Start / Ausgaben / BioPress 47 - Mai 2006 / Öko-Markt in dynamischer Entwicklung

Öko-Markt in dynamischer Entwicklung

"Masse produzieren" contra "Mythos bewahren"?

Er wächst und wächst und wächst - gegen die Erwartung der Experten schon im Jahr 2002, zeigt der Öko-Markt auch mittelfristig noch keine Sättigungserscheinungen. Vorläufige Zahlen der ZMP führen einen Umsatz für das Jahr 2005 von circa vier Milliarden Euro ins Feld. Doch das Ende des Nischendaseins birgt auch Risiken: So positiv der ungebremste Ausbau von Öko-Supermarktketten und der Einstieg der Discounter in den Markt für die flächenhafte Verbreitung der Bioware ist, so kritisch schauen viele auf den möglichen Preisdruck der vereinten Handelsmacht in Zukunft. Denn eine Abwärtsspirale von Preis und Produktqualität kann sich gerade der Öko-Markt nicht leisten.

Seit Herbst 2005 hat die Nachfrage nach Bio-Möhren und Bio-Äpfeln einen rasanten Nachfrageschub erlebt, meldet die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP). Die Entwicklung dieser beiden Produkte ist um so entscheidender für den Umsatz, als zum einen Obst und Gemüse am Öko-Markt gemeinsam knapp ein Fünftel des gesamten Umsatzes in Deutschland ausmachen, zum anderen Äpfel und Möhren beim Obst bzw. beim Gemüse jeweils die größte Bedeutung haben.

Derzeit gibt es kaum noch deutsche Möhren zu kaufen, und die letzten Apfellieferungen aus heimischer Produktion werden zu steigenden Preisen angeboten. Auch Kartoffeln, Milch, Geflügel, Rindfleisch und vor allem Schweinefleisch aus Deutschland sind in Bio-Qualität rar geworden.

Jenseits der skandalbedingten Umsatzsprünge nach oben, etwa 2001 durch das BSE-Problem, wächst der Öko-Markt nun seit Jahren kontinuierlich und hat, so schätzt man bei der ZMP, im vergangenen Jahr bei einem Wachstum von 15 Prozent einen Umsatz von rund vier Milliarden erreicht. Experten sprechen darum inzwischen von einem "Megatrend", dem eine dauerhafte Änderung im Kaufverhalten und in der Einstellung der Verbraucher zu Grunde liegt.

Zumal allmählich nicht mehr "nur" die Umsatzraten selbst, sondern auch die Umsatzanteile am Gesamtmarkt für die ersten Bio-Produkte im zweistelligen Bereich ankommen, so etwa für Müsliprodukte mit 10,7 Prozent. Auch  Frischmilch in Öko-Qualität erreichte 2005 durchschnittlich sieben Prozent am Gesamtumsatz, im Dezember sogar 8,6 Prozent.

Das sei um so erfreulicher, urteilt Markus Rippin, der bei der ZMP das Öko-Segment betreut, weil die Verbraucher für die besondere Qualität deutliche Aufpreise zahlten. Zwar sei für die Bio-Frischmilch im Lebensmitteleinzelhandel (LEH) im Mittel über alle Geschäftstypen ein vergleichsweise geringer "Öko-Aufschlag" von 36 Prozent verlangt worden, doch bei Bio-Naturjogurt habe der Preisunterschied schon 50 Prozent betragen, bei Quark und Butter lag der Aufpreis zwischen 60 und 70 Prozent. Hier scherten die Discounter allerdings aus und verlangten wie bei der Milch lediglich rund 36 Prozent mehr Geld als für die konventionelle Variante.

Preise gestiegen, Kosten noch mehr

Eigentlich Grund zur Freude für die Öko-Branche. Doch schon mischen sich auch bedenkliche Stimmen in die Erfolgsfanfaren. Je enger das Angebot am Markt wird, desto mehr fällt auf, dass die Zahl der Umsteller derzeit nicht der gesteigerten Nachfrage folgt.

Selbst der bislang nicht im Rufe eines Öko-Promotors stehende Präsident des Deutschen Bauernverbands Gerd Sonnleitner fühlte sich bei einer Pressekonferenz des Bauernverbandes auf der Bio Fach im Februar 2006 genötigt zu mahnen: "Die heimischen Bio-Betriebe sind ein wenig die Stiefkinder einer grundsätzlich positiven Entwicklung."

