierte Dornhai-Fischerei von über 20 Jahre alten Tieren vor Kanada für Schillerlocken und den Hoki-Fang vor Neuseeland, bei dem Albatros-Junge und Robben zu Schaden kämen.

Gute Ansätze für nachhaltige Wildfischerei

Wer durch den Fischverkauf vorrangig die traditionelle Küstenfischerei unterstützen will, muss nach dem Label Naturland Wildfisch Ausschau halten. Mehrere Projekte mit einheimischen Fischern, wie der Heringsfang im Gebiet Greifswalder Bodden, Rügen, Usedom, sorgen nicht nur für den Erhalt der Fisch-Bestände, sondern auch für den Fortbestand des traditionellen Berufsstandes. Die Projekte haben also neben der ökologischen auch eine soziale Komponente.

In Mecklenburg-Vorpommern nehmen derzeit 26 selbständige, handwerkliche Fischer teil, die von Kleinkuttern und Strandbooten aus arbeiten. Durch die Verwendung von Stellnetzen als unbewegtes Fanggerät sowie durch angepasste Maschenweiten wird der Meeresboden nicht beschädigt, und auch der Beifang ist bei dieser Fischerei sehr gering. Unter dem Label Naturland Wildfisch werden vergleichbar handwerklich auch Thunfische auf den Malediven,Flusskrebse in Spanien und Nilbarsche in Tansania (Viktoria-Barsch) gefangen.

Produkte aus Naturland-zertifizierter Wildfischerei wie echter Bonito Thunfisch können über fish & more mit der Marke Followfish als Tiefkühlware bezogen werden. Followfish hat auch MSC-Ware im Programm und bietet einen besonderen Internetservice an: Ein sogenannter Tracking-Code auf der Verpackung, der auf der Homepage von Followfish eingegeben werden kann, gibt Auskunft über das Fanggebiet.
www.followfish.de

Die von Isana Naturfeinkost unter der Marke bio-verde angebotenen Herings-Happen (darunter Rollmops) stammen ebenfalls aus Naturland-zertifizierter Küstenfischerei. „Eine traditionelle Fangmethode mit kleinen Kuttern und Stellnetzen schließt den Beifang anderer Fischarten so gut wie aus und garantiert einen schonenden, nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Beständen“, heißt es in der Produktbeschreibung.
www.isana.de

Auskunft über das Fanggebiet gibt auch die Tiefkühlfisch-Marke Wild Ocean von Demeter-Felderzeugnisse. Sie geht sogar noch einen Schritt weiter: Anhand der Chargennummer (Lot) auf der gekauften Packung kann auch die Fangart der Fische für die Fischfilets (Seelachs, Schellfisch, Kabeljau) erkannt werden. Da nur mit Kleinfischern (Tagesfänge) zusammengearbeitet wird, sind die Produktionschargen entsprechend klein.
www.felderzeugnisse.de

Verkaufsfördernd für Wildfisch kann auch das SAFE-Logo sein, das den Schutz von Delfinen beim Thunfischfang dokumentiert. Die SAFE angeschlossenen deutschen Importeure und Händler haben sich verpflichtet, nur Thunfisch anzubieten, der nicht mit Treibnetzen oder durch das Setzen von Netzen um Delfinschulen gefangen wurde.
Bei der Gesellschaft zur Rettung der Delphine kann der Verbraucher mit Hilfe einer Checkliste nachprüfen, welche im Handel zu findenden Marken in dieser Hinsicht ohne Bedenken gekauft werden können. „Die rücksichtslose Ausbeutung der Ozeane durch den Menschen droht eine Delfinart nach der anderen auszurotten“, schreibt der von Weltumsegler Rollo Gebhard gegründete Verein.
www.delphinschutz.org

Eine grundsätzliche Orientierung, welche Fische aus welchen Fanggebieten überfischt sind, bietet der Greenpeace Einkaufsratgeber Fisch, der jährlich neu aufgelegt wird. Nach den Sortimentsrichtlinien für den Naturkostfachhandel gilt Fisch aus Wildfang, der zum Zeitpunkt des Abpackens gemäß dem Ratgeber als „grundsätzlich vertretbar“ eingestuft ist, im Sinne der Richtlinien als aus nachhaltig befischten Beständen gewonnen, selbst wenn sich nach dem Fang- bzw. Abpackdatum die Einordnung der Fischart oder des Bestandes ändert.
www.greenpeace.de

Aquakultur ist weltweit ausverkauft

Die hohen Steigerungsraten vergangener Jahre bei der Aquakultur sind zum Erliegen gekommen. Von laut FAO (Food Agriculture Organization der UNO) etwa 145 Millionen Tonnen Gesamtfang (2009) fallen etwa 55 Millionen Tonnen auf Aquakultur, Tendenz gleichbleibend. Die erwartete sogenannte Blaue Revolution, nach der durch Aquakulturen die Welternährung gesichert werden sollte, bleibt demnach aus. Grund: tierisches und pflanzliches Protein für die Fütterung ist nicht unbegrenzt zu bekommen bzw. steigt bei Knappheit im Preis und macht Aquakulturen dadurch weniger wirtschaftlich.

