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Tierwohl

Kampagnen nehmen Lebensmittelhandel aufs Korn

Greenpeace und die Europäische Masthuhn-Initiative fordern mehr Tierwohl ein

Kampagnen nehmen Lebensmittelhandel aufs Korn © Albert Schweizer Stiftung
Kampagnenbild der Albert Schweizer Stiftung

Eine neue Kampagnenwelle bezüglich Tierwohl rollt auf Lebensmittelhändler zu. Neben großen Organisationen wie Greenpeace kämpft die Albert-Schweizer-Stiftung auf ihrem jeweiligen Terrain. Greenpeace nimmt die Fleischtheken insgesamt aufs Korn, die Stiftung konzentriert sich auf die Europäische Masthuhn-Initiative, welche 29 weitere Tierschutzorganisationen ins Leben gerufen haben. Das Vorgehen ist meisterhaft orchestriert: Die Anbieter werden an den selbst gesetzten Ansprüchen gemessen. So lassen sie sich an einem Standard vorführen, den sie selbst gewählt haben. Mal gerät die eine, mal die andere Handelskette stärker ins Visier. Am Ende steht das Ziel, sie möglichst noch über die Grenzen der eigenen Tierwohl-Kennzeichnung  zu treiben. 

Als Kampagnen-Startschuss legte Greenpeace im März 2021 nachgemachte Anzeigenblätter bei Lidl, Rewe, Aldi und Edeka aus, die die Realität hinter der Fleischwerbung aufzeigten. Aktuell prangert die Organisation nur Edeka an, da es bei seinen Eigenmarken zu viel Frischfleisch aus den tierschutzwidrigen und klimaschädlichen Haltungsformen 1 und 2 verkaufe. Zu diesem Zweck startete Greenpeace eine Video-Aktion samt Kotzwurst-Emoji, das sich im Netz verbreiten soll.
Die Albert-Schweizer-Stiftung wiederum schuf eine Internet-Plattform für die Initiative „rewe – Dein Tierleid“. Dazu gibt es eine Fülle von Aktionen, am gestrigen 20. März etwa eine Demonstration vor der Rewe-Niederlassung in Teltow, weitere Proteste sind angekündigt. Denn während sich Aldi, Norma und drei weitere Ketten bereits verpflichtet hätten, ihre Tierschutzstandards für Masthühner anzuheben, bleibe Rewe beim so genannten Qualfleisch.

Ein Schmuckstück wird zum Nasenring 
Den Hebel, an dem beide Organisationen ansetzen, schuf der Lebensmittelhandel 2015 ironischerweise selbst: die Initiative Tierwohl (ITW). Sie sollte das ramponierte Image bei Verbrauchern verbessern, die zunehmend kritischer aufs Tierwohl schauten. Dem versuchte auch die Politik seit vielen Jahren Rechnung zu tragen: Ab zirka 1988 kamen mit dem Neuland-Label für artgerechte Tierhaltung immer neue EU-Verordnungen, Gerichtsurteile oder Gutachten des Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) hinzu.
Den allseitigen Druck konnte der Lebensmittelhandel nicht ignorieren. Wenn es schon kein Ausweichen mehr gab, lag der Vorteil eines selbst geschaffenen Labels auf der Hand: Die Initiative Tierwohl durfte ihre Kriterien selbst bestimmen. Sie schmückte Fleischprodukte mit einem gelben Label, und verkündete 2018, dass kleine Verbesserungen für eine relativ große Zahl an Tieren erreicht worden wären, nämlich für rund 22 Prozent der Mastschweine, 69 Prozent der Hähnchen und 60 Prozent der Puten in Deutschland. 