Der Vorsitzende des Fachausschusses Ökologischer Landbau des DBV, Dr. Heino Graf von Bassewitz erläuterte, dass die Preise zwar gestiegen seien, aber längst nicht so weit, wie sie zuvor gefallen wären. Bassewitz: "In den vergangenen sieben Jahren haben sich jedoch gleichzeitig unsere Kosten beispielsweise für Energie und Treibstoff ganz erheblich verteuert, so dass wir heute trotz leergefegter Märkte nicht kostendeckend produzieren können."

Zusätzliche Hemmfaktoren, wie derzeit die Aussetzung der Umstellungsförderung, machen sich unter diesen Bedingungen um so stärker bemerkbar. Bassewitz kommentiert: "Dies ist nicht nur ärgerlich für die vom Förderstopp betroffenen Betriebe, sondern auch kontraproduktiv für die marktgerechte Bedienung der boomenden heimischen Nachfrage."

So ergibt sich eine widersprüchliche Situation: Auf der einen Seite ein Wachstumsmarkt, in dem die Verbraucher entgegen allen Globalisierungstheorien bereit sind, für einheimische Bio-Produkte einen Mehrpreis zu zahlen. Auf der anderen Seite wirtschaftliche, vor allem aber politisch gesetzte Rahmenbedingungen, die es den deutschen Landwirten schwer machen, die existierende Nachfrage durch den Einstieg in die ökologische Erzeugung beziehungsweise deren Intensivierung zu bedienen, ihre eigene Existenz zu sichern und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Diese für deutsche Bauern erschwerten Bedingungen schaffen gute Voraussetzungen für ausländische Erzeuger, den hiesigen Markt ihrerseits zu bedienen. Interessant ist vor diesem Hintergrund zum Beispiel, dass der Bio-Möhrenanbau in Dänemark, nach einem Rückgang des Anbaus zwischen 2000 und 2003 nun wieder etwas ausgedehnt wurde, wie die ZMP meldete. "Einige Marktexperten erwarten in Dänemark einen weiteren Flächenzuwachs für 2006, um auch im Export nach Deutschland aktiv zu werden," prognostiziert das Ökomarkt Forum der ZMP vom 21.April 2006.

Produktivität gesteigert

In den Jahren, in denen in Dänemark der Möhrenanbau reduziert worden war, wurde die Produktivität der verbleibenden Flächen, nicht zuletzt getrieben vom Preisdruck, laut ZMP, um sechs Tonnen pro Hektar gesteigert.Auch für Deutschland kann sowohl für den Pflanzenbau als auch für die Tierhaltung eine Tendenz zur Produktivitätssteigerung festgestellt werden.

Aktuell nimmt derzeit zwar die Betriebszahl kaum noch zu, doch die bestehenden Höfe vergrößern ihre Fläche und professionalisieren die Bewirtschaftung. Das wird unter anderem auch durch eine zunehmende Spezialisierung der Betriebe erreicht.

So wirtschaften immer mehr Öko-Betriebe ohne Tiere. Eine Entscheidung, die allerdings dem Grundgedanken des biologischen Landbaus, insbesondere der Leitidee vom "geschlossenen Kreislauf", nicht gerade entgegen kommt. War für die "Väter" und "Mütter" des Öko-Landbaus eben dieser Kreislauf ein Ziel, das es mit allen Mitteln und notfalls auch unter Verzicht auf erzielbaren Ertrag anzustreben galt, hat heute die Bereitschaft ökonomischen Zwängen zu entsprechen deutlich an Boden gewonnen.

Zum Beispiel ist es in Öko-Gartenbau-Betrieben, für die die Bereitstellung von ausreichenden selbst produzierten Düngermengen besonders schwierig ist, inzwischen häufig ganz selbstverständlich Nährstoffe zuzukaufen, die teilweise aus weit entfernten Ländern importiert wurden.

Andere Öko-Landwirte betreiben eine Biogas-Anlage, die es nicht selten unumgänglich macht, zusätzliches Substrat von außen einzukaufen, um die Anlage auszulasten. Beides sind Beispiele, die von der EU-Öko-Verordnung und teilweise auch von den Verbandsrichtlinien gedeckt sind. Dennoch stimmen sie nachdenklich, weil diese Maßnahmen, die Diskussion über die Glaubwürdigkeit des Öko-Landbaus zumindest neu aufwerfen.