Um ein Kilogramm Fisch zu züchten, braucht man etwa vier Kilogramm Futterfische, rechnen Umweltschützer im­mer wieder vor. Nur in China bzw. bei pflanzen- und allesfressenden Fischarten sind noch nennenswerte Steigerungen bei der Aquakultur zu verzeichnen, aber beides ist für den Verbraucher in Deutschland eher nicht von Bedeutung. Stefan Bergleiter, Aquakultur-Experte bei Naturland, spricht vor diesem Hintergrund davon, dass der Markt für hochwertige Fischprodukte weltweit leergeräumt wird.

Von der gefangenen Fischmenge essen die Deutschen rund 15 Kilogramm pro Kopf und Jahr (Weltdurchschnitt 17 Kilo), während sie beim Fleisch mit etwa 60 Kilo pro Kopf stärker zulangen. Um dieses Verhältnis am Frischetresen zu spiegeln, müssten bei einer Länge von zehn Metern eigentlich zwei Meter für Fisch reserviert werden.

Wer diesen Platz mit Fisch aus Bio-Aquakultur füllen will, könnte jedoch Probleme bekommen, denn mit lediglich 50.000 Tonnen Jahresproduktion weltweit (2008, Quelle: Naturland) ist das Angebot begrenzt. Nennenswertes Wachs- tum soll es seither nicht gegeben haben. Größte Produzentenländer waren China, England, Irland, Ecuador und Norwegen.

Deutscher Markt von Importen abhängig

Der Anbauverband Naturland hat in den 90er Jahren als erster Richtlinien für ökologische Aquakulturen aufgestellt. Inzwischen gibt es weltweit 35 Organisationen (28 privatrechtliche und sieben staatliche) mit unterschiedlichen Zertifizierungsstandards, darunter auch die EU, die ihr Regelwerk erst 2009 auf den Weg gebracht hatte. Die Verordnung ist der Mindeststandard auch für alle Einfuhren nach Deutschland, die etwa 90 Prozent des Gesamtverbrauchs ausmachen. Von der 2013 anstehenden Revision der Verordnung erhofft sich Stefan Bergleiter die Schließung von Lücken, durch die bislang auch weniger anspruchsvolle Bio-Zertifizierer Marktzugang in Euro­pa haben.

Die hohe Importquote zeigt, dass Deutschland heute kein ausgesprochenes Aquakulturland ist. Die Teichwirtschaft stagniert und ist sehr kleinbetrieblich strukturiert, so dass selbst heimische Arten wie Karpfen und Forellen aus Dänemark oder Polen eingeführt werden müssen. Wer bei Bio-Fisch auch gern kurze Transportwege hätte, ist demnach hierzulande eher an der falschen Adresse.

Wegen der restriktiven Genehmigungspraxis von neuen Fischzuchtanlagen in Europa ist mit einer signifikanten Erhöhung der Aquakulturproduktion auch kaum zu rechnen. Naturland versucht daher, bestehende Anlagen zu zertifizieren – mit gutem Erfolg, wie Bergleiter berichtet.

Aktive Nachfrage des Handels nach Bio-Fisch fehlt

Bewegung in Richtung Bio gibt es nach seinen Informationen auch in Norwegen. Dort soll mehr Bio-Lachs als bislang gezüchtet werden. Der Experte geht jedoch davon aus, dass ein großer Anteil der neuen Produktion nach Frankreich und in die Schweiz gehen wird, wo sich höherpreisige Lebensmittel besser absetzen lassen. „Die deutschen Händler fragen solche Spezialitäten selten aktiv nach, sondern denken, die Produzenten werden schon kommen und was anbieten“, sagt Bergleiter. Wenn also Biolachs weiterhin eine Rarität im deutschen Handel bleibt, weiß man jetzt zumindest, woran es liegen kann. Auch für konventionelle Shrimps-Farmen in Ecuador sei ein Umstieg auf Bio bei entsprechender Nachfrage ein Thema.

Wer sein Fischsortiment durch Bio-Aquakultur, die höchsten Standards genügt, erweitern will, kann sich offenbar beruhigt am Naturland-Siegel orientieren. Denn selbst Greenpeace-Experte Thilo Maack bestätigt, „die machen alles richtig“. Er kritisiert nur die langen Transportwege, die Kühlschiffe aus Übersee zurücklegen müssen, aber das gilt ja für alle Anbieter. Auch andere Anbauverbände haben Richtlinien für die Fischzucht im Programm, zertifizieren aber längst nicht so viele Projekte.