Kampagnenstufe 1 zündet
Der Offenbarungseid kam mit dem staatlichen Tierwohllabel. Im Februar 2019 wurde es von der Agrarministerin Julia Klöckner vorgestellt und gleich viel kritisiert: Es galt nur freiwillig und war rechtlich unverbindlich definiert. Hier sei der Handel bereits weiter, wie selbst Grünen-Ernährungsexpertin Renate Künast bestätigte. Es sei gut, dass die Branche vorangehe und selbst eine Haltungskennzeichnung einführe. 
Lidl hatte neben dem gelben Label viele Fleischprodukte seit April 2018 mit Stufen von 1 (Massentierhaltung) bis 4 (Bio-Qualität) gekennzeichnet, Aldi und Rewe folgten mit eigenen Kennzeichnungen, im April 2019 auch Edeka. Letztere sahen sich im Januar 2019 vor ihren Geschäften mit Demonstranten konfrontiert, die ebenso wie Lasse van Aken, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace, forderten: Die Discounter seien vorangegangen und zeigten, dass Transparenz bezüglich Tierwohl möglich sei. Edeka hingegen speise seine Kunden mit vagen Versprechen ab, an der Kennzeichnung zu arbeiten. Die so Gescholtenen antworteten in einer Pressemeldung: „EDEKA beteiligt sich an der vom Einzelhandel gemeinsam entwickelten Haltungskennzeichnung und hält somit die Zusage vom Mai 2018 ein, eine gemeinsam vom Handel entwickelte Lösung zu implementieren.“
Am Ende einigten sich die Händler auf eine einheitliche, vierstufige Haltungsform-Kennzeichnung, die offiziell am 1. April 2019 startete. Das Siegel war vorerst nur für verpacktes Fleisch und nicht an der Frische-Theke vorgesehen.

Kampagnenstufe 2 zündet
Mit der Kennzeichnung von 1 (Mindeststandard) bis 4 (Bio-Qualität) konnte jeder Interessierte erkennen, wie groß oder klein das Tierwohl in den Märkten geschrieben wurde. Aber Anfang 2019 prognostizierte Alexander Hinrichs, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Förderung des Tierwohls in der Nutztierhaltung, den Erfolg eher pessimistisch. Er rechnete bei den Stufen 2, 3 und 4 gerade mal mit einer Marktabdeckung von ein bis zwei Prozent.
Genauere Zahlen lieferte ein Check der Verbraucherzentrale (gefördert durch das BMEL) im Mai/Juni 2019:  Es wurden 1.631 Produkte mit  Haltungslabel aus dem Einzelhandels erfasst. Von ihnen waren 918 Produkte (56,3 Prozent) mit der Haltungsform 1 gekennzeichnet, 551 (33,8 Prozent) mit Stufe 2. Lediglich 28 Mal (1,7 Prozent) hatte mit Haltungsform 3, mit Haltungsform 4 prunkten 134 Produkte (8,2 Prozent).
Im Januar 2020 zog Greenpeace das Fazit: „Rund 88 Prozent des Frischfleischs der Supermarkt-Eigenmarken stammt von Tieren, die qualvoll und häufig tierschutzwidrig gehalten wurden.“ Daraufhin kündigte Lidl an, 2020 Fleisch der Haltungsform 1 aus dem Sortiment zu nehmen, Schwein bis zum Jahr 2022, Rind bis 2025. Rewe, Aldi und Penny wollen zwar diese Haltungsform ebenfalls entfernen, legten aber keinen Zeitpunkt fest.
Im Jahr 2021 konstatierte Greenpeace, dass Edeka wie eingangs erwähnt noch immer viel Frischfleisch aus tierschutzwidrigen und klimaschädlichen Haltungsformen verkaufe. Die Albert-Schweitzer-Stiftung und weitere Tierschutzorganisationen konzentrieren sich augenblicklich auf Rewe: Es hinke Mitbewerbern wie Aldi oder Norma hinterher, und werde den eigenen vollmundigen Nachhaltigkeitsversprechen nicht gerecht. Untermauert wird die Kritik von Undercover-Aufnahmen aus dem Stall des Rewe-Zulieferers Wiesenhof. Selbst wenn die aktuellen Aktionen beendet sind – angesichts des langlebigen Streits und der breiten Bündnisse werden sie sicher wieder aufleben.

Dirk Hartmann

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