Glaubwürdigkeit nicht riskieren

Nicht zuletzt der Boom im Öko-Markt hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass die gesteigerte Nachfrage bei tendenziell eher sinkenden Preisen nicht nur durch Flächenausdehnung, sondern auch durch Intensivierung der Bewirtschaftung befriedigt wird.

Im Rahmen eines durch das BMBF geförderten Verbundprojekt "Von der Agrarwende zur Konsumwende" hat Prof. Dr. Karl-Werner Brand, Koordinator des Projektes,  mit seinem Team, der "Münchner Projektgruppe für Sozialforschung e.V.", die Veränderungen detailliert untersucht und festgestellt: "Die rasche Ausweitung des Angebots und die Europäisierung des Bio-Handelns erhöhen den Wettbewerbsdruck auf die Öko-Landwirte und erzwingen eine stärker ökonomisch-pragmatische Orientierung."

Problematische Folge daraus sei: "Die Anpassung an konventionelle Strukturen und eine verstärkte ökonomische Orientierung bedrohen die Glaubwürdigkeit und das spezielle Qualitätsprofil von Bio-Produkten."

Das Forschungsteam stellte weiter fest, dass dadurch die mit der ökologischen Bewirtschaftung verbundenen Zusatznutzen in Bezug auf Umweltschutz, artgerechte Tierhaltung, Landschaftspflege und Förderung der regionalen Wirtschaft in Frage gestellt seien. "Die Konventionalisierung  des Bio-Bereichs gefährdet somit zugleich das anhaltende Wachstum," so das Fazit.

Ein Teilprojekt der Göttinger Universität in dem Verbund ergab, dass sich auch im Handel ein Wandel abzeichnet: "Dem Bio-Laden droht das Schicksal der Tante-Emma-Läden in den siebziger Jahren," so die Projektleiterin Sabine Gerlach. Auch dies, urteilt die Wissenschaftlerin, führe zum Verblassen der traditionellen Werte der Biobranche und beschleunige die Konventionalisierung.

Öko-Hardliner sind Bild schaffend

Betrachtet man die Ergebnisse einer in dem Teilprojekt parallel durchgeführten Befragung von Verbrauchern erscheinen die Aussagen zunächst wenig brisant: Der größte Teil der Kunden, so ergab die Untersuchung, schwenkt bei einem entsprechenden Angebot auf Bio-Supermärkte um, zumindest bei den derzeitigen Preisdifferenzen zum Naturkosthandel.

Doch wenn man die große Gruppe der Verbraucher unterscheidet, stellt sich heraus, dass nur die "Bio-Nichtkäufer" keinen Bezug zu den politischen Zielen und den besonderen Produktansprüchen haben, diese ihnen nach wie vor "fremd" sind. Schon für die Gruppe der "Gelegenheitskäufer" sind zwar das vorhandene Angebot und vor allem der Preis besonders wichtig, doch im Hinterkopf ist das Bild vom ökologisch erzeugten Produkt sehr wohl abgelegt.

Laut Studie begrenzen lediglich die Zweifel an der "Echtheit" weiterhin die Nachfrage dieses Verbrauchersegments. Die Frage, welche Bedeutung das diffus aufgenommene Wissen von ökologischer Produktion und das in den meisten Fällen wohl eher unbewusst abgespeicherte Bild vom Biolandbau beim Einkauf hat - gleichgültig, ob dieser im konventionellen Discounter, im Öko-Supermarkt oder im Naturkost- laden stattfindet - ist schwer abzuschätzen.

Sicher ist aber, dass es die "Wollpullover-tragenden", "Müsli-essenden" Öko-Landwirte und -Händler waren, die dieses Bild in der Vergangenheit maßgeblich geprägt und den Biolandbau selbst für durchschnittlich interessierte und wenig landwirtschaftlich vorgebildete Verbraucher unverwechselbar gemacht haben - ein Stadium, das etwa der "integrierte Landbau" trotz aller Bemühung nie erreicht hat.