Lieferantenfür Fisch aus Bio-Aquakultur

Marktführer unter den Bio-Fisch-Importeuren ist die Deutsche See, die ihre Ware auch von Naturland-zertifizierte Aquakulturen bezieht, dies aber nicht durch das Verbandslogo auslobt, sondern generell ein eigenes Bio-Logo nutzt. Neben dem Bio-Pangasius-Projekt in Vietnam, in dem die Fische in großen Gehegen in fließenden Gewässern heranwachsen, oder der Bio-Garnelen-Aquakultur in Ecuador, die den Schutz und Erhalt der Mangrovenwälder beinhaltet, stammen die Aquakultur-Produkte der Deutschen See aus Projekten in Thailand (Bio-Black-Tiger Garnelen), Israel (Bio-Roter Trommler und Bio-Tilapia) sowie aus Deutschland, Griechenland und Schottland.
www.deutschesee.de

Ausschließlich aus Naturland-zertifizierter Aquakultur bezieht Ökofrost ihren Fisch für die Marke Biopolar. Das Tiefkühlangebot ist mit vier Lachsvarianten recht übersichtlich. Relativ neu sind die ebenfalls von Naturland zertifizierten Bio-Miesmuscheln, die vor Irland im Atlantik gezogen werden. Sie ernähren sich ausschließlich von vorbeiziehendem Plankton und feinen Schwebstoffen.
www.biopolar.de

Bei den Süßwasserfischen ist der Oberlausitzer BioKarpfen eine Neuheit. Der Staatsbetrieb Sachsenforst, die Biosphärenreservatsverwaltung Oberlausitzer Heide- und Teich­landschaft sowie ein Förderverein unterstützen die Teichwirte bei der Markteinführung ihrer Karpfenprodukte. Die Schlachtung und Verarbeitung des Gäa-zertifizierten Oberlausitzer BioKarpfens erfolgt unter handwerklichen Strukturen in Partnerbetrieben. Die Hauptprodukte für den Lebensmittelhandel sind frische küchenfertige Bio-Karpfen, Bio-Karpfenfilet grätengeschnitten oder naturell frisch sowie das Biokarpfenfilet buchenholzgeräuchert.
www.biokarpfen.de

Der Name Josef Wechsler, Marke BioMare, steht bereits seit 50 Jahren für Räucherfisch. Geräuchert wird der Naturland-zertifizierte Fisch traditionell im Steinofen über offenem Buchenholzfeuer, das Filetieren erfolgt von Hand. Die MAP-Verpackung unter Schutzatmosphäre garantiert eine Haltbarkeit von bis zu 23 Tagen bei absoluter Frische und eine leichte Entnahme der Produkte aus der Schale.
www.wechsler.eu

Viele kleine Anbieter aus Dänemark

Das isländische Familienunternehmen Agustson ist eine Kooperation mit einer dänischen Aufzucht ökologischer Forellen eingegangen und kann warmgeräucherte ökologische Forellen liefern – auch an den deutschen Einzelhandel.
Danforel ist spezialisiert in der Verarbeitung von dänischen Forellen aus dänischer Fischzucht. Weniger als acht Stunden dauert es von der Anlieferung der Fische bis zum Schlachten, Filetieren, Räuchern und dem verpackten Produkt.

Fiskehuset ist ein kleines Unternehmen, das Dänemarks größte Auswahl an Bio-Forellen, kleine und große Forellen – frisch, ausgenommen oder filetiert – anbietet. Die Forellen gibt es auch warm- und kaltgeräuchert.

Dänemarks erste ökologische Meeresfischzucht – Bisserup Havbrug – erhielt seine Bio-Genehmigung im Dezember 2010 und nach einem schwierigen Start mit harten Wintern ist der Bestand noch im Aufbau. Bisserup Fisk bewirtschaftet die Bio-Meeresfarmen und produziert hier Bio-Lachs sowie kalt und warmgeräucherte Produkte. Nur lebende Bio-Miesmuscheln verkauft Villerslev Skaldyr. Die Muscheln wachsen an Seilen nach traditionellen Anbaumethoden.
www.bioausdaenemark.com

Probieren auf dem Fish Market der BioFach

Fischspezialitäten in Bio-Qualität können auf dem Fish Market der BioFach in Halle 6 probiert werden. Wie im vergangenen Jahr wird eine maritime Marktatmosphäre geschaffen, in der sich Facheinkäufer auf der Suche nach zertifizierten Produkten informieren und kulinarische Fischkrea- tionen vor Ort verkosten können.
Aussteller sind nach Auskunft der BioFach die bereits im Bericht vorgestellten Anbieter der Marken Biomare, bio verde, Biopolar, followfish, Oberlausitzer Biokarpfen so- wie dänische Erzeuger und der Viktoria-Barsch-Importeur anova.

Der Verband Naturland, der den Markt mitorganisiert hat, ist auch vertreten. Weitere Fischanbieter aus verschiedenen Ländern sind in Halle 6 und weiteren Hallen, meist an Gemeinschaftsständen zu finden.
Im Fisch-Forum des Kongressprogramms der BioFach werden drei Vorträge angeboten: Konsum von Bio-Meeresfrüchten aus Sicht des Einzelhandels (14.2., 13 Uhr); Ökologische Aquakultur-Regeln im Konflikt zwischen Machbarkeit und Glaubwürdigkeit (15.2., 10 Uhr) und Profilierung des Fachhandels durch klare Sortimentsgestaltung (16.12., 12 Uhr).

Horst Fiedler


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