Und bei aller Kritik, die es am fundamental-ökologischen Ansatz in der Vergangenheit gegeben hat, so haben diese Pioniere mit dem Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit für die ökologische Wirtschaftsweise doch ganz wesentlich zum Vertrauen beigetragen, das Bio-Produkte heute genießen. Gerade weil Apfel, Möhre und Co. aus Bioanbau heute immer weniger optisch unterscheidbar sind, ist dies ein überaus wichtiger Wettbewerbsvorteil.

Der Mercedes unter den Landwirten

Prof. Dr. Karl-Werner Brand und Astrid Engel von der Projektgruppe in München fordern darum: "Die Vielfalt der verschiedenen Betriebstypen und Angebotsformen in der Bio-Branche sollte erhalten werden, um die Balance zwischen ideeller Orientierung und ökonomischer Pragmatik wahren und den Zusatznutzen, also, die besondere Qualität von Bio-Produkten, glaubwürdig kommunizieren zu können."

Doch wenn sich der Öko-Markt immer stärker differenziert, wird die Vielfalt nicht "automatisch" bestehen bleiben. Wer eine besondere Qualität erzeugt, hat einen besonderen Aufwand, der im Sinne der gesamten Branche auch entsprechend honoriert werden sollte.

Ob dies dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden kann und sollte, im Glauben daran, dass der Verbraucher die feinen Unterschiede der unterschiedlichen Herkünfte schon wahrnehmen und entsprechend bezahlen wird, erscheint fraglich. Selbst wenn dies gelingt, wie etwa bei der Milch der Upländer Bauernmolkerei, steckt dahinter großes Engagement und nicht zuletzt finanzieller Einsatz. Hier waren viele Menschen bereit, einen "fairen" Preis zu zahlen, nachdem ihnen die Umstände und Gründe dafür verständlich gemacht worden waren.

Einen Mythos gibt es nicht umsonst. Die Automobilindustrie fährt hier schon lange voran: So tragen die Silberpfeile bei Mercedes sicher nur bedingt zur technischen Weiterentwicklung der Straßenfahrzeuge bei. Doch es gelingt den Firmen mit den blitzenden Sportkarossen ein Image zu prägen, das möglicherweise wesentlich dazu beiträgt, dass die Kaufentscheidung bei Alltagsfahrzeugen auf ein Auto der eigenen Marke fällt. Auch in der Landwirtschaft geht es nicht darum, einzelne Betriebe mit Museums-Charakter gezielt zu erhalten, sondern Vorreitern, die als Leitbilder taugen, die Existenz zu ermöglichen.

Iris Lehmann

Informationen

Projekte zur Verbesserung der Datenlage beim Thema "Öko-Markt" im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau:

Projekt zur modellhaften Umsetzung eines regionalen Marketingkonzeptes für Bio-Milchprodukte in Kooperation mit der Upländer-Bauernmolkerei:

Informationen zum Verbundprojekt "Von der Agrarwende zur Konsumwende"

"Mit der Politik der 'Agrarwende' wurden Bio-Lebensmittel gesellschaftlich deutlich aufgewertet und haben damit endgültig die Nische verlassen," so Prof. Dr. Karl-Werner Brand zu dem von ihm geleiteten BMBF-Projekt "Von der Agrarwende zur Konsumwende?".

In fünf Teilprojekten haben Wissenschaftler von München bis Göttingen untersucht, ob bzw. inwieweit die vielzitierte "Agrarwende" von einer Veränderung des Ernährungsverhaltens der Konsumenten gestützt wird. Näher betrachtet wurden die im Zeichen der Wende durchgeführten Maßnahmen entlang der Akteurskette, vom Erzeuger bis zum Verbraucher. Bundesweite Erhebungen sowie Fallstudien im ländlichen Raum und in der Großstadt sollten die gestellten Fragen beantworten helfen. Das Forschungsprojekt wurde von der Münchner Projektgruppe für Sozialforschung e.V. koordiniert und im Rahmen des Förderschwerpunktes "Sozial-ökologische Forschung" des BMBF durchgeführt.

Die zentralen Ergebnisse des Verbundprojektes sind in einer 66-seitigen Broschüre zusammengefasst, die bestellt werden kann bei der:

Münchner Projektgruppe für Sozialforschung
Dachauerstr. 189
80637 München
Tel.: 089/155760/14839713
E-Mail: astrid.engel@sozialforschung.org.
Homepage: www.konsumwende.de (mit download-Texten der einzelnen Teilprojekte).


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